Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3035 (11.8.1927)
- Date
- 1927-08-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Donnerstag Wiener Morgenzettnng 11. August 1927 Nr. 6036 Der unbekannte Tote. eia deutsch« «dmmmiftr Wie berichtet, ist Smmtag in K r i tz e n d o r f ein LLann ertrunken, der ein Diädchen, das in Ertrinkungsgefahr geraten war. gerettet hat. Die Identität des Ertrunkenen ist bisher noch nicht bekannt. Nach einer Version soll er ein Ingenieur gewesen sein, nach der zweiten aber &i n deutscher Kommuni st. der erst vor wenigen Wochen in Wien eingetroffen war. Sein Name soll nur den Führern der konmnmistischcn Partei bekannt sein. Hier kannte man nur seinen Vornamen Fritz. Er soll von den Kommunisten zu verschiedenen geheimen und schwierigen Missionen in den letzten JahrrnL verwendet worden sein und hat auch an verschiedenen kommunistischen Putschversuchen rn Deutschland trilgenommen. Das vmi ihm gerettete Mädchen hatte erklärt, daß es chn erst am vorhergegangencn Tage durchZufallkenn c n g e l e r n t h a b e, ist aber dann in der Menge verschwunden und konnte nicht mehr ermittelt werden. Es wird nun behauptet, daß sie ebenfalls eine Kommunistin sei, die aber über den Mann körne näheren Angaben machen wollte. Der Ertrunkene soll in Gesellschaft eines zweiten Mannes, ebenfalls eines deutschen Kommunisten, in Kritzendorf gewesen sein, und sein Begleiter soll nach dem Ertrürkungstode aus der Brieftasche des Ertrunkenen verschiedene Dokmnente und Korrespondenten an sich genommen habe», damit sie nicht in die Hände der Behörden fallen. Die Erhebungen zur Feststellung der Identität des Ertrunkenen, dessen Leiche bisher noch imm'ernicht ge borgen werdenkonnte, werden fortgesetzt, ebenso die Nachforschungen, ob die Gerüchte, die über die Person des Ertrunkenen verbreitet werden, auf Richtigkeit beruhen. Drei geheimnisvolle Tote. Drei Prager in Paris ermoffen. Prag, IO. August. (Tel.-Komp.) Ein geheimnisvoller M o rd, der an zwei jungen Pragern mit Namen K l i k a und M a ch a r o v s k y in der Nähe von Paris verübt worden ist, hat durch die Aussindung einer dritten Leiche eine neue Wendung erfahren. In den Toten glaubt man den Begleiter der zwei Unglücklichen, namens Müller, zu erkennen. Den dreifachen Mord hat ein vierter, bisher Unbekannter begangen, in dessen Gesellschaft die Drei gesehen worden waren. Die Pariser Sicherheitsbehörden sind der Ansicht, daß Klika und Macharovsky von Müller und dem mysteriösen Unbekannten ermordet und beraubt wurden und daß Müller hernach bei der Teilung der Beute von seinem Komplizen erschossen worden sei. „Lidove Novhnh" greifen die französischen Sicherheitsbehorden heftig an, denn ihrer Nachlässigkeit sei es zuzuschreiben, daß die Leiche des dritten Ermordeten erst setzt gefunden worden sei, da man die Gegend, tvo der Mord geschah, nur oberflächlich abgesucht habe. Es müsse gefordert werden, daß Vertreter der tschechoslowakischen SüherheitAbehörden nach Frankreich delegiert werden, um an der Untersuchung und an der Aufhellung des schweren Verbrechens tei-kzunehmen. Harrv Domela als Königliche Hoheit. Im Maük->Berlag, Berlin, sind soeben unter dem Titel ,^Der falsche Prinz" die Lebenserinnerungen des baltischen Abenteurers Dornela erschienen, der wochenlang vor aller Welt den Hohenzoller mimte. Er - schrieb diese Memoiren — wie wenigstens am Titelblatt 'gu. lesen ist -— im Gefängnis zu Köln während der Untersuchungshaft. Mit Erlaubnis des Verlages bringen wir nachstehenden humorvollen Abschnitt aus DomelaS „Prinzenzeit". „Wer glauben Sie venu, daß ich bin . ..?" — „Oh, wir haben Eure kaiserliche Hoheit sofort! erkannt." — „Nun, wer bin ich denn?" fragte ich, und prompt antwortete er: „Seme kaiserliche Hoheit Pttirz Wilhelm von Preußen, der älteste Sohn des'Kronprinzen." Boshaft sagte? ich da zu ihm: „Sie haben wirtlich einen außerordentlich scharfen Blick, Herr Direktor, das mnß man Ihnen lassen." Ich nahm den Federhalter und trug forsch Und in' einem Zuge den. Namen ein: „Wilhelm, Prinz von Preußen". Dann setzte ich das Datum des Tages rwch hinzu und gab chm den Federhalter zurück. Ich ahmte bei der Handschrift mit Erfolg die des früheren Katsers nach. „Dürfte ich nunmehr Eure kaiserliche Hoheit bitten, zur Feier Eurer kaiserlichen Hoheit Anwesenheit in unserem Hotel -ine Flasche Wgin mit mir zu trinken." — „Gern, aber nach dem Abendessen. Doch noch eins: ich wünsche unerkannt zu bleiben, also bitte weiter: Baron Korss." Der Direktor verbeugte sich. >,Ganz wie Eure kaiserliche Hoheit befehlen. Ich bitte aber Eukg kaiserliche Hoheit, mir zu gestatten, falls niemand zugegen ist. Eure kaiserliche Hoheit mit dem Eurer kaiserlichen Hoheit zukommendm Titel anreden zu dürfen." — „Gern, lieber Direktor, wenn es Ihnen Freud? macht. Dann ab?r auch den richtigen Titel: Königliche Hoheit." — „Sehr nwhl, königliche Hoheit. Dürfte ich nun im Namen unseres Hotels Eure königliche Hoheit bei uns ivillkommen heißen. Ich gebe dem lebhaften Wunsche Ausdruck, daß es Eurer königlichen Hoheit bei uns behagen möge. Wir norden uns Mühe gÄru, sovielals möglich dazu beizutragen." — „Ich Auf hoher See ausserauht und ausgesetzt. Von PalWaa nach Amerika. Paris, 10. August. (Wolfs.) Aus Marseille wird gemeldet: Vier palästinensische Bürger wollten nach Amerika, konnten aber die Einreisebewilligung nicht erhalten. Durch Vermittlung eines Landsmannes und nach Zahlung von 40.000 Francs kamen sie auf den kleinen Dampfer »Selbe", der am 4. Juli nach Oran abging. Unterwegs wurden sie ihrer Habe beraubt, ohnp Nahrung und Wasser gelassen und schließlich, nachdem dad Schiff den Hafen von Ovcm verlassen hatte, über Bord gttvorfen. Sie wurden von einem Schiffe ausgenommen und nach Marseille zurückgebracht. Gegen den Dampfer „Gelte" ist eine U n t e r su ch u n g'eingeleitet lvorden. Das englische Konsulat hat sich der Sache angenommen und die Klage eingereicht. Revolverattentat einer Russin in Paris. „um die «Weste P«s«» an toten." Paris, 10. August. (Wolfs.) Eine Russin, dü auf den: Sowjetkonsulat in Paris erschienen war, um eln Paß Visum zur RÄöllehr jin die Heimat zu erlangen, zog nach kurzem Wortwechsel eine» Revolver und gab auf den Pförtner des Konsulates einen Schuß.ab. Der Pförtner wurde schwer verletzt. Die Russin erklärte dem französischen Palizeikommissär, sie sei ins Konsulat gekommen, um die erstbeste Person zu töten, die sich ihr zeige. Nach dstestr Aussage War aus ihr kein Wort weiter herauszubekominei^ Spinale Kinderlähmung. 21 Kinder ln Halle erttlllitt. Halle, 10. August. (Wolfs.) Hier sind 21 Fälle von spinaler Kinderlähmung bv- Krnntgoworden. Dre meisten der «krankten Kinder befinden sich im Alter von ein bis sechs Jahre»:. Von maßgebender Seite wird versichert, daß kein Grund zu einer Beunruhigung vorliege. Das Anwachsen' der Krankheit erkläre sich aus der stärkeren Empfindlichkeit in den Sommermonaten. Der Streik in de« StAzle-Werken beendet. Bei den am Dienstag in der Bezirkshauptmannschaft Gmünd goführten Verhandlungen ist es zu einer Einigung zwischen den Arbeitern und den Unternehmern gekommen; infolgedessen wurde der Streik abgebrochen und gestern früh wieder mit der Arbeit begonnen-. Am besten sind doch die Ceschka-hüte VII.« KafsarsfraSe 113 WIEN u„ Alsmfrah Nr. 6 danke Ihnen, Herr Direktor," unterbrach ich jetzt seinen Redefluß. „Wir können ja jetzt wieder hinuntergehen." Mit einem tiefen Kratzfuß riß er dw Türe aus, und wir schritten! hinunter. Am nächsten Morgen wjar die Hotelhalle) voll von Mewschen. Ueberall hörte ich Getuschel: „Da ist er! Eil Wie fesch!" Ehrfürchtige Blicke ruhten auf mir. Es gab mir förmlich einen Knacks. Ich kam mir selbst so ganz anders vor. Alles siel von mir ab, was ich von dem harmlosen^ Harry Domela an mir hatte. Ich meinte, es wüchse mir eine ganz neue Haut. Ich fichlte mich so isoliert, so groß, und glaubte, über allem, was da an Menschenzeug herumkroch, emherzugchen. So war ich Prinz, jeder Zoll ein Fürst, und gab mich mit einer mich selbst verblüffenden SelbistveHändWHM. Was war natürlicher, als daß ich einmal mit meinen lieben Anverwandten sprechen wollte. So ließ ich denn, um eine Verbindung mit der kronprmzlichen Hochaltung, Cecilienhof-Potsdam, bitten. Ws der Anschluß hergestellt war, wußte natürliche ein jeder im Hotel darum, ohne es jedoch merken zu lassen. In der Telephonzelle hörte ich, wie sich die Hochaltung Cecilienhof meldete. Ich stellte mich als Graf Hardenberg vor und fragte, ob Seine königliche Hoheit Prinz Wilhelm zu Hause sei. Ich ging davon aus, daß niemand es wagen würde, mein Gespräch mitanzuhören. Cecilienhof gab mir die B-onner Adresse, Franziskanerstvaeß 2, als Aufenthalt des Prinz«» Wilhelm an. Darauf fragte ich, ob Seine königliche Hoheit Prinz Louis Ferdinand, der Bruder, anwesend sei. „Bedauern, königliche Hoheit ist ztoar aus Brasilien zurück, befindet sich indes zurzeit in Berlin. Er ist in der Schatullenverwaltung Seiner Majestät des Kaisers Md Königs, Unter den Linden, erreichbar. Dort können Sie anrufen." Ich danke und trete wieder in die Hotelhalle. Me sehe» mHch mit gespannten Micken am tun aber so, als ob sie von nichts wüßten. B j Nun war ich Prinz Wilhelm von Preußens Nur eines fehlte mir zu meiner Wte: eine angemessene Equipierung. Ich entschloß mich daher, für einen Tag nach Berlin zu fahren und mich dort neu einzukleiden. Der D-Zug, mit dem Hier stieg r — -1 1 --■- 1 —■ ■.. .. ■" —k— ■ -i Spfer sott Erpressern. Die rat des BanMrettm Sauerdler. »Der entlassene Bankdirektor Sauer8H<-r Hat in Verzweiflung sein« Frau und seine beiden ■ Kinder in Ratwor erschossen und dann Selbstmord verübt. Der Sonderberichterstatter der "v ' „Bossischen Zeitung" meldet aus Ratibor: ckRatibor, 9. August. Die erste Erklärung für seine Tat suchte man in der am 31. Juli nach vieljahrrger Tätigkeit plötzlich erfolgter: Entlassung Sauerbiers aus den Diensten der Deutschen Bank. Aber das Motiv seirrer Schreckenstat liegt offenbar wo anpers. Schon früher lam ab und zu den ihm am nächsten Stehenden an Sauerbier etwas bedenklich vor, und schon vor anderthalb Monaten äußerte er abends im FreundeÄresse: „Wenn das so weitergeht, dann wäre es be s ser, ich jagte m ir ein e ans dem Eisenrohr vor den Kops." Sauerbrer und durch ihn seine ganze Familie sind das Opfer rücksichtsloser Erpresser geworden. Der Verstorbene schreibt in dem Brief, er wisse keinen Ausweg mehr, seit den Jahren 1923-24 seien ihm bereits 16.000 Mrrk erpreßt worden. Nrchdem er nun von der Bank entlassen worden sei, wisse er nicht, ob er tveiterc Summen werde aufbringcn können. Seine Familie aber wolle er nicht in Schande stürzen und sie auch keinen Entbehrungen aussetzen. Er wolle sie nicht iM Stich lassen und deshalb mit in den Tod nehmen. Sauerbrer spielte in dem Briefe auf folgendes an: Im Jahre 192-2 wurde er von der Direktion der Deutschen Bank aus Ratibor nach Kattowitz zur Leitung der dortigen Filiale entsandt und war ein Jahr lang in Kattowitz tätig. Er lebte dort ohne seine Familie und scheint dort Verbindungen angeknüpst zu haben, die ihm in ihren Auswirkungen zum Verderben wurden. Seit der Kattowitzer Zeit wurde er jedenfalls bedrängt und mußte immer seinen Bedrohern den Mund mit Geld verschließen. Von diesen Dingen ahnte niemand etwas, auch nicht im entferntesten seine Familie. Er verstand es sehr geschickt, seine Sorgen zu verbergen, und lebte nach außen hin das Leben eines glücklichen Mannes und Familienvaters. Durch die plötzliche Dienstentlassung sind dann seine inneren Depressionen so gewachsen, daß er dem Druck nicht mehr standhalten konnte und zur Waffe griff. Er hat seine Frau, nach dem heute vormittag Vorgefundenen Tatbestand zu urteilen, e <r st n a ch heftigemKampfe getötet. Das Schlafzimmer glich einem grausigen S ch l a ch t s e l d e. Die Betten waren im Haus verstreut, die Möbel durcheinandergerückt. Die Frau selbst lag mit einem Schutz durch die Brust und eurem tiefen Messerstich im Hals neben dem Bett in einer Blutlache, ün Hinterzimmer der z-ehnsährig-6 Ärrabe und das neunjährige Mädchen in den Betten, offenbar im Schlafe durch mehrere Schüsse getötet. Nach diesen Taten hat Sauerbrer die Wohnung verlassen, seinen Wagen angekurbelt und ist etwa 25 Kilometer die Landstraße entlanggefahren. Heute früh fand man in der Nähe des Dorfes Stolzmütz auf eurem Feldweg abseits der Chaussee einen völlig ü-usgebrannten Kraftwagen und in ihm eine bis zur Unkenntlichkeit verkohlte L ei ch e, die mit der Hand noch den Schaft eines Revolvers umklammerte. Neben dem Wagen lagen die Papiere und die Schlüssel Sauerbiers. Die ganze Ausführung der schrecklichen Tat deutet darauf hin, daß Sauerbier sie genau und ausführlich vor- W luis und kaufte m,tr einige illustrierte Zeitungen. Während ich noch zahlte, sief -der Zugsbegleiter die WagenreiHe entlang und schlug dße Türe» zur Abfahrt zu. Eilig raffte ich die Zeitungen zusammen und sprang in den Wagen-; derZug fuhr Mich ab.' Nach einiger Zeit vtzrmißte ich mein Portemonnaie, in dem ich mein Kleingeld und die Fahrkarte hatte. Alles Suchen war vergeblich^ Kürte und etwa hundett Mark waren weg. Wahrscheinlich hatte ich alles in der Elle in Halle verloren. Aus dem Anhalter Bahnhof rief ich den Zugsführer zu mir. Ich hätte Pech gehabt, Fahrkatte und Geld verloren; da er meine Karte kontrolliert habe, möge er mich an der Sperre legitimieren. Er war dazu bereit Mb ,riet mir, zum FundLurxchr zu gehen. Ans dem Wege dorthön überlegte ich mir, auf welchen Namen chch den Berlujst awmelden sollten „$m /Habsburger Hof bist du als Prinz Wilhelm bekannt.. U; den Vevtuft unter diesem Namen, dann werden die Kerle hier sich beim Suchen auch redliche Mühe geben." ÄAf dem Fundbureau gckben sie mir mürrisch einen Zettel. Man hieß mich barsch, ihn auszufüllen. „Wartet mal, ihr Kaffeirn," dachte ich mir und schrieb „Prinz Wilhelm von Pteuß-er^^ als Namen nieder, als Wohnung gab ich „zurzett Habsburger Hof" an. „Dauert es lange, W ,ich einen Bescheid erhalte?" fragte >ikh im Schreiben. „Das werden Sie schon sehen!" erwiderte der Beamte noch mürrischer und zog mir den Zettel sozu" sagen unter der Hand weg. Doch kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, so hätte er ihn beinahe falle» lassen. Die Hände an der Hosennaht, hatte er sofort Haltung angenommen. ,Mniglijchs Hcheit, verzeihe» gnädigst, sofort werde ich jdas Nöttge veranlassen. Haben königliche Hoheit irgendwelche AnhaltsMnkte, wo königliche Hoheit das Portemonnaie verloren haben könnten?" Der ganze Raum horchte auf. Ich machte kurz nähere Angaben. „Eine Sekunde," erwiderte, er dienstbeflissen, „ich lasse sofott dienstlich die Leitung nach Halle freimachen, königliche Hoheit können dann sofott dem Bahnhofsvorsteher in Halle Anweisung geben, wo das Geld gesucht tvvrde» könnte." —♦ „Dienstlich! Halle! Aber sofott!!1 Dringend^!" rief er ük lautem Kommandoton. Verblüffend schnell war Halle da. Königliche Hvheit verzeihen, ich M^ den.OHWfsvor-