Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3031 (7.8.1927)
- Date
- 1927-08-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien. Sonntag Wiener Morgenzeitung Die Bombenattentate in Amerika. Lote und Schwerverletzte, enormer Sachschaden. — Sie Antwort der Anarchisten aus den Hinrichtunosbeschlutz. Ncwyork und ganz Amerika befindet sich zur Stunde in höchster Erregung. Mitten im Herzen der Stadt explodierten Ekrasitbombcn» die Untergrundbahn ist schwer beschädigt worden, Tote und Verletzte liegen in den Spitälern. Aber auch in Philadelphia flog eine Kirche in die Luft. Es ist leider anzunchmcn, daß es mit diesen entsetzlicher: Airschlägen nicht sein Bewenden haberr wird — Amerika toird noch lange unter den Wahnsinnsattentatcn der „Propaganda der Tat" zu leiden haben. Das ist die Antwort der nihilistischen Elemente auf das Urteil im Prozeß Saeco und Vanzetti. Nachstehend die Depeschen: Rewyork, 6. August. (Wolfs.) Ju der vergangenen Nacht kurz vor 12 Uhr erfolgten in v i e r U nt er g r un dbahnHöfen Bomvcncxplosronen, durch die die Bahnsteige zerstört wurden. Die Explosionen ereigneten sich sämtlich im Stadtzentrum zwischen der 23. und 33. Straße. Die Explosionen in der 26. Straße waren so heftig, daß am Broadway die Fenster in sechs Häuserblocks zertrümmert wurden. Auf den Untergrundbahnhöfen wurden mehrere Personen vorletzt, einige davon schwer. In den angehaltenen Zügen brach eine Panik ans. Ae llutergrundbahnstalion zerstört. Die Explosion erfolgte um 1/21 Uhr nachts, und zwar gerade unter dem Gebäude der Corn Exchange-Bank. Die Untergrundvahnstation ist vollständig zerstört: Die Bergungsarbeiten gestalteten sich außerj ordentlich schwierig. Die Bombe war mit einem Zeit- | zünider versehen, doch erfolgte die Explosion vo r z e i t i g. Anscheinend hatten es die Attentäter auf die b e i d c n Züge abgesehen, die sich eben der Station näherten und automatisch zum Still st ehen gebracht wurden. . , Nach der Explosion entstand ein Feuer, das aber bald gelöscht werden konnte. Die Wirkung des Luftdruckes war sehr stark. Hunderte von Fußgängern wurden zu Boden geworfen. Das Schlachtfeld am Brodway. New York, 6. August. (Wolfs.) Durch die Explosionen auf den Untergrundbahnhöfen wurde nicht nur der Untergrundbahnverkehr unterbrochen, sondern auch der Straßenbahnverkehr. Der Brodway war in der Nähe der Explosionsstelle mit Glassplittern und m i t W a r c n b c d c ck t. Sieben Personen wurden schwer verletzt. Pan». Als die Explosion erfolgte, glaubte man auf dem Broadway, daß ein Erdbeben stattgefundeu habe. Unter den Fußgängern und Autofahrern entstand fürchterliche Aufregung. Me Automobile fuhvcn wild durcheinander, mir sich zu retten, Tausende von Fensterscheiben wurden zertrümmert. Die Bombe war in einer Telcphonzelle explodiert. Lahmlegung des Berkehrr. N ewy o rk, 6. August. In Newyork herrscht ungehe u r e C r r e g u n g, da es sich offenbar um ein Attentat handelt, das mit der Angelegenheit Saeco "Vanzetti zusammen - hängt. Der Verkehr auf der Jntevborrough—Brooklyn— Manhattan-Untergrundbahn, ist vollkommen lahmgelegt. 8kn Attentat in Philadelphia. New York, 6. August. (Wolfs.) Ehe sich die Aufregung über die Explosion auf der Untergrundbahn gelegt hatte, traf hier aus Philadelphia die Meldung von ei"er n e u«e n f u r ch tbaren Explo sion ein. Dort hat ein unbekannter Täter eine Bo urbe durch ein Fenster einer Kirchegcworfen. Kundgebungsverbot in Paris. Paris, 6. August. (Tel.-Komp.) Im heutige,: Mnisterrat wurde beschlossen, jede öffentliche Kundgebung als Protest gegen die Hinrichtung Saccos und Banzettis zu untersagen. Vor der amerikanischen Botschaft und vor dem amerikanischen Konsulat ist ein v e r st ä r k t e r Ordnungsdienst eingerichtet worden. Die Fußgänger dürfen nur die Bürgersteige auf den gegenüberliegenden Straßenseiten benützen und jeder, der das betreffende Gebäude betreten will, hat sich zu legitimieren. tXXXXXXXXX>QO00nnQQQnQOigoOQOOMPOCQO0OO000'00O00Oc^^ Der Kongreß des bolschewlkifcheu Zentralkomitees. Krieg und Klastrntamps. Moskau. 8. August. Die stürnrischen Angriff Trotzkis und der anderen Oppositionsführer gegen die Parteileitung dringen über die hermetisch geschlossenen Kremlinauern, hinter denen das Zentralkomitee tagt, nicht hinaus. Man hört nur. daß sich die Opposition in schärfster Kritik gegen die U eb e rt reib u ng einer drohende'n Kriegsgefahr wendet und die Unpopularität des Krieges betont, daß die Arbeiter sich fragen würden, wofür sie eigentlich kämpfen sollten, wenn sie gleichzeitig sehen, daß die Parteileitung in kleinbürgerlicher Theorie den Aufbau des Sozialismus in nur einem Lande für möglich halte, daß das sozialistische Werk keine Fortschritte mache und daß die Parteileitung zur Schwächung des Klassenkampfes führe. In dem zweifellos nicht sanften Kampfe der Geister und Theorien im Kreml antwortet gegen die Opposition als erste Frau Krupskaja, die selbst bis zum Frühjahr oppositionell war, jetzt aber aus Seite Stalins steht. Ihre Rede verdient hervorgehoben. zu werden, iveil sie typisch ist für die Methode der großen Auseinandersetzungen im Kreml: Ablehnung aller sachlichen Erörterungen, Notwendigkeit eiserner Disziplin ist der immer wiederholte Gedanke der Partei. In der Diskussion im Klub erklärte Frau Krupskaja unter stürmischem Beifall, ein Soldat darf, wenn marschiert wird, nicht die Frage aufwerfen: Warum hier und nicht auf einem anderen Wege? Wohin der Kurs und die Stimmung geht, zeigt ein Aufruf der einflußreichen Gesellschaft alter Bolschewisten an alle Parteimitglieder, der energisch Protest gegen die Opposition erhebt und verlangt, daß die Partei ein glattes Ultimatum stelle, daß sie sich sämtlichen Parteibeschlüssen widerspruchslos fügen soll und /ordert endlich mit aller Entschiedenheit, daß die Leiter der Opposition Mts dem Zentralkomitee ausgeschlossen werden, auch wenn sie sich noch so große Verdienste um die Partei erworben hätte»:. Jetzt müsse die eiserne Disziplin und di« Wahrung, der Parteiermgkeit allem anderen vorangchcn. , Konivromlttierte Smmnnnttten. M o sk a u, 5. August. Großes Aufsehen erregen die Ausschreitungen führender Kommunistei: in Taschkent, deren Privatleben schwerer: Anstoß hervorruft. Der dortige Sekretär des Exekutivkomitees und sein Gehilfe machten mit weiblichen Angestellten der Partei Somttagsausflüge im Dienstauto, bis bei einer solche,: Gelegenheit der Parteisekretär in betrunkenem Zustande ein Mädchen, das ihm nicht zu Willen wa'r, erschoß. Der Täter und sein Gehilfe wurden von der Kontrollkommission aus der Partei ausgeschlossen. Das Strafverfahren wurde eingeleitet. An Putsch in ein« nirainischen Grenzstadt. Warschau, 6. August. Nach polnischen Meldungen aus Moskau wurde heute nachts die kleine Garnison K o i d a n o w in der Sowjet-Ukraine uahe der polnischen Grenze von einer Bande Aufständischer unter Führung des Hetmans Klima überfallen. Ein Bataillon Infanterie des sowjetrussischen Inf.--«Reg. Nr. 39 wurde in der Dunkelheit während eines Gewitterregens entwaffnet, 10 russische Soldaten und Beamte, darunter unbeliebte örtliche Sowjetfunktionäre wurden getötet. Der örtliche Leitex der GPU. rettete sich nur dadurch, daß er sich geschickt versteckte, vor dem Tode. Kurze Zeit nach dem Ueberfall erschien ein anderes russisches Bataillon mit einer Stöteiluiig GPU.-Polizei in Koidcmow und nahm die Verfolgung der Aufständischen auf, doch ohne Erfolg. Katastrophaler Fernbeben. Rom, 6. August. (St-esanr.) Die seismographischen Apparate des Observawmmrs in Faenza und des geopWischen Institutes in Neapel haben heute nachts ein überaus flarkes>Fernbeben in der'EntstrMmg von etwa 0800 Kilvmetereverzeichnet. ' Die Erschütterungen dauerten'oüÄtstzej'St'Iunben und nwmt derart heftig, daß die Schreib fe dern derÄpparate Zerbrachen. Man nimmt an, daß in der Nähe des Herdes des Bebens katastrophale Verwüstungen hervorgerufen worden sind 7. August 1027 Nr. 3031 Montag, den 8. August 1927 finden folgende Wählemrsaminliingeit für die Liste Pro-Jewlsli aucdcq Präsides! Welzmann statt. II. Sektion! 11., Zirkusgasse 38. Referenten prof. Rat, Dr. Jsr. Tauber Sektion Prater! II., Jungstr. 8. Referenten: Dr. I. Schalit, prof. Rat IX. Sektion« Cafe City, Porzeilang. 1. Referenteni Dr. Z. Finkeistein, Dr. Jacob Werner XX. Sektion! XX. Jägerstr. 80. Referenten: Dr. Z. Finkeistein, Dr. Jsr. Tauber. Beginn aller Versammlungen halb 9 Uhr abends. Sie antisemitische Hetze in Wien. Eine Mitteilung »er Eeuerulvrolumtur im Den serBnnt) litt Wischen «Meute. Wie mitgeteilt, hat der Verband der jüdischen K a u f l e u t c n n d G e w e r b e t r e i L e n d e u in einer Eingabe an das Bundeskanzleranrt und die Geueralprokuratur ein Einschreiten der Behörden gegen die nach dem 15. Juli begonnene antisemitische Hetze verlangt. Der Verband hatte auch einen in dem Häkenkreuz-Tagblatt erschienenen Artikel als Musterstück dieses Treibens beigelegt. Die Generalprokuratur hat nun: dieser Tage dem'Verband in einer Zuschrift mit geteilt, daß die Genevalstaatsanlvaltschaft die strafrechtliche Untersuchung gegen das Blatt wegen Beleidigung einer Relig'ionsgenossenschaf t eingeleitet habe. Manische Polizisten. Exzesse Vetrimkener Wachleute. Aus Kowno wird gemeldet: In dem litauischen Städtchen Kran haben sich die betrunkenen Ortspolizisten gemeinsam mit zivilen Huligans pogromartige Ausschreitungen gegen die Judenschaft des Ortes zuschulden kommen lassen. Die Trunkenbolde drangen in die Wohnungen von etwa 50 jüdischen Familien ein, schlugen und peinigten die Einwohner in der grausamsten Weise. Auch Straßenpassanten wurden schwer mißhandelt. Läden wurden demoliert. Einige jüdische Bürger wurden verhaftet und in: Gefängnis Torturen unterworfen. Es herrschte ungeheuere Panik. Eine Abordnung der Judenschaft des Ortes traf in Kowno ein, um bei den zentralen Behörden Beschwerde zu erheben. Sie veuttch'sranzSstscheu Handelsverttagsverhandlungeu. Bor den: Abschluß. Paris, 6. August. (Tel.-Komp.) Der Ministerrat trat unter dem Vorsitz Doumergues heute zur Erledigung laufender Geschäfte zusammen. Handelsminister Bokanowski teilte mit, daß die deutsch-französischen Handclsvertragsverhandlungen vor dem Abschluß stünden. Ein neuer Ministerrat wurde für Dienstag ernberrrfen, offenbar um einen neuen Bericht Bokanawflis entgegenzunehmen, da der Minister am Mittwoch na'ch Brasilien ab reist und bis dahin mit den Deutschen zu einer Einigung zu kommen hofft. Sa« Urteil »egen Saida verfchstrft. Prag, 6. August. Nach einer Meldung der „Nova Dobcr" ist das zweitinstanzliche Urteil in der Gajda- Angelegenheit fertiggestellt, doch wird die Publrzierung erst in der zweiten Hälfte Oktober erfolgen. Durch dieses Urteil wird zwar Gajda die volle Pension belassen, dasAr aber seine Degradation auS niedrigen und unehrenhaften Gründen vollinhaltlich bestätigt. Außerdem wird ihm durch das zweitinstanzliche Urteil das aktive und passive Wahlrecht für die Dauer von fünf Jahren aberkannt. Die Hinausschiebung der Publizierung des Urteils bis in die zweite Hälfte Oktober hat den Zweck, nicht nur die Kandidatur Gafdas als Spitzenfühver der Fascisten bei den kommenden Gemeindewahlen zu verhindern, sondern auch rechtzeitig eine Abänderung der Kandidatenliste zu vereiteln, wodurch die Fascisten von der Wahl so gut wie ansgi'schlossen werden. Prosrsior WSchtig. der Nachfolger HSrfings. Berlin, 6. August. (Tel.-Komp.) Das preußische Staatsministerium hat beschlossen, na h dem Rücktritt Hörsings den sozialdemokratischen Abgeordneten Professor Dr. Mächtig mit der kommissarischen Verwaltung des Oberpräsidiums der Provinz Sachsen zu betrauBN.