Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3038 (14.8.1927)
- Date
- 1927-08-14
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3038 Wien, Sonntag Wiener Morgenzettung jl4. August 1927 Seite - Das Buch der Zeit LITERATUR-BEILAGE DER .'WIENER MORGENZEITUNG* Mstaettlit). 8u feinem so. Geburtstag am 14. August. G^vöhnlich sind die Leute, deren sechzigsten Geburtstag man „feiert", schon schrecklich lang „berühmt". John Galswvrthy macht eine rühmlich-unberühmlichc Ausnahme' — in England kennt man ihn kaum fünfzehn Jahve, im deutschlesenden Publikum war sein Name noch vor fünf Jahren so gut wie unbekannt (sein Uebersetzer und getreuer Pacemaker S. Leonhard-L. Schalit bemühte sich noch um 1921 herum im „Literarischen Echo" und anderen, gräßlichen Zeitschristen dieser Art vergebens um Galsworthy) und erst die Bühne — Symptom! — vermittelte dem Kontinent die Kenntnis des englischen Dichters, dessen Epik weit Mehr bedeutet, als seine rund zwanzig Theaterstück:. Aber Galsworthy wurde mit einem effektvollen Gesellschaftsstück, mit „Loyalstes" (deutsch unter dem Titel „Gesellschaft"* Hunderte Male gegeben) berühmt und bekam sofort die Etikette „satirischer Gesellschaftskritiker". Es geht mit ihv wie mir mit den Etiketten bei den alten Apotheken, dem ich als Junge alle wohlbeschriebenen Fächer und Flaschen seiner Regale im staubigen Laden auf ihren Jrchalt untersuchte; das Ergebnis war, daß ich Sccale cornutum (Mutterkorn) lange Zeit für die lateinische Bezeichnung fiir —* Kindernährmehlhielt. Galsworchys Gesellschaftssastre ,ist — trotz des von ihm gut geprägten, jenseits des Kanals geflügelt gewordenen Ausdruckes „Moralhelden" für die am weitesten verbreitete Durchschnittsengländerschichte — weit weniger bitter als Mutterkorn; der Humor, mit dem er seine feinsatirischen Bilder der englischen Gesellschaft zeichnet, kratzt ein wenig wie Staub in der Kehle, doch er ätzt nie. Dazu ist Galsworchy zu sehr Mkömmling bester englischer Mittelklasse, der — siehe seine autobiographischen Streiflichter in dem Roman, „Die dunkle Blume" Und auch in der „Forsyte- Saga" — die Luft Oxfords geatmet hat, ist zu wenig blasiert (wie etwa Chesterton), zu wenig Nicht-Engländer (wie der Ire Shaw), auch zu wenig Dialektiker (er wäre sicher als Advokat, der er ursprünglich werden sollte, nicht halb so berühmt geworden wie sein Vater). Die mitteleuropäische Etikettenschablone übersieht auch, daß Gesellschaftskritik jeder im Sozialen wurzelnden Dich?- tung innewöhnt; solche Dichtung kennt allerdings -Mitteleuropa, besonders Deutschland, infolge viel zu schwacher Bindung zwischen Dichter und Gesellschaft fast gar nicht, wohl aber Westeuropa und 'England. Deshalb wird in Mitteleuropa bei der Beurteilung dichterischer Werke aus diesen Westländern so oft das Selbstverständliche, das sozusagen mitläuft, als das Besondere, Hervorstechende angesehen. Dia besondere Art ds Dichtrs Galsworthy abr ist in fast «allen seinen W«erken, in der großen Reihe seiner Romane (neben den bereits ansgezahlten seien „Die Patrizier", „Die Wcltbrüder", „Das Herrenhaus" und die Fortsetzungen der „Forsyte-Saga" genannt), in den Dramen (von denen u. a. „Gesellschaft", „Fenster", „Justiz" und „Flucht" auf die deutschen Bühnen kamen), vor allem aber in den feinen Skizzen und Erzählungen (deren drei Dutzend ungefähr der für das deutsche Galsworthy-Buch mit wirklicher Hingebung arbeitende Wiener Verlag Paul Zsolnay in einem Band unterdem Titel der „Menschenfischer" vereinigt hat) nicht so sehr die Anklage, die ja das Westn GALSWORTHY JENSEITS ROMANE DER WELT Herausgeber: THOMAS MANN H.G.SCHEFFAUER Zum 60. Geburtstag des Dichters: Eine Neuschöpfung des Romans Ein HelsterwerK Qalsworthysl Der Roman einer Leidenschaft In Ganzleinen $ 4.80 TH. KNAUR NAG H F. VE R LA G / B ERLIN der Gesellschaftssatire bildet, als die Klage. Galsworthys dichterisches Werk überwältigt nie, hat nichts Hinreißendes, Packendes; aber auf der ruhigen ebenen Bahn seiner Schilderungen kommt plötzlich eine Stelle, da wir stutzig stehen bleiben; da ist ein Ton, ein Lied, ein llagendes Li^d — vom Menschen, der sich selbst im gewissen Sinne tötet, da er es für Schicksal nimmt, entweder gesund zu sein und zu arbeiten oder zu sterben; vom Tier, dessen Tragik es ist, daß ihm der Humor fehlt; von der Linde, in deren Blütendusthauch ihre Seele vergeht. l Das, was an diesen Stellen Galsworthy Galsworthyscher Erzählungen oder Romanen oft nur mit scheu gedämpftem Klang tönt, ist weit mehr als das obligate ,Herz für die soziale Not" oder das dankbare „Verständnis für das Elend der Kreatur"; da klingt das klagende Lied von der Beseeltheit des Seins, ohne die es tot wäre. „Und ich habe Christen gesehen" — läßt Galsworthy in einer seiner Erzählungen jemanden sagen — „wenn die nicht für ewig tot sind, dann sind es stumme Tiere auch nicht". Diese Klage ist die dichterische M e l o d i e in Galsworthys Schaffen. Diese leise Melodie macht Galsworthy zmn Dichter, der über den Tag hinaus Wirkung übt, über jenen Tag, dessen zufällige Beachtung gerade nur d^r Gesellschaftssatiriker, die dem mitteleuropäischen Urteil ungewohnte, also als seltenes Gericht mundende Spezies gefunden hat. Galsworthy, der vor 60 Jahre«, am 14. August 1867, in dem südenglischen Ort Coonbe als Sohn einer angesehenen Bürgersfamilie zur Welt kam und demgemäß erzogen tfmtrbe, hat in dieser Tradition eines gelernt, was nicht unwesentlich für sein dichterisches Wesen ist: kein Auf- & ZUM 6o. GEBURTSTAG DES GROSSEN DICHTERS JOHN GALSWORTHY GESAMMELTE WERKE IN EINZELAUSGABEN Die jfotffcte Saga ROMAN. 50. TAUSEND Der weihe Me ROMAN. 50. TAUSEND Der ttlderne LöKel ROMAN. 50. TAUSEND Die dunkle Mmne ROMAN, 50. TAUSEND Der Patrixter ROMAN, so. TAUSEND Der Menkchmkilcher NOVELLEN, ix. TAUSEND Galsworthy ist einer der ersten Repräsentanten der europäischen Epik (Berliner Tageblatt) Übersetzungen von Leon Schalit PAUL ZSOLNAY VERLAG / WIEN Hebens von den Dingen zu machen.. Er begann erst zu schreiben, als er hoch in den Zwanzigern war (wer von denen, die da schreiben, könnte dies so ohne weiteres von sich behaupten?) und wurde erst bekannt, als er schon in den Vierzig stand. Das, was seinem Werk Dauer verleiht, ist nämlich so beschaffen, daß es nicht „leicht ins Ohr geht", wie der adäquale musikalische Ausdruck lautet. Es ist nicht sicher, ob cs heute, da Galsworthy „gefeiert" wird, schon vielen im Ohr liegt. So ist es nicht unmöglich, daß etwa sechzig Jahre vergchen, bis der wahre Galsworthy richtig berühmt wird; eine Person, in einer seiner Erzählungen formuliert dieses Problem der effektlosen Existenz ungefähr so: „Beobachten Sie nur stumme Tiere, .... und Sie werden sehen, daß die vielmehr 'wissen als wir, und sie tun, Dinge, die sich ein Mensch oft gar nicht eiufallen ließe. Wer sie machen 'kein Wesen davon." Hier ist ein Endchen des Geheimnisses gelüstet, das vom reinen dichterischen Ingenium behütet wird. Das ist dev währe Galsworthy, der heute seinen sechzigsten Geburtstag begeht... Siegfried Schmitz. Ein Wiener gudenroman. Leopold Hichler: „Der Sohn des Mostes Mautner". R. Löwit-Verlag, Wien und Leipzig. Da ich jetzt in dem stattlichen Band blättere, der Frau Sali in die Augen schau', den alten Mautner daheim regieren sehe, Gusti, den Sohn, der nichts lernen wollte und in die Selcherei gesteckt wurde, au-s der Fahrt nach Budapest begleite, das alte Hausfaktotum der Mautners, die Fanny, lochen und wirtschaften sehe — da ich jetzt wieder diesen liebenswerten, gemütvollen Roman lese, freue ich mich, ein wenig zu seiner Publizierung beigetragen zu haben. Im verflossenen Winter kam ein Bekannter, ein sehr kultivierter, der Literatur und Musik wirklich ergebener (also nicht modisch dilettierender, sondern, aus innerem Zwang selbständig wählender und genießender) jüdischer Kaufmann zu mir, vertraute mir an, daß er einen Roman geschrieben hat und mutete mir zu, das sehr umfangreiche Manuskript zu lesen. Schweren Herzens, ich konnte nicht anders, übernahm ich das Konvolut, schlappte es in meine Wohnung und schon durch den Umfang des auf dem Regal dräuenden dicken Maschinschriftbuches, wurde ich täglich gemahnt, daß ich mich werde an die Lektüre „machen" müssen. Ich sagte mir, je früher desto besser und stürzte mich Sonntag nach Tisch tapfer ins erste Kapitel. Es war wohl schon Mitternacht, als ich die Lektüre unterbrach. Eine Zeit war aufgestregen, das Dach eines Hauses war abgehoben, eine jüdische Familie, Eltern, Kinder, Anverwandte versammelten sich um mich und einen Heranwachsenden Knaben, dessen Werdegang sich auf den ersten Seiten sachte angesponnen hatte. Unter mancher Hemmung, nicht ohne kleine Schmerzen und schwere Seufzer aus bedrängter Knabenseele und schwellender Jünglingsbrust, entfaltete sich hell und freundlich ein Schicksal vor mir. Ja, hier ist ein Roman, von einem neuen Manne geschrieben, der die Gabe des Erzählens besitzt und gefestigt war durch Bildung und Charakter, als er sich an den Schreibtisch setzte, also von den Verlockungen, hübsch modischreisserisch „geballt" oder erotisch überspitzt zu schreiben, übergrell, aber dafür möglichst unverständlich, völlig unbeeinflußt blieb. Er schuf dieses Werk, weil er es schaffen mußte und er ahnte wohl nicht, daß diese Erzählung in ihrer Lebendigkeit und Frische die Erinnerung an ein Menschentum bewahrt, das ausstirbt: das Bürgertum, ganz besonders das jüdische Bürgertum Wiens der Achtzigerjahre des verflossenen Jahrhunderts. Und weil dieses Buch nicht mit Routine hingelegt ist, sondern geruhsam ausgeschrieben in der Freude des „Sonderlings", der sich an der nahen Vergangenheit erwärmt, ohne sich zu sputen, ohne Rücksicht darauf, ob und wann das Opus auch richtig abgeschlossen wird und ganz besonders ohne das Kalkül: Wie mache ich's, daß die Ware am Büchermarkt reüssiert — weil dieses Buch echt ist bis in seine gelegentlich recht naiven und ungelenken Randbemerkungen, .sind auch die Figuren echt und einmalig. Auch anerkannte Romanciers dürften Hichler um den außerordentlich gelungenen alten Mautner beneiden, diesen konservativen, eigensinnigen, kleinlichen, aber grundanständigen alten Juden. Der gefinkelteste Techniker hätte das Duo, Hermann und Sali Mautner, nicht plastischer, lebensvoller herausarbeiten können. „Er hat sein' Leben m'x nachgegeben", sagt einer von dem Alten. „Da haste recht", seufzt Frau Sali. Kleinbürgerliche Haustyrannei der Frau und den Kindern gegenüber und doch engste Verbundenheit, insc besondere mit der unterjochten Gattin: so sieht das jüdische Ehepaar Manier aus, typisch für eine Generation und ein bestimmtes Milieu. Und so humorvolle Episoden, wie dtt aus Gustls erster Lehrbubenzeit in der Selcherei, so kräftige Schilderungen wie die aus den Budapester Lehrjahren des jungen Gustav Mautner und so ergreifende Kapitel wie das von Frau Salis Tod gelingen nur einem Berufenen, sagte ich mir Lei jener ersten häuslichen Lektüre des Manuskriptes. Der Erfolg der Prrblizienmg des Romcmes in unserem Blatte, die gute Aufnahme, die das kürzlich erschienene Buch