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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-12 · Heft 3036 (12.8.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3036 (12.8.1927)
Date
1927-08-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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DIE JÜDISCHE WELT (MITTEILUNGEN DES ZIONISTISCHEN LANDESKOMITEES FÜR ÖSTERREICH) ERSCHEINT JEDEN FREITAG IN DER „WIENER MORGENZEITUNG“ 12. AUGUST 1927 NUMMER 8 14. AB 5687 Sie Konsreßwahleri in Sestemich. Von den 4217 Wahlberechtigten sind in Wien, Mödling nnd Graz 921 Personen zur Wahl geschritten, 642 Personen 'haben brieflich gewählt. Die genaue Aufteilung der Stimmen auf die einzelnen Listen steht zur Stunde noch aus. Diese wenigen statistischen Daten sollen Anlatz zu den folgenden Bemerkungen bilden: Man hat sich allgemein daran gewöhnt, die Stärke einer Organisation nach der von ihr verkauften Anzahl von Schkalim zu beurteilen. Nichts ist falscher als dies. Zwei Wege stehen der Schekelpropaganda offen: Schekelb e rsamm l u n g und Schekel verkau'f von Mann zu Mann. Für den einen oder den anderen Weg oder für /beide zugleich entscheidet man sich je nach dem Ort, in dem die Schekelpropaganda entwickelt werden soll. Für eine kleine Gemeinde lassen, sich ohne weiters beide angeführten Methoden verwenden. Eine. Schekelversammlung mit einem interessanten Thema oder einem interessanten Redner wird immer fast die gesamte Judenschaft einer Kleingemeinde zusammenüringen. Der Verkauf von Mann zu Mann ist mit fast gar keinen Schwierigkeiten verbunden. Anders liegen die Verhältnisse in einer Großstadt. Der Einzelverkauf ist fast ungangbar, denn es kann dem Schekelverkäufer bei der räumlichen Ausdehnung einer Großstadt und bei den Mühen, die er hat, um zu dem einzelnen Schekelkäufer zu gelangen (Besuch auseinanderliegender Wohnungen, zahlreiche Stockwerke usw.), nicht zugemutet werden, .diese zeitraubende, anstrengende Arbeit zu leisten. Es bleibt also nur die Schekelversammlung. Der Besuch einer solchen hängt aber von verschiedenen, in einer Klein- . stadt gar nicht in Betracht kommenden Umständen ab, wie , zum Beispiel: Zufälliges gleichzeitiges Auftreten irgend eines bedeutenden Künstlers, Anwesenheit eines bedeutenden Manms, Entfernung der.Wohnung, des Einzelnen-von dem Versammlungslokal, die Kosten für den Einzelnen, die durch den Besuch einer solchen Versammlung verursacht werden und schließlich die nicht geringen Spesen für die. Veranstaltung einer solchen Schekel-Versammlung. ..Um sich also ein Bild über die Stärke der Organisation in Oesterreich machen zu können, darf dieses Land nicht ohnetveiters mit irgend, einem anderen Lande verglichen werden. Deutschland hat zum Beispiel -neben der. Millionenstadt Berlin einige. hundert kleinere Städte, die für den Schekelverkauf viel günstiger. sind; ebenso die Tschechoslowakei oder Polen usw. In Oesterreich, wohnen von den zirka 230.000 Juden zirka 200.000 in der Großstadt Wien und der Nest verteilt sich auf im ganzen ungefähr 20 Ortschaften. Man kann also unserer Ansicht nach nur Wien mit Berlin, Warschau,. Lemberg oder Prag usw. vergleichen. Dieser Vergleich soll nunmehr auch tatsächlich vorgenommen werden. Wien hat im Jahre 1927 insgesamt 5879. Schkalim verkauft, von dönen 4217 wahlberechtigt sind. 71.73 Prozent aller Schekelzahler toar-en somit wahlberechtigt. W a r s ch a u mit einer jüdischen Bevölkerung, die um ein Drittel höher ist als die Wiens, weist zirka 6300 .Schekelzahler aus, wobei nicht einmal festgestellt werden kann, wie viele von diesen wahlberechtigt, ivaren, weil eine Sonderung der Schekelzahler pro . 1926 und 1927 dort.nicht vorgenommen wurde. Berlin, das in: ganzen. ungefähr ein Achtel weniger Juden hat . als Wien, hat 4311 Schkalim verkauft. Bedenkt man, datz die Wische Bevölkerung Berlins zirka 65 Prozent der gesamten Steuerleistung dieser Stadt aufbringt, während in. Wien die jüdische Bevölkerung nur mit 29.3 Prozent an der gesamten Einkommen- und . Erwerbsteuerleistung partizipiert, ferner, datz der Kauftvert einer Reichsmark ungefähr S. 1.20 entspricht, der Schekelpreis in Deutschland aber nur 1 Reichsnrark beträgt, während der österreichische Zionist S. 2.— bezahlen muß, so ersieht man aus diesen Ziffern, datz die Leistung d e r Z i o n i st e n Wiens nicht nur quau t'i tativ, sondern auch qualitativ bedeutend größer ist, als die Berlins oder Warschaus. Von der Tschechoslowakei wollen wir' hier nicht, sprechen. Aus dem Umstande, daß in den Ausweisen zum Beispiel für Prag und Brünn, runde Ziffern und zwar 1600 bezw. 1000 Schekelzahler angeführt werden, läßt sich der Schluß ziehen, daß eine runde Schekelzahl i m Voraus abgenommen und bezahlt wurde und der eine oder der andere Zionist mehrere Schkalim gekauft haben muß, so daß die Zahlen als solche keinen Rückschluß auf die Anzahl der Wahlberechtigten zulasten. Darnit ist also gezeigt; datz der Schekelverkauf sehr wenig Schlüsse auf die Stärke einer Organisation zuläßt. Soweit dies möglich ist,, schneidet Oesterreich in dieser Hinsicht noch am besten ab. Am deutlichsten wird dies bei der Betrachtung der prozentualen Wahlbeteiligu n g in Wien und anderen jüdischen Zentren. In Wien haben nach den eingangs angeführten Ergebnissen 37.06 Prozent aller Wahlbeteiligten ihr Wahlrecht ausgeübt; in Warschau haben von zirka 6300 Schekelzahlern 1813 zum Kongreß gelvählt, also 34.20 Prozent; in Prag haben von 1600 176 gelvählt, das ist 11.73 Prozent; tn B r ü n n gingen von 1000 226 zur Wahl, also 22.6 Prozent. Die stärkere Wahlbeteiligung in Wien und Oesterreich deutet darauf hin, daß hier die Parole, bei der Kongreßlvahl die Id e e n g ru p p ie r u n g im Zionismus zur Geltung kommen zu lassen, weit mehr Verständnis gefunden hat, als anderwärts. Es ist sicher ein Zeichen für ein gutes Fundament einer Organisation, wenn ihre Mitglieder 'wissen, tvarum sie organisiert sind. Auswärtige Resultate. Die I. T. A. meldet: Das Resultat der Delegiertenwahlen zum 16. Zionistenkongreß ist, für Palästina folgendes: Die meisten Stimmen hat die Partei Achd uth Haawodah (palästinensische Poale Zion), die mit den yemenitischen Arbeitern verbunden ist, auf sich vereinigt; sie erhielt neun Delegiertemnandflte. Die Arbeits- Partei Hapoel Hazair (Hitachduth) erhielt fünf Delegierte. Die Liste der nationalen Bürger- Partei erhielt ebenfalls fünf Delegiertenmandate. Ferner wurden gewählt zwei Vertreter der Zionisten - R e vi - s i o u i st e n, z w e i Vertreter des Hapoel Hamisrachi, ein Vertreter der Misrachisten und einer der allgemeinen Zionisten. Die am 7. und 8. August in Berlin und Deutschland durchgeführten Wahlen von Delegierten zum 16. Zionistenkongres; ergaben das folgende vorläufige Resultat: Auf Liste 1 (Poale Zion) wurden 703, auf Liste 2 (Linkes Zentrum) 1246, auf Liste 3 (Misrachi) 1422, auf Liste 4 (Revisionisten) 202, auf Liste 6 (radikale Zionisten) 160 Stimmen abgegeben. Die Hauptwcchlkommissicm für Kongreßpoleu, die östlichen Distrikte und Lublin trat abermals zu einer Sitzung zusammen und stellte das Endresultat der Delegiertenwahlen zum 16. Zionistenkongreß wie folgt fest: Gewählt wurden 10 Vertreter der Misrachi, 3 der Poale Zion, 3 der Gruppe Ech Liwuoth, 1 Vertreter der radikalen Gruppe Al Hamischmar und 1 Vertreter der Hitachduth. In Ostgalizien wurden 6 Allgemeine Zionisten, 4 Vertreter der Hitachduth und 3 Vertreter des Misrachi gewählt. ksrah Azinith. „Selbsthilfe", eiuSanierungs- und Arbeitsplan für Paläftlna.; . . Von W. Goldsmith, Haifa. Der XV. Zionistenkongretz wird sich mit der Frage der Schaffung - eines großzügigen Arbeitsprogrammes in Palästina zu ■ befassen haben. Es werden Maßregeln zur Ueberwindung der Krise, zur Konsolidierung der bereits bestehenden Siedlungspunkte, zur Schaffung von dauernden Arbeitsgelegenheiten für die im Lande befindlichen Erwerbs- und Arbeitslosen getroffen werden müssen.. Die meisten der vorliegenden Pläne und Progranune basieren auf einem Finanzplan und werden unausführbar, wenn die Voraussetzung — die Anleihe —- . picht. gegeben ist. Wenn aber große ^lpitalien nicht aufi zutreiben sind, weil -das anlagesuchende- Kapital noch nicht jenes Vertrauen zur palästinensischen Wirtschaft besitzt, die diese tatsächlich verdient, so müssen alle Bemühungen auf Ersparnisse, auf eine systematische Selibsthilfe i n Palästina uttb aus die Intensivierung der Arbeit gerichtet werden. Jeder Aufbau erfordert Kapital und Arbeit. Steht . ersteres nicht' in genügendem Maße zur. Verfügung, so müssen die Anstrengungen v.rdotzpelr werden, um die Arbeitsgelegenheiten besser nnd rationeller ausnützen zu könnm. Deutschland und Bulgarien sind lebende Beispiele dafür, was ein Land zu tun hat, wenn es seine niedergebrochene Wirtschaft ohne fremde Hilfe wieder aufbauen will: keine neuen Schulden machen, intensiv arbeiten, alte Schulden abzahlen und sparen. Das Hauptproblem lautet demnach nicht: Wie verschaffen wir uns Geld?, sondern: Wie sanieren wir ohne Geld unsere Wirtschaft, wie' kolonisieren wir dir große Menge der Arbeitslosen ohne Anleihe und wie schaffen wir ohne Kapital Platz für eine neue große Immigration? Die Lösung ist — einen starken Willen zur D urchführung vorausgesetzt — verblüffend einfach. Im nachstehenden soll gezeigt werden, wie die Kolonisierung der Arbeitslosen aus eigenen, durch Arbeit im Lande selbst erworbenen Ersparnisse n erreicht werden kann. ’ i. Man immobilisiere nicht das so schwer beschaffte Keren- Hajessod-Kapital in unproduktiven Notstandsarbeiten, sondern verwende es zur Konsolidierung der bereits bestehenden Siedlungen, zur Abzahlung von Schulden an die Beamten und Lehrer oder zur sinm^iellen Unterstützung, aller jener Unternehmungen, die qualifizierten Arbeitern dauernden Lebenserwerb bieten können. 2. Man h-be das Arbeitsniveau durch rationelle Methoden und mache Ersparnisse durch Einschränkung des Verbrauches. durch intensive Zeitausnützuug, durch Schonung der Arbeitskraft, der Gesundheit und der Nerven des arbeitenden Individuums und durch Schonung der Produktionsmittel und des Materials. 3. Man nütze die vorhandenen Arbeitsgelegenheiten (Hafenbau. Elektrifizierung von Nutenberg, Haifa Bay Dev. Co. und andere) in der Weise aus, daß die Arbeitenden zur Bestreitung der primären Lebonsbedingungen , nur einen Teil Pres Verdienstes erhalten, während der andere Teil als Zwangsweise Ersparnis für spätere Kolonisation reserviert bleibt. 4. Man bilde ans den unqualifizierten Arbeitslosen unter Benützung aller von der Arbeiterschaft Palästinas geschaffenen Institutionen eine Arbeitsgemeinschaft (Arbeitslegion) in der Werse, daß jedes Individuum Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Hilfe und 1 Pfund Taschengeld pro Monat (primäre Lebens- Ledingungen) erhält, die sekundären LEensbedinguntzen aber (Bibliothek, Sport, Kino, Unterhaltung, usw.) durch Ucberftunden und freiwillige Arbeit befriedigt werden können. ( Zum besseren Verständnis der Selbsthilfebestrebungen sei hier ein konkretes Beispiel gesetzt. Zu den Arbeitsgelegenheiten, bei denen das notwendige Kapital vorhanden ist, zählen: Sanierung des Naamen und der Kurdanigegend 1260 Arbeiter 6 Monate, Chausseen auf dein Karmel 1000 Arbeiter 6 Monate, Hafenbau Haifa 1000 Arbeiter 36 Monate, Elektrifizierung 1000 Arbeiter 24 Monate, Sanierung des linken Kishonufers 600 Arbeiter 6 Monate. Tausend unqualifizierbare Arbeiter, in Gruppen (Kompagnien) organisiert, werden in einem Lager untergebracht und gemeinsam verpflegt. Dieses Lager auf Keren- Kajemeth-Boden errichtet, kann von der Arbeitsstätte auch weit entfernt sein (Transport durch Autobus) und bleibt später als wertvolle Dorfanlage für die Unterbringung neuer Immigranten zur Verfügung der Exekutive. Die Arbeit beginnt bei Sonnenaufgang '(5 Uhr früh) und endet nach sieben oder acht Stunden. Im Lager bleiben 100 qualifizierte Arbeiter (Küchen- und Bedienungspersonal, Gärtner, Schneider, Tischler, Schmied, Schlosser)', für je 1000 auswärts arbeitete Unqualifizierte zurück. Die von der auswärtigen Arbeit Rückkehrenden kommen um 1 Uhr gereinigt und umgekleidet zum gedeckten Tisch und werden beim Essen bedient. Eine sorglose Nachmittagsruhe von drei Stunden (gerade in der größten Hitze) gibt jedem die Erholung, die sein Organismus bedarf. Hernach (4 Uhr nachmittags) hat jeder wirklich Arbeitswillige, ernst nach Ansiedlung Strebende die Möglichkeit, durch freiwillige dreistündige Hilfsarbeit bei den im Lager befindlichen Handwerkern sich nicht nur die für seine spätere Ansiedlung notwendigen Gegenstände und Materialien (Türen, Fenster, Wagen, Bänke, Stühle, Schranke, Tische, Leitern, Futtertröge, Umzäunungen usw.) als sein Privateigentum selbst herzustellen, sondern er erwirbt auch durch diese freiwillige Arbeit in der Gärtnerei, im Geflügelhof, in der Tischlerei, Schmiede, Schlosserei viele für sein« spätere Selbständigkeit sehr nützlichen und für gute Rentabilität seiner Wirtschaft unbedingt nötigen Kenntnisse und Handfertigkeiten. Bei Errichtung eines Lagers kann in den ersten paar Wochen durch diese freiwillige Arbeit

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