Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3031 (7.8.1927)
- Date
- 1927-08-07
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3031 Wien, <Somtteß Merrer Morgenzettung 7. August 1827 Seite 9 0^8 KÖLN OM LITERATURBEILAGE DER .'WIENER MORGENZEITUNG* Ferlentagebuch Über Bücher Mo ntag. Ich beginne die Woche sehr ernsthaft, rveit ab von schnöder Belletristik, und lese das Weilte, doch gehaltvolle Buch von Alexander Herzborg „Zur Psychologie der Philosophie und der Philosophen" (Meiner, Leipzig). Dieser Arzt und Philosoph nimmt sich hier dreißig Philosophen vor, von Kant bis Nietzsche, von Hume bis Spencer, und steigt, psychoanalytisch erleuchtet, in ihr Geheimnis hinab. Er ordnet die seelischen Bedingungen, die.nötig sind, einen Menschen zur Bildung und Formulierung einer Weltanschauung zu veranlassen. In dieser systematischen Weise ist noch keiner vorgegangen. Noch dazu mit solcher Klarheit und Verständlichkeit, daß einem gar nicht ist, als lese man Philosophie und Psychologie. Wer noch nicht zu den Philosophett selbst vorgedrungen ist: hier ist ein Weg zu ihnen. Nun bekommt man Lust auf sie selbst. Dienstag. Also las ich Nietzsche. Den unbekannten. Das Buch, das seine große Schwester Elisabeth im Musarion-Verlag herausgab: „Der werdende Nietzsche." Tagebücher, Aufsätze,. Briefe von seinem 13. bis 24. Jahr. Der geistige GÄvinn ist natürlich größer beim gewordenen Nietzsche. Aber hier den wachsenden zu erleben, ist Gefühl voll Zwiespalts: Ehrfurcht und Scham beim Blick in ein Kinderherz, Entzücken über das geistige Erwachen des Gymnasiasten, Staunen und wieder Ehrfurcht beim Aufbruch des ungeheuren Geistes in Leipzig. Hier. ist Nietzsche noch Knabe, Jüngling, Mensch Dann, von Basel ab, wird er entrückt. Und wie ist es nun erschütternd, hier das Genie zu erleben zu der Zeit, als es noch auf unserer Erde wandelt! Bürgerlich, begreifbar, seelisch verwandt. M i t t w o ch. Jeden Tag ein Buch. Herrlich. Mein Balkon ist ganz zugewachsen. Auf ihm liegend, weiß ich nicht, daß ich zu Hause blieb. Denn: ich blieb zu Hause! Ach, ihr Armen jetzt in Wengen, Ischl, Heringsdorf und Chamonix! Wie müßt ihr euch Plagen, die Ferien auszunützen! Ich liege zwischen Büchern, von Katzen umschnurrt, die Straße ist ausgestorben, Telephon abgestellt. Ich feiere hohe Feste. — Heut gleich zwei Bücher. Die Sonne scheint mir bis ins Herz. Ich las, schon wieder, Chesterton, „Das.Paradies de.rDiebe" (MusarioN-Äerlagj). Ein neuer Band seiner großartigen Detektivgeschjchten. Und das bedeutet drei Sturöen^ Entzücken. Erstens: der Einfall, die Fabel, die unerhörte, nie zu' erratende Pointe! Zweitens: sein Witz, seine Anmut der Antithesen, seine Schalkhaftigkeit, dieser englische, trockene, funkelnde Geist! Daneben wird alle andere Kriminalliteratur Kolportage und Kitsch. Wie fein, daß solch ein Denkerkopf Literatur macht, die an sich verrufen ist. Wer mit einem seiner Bücher rechtfertigt er die tausend anderen. — Das war vormittags. Und dann, bis in den Wend, bis in die Nacht ein süßes, schmerzliches Erlebnis. Ich las —t v nein! — ich lebte und liebte. Eins von den Büchern, für die zu leben sich lohnt. Ueberschwang? . . . Ich muß alle, die mir nah stehen, anflehen, es zu-lesen. „Die Einöde der Liebe." Von Francois Mauriat (Insel, Leipzig). Uraltes Thema. Die Frau, die von Vater und Sohn geliebt wird. Schon einmal weinte ich darüber^ Bor dreißig Jahren. Da ich als Kind Turgenjew las. Und jetzt wieder. Weiß Gott, der Dichter stirbt nicht aus! Ich werde heut nicht schlafen, lich bleibe auf meinem Balkon, es wird bald regnen. Und wie ich ihn beneide, diesen Mauriat! Wie ist es möglichdaß man ein Buch schreibt so völlig ohne Schablone! Nie kommt das, was man — nach tausend anderen Büchern — zu erwarten glaubte. Er überrascht, wie das Leben selbst. Mit Grausamkeit, NüchternWt, Sachlichkeit. Und hat doch eine Dichtung daraus gemacht, eine hohe! Er schreibt so, als gäbe es keine Bücher vor ihm. Seine unerbittliche Wahrheit ist grandios. Jeder andere hätte aus dem Sohn einen Engel gemacht, hätte ihn das sein lassen, was die Liebende glaubt. Und er ist ein Lumpchen, ein Schurkerl, ein Schweinchen. Und doch — wie liebt man ihn! Warum? Weil er Dichters Schöpfung ist. Daran erkennt man den Dichter: man muß noch seine Schurken lieben. — Nun kommen die ersten Tropfen. Es regnet. Daß man so glücklich sein kann in der Einöde der Liebe! Donnerstag, Freitag. Noch einmal, zwei ganze Tage, und mit der Andacht und Worttreuo, die er verdient, den großen Lebensroman „Dr. med. Arrowsmith" von Sinclair Lewis (Kurt Wolfs). In der Nacht dazwischen träumte ich von Max Göttlich, den großen jüdischen Genie in diesem Roman. Ein Roman für sich, ein erschütterndes Lebensbild: Kampf des Geistes gegen den Urgeist. Untergang des Genius an der verständnislosen Welt. Aber ist nicht jeder Mensch in diesem ungewöhnlichen Buche leibhaft und wirklich? Und die Karikatur setzt höchstens ein boshaftes Licht aus komische Schwächen, ohne die Wahrheit des Betreffenden zu entstellen. Daß ein Buch wie dieses nicht auch ein europäischer Erfolg ivirw! Amerikaner, ihr seid doch bessere Menschen! Bei uns liest jede Lehrerin „Christin Lavraristochter" und jeder Kommis den „Zaulberberg". Und ein Buch wie das Leivissche enthält doch Leben, Gestaltungskraft, ja auch EHik (sonst gcht es nicht mit den Lehrerinnen!) mindestens im selben Maße. Und man lernt Amerika kennen, aber nicht zu wenig! Unvergeßlichen Männern und Frauen begegnet mau da. Beispiele (an Arbeitsfanatismus, heiliger Neugierde, Liebesechtheit) werden gegeben, den^n man wahrhaftig nachcifert. Also geradezu ein erzieherisches Buch. Wieder eins, für das zu leben sich lohnt. Wenn ich reich wäre — o! — ich verschenkte Hunderttausend davon. Ich wette: gediegene Männer, die nie einen „Roman" in die Hand nehmen, würden sich daran zur „Belletristik" bekehren. Man kann ohne Bücher leben — ja! — aber ohne Bücher glücklich sein? ... Sonnabend. Heut habe ich, meine trübe Natur überlistet und war leichtfertig. Es ist mir aber gut bekommen, und ich werde herrlich in diese Regennacht hineinschlafen. Es waren zu viele Geist und Herz bewegend? Bücher, die ich genossen hatte. Also! ich las — „Das galante Sachsen", diese geplauderte Historie Augusts des Starken von Karl Lrchwig von Pöllnitz, vom Avertun-Berlag galant aufgemacht, entzückend anzuschen und ebenso zu lesen. Geschichte vom Diwan aus, die Welt durch die Schleier des Himmelsbettes gesehen. So kommt man auf die Wahrheit! Ein' Büch, zweihundert Jahre alt, noch heut mit Spannung zu lesen. Könige verlieren ihren Zauber nicht . . . Mögen sie in Holland oder Sachsen residieren. Und noch dazu ein August! Menschlicher ist nie ein König ge' wesen. Wer doch vergaß August nie- König zu sein. Kaum daß er das Himmelbett verließ, ergriff er wieder Krorre, Szepter und Schwert. Ein Leben als Roman! Wer dieses Leben war auch darnach. Und ein amüsanter Augenzeuge ist doch so viel anziehender, als ein gewissenhafter Historiograph. Sonntag. Ich lebe zurück... In sechs Tage Bücher. Und morgen — ach, daß es morgen wäre! Kurt Münzer. Die verkauften Landerkinder. Bruno Frank: „Z wölftausen d", Schauspiel in drei Akten. Verlag Ernst Rowohlt, Berlin. In einem Brief an Voltaire urteilte Friedrich der Große einen deutschen Fürsten ab, der den Engländern feine)'* Antertahen verkaufte, „wie man Vieh verkauft, um es auf die'Schlachtbank zu schleppen". Bruno Frank setzt diese Briefstelle ..seinem Drama als Motto voran. Es hat die grausame Vevschacheruna von zwöLftausend Soldaten durch einen deutschen Doudezfürsten zum Gegenstand. Drei schlanke, vortrefflich gebaute Akte, hundertperzentiges Theater und gutsitzender, festgefügter Dialog. Die Figuren sind zwar von berühmten Mustern übernommen, der' Herzog und seine Maitresse, der perfide Minister und der kluge englische Unterhändler haben zu wenig Eigenfarbe, aber der Held des Dramas, der geheime Sekretär Piderit, der während des schmachvollen Verkaufes junger Menschenleben zum heldenhaften Rebellen wächst und die zwölftausend rettet, ist gestaltet und ruft nach der Darstellung durch einen großen Bühnenkünstler. Wie denn die Aufführung dieses Schauspieles den Sprechtheatern einen starken Evfolg bringen dürfte. A. m DIC m ■F vornehme s S8 ■* Klassiker - Ausgabe i ¥ auf holzfreiem Papier, in elegantem Seidenleinenband mit reicher ¥ ¥ Goldprägung ¥ pro Band nur S 5.— ja ¥ Büchner, herausgegeben und eingeleitet von Arnold Zweig in einem Band Cervantes, heraasgegeben von Max Krell in drei Bänden , Hauff, herausgegeben von C. 0. v. Maassen ln fünf Bänden Heine, herausgegeben von Rudolf Frank in zehn Bänden Hoffmann, E. T. A., herausgegeben von Rudolf Frank in elf Bänden , Kleist, herausgegeben von Arnold Zweig in vier Bänden Novalis, herausgegeben von Ernst Kamnitzer in vier Bänden Schiller, herausgegeben von Alexander Gleichen- Rußwurm in vierzehn Bänden n ¥ ¥ ii ¥ ¥ ¥ ii ¥ ¥ ■ > ¥ ÜEIoscföftt i&VZßtftM Ylg ol V 01. £ön>it, Wien, I ■ SS. » IflWIälfflliimiillällRlIliriTOimiWiirillTIlä VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. Statt erlogene Romane — getreue Autobiographien! In seiner Zeitschrift „Zweifel" schreibt Ernst Fuhrmann: „Wir werden, wie mir scheint, bald aus einem großen Traum von „Kunst" aufwachen und sagen, daß diese ganze künstlerische Darstellung nur ein Komplex der Feigheit war, etwas vom eigenen Leben preiszugeben. — Es ist auch wohl wahr, daß einige Epochen sich vollständig weigern, irgend etwas zu lernen, aber das merkt man ihnen 'auch an. Und wenn statt der unwahren Romane wahres Leben geschrieben würde, so könnte jeder davon lernen, statt wie heute stereotyp zu erklären: „Es ist nicht wahr." Heute können wir übersehen, daß wir — wenn statt der Millionen Romane getreue Autobiographien von alle» diesen Verfassern uns zur Verfügung ständen — einen unendlichen Schatz besäßen, der uns durch alle Pfade der Medizin und PsycholWie sicher führen könnte; aber wir habe» nur.einen Hausen Literatur, der nichts wert ist, hinter uns zurückgelassen, man hat die Autoren von der Kindheit an belehrt: „Ihr müßt lügen, ihr müßt erfinden, sonst wird es nichts." Wir haben keine Ahnung von den wirklichen Erlebnissen der Menschen, wir sind vollkommen lebensfremd; das hat die Literatur fertiggebracht, und sie muß untergehen!" Meyers Lexikon. Soeben ist Band 6 der siebenten» völlig neu beatbeiteten Auflage erschienen, mit rund 6000 Abbildungen, Karten und Plänen im Text; dazu etwa 610 besondere Bildertafeln (darunter 96 farbigje) und 140 Kartenveilagen, 40 Stadtpläne sowie 200 TeA- und stattsttsche Uebersichten. „Hornberg bis Korrektiv", in Halbleder gebunden 30 Mark. Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig. —V Beim Durchblättern verweilt das Auge zunächst än den farbigen Beilagen: prächtig leuchten hter die Kakteen, weich ziehen dort die Hydrozoen und andere Quallen ihre Fäden durch das Wasser, verlockend und bunt stehen Teller, Krüge, Plastiken auf zartem, beigefarbenem Grund. Eine neue Karte von Japan in 1:5 Millionen fällt besonders auf. Nicht weniger Freude machen Stichproben im Text. Ob man Jugendbewegung, Körperkultur oder Jazz nachschlägt, ob Jndantyrenfarbstoffe oder Kleinkaliberschießsport, ob Joffre, Jsonz>oschlachten oider Kleine Entente — überall' erhält man klaren Bescheid. Wurden hier ganz neue Artikel geschaffen, so bekamen schon vorhandene neuen Inhalt. Der Artikel, Kometen hat eine prächtige neue Tafel erhalten. Bei Kohle werden die verschiedenen Methoden der Kohlenverflüsiigung gegeben, den neuesten. Stand der Kochherde und Kochmaschinen bietet die gleichnamige Tafel, der Radiointeuessent wird Kathodenröhre und Kathodenröhrenverstärker mjt Nutzen studieren dre reichbebilderte Beilage Kinotechnik berücksichtigst den sprechenden und den farbigen Film. »Die neuen Staatengebilde des werdenden kommunistischen Rußlands sind nicht minder sorgsam behandelt als Begriffe wie Imperialismus, Katholizismus, Kirche, Judentum, Indische Religionen usw. „Dre Arbeitsschule in Sowjekrußland". Ost-Europa-Perlag, Berlin W. 33 und Königsberg i. Pr. — Eines der interessantesten Probleme für den Erzieher wie auch Kr den Laien ist das neue russische Schulwesen, das in den letzten Jahren viel besprochen wurde. Die „Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas" (Präsidium: Staats- Minister Dr. Schmidt-Ott, Prof. Tr. Otto Hoetzsch, M. d. R., Prof. Dr. Max Gering) bietet hier einen instruktiven Füh- : rer über dre. russische Arbeitsschule, per. in grundlegenden ' Aufsätzen die Sowjetpädagogik aus - der Feder führender russischer Schulmänner behandelt und so erstmalig amtliches Material über die Arbeitsschulvevhältnisse in Rußland enthält. — Mitarbeiter des Buches, das eine genaue Erläuterung von Gegenständen der Arbeitsschule bringt?» sind A. Lunatscharskh, Volkskommissar für Volksbildung; A. Pinkewitsch, Rektor und Professor der 2. Staatsuuiversirät, Moskau; S. Lunatscharskaia u. a. — Das Büchlein orientiert über die neuen Schulverhältnisse in SowjÄtrußland. Max Brod hat einen neuen Roman, „Die Frau, nach der man sich sehnt", vollendet. Das Buch wird im Herbst dieses Jahres im Paul Zsolnay-Verlag, Berlin und Men, erscheinen. Sun Aat Sen, der Organisator der Revolution in China, hat seine Lehren in mehreren Werken selbst niedergelegt und in den „Drei nationalen Grundlehren" einen vollständigen Ueberblick über die Entstehungsgeschichte der Revolution und die Gründe des Hasses gegen die Ausländer gegeben. Der erste Band dieses Werkes „Die Lehren vom Volkstum", durch Tsan Wan, Lektor am Orientalischen Seminar in Leipzig, ins Deutsche und bannt zunr erstenmal in eine europäische Sprache übertragen, erscheint demnächst im Schliefstn-Berlag zu Berlin W 35. Mette Guilberts Memoiren „La chanson de ma vie" erscheinen in deutscher Übersetzung von Franz Hessel mit zahlreichen Wbildungen im November im Ernst Rowohtt Verlag, Berlin. BÜCHEREINLAUF. Die Arbeitsschule in Sowjetrußland. Herausgegeben von der ,Ieuischen Gesellschaft zum Studium Osteuropas". Ost- Enropa-Verlag, Berlin. Jüdischer Almanach aus das Jahr 5688 (herausgegeben im Aufträge des Keren Kajemeth Lej'.srael), Prag. Dr. Nathan Birnbaum: Im Dienst der Verheißung. Hermon-Verlags-A.-G., Frankfurt a. M. Adrian Mohr: Fischfang ist not! Verlag Koehler L Amelang, Leipzig. Dr. Ernst Rothe: Schönheitspflege des Mannes. Verlag Max Hesse, Berlin. Elijahu Ben-Zion Sadinsty: D'.e nationale Soziatüt.. Verlag der Freien Zionistischen Blätter, Heidelberg. G. Wells: Menschen, Göttern gleich (Roman). Verlag Paul Zsolnay, Wie:,. i" tf pji. ,r'!(;v-. $ | ¥ % & KV