Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3031 (7.8.1927)
- Date
- 1927-08-07
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Wiener Morgenzeitung 7. August 192 < Nr. 3031 Wien. Sonn in Das unselige Amerika Von L. Kobrin Er konnte es gar nicht glauben, der alle Schuster Mosche Beer, daß seine Chawe ihm so etwas antun werde_ Von ihm fortzugehen, ganz mtb gar. .. Ihn zu verlassen und allein zu lassen auf die letzten Greisenjahre l. . Und er wird ihr nicht mehr sagen können: „Chawe! mach' mir heut Klöße zu'Mittag, du weißt doch, wie ich sie gern Hab!" oder „Chawe, mich sticht's jämmerlich im Rücken, reib' mir doch da ein wenig ein, da, dal" oder wenn die Gassenjungen die Türe zur Kellerstube stürmisch aufreißcn und ihn mit einem „Schsch-schsch, Backenbart" aufschreckeu, soll er nicht mehr schreien können: „ChcUve, daß dich! Wo bis du denn mit dem Stecken? Borge sie dir doch aus, die Strolche!" . .. Wie ist das nur möglich? Wie kann das nur sein? Fünfzig Jahre haben sie miteinander gelebt wie die Täubchen, Kinder mll Mühe aufgezogen; auf der Kinder Hochzeiten hat er mit ihr getanzt, bei der Kinder Begräbnis zusammen mit ihr geweint... Und dann sind sie vor zwölf Jahren hierhergezogen nach New Dork zu ihrer Tochter. Und konnten beide gleicherweise nicht so recht auskommen mit der Lebensart von Tochter und Schwiegersohn — das führt schon gar kein frommes Haus! — und sehnten sich beide zurück nach ihrer Geburtsstadt Smargon, und kränkten sich beide darüber, daß dort Mosche Beer Mosche Beer war, ein ehrsamer Schuster, der für die feinsten Leute Stiefel und Stiefelchen fabriziert hat, direkte Schmuckstücke aus weichstem Leder, und daß er hier in diesem «New Jork" gezwungen war, abgetragenes Schuhwerk zu reparieren — und was für Schuhwerk dazu! Schäbiges amerikanisches Ein-Dollar-Schuhwerk — „verbrannt soll es werden wie das Gesäuerte vor Pessach!" — so fluchte Mosche Beer grollend, „verbrannt mitsamt diesem ganzen Amerika und seinem fetzigen Handwerk!..." Mll einem Worte, wie ist es nur möglich, daß diese selbe Chawe, mit der er fünfzig Jahre gelebt hat, wie der Körper mit seiner Seele, ohne daß er je an so was nur gedacht hat, plötzlich, mit einem Male... Wie, was, wann? Wieso denn eigentlich? Ueber Magenschmerzen hat sie geklagt... Unseliges Amerika! In Smargon ist's doch auch nichts Sellenes, Magenschmerzen. Nun, man trinkt dies, man trinll jenes, Mittel genug, und es hilft auch... Einen Doktor kennt man höchstens von der Straße. Und hier. .. alle fragen sie jetzt, warum er nicht gleich nach dem Doktor geschickt hat. Ein Doktor bei Magenschmerzen, ist es nicht ein verrücktes Land, dieses Amerlla? Vor dem Tore hält holpernd ein schwarzer Wagen mll einem Sarg darauf. Und gleich darauf hört man das Klappern der Almosenbüchsen. Der alle Mosche Beer fährt erschrocken auf. Wie? Schon? Eben erst ist sie gestorben, und schon sind die Weiber da und tun ihr das Sterbegewand an ... Und schon ist auch der Leichenwagen da! Was soll das heißen, um Gottes Willen? Man hat sie doch noch nicht einmal betrauert, wie's sich gehört. Noch mll keiner richtigen jüdischen Wehklage, nicht mll dem rechten Weinen von ihr Abschied genommen ... Was ist das? Ein Leichnam oder ein toter Mensch? Wo sind die Tränen, die richtigen, bitteren, jüdischen Tränen? Und wieso schweigt denn seine Tochter Skate? Wo ist sie nur? Er sieht sich um und erblickt sie inmitten einer Anzahl Frauen, mit einem Federhut auf dem Kopf, ein weißes Taschentuch an die Augen drückend. Er wird verzweifell bei diesem Anblick. So beweint sie ihre alle Mutter — denkt er mit bitterem Wehgefühl — angetan wie eine Fürstin, mit dem weißen Taschentuch vor dem Gesicht? ... Er beißt die Zähne zusammen vor Aufregung und Schmerz... Drüben in Smargon — denkt er — hätt' ich sie dafür gezüchtigt wie ein Vater, doch da, in Amerika... Er tritt an sie heran... «Meine Tochter", sagt er mit heiserer, aufgeregter Stimme, und seine Lippen zittern und die Augen sind heiß, „meine Tochter, weiht du auch, wer gestorben ist?" ... Und er zeigt auf die ruhende Tote. Und heiße Tränen stürzen ihm aus den Augen und rieseln über den langen, weißen Bart. -Seine Tochter senkt den Kopf, beißt sich auf die Lippen und drückt stärker das Taschentuch an die Augen. Plötzlich schreit er sie wild an mit einem jähen Ausbruch des Schmerzes: Slate, so klagst du um deine Mutter? Daß deinen Vater die Verdammnis treffe! ... Sie geizt mit ihren Tränen und ihrer Stimme, wenn sie ihre Mutter beweinen soll — daß Gott erbarm'!..." Und er bricht in ein leidenschaftliches Weinen aus. Ein paar Männer stürzen mit dem Sarg in die Kellerstube, als wäre ein Brand ausgebrochen, gehn eilig auf das Totenlager zu und werfen die Tote in den Sarg, so daß man das dumpfe Geräusch des Ausfallens des Körpers aufs Holz hört. Wie der alte Mosche es hört, befällt ein Zittern seinen ganzen Körper. Eine Weile blickt er die Männer, die um den Sarg stehen, mit großen, erschrockenen, wie verglasten Augen an, dann stürzt er auf sie zu, bleich wie Leinwand, und spricht mit stiller, erbarmungsvoller Stimme, so als hätt' er Angst, seine Chawe aufzuwecken. „Banditen, wie könnt ihr sie so hineinwerfen? Sie ist doch ein jüdisches Weib, um Gottes willen! Eine ehrliche, eine sehr ehrliche Jüdin..., so eine,!vie ihrer nicht viel mehr verblieben sind in Amerika. In diesem wüsten, unseligen Amerika!" schreit er plötzlich jammernd auf, schlägt in die Hände und wirft sich über den Sarg: „O Chawe, was soll man tun! Wahrscheinlich ist's so von Gott bestimmt. Eine gute Fürbitterin sollst du uns sein! Drüben hättest du gewiß ein schöneres Begräbnis gehabt! ... Weil mgn dort gewußt hat, was für ein gerechtes Weib du gewesen. Darum hätt man dich auch in allen Ehren zu Grabe getragen! Aber hier, alles Firlefanz, guter Gott im Himmel! ... Eine Mutter ist keine Mutter, ein Jude'kein Jude.. . Eine Träne ist teuer wie Gold ... So will ich dich denn wenigstens beweinen, wie's sich gehört! Chawe, fünfzig Jahre warst du mein Weib, mehr als einmal bin ich hart gegen dich gewesen — verzeih es mir! — und warum hast du nicht noch ein Jährchen gewartet, ich wär' dann vielleicht mit dir gegangen!" Bei diesen Worten begannen die Frauen plötzlich laut zu jammern, und auch Slate schluchzte bitterlich. Das Jammern der Frauen erregte Mosche noch mehr, und leidenschaftlich schrie er: „Chawe, hörst du? Jetzt weinen sie, wo man dich schon hinaustragen will. Und vorher, wie du dagelegen hast, wartend auf eine Träne, da haben sie die weißen Tücher an die Augen gedrückt! .. ." I „Genug, Freund," unterbrach ihn einer der Männer. > „hattet uns nicht unnütz auf — wir haben keine Zeit". „Wartet, wartet doch noch ein wenig!" schrie der alte Mosche. „Ihr seht doch, jüdische Brüder, jetzt kommt doch erst die richtige Trauer, jetzt erst fängt man an, sie wirklich zu beweinen..." „Schiebt ihn doch fort vom Sarg", sagte einer der Männer energisch. Einer von ihnen schob ihn vom Sarg zurück, aber Mosche schrie: „Banditen! Habt doch Mitleid, sie war eine ehrliche Jüdin, laßt uns um sie beklagen!... Sie ist mein Weib... Wo ist der Hammer?" Und er stürzte nach einem Winkel, den Hammer zu suchen... Aber er fand ihn nicht, und indessen hatten die Männer den Sarg zur Stube hinausgetragen... Da begann er mit dürrem, kindlichem Weinen zu jammern: „Huhu, so eine Schmach, so eine Schande; wie ein totes Tier hat man dich davongeschleppt!" Und er lief weinend auf die Straße und humpelte mit schlotternden Knien dem Sargwagen nach. An einem schönen Abend, im Monat Tammus, saß der alte Mosche Beer auf seinem Arbeitsstuhl in der Kellerstube und betrachtete mit inniger Aufmerksamkeit ein altes Paar Schuhe, das ihm ein Kind vor kurzem zum Reparieren gebracht hatte. Der alte Schuster hielt das Paar Schuhe in den Händen und betrachtete es von allen Seiten. Und je länger er die Schuhe betrachtete, um so milder und weicher wurden seine Blicke unter der Hornbrille, um so fröhlicher und lebhafter der Ausdruck seines Gesichtes mit dem langen, weißen Bart: „O, o, o, einmal keine amerikanischen Schuhe," sagte er mit glücklichem Lächeln, „Arbeit noch von drüben, von einem richtigen, jüdischen Schuster, möcht' ich schwören" — und er nickte dazu mit dem alten Kopfe. — „Hamburger Leder, richtige Handarbeit — hm, hm! ... Chawe, hörst du, komm rasch her, ich will dir was zeigen — du kommst, Chawe?" Niemand anwortet ihm. Seine vergnügte Stimme verhallt so seltsam in der Kellerstube, wie in einer Einöde. „Chawe!" Er hebt verwundert den Kopf, rückt die Brille auf die Stirn empor und beginnt sich umzusehen, wo Chawe steckt. Und erst, als er das zerworfene Bett sieht, erinnert er sich plötzlich wieder, daß Chawe nicht mehr da ist... Und in seinen Augen, die immer größer werden, mall sich Verwunderung, Schrecken und Schmerz... Plötzlich stürzen ein paar jüdische Jungen mit wildem Schreien in die Tür, und ein besonders frecher Knirps stellt sich mitten in die Stube, macht eine lange Nase und zischt: „Schsch-schsch!" und schreit dann: „Backenbart! Schschl" Einen Augenblick sieht ihn der Alte ganz verdutzt an, dann lacht er mit hysterischem Gelächter: „Backenbart, schschl" — imitierte er, gallig auflachend und voll Zornes auf die Jungen blickend, „Backenbart!" ... Hahahal Amerika ist ein neues Land, ein feines Land, ein First-claß-country, nicht, du Nichtsnutz? Amerika!" schreit er plötzlich aufspringend in wildem Zorn — du, du, du — Amerika-Taugenichts I" ' Und er ergriff einen Schuh und warf ihn dem frechen Jungen nach, der lachend davonlief... Sage« und Mythen vom Falle Jerusalems. 3UM 8. Ab. Entnommen dem soeben erschienenen sehr 'bedeutenden Schlußband des Standardroerkes „D i e Sagen der Juden" von Micha Josef bin G o r i o n (Rütten & Loening-Verlag, Frankfurt a. M.), dessen eingehende Würdigung w'.r uns Vorbehalten. Die 32chter Jerusalems. Darum, daß di« Töchter Zions stolz sind und gehen mit emporgerecktem Halse — so schilt Jesaja der Prophet. Sie trugen nämlich ihren Kopf hoch, um mit ihren Schmuckstücken zu prangen; dazu untermalten sie ihre Augen mit bluttoter Schminke. War eine hochgewachsen, so ließ sie sich von zlvei Mägden begleiten, die kleiner tvaren als sie, damit die Größe ihrer Gestatt noch mehr ans Licht trete. War eine klein, so trug sie Schuhe mit dicken Sohlen, um groß zu erscheinen. Auch pflegten die Töchter Jerusalems ein hohles Ei mit Balsam gefüllt in ihren Schuhen zu tragen. Kam nun eine Schar Jünglinge, so stampfte das Mädchen mit dem Fuße auf, die Schale zerbrach, und der Duft des ausströmenden Balsams hatte auf die Jünglinge die Wirkung von Schlangengift. Jesaja predigte ihnen Buße, damit die Feinde nicht über das Land kämen. Aber die leichtfertigen Frauen entgegneten: Dringen die Feinde zu uns, ivas können sie uns Uebles tun? Ein fremder Fürst, sobald er eine von uns erblickt, nimmt er sie fort mtb macht sie zu seiner Frau. Ein Feldherr, der unsere Schönheit sieht, getvinnt uns lieb. Ein hoher Rat wird von unserer Anmut gefangen und setzt das Mädchen in seinen Wagen. MS durch die Sünden der Frauen Jerusalems der | Feind wirklich kam. putzten sie sich wie Huven auf und zogen 1 aus der Stadt ins Lager hinaus; und die fremden Söldner, Führer und Fürsten buhlten mll ihnen und ließen sie in ihren Wagen fahren. Sogleich machte der Herr die Scheitel der Töchter Zions kahl. Er ließ ihre Haare aussätzig werden, und ihre Haare wurden von Läusen übersät. Vom letzten Kampf. Als der Bösewicht Nebukadnezar mit seinen Fürsten über Jerusalem herfiel, da hofften sie es in kurzer Zeit einzunehmen. Allein der Herr stärkte die Kraft derer zu Jerusalem drei Jahve lang, denn er wähnte, sie würden Buße tun. Es gab Helden ohne Zahl in der heiligen Stadt, und die kämpften mit den Chaldäern und machten viele von ihnen nieder. Im besonderen tat sich ein Held hervor, mit Namen Akiba. Er fing die Steine auf, die die Feinde gegen die Mauer schleuderten, und warf sie auf diese selbst zurück, so daß viele umkamen. Danach ließ er die Steine auch an seine Füße anprallen und stieß sie mit diesen zurück auf die Angreifer. Allein das Maß der Sünden wurde voll, ein Sturm kam, und der warf Miba von der Mauer hinunter, daß er zerschmettert wurde und starb. Alsbaldwurde die Mauer durchbrochen und die Chaldäer drangen in die Stadt. In dieser Stunde beschwor Hanamael, der Oheim Jeremias, die diensttuenden Engel bei dem hochheiligen Namen, und sie fuhren hernieder, bewaffnet auf die Feinde. Wie die Chaldäer das gewahr wurden, zerstoben sie in Angst, allein der Herr veränderte die Namen der Engel und ließ sie wieder in den Himmel fahret!. Hanamael versuchte sie nochmals herunterzuholen, es tvar aber vergeblich, denn ihre Namen waren jetzt anders. Nunmehr beschwor Hanamael den Fürsten der Welt bei dem heiligen Namen, und der hob Jerusalem empor, daß es in der Lust schwebte. Allein der Herr stteß es in seinem Zorn vom Himmel und es fiel auf die Erde. Da brachen die Feinde ein und zertrümmerten die Häuser; sie drangen in den Tempel und steckten ihn in Brand. Die Hungersnot. Und das Brot ging aus in Jerusalem!. Zu Anfang, da erhielt man für eine Schüssel voll Gold eine Schüssel Weizenkörner. Hernach gab es für die Schüssel Gold nur eine Schüssel Roggen, hernach nur noch eine Schüssel Gerste und zuletzt nur noch eine Schüssel Stroh und tranken, die Brühe. Einer von den Großen Jerusalems sprach zu feinem Knaben: Geh' und bringe mir ein wenig Wasser. Der Sklave zog aus und der Herr bestieg das Dach seines Hauses und hielt von da Ausschau nach ihm. Der Bote kam zurück und sagte: Es ivar kein Wasser zu finden. Da sprach sein Herr: Zerbrich deinen Krug. Der Sklave warf das Gefäß zur Erde und es zerschellte. Und der vornehme Mann stürzte sich vom Dach seines Hauses und war tot, und die zerschmetterten Mieder mischten sich mit den Scherben des Topfes. Der neunte Ab. Die edlen Kinder Zions, dem Golde gleich geachtet, wie sind sie nun den irdenen Töpfen gleich, die ein Töpfer macht. Rabbi Jose erzählt: Die Stunde, in der der Tempel zerstört worden ist, war der Ausgang des Säbbattages und der Ausgang des Sabbatjahres; es war die Nachtwache des | Jehojarib; es war am neunten Tage des Monats Ab. Und so ivar es auch bei der Zerstörung des ziveiten Tempels. Und beidemal taten die Leviten ihren Dienst und sangen den Psalm: Und der vergelte ihnen ihr Unrecht und vertilge sie um ihre Bosheit, er vertilge sie, der Herr, unser Gott! (PMm XXVIII/4).