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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-12 · Heft 3036 (12.8.1927) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3036 (12.8.1927)
Date
1927-08-12
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3030 Wien, Freitag Wiener Morgenzeitung 12. August 1927 «Leite 9 Bühne und Kunst. „Lee schlafende Satte." Theater i:r der Jofefstadt. Ein Funken Romantik illuminiert dieses Bivdapester LuUpiel. Max, Besitzer einer ebenso schönen wie bewunderten Gattin, ist außerhalb des Hauses lucifc liebebedürftiger lals daheim. Ein alter lFreund schildert nun eine Frau, in die er sichl soeben vergafft hat, derart lebensvoll und eindringlich, daß Maxens „Radioaktivität" lganz unerhört steigt. Der böse Freund lhat ihm ein Idealbild ins Herz gepflanzt, er verliebt sich lin die schöne Unbekannte n,u!d vernachlässigt die augetraute Vilma 'schmachvoll. Selbstverständlich entdeckt schließlich auch Max auf den üblichen Umwegen, tvelche diesnml bei Wahrung neuerer ungarischer, insbesondere Molnarscher Ueberlieserung durchaus geschmackvoll angelegt sind und gelegentlich durch anntutiges Lustsipielgelände führen, das; die äuge betete Unbekannte die eigene Gattin ist. Maxens ronMttischer Schwarm, durch die Erzählung des ^Freundes doch mir gefördert, aber im ehelichen Schlafzimmer akquiriert, die prächtige Zeichnung mancher Episodenfiguren und die frische Szeuenführung, — diese posi- ^<sven Qualitäten des Lustspielabeuds Ittff-cn es sehr bedauern, daß der begabte Autor den heiteren Beifall nicht dva der RÄnche quittieren konnte. Er starb in jungens Jahren. Die Freude der.Heldin dieses Stückes, von ihrem Gatten entdeckt zu werden, konnte gestern Frau Annemarie Stein- Mack teilen. Hat sie das schlafende Wien crm Deutschen Volksthvater übersehen, oder kam sie gewandelt aus Mrtm zurück? Wenn sich der Referent nicht täuscht (dem Frau Steinsieck in ihrer ersten Wiener Zeit ganz ausnehmend gefiel imd der später Mattigkeit, Farblosigkeit,. Verdrossenheit, Härte ihres Spiels sehr bedcmert«), haben sich in dem einen Berliner Jahre die besten Kräfte der vornehmen, Diönen, anmutigen Frau entfaltet. Durch richtige und reiche Bühnentätigkeit, welche die Schauspieler brauchjeu. wie das tägliche Brot. Siel war gestern gelöst, scharmant, schalkhaft wie noch nie und von überraschender geistiger Beweglichkeit. Da entbrannte das schlafende Wien für Annemarie Steinsieck. Die Künstlerin hatte einen ungewöhnlichen Erfolg. lJivian Schmith, der Regisseur, der dem äugenchmsüssigen Lustspiel Form und Belvegung gab, hatte für die anderen Hauptrollen den klug pointierenden Herrn Rv m- Verg, die überaus humoüvolle Frau Wviwode, die witzige Frau Rosar imd den allerdings recht eintönigen §Herrn Äelius zur Verfügung. In Episoden brillierten (neben einigen minder gefälligen Kräften) die Herren Ä oft*v i c, D a g hv f e r, Pa n k l sowie Frau F r ö h l i chj und ganz besonders Herr -Neugebauer, dessen Strandphotograph Weinbergcr eine vollsaftige .Charakterstlldie ist. Ein Premierenerfolg im August! O. A. Briese Berktzotd Auerbachs für die Jerlnsalrinier Bivlro» chet. Durch Vernnttkllng des Schriftstellers Dr. Abraham Schwadron wurde der Nattonalbibliothek in Jerusalem eine Sammlung von Briefen des BertHold Auerbach enwerleibt. Die Briefe waren an den deutsch-jüdischen Novellisten David Honigmann gerichtet und befanden sich int Besitz von dessen Sohn Emil Honigmann, der sie nun der Jerusalemer Bibliothek zur Perfügung WM. Dre Bestattung des HavintaH-SchMfpielers Ephrati, der beinr Baden ertrunken ist, fand aut 10. d. M. auf dem Friedhof zu Weißensee statt. Es war eine stille, ergreifende Begrbänisfeler. Das Häbimah-Ensomble hatte den Wunsch ausgesprochen, daß keine Grabreden gehalten Verden. Radioübertragung ans dem Mozart-Haus in Salzburg, Sonntag, den 14. August, 11 Uhr, wird aus de nt Mozart- Haus in Salzburg anläßlich der Salzburger Festspiele das Vormittagsorchesterkonzert der Wieruer Philharmoniker durch Radio übertragen. Es gelärmt zur Aufführung: Schubert: Sinfonie H-Moll und C-Dur. Am den Theatern. Theater in der Josefstadt. Di,e Komödie „Er War rin Manu" (>,This bja3 a miau") von Ät-oel C ow a rd wurde in der deutschen Bühneubearbeltung von Rudolf Kommer zur ltusführung in der Tommenben Spielzeit erivdrbem Theater an der Wien. Morgen Samstag ueat inszoeiert und irant besetzt „Die Zirknspriinztzssr!n" do>N Kalnan. i ■ ' Lusts!p ioltheater. Die jKiowiödst Kouschje it skvukuureütz" mit Hansi Jiairnv in -der Hauptrolle bleibt allabendlich aus den: Spiolpaln.; . RvlandbÜhne. Heute ß Uhr Premiere der Revuolomödie „D e r Rd man ornes G1 rls" Von Füll Fischer. 1 SCHKA die Marke de 5 eleganten Herrn Hl., Kaiserstraße 123 iX., Alserstraße 6 IBBBBBBBBBBBBB FILM UND KINO Sie Filme der Woche. Unter dem Titel „Die drei Diebe" präsentiert sich das erste Lustspiel, das die Meschr apom R u ß->Produktion in Moskau hergestellt hat. Eine primitive Fabel, aus einer ganz naiven Einstellung heraus gescheit, liegt diesem sehr unterhaltsamen Film zugrunde; eine Geschichte, wie sie sich russische Kleinbürger und Bauern von der großen, unbekannterr Stadt erzählen mögen. Drei Gauner find die Hauptpersonen: Der große Spekulant, der alles an sich reißen will, ein philosophisch veranlagter Hochstapler und schließlich ein armer kleiner Vagabund, der unter einer Kellertreppe haust und mit fdnem schmierigen Händen nach allem gveift, was ihm in seine stets hungrigen. Augen sticht. Me Handlung: Der tziveite Gauner stiehlt dem ersten einen Rirsenbetrag und der dritte wird dafür eingesperrt. Da das gestohlene Gut nicht zustande zu bringen ist, wird der tleine Dieb für ein großes Genie gehalten, gelangt so in dm Brennpunkt des allgemeinen Interesses und wird lim Gefängnis wie ein seltenes Tier gepflegt nnd gehätschelt. Zu dem öffentlichen Prozeß muß sich die Justiz den größten Saal der Stadt mieten, um einem kleinen Bruchteil der Neugierigen das Schauspiel ihres Waltens gegen dieses Einbrecher- und Diebsgenio bieten zu können. Mitten in der Verhandlung erscheint der wirkliche Dieb, rettet seinen kleinen Kollegen druch das Bekenntnis seiner Tat und gewinnt mit ihn: freien Rückzug, lindem er Bündel von falschen Banknoten in den Saal wirst, über die sich Richter und Publikum in wüsten Knäueln stürzt. — Außerhalb der Stadt teilen die. beiden Diebe das echte Geld und der kleine Vagabund wird zum reichen Mann. Und.da ihn: einmal «ein armer Kerl von Taschendieb ein Paar Handschuhe stiehlt, läßt er «ihn verhaften und verküitdet laut und öffentlich: Nicht um der Handschuhe willen, sondern um des Prirrzipes, daß Privateigentum heilig sei. Diese ausgezeichnet gesehene Satire steckt noch im heftigsten Kampfe zwischen künstlerischem Können und einer ganz unfertigen Technik. Photographie, Beleuchtung, Schminke, oft auch Technik der Regie und Darstellung gemahnen an sechs bis sieben Jahre alte deutsche Filme, die Moden an noch viel frühere Zeiten. Jedoch im Erfassen jeder Rolle intb der kleinsten Situation, die sie bietet, wurden hier Leistungen gezeitigt, wiman sie kaum in einem westeuropäischen oder amerikanischen Film jemals gesehen hat; ebenso ist jeder Darsteller, jeder einzelne Komparse prachtvoll in der Charakterisierung und scharfen Zeichnung ferner Rolle. A. Ktorow spielt den Spekulanten: Rattcnflink, .mit stets vibrieveuden Händen, die nach Beute suchen. Borgespiegelte Treuherzigkeit springt bei ihm jäh zu offener Gemeinheit um, Unersättlichkeit und Feigheit erfüllen seine Seele mit steten Kämpfen. Eine scharf gezeichnete ükarikatur des großen Gewinners. — I. Ilinski, der dem Hochstapler eine elegante Figur iu Frack und Cutway leiht, wirkt in oft erstarrten Posen kalt und farblos. — Prachtvoll A. KlimoW als kleiner Dieb. Ein vierschrötiger Strolch, dessen Velvegungen ungeschlacht wirken würden, hätten sie nicht 'die Grazie völliger Ungebundenheit. So lebensecht wie er spielt imtt noch Chaplin seine Vagabunden. IN einem viel zu weiten Anzug, auf zerrissenen Sohlen, die Kappe aufs Ohr gesetzt, schlendert er daher, da einen Zigarettenstummel aufhebend, dort schon mit der Hqnd in fremden Taschen, mit einem Gesicht, das von Schlauheit verklärt wird und von Gutmütigkeit üb er stießt. Entwickelt einen prachtvoll echten Lebenshunger. Verschlingt ein ganzes Poulard mit wenigen Bissen und tappt mit derben Pratzen mach dem Basen der Frau, die ihm gefällt. Kaum noch ein Schauspieler, eher schon reinste Reflexion des wirklichen Lebens. / Meso drei Schauspieler in einem ausgezeichneten Ensemble toter der zielbewnßten Regieführung Protasanvfss manchen die Komödie zur besten Satire, die bis jetzt über die Leinwand ging. » „Die Geliebte", nach jdiem >in Wien oft gespielten kHühuenwerk Alexander Brodys, wurde Nnter der Regie Robert Wie nes zu einem Film, ver mehr als guter Durchschnitt ist. Trotz des auch für den deutschen Film obligat gewordenen „Happy enh's" xenb anderen, dem PMikumsgeschmack niedrigerer Kategorie gemachten Konzessionen, die öfters die dramatische Wucht des .Urgrdankens verwässern. Plastisch, mit sparsauren Titeln Wujbi bas Schicksal der Printzengeliebten, die schließlich hier die legitime Gattin iverden mußte, abgcwickelt. Wirksame Effekte treten hervor und tgeschickt ununterbrochen geführte Spanmmg weiß in Atem tzu halten. Sehr sorgfältig ausgrwählt ist das sEnsemble. Lied'1k« entfaltet hier ffeht routiniertes Bonvivan-, tentum zur Gänze um Edda Eroy, Ptterres letzte Entdeckung. Gins nicht gerade zarte Frauerrfigur, derart Spiel Wenig! Routtne, aber viel ehrliches Wollen verrät. Was ihr vielleicht an Grazie fehlt, nracht sie durch eheliches! Hineinempfmden in drajmatischen Momenten vergessen. Bilekleicht wird sie eine zweite Magda Sonja, der si« auch äußerlich äh'.'.elt. Für Komik sorgeir Hans Junkermann und Paul Heidemann nach besterr und vollkommeir ausreichenden Kräften. .Unter den Chargen-- spielern bieten Hedwig P a ul h-Win ter st« in und Eugen Burg sehr gute Leistüngen, Adele Sandrocks noch immer unverbranchte Kunst läßt jihre alte Herzogin oft erschütternd wirken. i Photographie und Architektur taten jgute und saubere Arbeit. » i i Franz Pollak. WB IM MltilH« >ms RKKniSWMIMITTII!UWUWtM Aus den Wiener Ateliers. In Arbeit befindliche Filme: „Vom Leben gestraft", Manuskript: R. Wachtel und W. Rath, Regie Hans Otto Löwen stein, Darsteller: Cilly Feindt, Margit Walter-Landa, Vilma Astey, Daguy Servaes, Haus Mierandorf, -Max Land«. „Die Ehe einer Nacht", Manuskript: Rosa Wachtel, Regie: Robert Wohlmut, Darsteller: Ellen Küpty, Alphons F r y l a n d, Carmen Cartellieri, Mizfi G r i« b 1, „S c f f". „S chwejk in Zivi l", Mannskript: Jacques Bacherach, Regie: Machaty, Darsteller: Dina Gralla, Karel Noll, Albert P a u l i g. ' In Vorbereitung bofindllche Filmer „Die Warschauer Zitadelle", Manuskript: Jda jJenbach, Regie: Gustav Uezicky, Hauptdarsteller: Igo S Y m. > „Abseits der Moral", Manuskript and Regie: Heinz H a u u s. sEin Max Ncufeld-Film. Premiere« tum heute: „Die drei Dicbe." — „Die Geliebte". — „Mönch und Mo» kotte." — ,,{$in Pariser WChmkutct." — „Jugendrausch." — „Die drei MannequilrS." — „Im Schlupfwinkel der BrigcmtcU," Kinos ln PMstlua. Einen: Artikel des Berliner „Film-K uchckttehmcit wir folgende Schilderung tzweier Kinos in Tel AttnW: Das „Beth-Haam" ist eigentlich Tein Haus, solÄsün nur ein umzäumter Platz, der flnehr als dreitausend SttzplZchs hat und nur zur Hälfte überdacht ist, Somit ein Spiel im Freien. Glückliches Palästina, das mit «absoluter Sicherheit auf acht SBo* tittte — ohne Unterbrechung -— der aklerherrlichsten lAbonde rechnen darf. Die Kinovorstellungen finden in der RetzÄ «ain drei Tagen in der Woche sstrtt, an jedem! Dag« zw^masl! van 7 bis 9 Uhr und von I/4II bis I/4I1 Uhr nachts. Der Bsgrift „Jugendliche haben keinen Zutritt" jist hier NnbvWM Wfljty jbjfc Frequenz eine überaus starke. - > \ ips Das Kino „E d e n" ist igleichfcftls echr mwzkWtDie''^^tz mit etwa tausend Sitzplätzen. > —Btofenturm-Klno—* I., Fleischmarkt 1 Von honte bis 16. August: NSnch und Kokotte mit lila de Putty! Beginn d. Vorstellungen an Wochentagen: 4,6, */»8 u. 9 ühr I Sonn- und Feiertage: V»4, */A V*7, */a8 und 9 Uhr Msirci» DER TOLLSTE UHD SPANNENDSTE Ab honte: Imperial-Kino, I. Scnottenring-Kino, 1. Schweden-Kino. II. Münstedts Kino-Palast, II. Flieger-Kino, IX. Raimund-Lichtspiele, XIV. Abbazia-Kino, XV. Kino Weltspiegel, XVI. Astoria-Kino, XVII. Kalvarienberg-Kino, XVII. Ab Dienstag: Kammer-Lichtspiele am Schwarzenbergplatz Münstedts Kino-Palast, 11. Ulwen-Kino, Ul. Eisenbahnerheim, V. Lichtspiele Wienzelle, VI. Schäfer-Kino, VI, Palast-Kino, VIII. Qudrun-Kino, X. ca Fred Heller schreibt über diesen Film m „Der Tag* vom 29. April 1927: Es ist wundervoll! Die einzigartige Regiekunst der Russen auch hier in neuen meisterlichen Details, m bewährter grandioser Beherrschung der Maßen. Unvergeßlich die architektonische Gliederung der Masse in der Gerichtsverhandlurrg, prachtvoll der Trubel der Balgerei Hunderter, in der immer wieder die einprägsamsten Typen sichtbar iverden. Also ein voller Erfolg. . . . Dies ohne die übliche LiebeshaMmrg, interessant und vergnüglich bis zuletzt, dank einer originellen FilMluust, die auf dem lwuen Gebiete die Russen bald zu den gefährlichsten Kou'kurrenten der Amerikaner machen könnte.

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