Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3031 (7.8.1927)
- Date
- 1927-08-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3i. Wien, Sonntag Wiener Morgenzsttung August 1927 Wo Ad die Loten? Die Wiener Hotels sind wieder voll. Fremde aus allen uldern der Erde sind gekommen, um Wien zu sehen. Eine erfreuliche Tatsache, gewiß. Was wollen die Fremden in Wien kennen lernen? Die Museen? Die Kunstschätze? Den Wienerwald? Den Heurigen? Die Kaprrzinergruft? Die Kärntnerstraße bei Tag und vor allem bei Nacht? Die Strandbäder? Die Wohnhausbauten der Gemeinde? Die schonen Wiener Frauen und Mädchen, besonders sehenslvert zu dieser Jahreszeit, da sie so angenehm durchsichtig sind? O nein! Die Fremden kommen zu uns und wollen Tote sehen! Ja, so ist es. Schlachtenbummler reisen direkt vom Versailler erhaltenen — zur Auffrischung des Völkerhasses erhaltenen — Kriegsschauplatz zur noch frischen Kampsstätte auf den Schmerlingsplatz. Kaum daß Mister John in: Bristol angekommen ist, wünscht er den Kriegsschauplatz Leim Parlament zu besichtigen. Aber alle die vielen Misters sind schwer enttäuscht. Die einzige Ruine des Justizpalastes ist für amerikanische Verhältniffe ein lächerliches Schaustück. Man sieht keine Toten in Drahtverhauen hängen, auch vergewaltigte Mädchen sind nicht zu sehen, die Oper ist nicht in die Luft gesprengt worden, und die Burg auch nicht, und überhaupt ist es unerhört, daß Wien nicht so aussieht, wie es in den großen Blättern der Weltpresse dargestellt wurde. Wozu ist man gekommen nach Vienna in Balkania? Eine schöne Stadt, jes — aber wo ist das Schlachtfeld und Ivo die hunderttausend Toten? Wir armseligen Ureinwohner dieser Stadt, je nun, wir haben mehr als genug an den Toten, die jener Unglückstag verschuldet hat, und die Brandruine auf dem Schmerlingsplatz genügt uns mehr als nur irgendwie vorstellbar, vollständig. Aber dem Fremdenverlehr, ja, diesem Wirtschaftssaktor, dem genügt das alles noch lange nicht! Das ist zwar weniger traurig, als der Trauertag vom 16. Juli, aber traurig ist es, daß der Schreiber dieser Zeilen die verhüllten Vorwürfe eines vornehmen Fremden mit eigenen Ohren hören mußte. Freilich hat dieser Bewohner Viennas eine entsetzliche Tat auf dem Gewissen — er hat dem Fremdenverkehr geschadet! Weil er nämlich dem Mister John aus New Dork in U. S. A. im Laufe der Tätigkeit als Fremdenführer, ob der enttäuschten Fragen, vor dem Justizpalast eine Ohrfeige versetzt hat.;f. c.r. Großer Hotelbrand in Tirol. PALAIS MODEN Julius Kruprtik j VII., Kaiserstraße 111, 113, 115 | Die neuesten Herbstmodelle ||| ■ der führenden Pariser Häuser jj und des eigenen Ateliers J in Mäntel, Kleidern, Kostümen, | Nachmittags- und Abendtoiletten zu Vorsaisonpreiseh Wegen Umbau werden die Restbestände unserer I Sommer*Modelle in Kleidern, Mäntel, Kostümen, I Nachmittags- und Abendtoiletten zu jedem annehm- J jjj barem Preis abgegeben. jj| sind. Das ganze Gepäck der Ressenden, das Mobiliar in den Fremdenzimmern usw., sowie das im Hotel befindliche Post- und Telegraphenamt wurde ein Raub der Flammen. Die Verletzten wurden bis zum Eintreffen von Sanitätsmannschaft aus Neutte auf einer Wiese gebettet. In den ersten Frühstunden trafen endlich Feuerwehren auf dem Brandplatze ein, die in bravouröser Wesse zu retten suchten, was noch zu retten war. Die oberen Stockwerke sind total ausgebrannt. Der Hotelier loar mit 160.000 Schilling versichert, doch ist der Brandschaden weit höher. Aus Neutte sind zahlreiche Autos nach Holzgau gefahren, um die Verletzten, denen von mitgefahrenen Aerzten die erste Hilfe geleistet wurde, rasch ins Spital zu bringen. Drei Tote, zahlreiche Verletzte. Oetz (Tirol), 6. August. Ein furchtbarer Brand hat den FremdengasHof „Zum Hirschen" im Holzgau eingeäschert. Drei Personen werden vermißt, vier Personen wurden schwer und zahlreiche leicht verletzt aus dem brennen« den Hotel geborgen. Eine F r a u, die aus dem zweiten Stock in die Tiefe sprang, brach beide Füße. Das gesamte Mobiliar sowie das Gepäck der Hotelgäste ist verbrannt. Das im Haus untergebrachte P o st a m t fiel gleichfalls den Flammen zum Opfer und sämtliche Briefschaften wurden vernichtet. Furchtbare Einzelheiten. Die Korrespondenz „Herzog" berichtet aus Reutte: An eine eigentliche Löschaktion war zunächst überhaupt nicht! zu denken, zumal niemand in der herrschenden Kopflosigkeit wußte, wo Feuerspritzen, Leitern usw. I A u g e u 3 e u g e n berichten, daß das Hotel ivie Zünder, brannte und daß das Krachen einstürzender Balken stundenlang dauerte. ' Aus dem Inneren habe man entsetzliches Schreien gehört. Während die Leute im elften Stocke noch größtenteils das Freie erreichten, tvar den Fremden im zweiten Stocke dies schon unmöglich gewesen, weshalb sie den Sprung in die Tiefe wagen mußten. Rauchwolken verhinderten zunächst jede Annäherung der Ireuigen alarmiertey Ortsbewohner, die sich in heroischer Wesse an der Rettungs- und Löschäktion beteiligten. Jede Post-, Telegraph- und Telephon- Verbindung mit Holzgau ist unterbunden. Genaue Einzelheiten jvevden erst morgen zu haben sein. Die in Neutte eingetroffen-en Personen sind halb wahnsinnig, infolge des ausgestandenen Schreckes. Wie die Korvesp. „Herzog" erfährt, befand sich au Frau Dr. Käthe Prager, die Farn des Wiener phn Dr. Hans Präge r im „Hotel Hirsch" in Holzgai- Ob die Dame Verletzungen erlitt, ist zur Stunde nicht bekannt. Furchtbares Autounglück. Seel «in»« tat, zwei Mw« »«letzt. Stuttgart, 6. August. (Wolff.) Gestern abends erlitt in Möckmühl das Automobil derFirma Lichtig aus Heilbronn einen Unfall dadurch, daß der linke vordere Steuerbolzen brach. Der Chauffeur konnte den Wagen nicht wieder halten und das Auto raste gegen das Haus des Landwirtes Schmidt mitten in eine Schar Kinder hinein, die schon früher dem Auto ausgewichen waren urtf sich vor dem Haus aufgestellt hatten. Hiebei wurden ein vierjähriges Mädchen und zwei Knaben sofort getötet, während zwei Kinder im Alter von acht Jahren schwer verletzt wurden. ElugeSschert Md begrabe». Ein Schicksal nach dem Tode. Der „Frarckf. Ztg." wird geschrieben: Unter den Opfern des Wiener Schveckensfveitags war mich ein gchvisser Rudolf Jngu's, der sich in der kommunistischen Bewegung betätigt hat. Gr war zur Zeit der Herrschaft der ungarischen Kommunisten in Uw- Zgarn, hat dort eine gewisse Rolle gespielt nnd nach dem Sturze Bela Kuns Ungarn verlassen. Gr wurde später voir einem ungarischen Gericht in contumaciam zum Tode verurteilt. (Diese Behauptungen sind von Wiener rechtsstehenden Zeitungen gemacht, aber nicht bestätigt worden. Red.) In Wien war er angeblich Mitglied des GewerlschaftsrateS der österreichischen kommunistischen Partei und des Zentralkomitees der österreichischer Roten Hilfe sowie auch Berater der -russischen Handelsvertretung. Nun wurde er am Freitag voir einer tödlichen Kugel getroffen Da er aus Subotiea (jetzt SLdslawien, früher Ungarn) stammt, wurde seine Asche (die Leiche tvurde im Wiener Krematorium verbrannt) nach seinem letzten Wunsche (er ist nicht gleich gestorben, sondern erst auf dem Operationstische) nach Subotiea übcrgeführt. Nun zeigte sich, daß der DLensch auch nach dem Tode noch ein Schicksal haben kann. Und das kam so: Jngus war Jude. Die jüdische Gemeinde in Subotiea befand sich in der größten .Verlegenheit; es hat sich nänMh noch nie ereignet, daß man die lieber« sie eines Verbrannten im Friedhof bcigesetzt hätte, und die jüdische Gemeinde war sich nicht klar, welchen Standpunkt sie da einnehimeN sollte. Obcrrabbiner wollte am Leichenbegängnis Ltzine S falls te ilnehmon. Hierauf wandte .sich die FcmHUe « Ml den reformierten Geistlichen, -der auch bereit war,! bei der Beerdigung zu assistieren.' Da aber die.reformierte Gemeinde keinen eigenen Friedhof besitzt und sie DottzN $tt einem Teile des katholischen Friedhofes beerdigt, mußte d^ $p> mitie hiezu auch die Genehmigung dar katth o^stiischö-n Mein c i n d e haben. - l; Da dieS aber so gut wie ausgeschlossen Wa!r, WandtS'sig?sich an den griechisch-katholischen Ge-iMHchien,der -zur Antwort gab, daß man leider im gÄchisch-kathol^chvt^FrvÄHosiWrr Griechisch-Katholische beerdigen dürfe. Die FcünÄft stmü> ratlos da und es kam beinahe schon zu einer behördlichere Inter-- vcntion, als die jüdi sche-GemeiHndo doch ihre E-ö.niEjKWig u n g gab, die Urne im jüdischen Friedhof Lvsrdßgen zu kaffe», jedoch ohne die Teilnahme! des Rabbiners bei der Beerdigtzytz. So wurden die Ueberrxste >deS Artzus endlich dach' der Mutter Erde übergeben. - 1 Sttandrevue in drei Ättdem. Bon Heinrich B. Kranz. Deauville. Alles ist hell, weit, geräumig, funkelt von Sauberkeit: Der Strand, die Promenade, hinter der sich die wetßglänzenden Badehäuschen hindehnen. das winzige Cafe mit Bartssch. Hier haben sich zwischen grauhaarigen steifen Lords und Zierlichen Pariserinnen Amerikas Millionärssöhne Rendezvous gegeben. Hier flierten sie mit glutäugigen Filmßiars und hochbeinigen Revuegirls. Man hört Gespräche Aber Auto, Polo und Rennen. Auch über Spiel und Geld, Has ist nun mal so. Die Badeanstalt, von Sonnenglanz übersprüht, ist wie eine römische Therme: Säulengänge, Springbrunnen, dufßende Blumenrondos, alles ist hell, weit, geräumig. Und dann diese göttliche Ruhe. Hinter Strand und Therme ein breiter, kurzgeschnittener Rasen, wieder Blumen, Tennisplätze auf braunrotem Grund, ein Cricketterrain und erst jenseits des weißasphaltierten Gehweges die Front der Luxushotels. Sie sind nicht übernräßig hoch, keine Monumentalbauten wie in Ostende, sondern im englischen Stil, haben blumengeschmückte Balkons und bunte Sonnendächer. Die Berge, die den Strand umkränzen, geben liebevolle Geborgenheit. Alles ist so vornehm, ruhig, nervenreinigend. Das Auge feiert Feste, das Baden wird Nebensache. Am Strand englische Gelassenheit, gedämpfte Heiterkeit. Und viele schöne, sehr schöne, berauschend schöne junge Frauen. Manchmal promeniert eine ältere, grauhaarige, aber immer schlanke Aristokratin vorbei. Dann die hochgewachsenen Söhne Albions, sehr jung und blond, gedrungene amerikanische Sportgestalten, ein paar schivarzlockige lebhafte Franzosen. Das sind Schauspieler, Schriftsteller, Mgeordnete. Uoberall Flirt. Flirt im eleganten, leichten Plauderton, Flirt, der keine Anzüglichkeiten oder Uebevmut kennt, der mit Worten jongliert wie mit Bällen, sie in die Hohe wirst amd dann wieder kokett fallen läßt. Eine Gruppe reizender brünetter Amerikanerinnen, jode unter einem farbigen Sonnenschirm, ist um ein Grammophon gelagert. Paul Whiteman spielt auf. Wer auch er ist hier nicht lärmend, sondern beinahe melancholisch abgedämpft, die Musik der Wellen, die leise yerüberrauschen, begleitet die rhythmischen Synkopen — was für ein elegischer Tanz ist doch dieser Charleston hier und doch so feurig, wie ein schwerer, roffunkelnder Bordeaux. Und überall Sonne. Aber Sonne, die nicht glühendheiß über den Körper rinnt, sondern wie ein laues Bad, in das man die Nerven mit Wohlbehagen gleiten läßt. Die Augen bleiben frei, die Sinne gespannt — abends winkt ja der Spieltisch im Kasino. Bis Sonnenuntergang träumt man ins Meer hinaus, verfolgt das Spiel von Flut und 'Ebbe. Fern am Horizont taucht eine englische Nacht auf. Ihre schneeweißen Segel flattern im Westwind wie Möwenflügel. Blareggio. Lärm, Sonne. Sonne, Lärm. Das Meer ist tiefblau und mübewegt, der Himmel unbewegt und tiefblau. Die Luft bebt und zittert, die Sonne tropft Glut über die braunen Körper — oh, wie nah man ihr hier ist. Dürstend streckt man die Arm« aus, um sie vergehend zu umfangen. Afrikanische Hitze. Tauserrde Menschen. Ein riesiges Ameisenheer bedeckt den glutheißen Strand. Ueberall kribbeln schwarze Trikots. Wo ist ein freies Plätzchen, um sich rösten zu lassen. Ein Gewinnnel und Gezappel, Drängen und Laufen, Jauchzen und Kreischen, alles ist hier lebhafter als irgendwo, südlich beschwingter. Römerinnen mit aufgelöstem langen Haar und kaffebraunen Gliedern stolzieren vorüber, Kinder in göttlicher Nacktheit klettern über schweratmende Schläfer. Rückivärts, bei den Lkabinen, unter feuerrotem Sonnendach. sitzt eine Familie aus Pisa: Drei Frauen, vier.! Männer, Großvater, Muter und Kind. Sie sind in Alltags- Jj gewändem, lachen und schwatzen, sind lärmend froh. Sie sind j 'gekornmen, um die kleinen Enkeln im Sand strampeln 311* r<ben. Südliche Ungeslmmsenheit wärmt das Herz. Schöne Frauen gibt es nur am Strand vor den großen Hotels. Dann sind es Amerikanerinnen, sie sind ja überLI, und Russinnen. Hier ist es ruhiger, sogar die Sonne — merkwürdig — brennt hier nicht so heiß und der Sand ist rabbinffches Bureau; die Zahl der Mitglieder jedes rabinileuchtend rein. Mtt Entzücken läßt man ihn durch die Finger rieseln. Ganz in der Nähe, kaum einige Schritte weit, tuten Autos. Zwischen Strand und Hotels, winzigen Bars und Palmen raseir sie dahin, als wären sie vom Teufel gejagt. Offiziere in Uniform sitzen am Volant oder schwarzhemdige, braunverbrannte Jungen, sie tvissen vor Uebermut nichts Besseres, als ihre Muskeln mit der Natur zu messen. Wer ist das nicht wunderbar! ' Am Strand, in den Cafes an der Promenade, auf der Straße, seW vor der Front der Pensionen und Hotels Pyjamas. Pyjamas in allen Farben, in allen Moden, in allen Spielarten von Seide bis Flanell. So spaziert man ungeniert den ganzen Tag, wie im Korridor zwischen Badezimmer und Spoisesaal. Man ist viel zu lässig, der afrikanischen Glut mit modischer Etikette zu trotzen, man erklärt sich für besiegt und spielt Tropenleben. Nur die schönen Frauen lassen sich es nicht nehmen, mit dem Rüstzeug der nroidernen Venus, Trikot, Bademantel und Pyjama in den Kampf zu treten. Höllenheitze Sonne! Fern, am leuchtend klaren Hmunel ziehen langsam Fischerboote vorüber. Ihre gelben und roten Segel liegen schlaff, kein Windhauch beflügelt ihren stillen Weg. Blur. Morgen st -,-strgang im weißen Flugsand. Vom graugrünen Meer her, das in gischtigen Wellen behend gegen den Strand läuft, streicht eine salzige Brise. Sie umspMt die Glieder, strafft sie. läßt die Haare im Wmd flattern, erfrischt Augen und Stirne. Die Sonne leuchtet von einem blauen Himmel. Wer weiße Wölkchen schaukeln fern am Horizont. Sie sind wie Tiergestalten oder wie Schiffsformen. , duftig wie Flaum und geeckt gleich . einev MpOaMHaH. >