Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-08-06 · Heft 3030 (6.8.1927) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3030 (6.8.1927)
Date
1927-08-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2982118--30883-3019148
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

\5ctte 2 Wien, Sam Stag Wiener Morgenzettung 6. August 1927 Nr. 3030 Saft keine Hoffnung mehr. — Ae Grausamkeit der amerikanischen Snftiz. — K« Weltvroteft- Das Schicksal der beiden Verurteilten, Sacco und Banzetti, scheint besiegelt. Die grausame Justizmaschine Amerikas hat sieben lange, entsetzliche Jahre gebraucht, uni schließlich dieses Todesurteil zu Vollstrecker:. In der ganzen Welt lodert die Flamme der Empörung aus, ein Aufschrei des Entsetzens gellt über die ganze Erde. Vielleicht wird dieser Schrei noch im letzten Augenblicke auch in Amerika gehört werden! „Mörder!" Boston, 5. August. (Tel.-Komp.) Saceo und Ban. zctti schrieben gestern aus der Armcnft'mderzelle Briefe, in denen sie nochmals ihre Unschuld beteuern und den Gouverneur Füller, den Richter und den Staatsanwalt als Mörder bezeichnen. Sie wurden sterben wie alle Airarchisten: „Für die Anarchie!" Die bisherigen Verteidiger der beiden Anarchisten haben ihr Amt einem der bedeutendsten amerikanischen Rechtsanwälte abgetreten, der noch im letzten Augenblick versuchen soll, das Bundesgericht zu einer Intervention zu veranlassen. Es besteht jedoch wenig Hoffnung, daß die Verurteilten gerettet werden können. Generalstreik? Paris, 5. August. Gestern hat der kommunistische Gewertschaftsbund eine Manifestation zugunsten der Begnadigung von Sacco Und Vanzetti veranstaltet. Mehrere Redner griffen die Regierung der Vereinigten Staaten in außerordentlich heftiger Form an. Es wurde beschlossen, für den Fall der Hinrichtung vmr Saceo und Banzetti «nett vierundzwanzigstündigen General ft reik in ganz Frankreich zu proklamieren. Nach Schluß der Versammlung, an welcher Tausende von Personal teilnähmen, kam cs auf den äußeren Boulevards zu Zusammen stoßen zwischen Manifestanten und starken Polizeiaufgeboten. Buenos Aires, 4. August. Eine Nachricht aus N o s a r i a besagt, daß die Arbeiter heute »wegen m eurem Sympathiestreik für Sacco und Banzetti emgetveten und daß zwei amerikanische Geschäftshäuser von den Streikenden angegriffen worden seien. Man erwarte jeden Augenblick die Ausrufung des Generalstreiks. Proteste. , Rio de Janeiro, 6. August. Der Gemeinderat hat einen Protest gegen die Hinrichtung Saccos und Banzettis beschlossen. Moskau, 6. August. Die Presse veröffentlicht einen Aufruf der internationalen Roten Hilfe an die Werktätigen und Intellektuellen aller Länder, Protest gegen das Todesurteil Saccos undVanzettis zu erheben. Berlin, 5. August. Molff.) Die Berliner fveigewertschaftliche Spitzcnorganisation hat an die novdaineMrnische Botschaft in Berlin ein Telegramm gerichtet, in welchem sie im Namen von 400.000 organisierten Arbeitern und A nge ftell.ten Berlins gegen die Hinrichtung Saccos und Banzettis schärf st cn Protest erhebt und an die Regierung der Vereinigten Staaten in letzter Stunde noch einmal das dringende Ersuchen richtet, den Justizmord zu verhindern und eine Wiederaufnahme des Prozesses zu erwirken. §!n Funkfprnch d Wa rschan, 5. August. Die polnische Telegraphenagentur Mt mit, daß sie einen russischen Funkspruch ausgcsangen habe, in dem erklärt wird: rt&e schriftlichen Mitteilungen, die gestern der polnische Gesandte in Moskau, Patek, dem polnischen Ministerpräsidenten ,PAs«dsR in Warschau übergeben hat, bringen die endgültige Äsung des Konflikts, der anläßlich der Ermordung des Gesaudto» Wojkow entstanden war. Die beiderseitigen Erklärungen sind jetzt völlig befriedigend." - Sowjetregierung. Eine Bestätigung dieser Nachricht bleibt noch abzuwarten, doch zweifelt in Warschau niemand mehr, daß praktisch aus.dem Fall W ojk ow-Kowerda keinerlei weitere Konflikte mit Rußland entstehen werden. Der Attentäter Kowerda. W a x s ch a u, 4. August. Der Attentäter S o in c t d a wurde in das Gefängnis für Schwerverbrecher in Ära udenz zur Abbüßung der lebenslänglichen Kerkerstrafe transportiert. Ein sieg der Agrarier. ßoolidges Berlin, 5. August. Aus Newyork wird gekabelt, daß die Erklärung Cvolidges, daß er nicht mehr kandidieren werde, . . eine der größten politischen Sensationen der neueren amerikanische:: Geschichte sei. Coolidge sei sich der Tragweite seiner Erll.'i.-äg insofern bewußt gewesen, als er sie erst nach Schluß der New Yorker Börse bekannt gegeben habe, damit sie nicht zu Börsenmanövern mißbraucht werden könnte. Coolidges Erklärung bedeute, so meldet die „Bosnische Zeitung", einen Sieg der Farmer des Westens in der Republikanischen Partei. Sie hätte seit langem verlangt, daß die Republikanische Partei endlich einen Kandidaten oufstelle, der sich der Interessen der amerikanischen Landwirtschaft und der Baumwollpflanzer annehme. Kandidat des linken Flügels der Republikanischen Partei sei der Senator Lowden. Würde dieser aufgestellt und gewählt, so würde wahrscheinlich der Londoner Botschafter Houghton Staatssekretär des neuen Präsidenten werden. Sollte es dagegen der Großindustrie gelingen, auf der Invention der Republikaner einen Kwldidaten durchzudrücken, so habe der Handelsminister Hv-over die besten Chancen. Belgien für einen Titz ^-«tkchlandr in der MandatskoamMM. Paris, 6. August. Der belüische Ministerrat hat beschlossen, daß sich die belgische Regierung der Zuerkennung eines Sitzes m der Mandatskommission an Deutschland nicht widersetzen tverde, wenn von Seite Englands und Frankreichs kein Einspruch erfolge. König Fund in Rom. N o m, 5. August. Alle Zeitungen bemühen sich, den Aufenthalt des Königs Fuab von Aegypten mit der größten Herzlichkeit zu umgeben. Die auf dem offiziellen Esten im Königsschloß zwischen den. beiden Monarchen ausgetauschten Rehen werden namentlich in den Sätzen unterstrichen und begrüßt, in denen der König von Aegypten der italienischen Z i v '. l i sa t i on s t ä t igkc i t im Mittelmeerbecken Worte der Anerkennung und Aufmunterung widmete. Man scheint sich mit der Absicht zu tragen, eine neue große italo-ägyptischc Bank zu gründen, die als Brückenkopf für den ägyptischen Handel nach Emopa und für die europäische Ausfuhr nach Aegypten dienen soll. Außerdem soll beim nächsten Besuch des ägyptischen V n t e r r i ch tsm i n i sie rs dem Äedaivken der Gründung eines ägyptischen Erziehungsinstituts in Rom nahegetreten werden. Auch d'.e vatikanischen K r« i s« haben den König mit betonter Herzlichkeit ausgenommen. An Anschlag gegen 8bn Sand. Der Bruder des Königs Anführer der Verschwörung. Bas rah, 5. August. (Reuter.); Gegen den König von Hedschas, Jbn Saud, sowie gegen dessen Sohn, den Emir Saud, ist ein Anschlag verübt worden, der jedoch mißlang. Der Anführer der Verschwörung soll, wie es heißt, der Bruder des Königs, Emir Mohammed, fein. Die Verschwörer sollen auch versucht haben, den Gouverneur des Bezirkes El Hasa zu ermorden. Zehn Personen, die in diese Angelegenheit verwickelt tvaren, tvurdcn hinge r i ch t e t. Auf dem Weg zur Mifcheu -7. Wien, 6. August. Die jüdische Gemeindeordrunrg für' Palästina, die vor einigen Tagen publiziert nwrben ist, wird jetzt nritjMilt. Sie ist im Wege des Oktrois erftossen und stellt das vorläufige erste Resultat der mehr als zwanzigjährigen Bemühungen der Judenschaft des Landes dar, zu einer ftsten Organisation zu gelangen und sich ihr Leben und Streben autmmn zu bestimmen. Die Gcnwrndcvrdmmg verspricht großen politischen Nutzen. Sie anerkennt denvon der Judenschlaft gebildeten Natwnalvcrc als das Exekutivorgau einer aus Wahlen hcrvorgehcncen gesetzgebenden Körperschaft, &tc mit dem Budget- und Besteuerungsrccht ausgestattet wird. Daneben wird für Me religiösen .Angelegenheiten ein rabbinischcr Rat geschaffen, der in seinem Wirkungskreis autonom bleibt. Konscssümelle Svndergruppen werden als Kvngregativnm zugelassen, doch , wird ihr Verhältnis zu dem Rat nicht so genau umschoreben, als dies im Interesse des i:mcre» Friedens notwendig wäre. Was die Mitische Seite Mibctrisf^, so klafft auch hier eine empfindlich': Lücke. Es ist für d«l Wahl und den Zusammentritt der gesetzgebenden Körperschaft kein fester Termin gesetzt. Binnen sechs Monalen hak der '.Generalrat das Wahlreglenrfnt vorzulegen, "das vom Oberkonmnssär zu bestätigen ist. Erst sechs Monate :iäch -seinem Votum haben die Wählen stattzufindeir. Man muß ylso mit dem schwerfälligen buvoaukratischirn. Apparat der Regierungsstellen in Jerusalem und in London, vielleicht auch noch in Genf rechnen, .und so wird wohl, giü ein Jahr vergehen, ehe lvir die erste jüdische Konstituante werden begrüßen könne:!. Das ist angesichts der noch innner andauernden Krise in Palästina sehr bedauerlich, zu deren Bekämpfung eine legale und autoritäre jüdische Volks Vertretung Unendliches hätte leisten-können.!Abw die ersten Ansätze für eine unanfechtbare und mit aller Legalität ausgestattete politisch: Führung des palästinensischen Judentums sind jetzt geschaffen. Es ist der Rahmen gezimmert, innerhalb dessen sich die staatsbilbende Kraft dieser Bevölkerung wird enllvickeln können. Die Möglichkeiten für eine vollständige Verschmelzung lher einzelnen jüdischen Bolkselementc aus aller Welt «zu einer einheitlichen "Nirtion sind jetzt gesetzt. Das Imuß gute Und wohltätige Wirkungen auf den Gemeinsirw und ktitf die zweckentsprechenden Maßnahmen für die 'Besiedelung und für die Ausdehnung! 'des jüdischen Besitzes üüben. >Aber es ist noch viel mehr. DaS jüdische Volk in Palästina wird zu einer organischen politische Einheit zusammengesaßt, d«re:: .Legislative und Exvkutive mit vollster Befugnis äusgestattet ist, das Verhältnis zu den arabischen Bewohnern «zu klären und' — soweit' dies heute :wch notwendig istl— zur GLsuNAung W führen. Dies ist noch notwendig. «Die Viergiftungsversuche, die zwischen beiden Nationen -Zwietracht! und H'adcr streuen/dauern fort und erst vor kurzem ist ein infamer «Auffätz erschienan, der die Zionisten weder der Verdrängung des arabischen Arbeiters und Täglühners anklagte. Der Aufsatz trug den Namen des lateinischen Patriarchen Barlassina und' wenngleich dieser die Autorschaft dementiert hat, so ändert dies doch nichts an der verhetzenden Tendenz. lÄllüch für die 'Parteiverhältnisse im palästinensischen Judentum wird ein gesünderer Zustand'.geschaffen. Die sozialen Wirren Europas haben sich auch auis Palästina übertragen; den tvirtschaftlichen Aufbau, und die volle Entfaltung aller Kräfte unter den vielfach henrinenden Einfluß von hereingewehten Schlagworten gestellt. IDIas Blld der europäischrn Parteieirzcrklüftung ist auf einen Unfertigen ökonomischen Ban projiziert worden. Das kann nun: bedauern, aber die Parteien sind vorhmüren. Tic neue Situation gibt aber die Basis für eine klare und vernünftige .Entordnung nach politischen und wirtschaftlichen fGesichtsPünkten, Und toir werden, wenn es zu dem Wjcchlaufmarsch der Parteien kommt, einen mmnzweifelbaren Ueberblick über diese inneren Verhältnisse gewinnen. Zu dem kulturellen Mittelpunkt dieses erst werdender jüdischen Volkes tritt nun -auch das politisch-nationale. Zentrum. Neue Energien bekommen RÄmn und das wird erst dazu führen, daß auch das Judentum der Gialuth in die lveitaus Mrkere Einftußzone seines neineu Orgmnsationszclle gerät. Es wird von dort neue und lebeudige Impulse erhalten, von der ersten jüdischen Volksvertretung, die gegenüber der jüdischen Gemeinschaft, aber auch gegenüber b-ex Märrdatsmächt die legale Autorität darzustellen berufen ist. <UllllffL999lÄo?»9>^ WM)« 191 <<99915819% lw#9* Ausschreitnngen in Philippopel. Die Jüdische Telegraphen-Agentur meldet aus Sofia: Die antisemitische Hetze in Bulgarien nimmt tvieder überhand. Die faseiftffche Organisation „Rodna Zachtita" und ihr gleichnamiges Organ machen sich die Argumente der deutschen Hakenkreuzler zu eigen; Auszüge aus dou „Protokollen der Weisen von Zion" werden stark verbreitet und die Juden für alles Unglück, das Bulgarien betroffen hat, verantwortlich gemacht. Wmiderredner werden in die Dörfer geschickt, um die Bauernschaft auszuhetzen. In Sofia selbst werden Plakate affichiert, in denen die Bevölteruirg zum Boykott der Juden aufgefordert wird. Die Polizei entfernte diese Proklamationen. Tatar-Bazardjiktst das Zentrum der antisemitischen Hetze. Die Bauernbevölkerung der Umgebung wird mit Bmchiälgewalt daran gehindert, ihre Produkte an Juden zu i Jm X

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.