Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3038 (14.8.1927)
- Date
- 1927-08-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 14. August 1827 Nr. 3038 detit 4 Hasi^e l-arie bas Gi.<chäi'tslokal in der Nach: mit einem Nachschlüssel geöffnet, bas lwreitgestellte Benzin auf den Koben geschüttet und augezündet. Bei &nr dadurch verursachten Explosion würbe Häsele gegen eine Fensterscheibe geschleudert imd zog sich die bereits evvähnten Schütt- und Braudwmrden zu. Die drei Verbrecher wurden in Neunkirchen ain 11. d. verhaftet und dem Bezirksgerichte eingeliefert. Küchen, Vorzimmer I Kinder-.. Mädchenzimmer Spezialist MÖBELHAUS WEISS ' Vll., Neubaugasse 01 | 6occo hungert weiter. 6r wird künstlich ernährt werden. — Sie Berufung an den Lberften Gerichtshof. B o st o n. 13. August. (IddS.) S a c c o setzt im Gefängnis noch immer seinen Hungerstreik fort» so daß jetzt seine um sein Schicksal besorgten Fremrde dem Gedanken der Ztvangsernährung nicht mehr abgeneigt sind. Die Rechtsantvälte der beiden Verurteilten sind entschlosien, eine Berufung an den Obersten Bundesgerichtshof zu richten, wenn die Entscheidung des Staatsgerichtshofes von Massachusetts am Dienstag für ihre Mandaten ungünstig auSfallen sollte. , Zirektor Solo Hauptmann gestorben. Gestern, an seinem 48. Geburtstag, ist der Direktor des „Phönix" Salo Hauptmann, eine führende Persönlichkeit des östereereichisch^n Versicherungswesens, nach kurzem Leiden gestorben. Ein edler jüdischer Menschenfreund ist den Armen und Bedrängten al^u früh entrissen worden. Was dieser ausgezeichnete Mann für die Bedürftigen tat und wie er es tat, mit welcher Bescheidenheit, Qpfersreude und Hingabe, kann nur der ermessen, welcher um das stille unauffällige Wirken Direktor Hauptmanns wüßte. Er war u. a. die Seele des Beines jüdischer Kindersreunde. Jedes Kind kannte seinem Namen und liebte chn wie einen gütigen Vater. Denn er brachte nicht nur großzügig materielle Opfer, sondern kümmerte sich um das Schicksal eines jeden Schützlings. Und wo eine Aktion der Fürsorge oder eine Abhilfe in plötzlicher Not erforderlich wvr — auf Direktor Hauptinanns Milltat durfte man in allen Fällen rechnen. Auch für den Palästiua-Aufüa u hat Direktor Hauptnmnn große Opfer gebracht. Ein wahrhaftiger Wohltäter, der sich verpflichtet fühlte, dem Nebenmenschen brüderlich zu' helfen, machte der Verblichene zwi- Gebirge, Schnee. und Gletscher, Mords kälte auch; Tourist, Erstarrt und steif, gefunden, .3 Tage schon vermißt. Hält krampfhaft eine Flasche; aha t Schuld Fuseltrank! Nein! Lebt noch! Kein Schnaps! „Herma"! Haus Huber Heil und Dank! „Herma" ist alkoholfreies Gesundheitsgetrank aus HERba MAt6 En gros: Carl Huber, Wien,, XVI., Stöberplatz 7. Tel. 29-4-64 schen Mensch und Mensch keinen Unterschied. Sein Herz litt mit den Armen und wurde krank. Er starb an einem Herzleiden. Das Leichenbegängnis findet Montag, den 15. August, am Zentralfriedhof (3. Tor), um 11 Uhr vormittags, ftatzt. Kleine Nachrichten. In der Durchlaufstraße wurde gestern der 13jährige Schüler Franz Herzig von einem Bursch«: durch einen Messerstich an der linken Rückenseite schwer verletzt. Die Rettungsgesellschaft brachte ihn in die Unfallstation. * Der Schlosser Karl Reindl ftchr auf der Hellnfahtt von seiner Arbeitsstätte, durch das grelle Sonnenlicht geblendet, mit seinem Fahrrad deratt unglücklich gegen einen Zaun an, so daß er von einem Zaunpfahl buchstäblich aufgespreßt wurde. Sein Zustand ist lebensgefährlickr * Am 9. d. M. wurden in einem Postkasten in Ottakring drer Lichtbilder gefunden. Auf den Bildern stcht .der Vermerk, daß die drei Personen den Tod gemeinsam in den Wellen der Donau suchen. Ob die Ankündigung ernst zu nehmen ist oder ob es sich uim einen Mutwillen handelt, ist bisher nicht bekannt. Die Erhebungen sind eingeleitet. König Fund beim Papst. Der Katholizismus in Aegypten. König Fuao I. voniAegypten ist eine Woche lang als Gast des königlichen Rom strnd als Bewunderer des „Duce d'Jtalia" gefeiert worden. Ter 'Enkel des berühmten Mohammed Mi Pascha wollte die Ewige Stadst nicht verlassen, ohne v-on Pius XI." empfangen worden zu sein, ja der Besuch im Vatikan bildete einen der wichiigisten Punkte im Reiseprogramm des ägyptischen lHerrschiers. Dem: Fuad I. hat nicht nur eine .ausgespr.ocheite Vorliebe für alles, was italienisch ist, lsondern er sympathisiert auch mit dem K ai h o l i z i s Mu Sün^ einem Maße, wie er bisher Wohl noch bei keinem mioHamme dänischen Potentaten beobachtet werden konnte. „Ser Propusk." - - Von F. C. Weiskopf. Eines der leöend'gsten und fesselndsten Bücher über das neue Rußland ist F. C. Weißtopfs Episoden-Band ,^lmsteigen ins 21. Jahrhundert, der soeben im Malrt-Verlag, Berlm, erscheint. Wir bringen mit Erlaubnis des Verlages . einen Abschnitt, der den „Sowjetamtsschimmel" behandelt, in gekürzter Form zum Vorabdruck. Propusk heißt Erlaubnisschein und?Mandat heißt Mandat -r und beides bildet das Lieblingsfutter des Sowjetamtsschrmmels. — Wie? . . . Gibt es diese Kreatur auch drüben? Ich könnte auf diese Frage Pathettsch antworten. Etwa so: - Groß ist das Sowjetreich Hundertfünfzig Völker wohnen in seinen Grenzen und die «Zahl seiner Seele übersteigt emhuudertvierzig Millionen. Dreißig MMonen Pferdekräfte schlummern als „weiße Kohle", als Wasserenergie, in den Flüssen, und in der Erde ruhen noch zwei Milliarden Ton-- nen Eisen und achthundert Milliarden Tonnen Kohle. Die Flora des Sowjetreichs beginnt bei den! kümmerlichen Rxnntierflechten des hohen Nordens und endet bei den Palmen der Tropen, und zur Tierwelt gehören, die arttischen Robben und das Kamel... Warum sollte es also dort kernen Amtsschimmel geben. . .? Ich könnte auch auf einer der Reden des Genossen Ordshinikidse verweisen, in der er als Beispiel für die unheimlichen Dimensionen, die dieses Uebel zuweilen annimmt, erwähnt, daß der Rechenschaftsbericht einer einzigen Waggonfabrik einen halben Zentner loog, der der Hauptverrvaltung der Eisenbahnen 18.000 Seiten umfaßte und feine Anfertigung 3 Millionen Rubel verschlungen hat. Kurz, ich könnte noch zwanzig Seiteu mit ähnlichen Betrachtungen füllen, aber lein lebendigeres und charakteristischeres Bild von dem wahren Wesen jener wackeren Rosinante geben, als es die lleine Geschichte vermittelt, die ich nunmehr erzählen will, — eine Kindergeschichte. Bei uns spielen die Kinder „Sandkuchenbacken" oder „Räuber und Gendarm" oder „Schneiderlein, leih? mir die Scher!'" oder — dieses Spiel habe ich erst Neulich kennengelernt, an der Stadtperipherie, auf den Aschenhalden, auf denen Proletarierkinder herumtollen — „Haussuchung". In Moskau spielen die Kinder ganz andere Spiele: „Volksversammlung". Oder „Auf die Straßenbahn aufspringen und vom Milizionär erwischt werden". Oder „Propusk". „Propusk" ist entschieden das schönste von allen: Man suche sich eine enge Gasse aus, oder ein Haustor, oder eine Sttege, oder einen Gang, nehme dann einen Strick, sperre mit chm die Gasse oder Stieg« oder Haustür? ab und warte dann, bis irgendjemand — am besten ein zerstreut vor sich hinstierender oder Eile habender Erwachsener (Männer eignen sich besser als Frauen) — daherkommt. Dann stürze man sich dem Ahnungslosen mit einem gellenden „Halt!" entgegen und schleudere dem erschreckt StehrNbleibendest die strenge Frage ins Gesicht: „Ihr Propusk, Bürger . . .?" Worauf ich — ich erzähle die Geschichte wetterhin so, wie sie mir selbst zustieß: es war im Hotel „Lux". Schauplatz der Handlung war ein enger, dunller Gang und handelnde Personen, außer mir, zwei Dreikäsehochs von sechs und sieben Jahren — worauf sich also folgender Dialog entwickelt: -! ,Mein . . . was . . . . „Ihr Propusk, Bürger . . J' „Plwpchk... i? . . ." „Jawohl, Prvpufl, Passierschein, Erlaubnisschein.. ., ohne ihn kommen Sie hier nicht durch .i Und die jugendliche Amtsperson fuchtelt mir bei diesen Worten mit etwas unter der Nase herum, das fast wie eine Waffe aussieht, sich aber dann später als Stiel einer unbrauchbar gewordenen Präsidentenglocke erweist.. . Und er fügt hinzu: „Es ist der Ordnung wegen, Bürger .. . Ordnung muh sein . . ., das sehen Sie vielleicht selbst ein . . .?!" Jchsche es ein. „Hier mein Propusk..." Und ich zeigte mit dem bei Kinderspielen gebotenen Ernst den Passierschein vor, den ich soeben unten beim Stiegenctufgang vom Hauswart gegen Vorweisung eines Dutzends verschiedener Legitimationen und Dokumente erhalten Hab«. ,^Hier ist er. . . und jetzt darf ich wohl durch . . ,?" Wer da habe ich mich geirrt. Der Propusk, den ich vorweise, genügt nicht. „Der gilt für unten, Genosse (er nennt mich jetzt „Genosse" und nicht „Bürger", bewahrt aber ansonsten den gemessenen Ernst der inquirierenden Autorität), hier müssen Sie einen anderen haben..." Ich verlege mich aufs' Verhandeln: Ob nicht für mich eine Ausnahme gemacht werden könne, nur dieses einzige Mal ... Ich sei Ausländer und mit den Gebräuchen noch unbekannt. . . oder ob vielleicht der Genosse (was für ein Amt betteide er denn eigentlich? Wiei? Außerordentlicher Kontrolleur?), als ob der Genosse Außerordentlicher Kontrolleur mir vielleicht selbst einen Passierschein von der Sorte, wie sie hier verlangt würden, ausstellen könnte. . . Wie? . Ach so,.ja . . ., ja richtig, er könne ja noch nicht soviel schreiben, richtig, . . Aber, aber — ob ich mich vielleicht irgendwie freikaufen könne, durch eine Spend? für die Rote Hilfe, oder . . . oder durch . . ., ich hätte da in der Tasche «in Stück Schokolade, ehrliche Sowjetschokolade Gleich nach seiner Thronbesteigung am 1l. Oktober 1917 begann er jene Reformen auszuarbeiten, die er dann im Jahre 1920, nach erfolgter Selbständigleitserklär n:g Aegyptens und nach Annahme des Köm'gstrtels, ins 'Werk setzte. Diese umfassen nebst 1er Thronsolgeordnung, der '-arlainentarischen Verfassung, len: Schnüre en, den Ehcgesetzen, vor allem auch jene Bestimmungen, welche bct Million NichtmoHan:mcdaner völlige Toleranz neber: den 13 Millionen Jsl-amiten sichern. Es ist insbesondere der Kathovizis mus, der diese Neuerung zu schätzen gewußt hat. Heute gibt es in Aegypten rund 300 katholische Priester, an die 2000 Mönche, die zum größten Teil auch Schultätigkeit ausüben, »reit über hundert Heime für männliche urü> weibliche Katholiken, dam: Spitäler, Asyle und sonstige katholische Wohlsahrtsanstallen. Salesianer, Jesuiten, Franziskaner, Lazaristen haben in Alexandrien, Port Said und Kairo 30 Missionsanstalten und der Papst konnte erst im vergangenen Jahre ei:: neues Vikariat in Suez cinsetzen. Jetzt errichtet der Valilau auf der Nilinsel Ghezireh einen Palast für den apostolische!: Delegaten Monsignor Eassulo. Das sind Tatsachen, die bei 'keiner politischen Frage des nahen Orients übersehen werden sollten. Die Audienz in: Vatikan lvar für Sonntag, den 7. August, angesetzt. Wer schor: an: Morgen des 6. zeigte es sich, daß ein unerwartetes Hindernis aufgetaucht war und daß mm: in Kairo bei allen Reformen gerade eine lleine, aber fürchterlich notwendige vergessen hatte. Ein paar Stunden lang «schien es, als ob Füaid I. aus Rom abreisen müßte, ohne den 'Tiber überschritten zu haben. Alles war geregelt und das Hotel Exzelsior, wohin der fremde Fürst am Sonntag.morgens aus dem Quirinat rasch übersiedeln sollte — denn ^niemand, der aus einen: königlich italienischen Gebäude kommt, darf bei: Vatikan betteten! —, war bereits verständigt. Auch die Stunde war festgesetzt, die Zusammensetzung des »Gefolges und die Reihenfolge der Autonwbile. Als der päpstliche Camerlengo sich nach dieser Vorbesprechung verabschieden «wollte und sich vor der imposanten Gestalt Fuads verbeugte, blieb sein Blick an dem roten Fes oder Tarbusch hangen. Und - der Eamerlengo erstarrte. Fuad I. kann ija, wie jeder Mohammedaner, die Kopfbedeckung nicht abmhmen, und der Papst wieder, der selbst mit der Tiara geschmückt ist, oder doch mit dein weißen lBarett, darf niemand bedeckten Hauptes vor sich sehen. 'Das Dilemma schien unlösbar. Fuad konnte aus Rom wicht verfügen, daß von nun ab jeder Aegypter bei spezifizierten 'Gelegenheiten barhaupt gehen dürfe, und anderseits 'schien es kaum denkbar, daß der Vatikan das überlieferte 'Zeremoniell selbst durchbrechen würde. Äontpvomisse, wie Betreten der Anticameva jccreta mit dem Fes und iWnehmen des Fes in der Sala diel tronetto, erwiesen sich alS nicht lebensfähig. Fuad I,, sonst so tolerant und modern, blieb fest:' „Ohne Fes nicht einen Schritt!" Und so konnte die Kirche wieder einmal ihre Langmüt und Duldsamkeit erweisen: Fuad durfte bedeckten Hauptes vor dem Papst erscheinen. aus der Fabrik Roter Oktober (die Genossin Arbeiter dieser Fabrik haben sie mir gestern geschenkt, als ich dort war), und ich selbst hätte keine Verwendung für das süße Zeug... Es wird mir bedeutet, zu schweigen. Die Jungen treten zur Seite, beraten. Dann kommt der ältere tme&et zu mir und erllärt, ich könne mich mit Schokolade nicht freikaufen (und überhaupt sei das ein Bestechungsversuch und ich gehörte eigentlich dafür :n3 Kittchen), aber sie wollte. » mjch — ausnahmsweise! — durchlasf'en, wenn ich mich> auf andere Weise freikaufte. „Und zwar auf welche. . -?" Auf eine, die beweise, daß ich zuverlässig sii. . . „?" — Indem ich ihnen zum Beispiel die Internationale vorsänge. — „Nur die erstm zwei Sttophen, das genügt. . Ich komme in Verlegenheit: ich kann nämlich russisch nur die erste Stwphe singen, und wer weiß, ob . . . Aber mein Inquisitor tröstet mich: „Das tut. nichts. Wir werden mitsingen. Wenn Sie nur die Melodie singen können, Genosse. .., das ist die Hauptsache . . " Und schon beginnt er: „Wstaway. . ." Dann, nach dem „Völker, hört die Signale!" sagt er: < i „So . . . und jetzt können Sie gehen. Wolodja, nimm den Strick weg. Der Genosse darf durch. . .!" Und Wolodja gibt gchorsam den Weg frei, dabei mit verlangenden Blicken nach meiner Tasche hinüberfchielend. .„Da, Wolodja. . da hast du die Schokolade Jetzt darf ich sie ihm wohk geben, Genosse Außerordentlicher Kontrolleur, jetzt doch wvhl. . jetzt ist es kein Verbrechen mehr . ..?" . Ans dem Rückweg, eine halbe Stunde spater, treffe ich die beiden Jungen wieder. Sie haben braune Schokoladeflecken rings um die Zippen und Wolodja sogar ans der Nase einen. Sie spielen noch immer „Propusk", mich aber lassen sie unbehelligt passieren. Wie ich jenseits des Strickes bin, frage ich: „Und weißt du auch, WolÄ»ja, wozu man überhaupt Propussi hat, und rveshalb man sie kontrolliert?" Wolodja weiß es nicht, aber sein Freund Kostja weiß es: „Damit wir den Chanckerlain abfasfen können, wenn er sich bei uns einschleichen will..." Einen Augenblick sehe ich die lange Gestalt des ehrenwerten Lords mit dem Einglas im Auge und der Chrysantheme im Knopfloch vor mir, so wie ich sie in tausend Variationen als Karikatur in allen Sowjetblättern gesehen habe; sehe den chrenwersin Lord, der sich einschleichen will, und Kostja, der» ihn dabei erwischt; sehe dieses Bild und. muß — halb lachend, halb ernsthaft — zugeben: „Eigentlich hast du recht, Kostja. . damit wir die abfassen lönncn, die sich einschsischen wollen. . dazu sind die Propuske da." ‘ ‘ 1