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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-05 · Heft 3029 (5.8.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3029 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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<3eö* 4 * Freitag Wiener Morgenzettrmg - 6. August 1927 Nr. 302S Rezepte aus dem Jenseits. In London fand dieser Tage ein Prozeß gegen zwe i Kur p fn sche r inne n statt. Die Einzelh.iten,die im Laufe der Verhandlungen zur Sprache kamen, lösten im Gerichtssaäl allgemeine Heiterkeit aus. Angeklagt waren zwtzi Frauen namens H a r v e y und H i l t o n, die sich zu gemeinsamer Ausnützung jener Menschenkatcgoric, die nicht alle wird, verbunden hatten. Sie unterhielten zu diesem Zweck in London ein klinisches Ambulatorium, dev: in einem Vorort ein elegantes Sanatorium angegliedert war. Die beider: findigen Schwindlerinnen hatten sich auch eines großen Zuspruches zu erfreuen. Sie betrieben ihre Praxis unter dem wohlbekannten Namen des Arztes Dr. Beate, der allerdings bereits seit mehreren Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt. Aber gerade der Tote bot ihnenein treffliches Aushängeschild. Die Patienten, die sich im Sprechzimmer vorstellten, imrrden durch Vermittlung des Gei st esdes toten Doktors „behandelt". Die beiden Frauen wirkten dabei als Medien, die den Toten zur ärztlichen Konsultation zitierten. Er folgte auch gehorsam und diktierte den Medien Rezepte. Gewöhnlich abx.r empfahl er den: Kranken dringend, für einige Wochen das Sanatorium auszusuchen. Die beiden Frauen machten mit ihrem Schwinde! ein glänzendes Geschäft, das keiner Reklame bedurfte. Eines Tages aber hatte sich ein mißtrauischer Journaliü als angeblicher Patient eingestellt, der d-n' Betrug ans Licht brachte. Wien, o. August. Sch-i..inmcvergcslung. Gestern vormittags sind im Hause Marchseldstraße 17 dre 53jährige Hilfsarbeiterin Joseftne P rN?, deren 24jiihrrge Tochter und die 42jährige Private Julia Rosenbusch nach dem Genuß von Schwämmen von heftigem Umvohlsem befallen worden. Tie RettungsH7sellschast leistete erste Hilfe und brachte Jossefine Prlik mit Bergiftungserscheinungen in das Allgemeine Krankenhaus. Vrer neue städtische Wohnhausbauten. Der Gemeinderatsausschuß für technische Angelegenheiten hat vier neue Wohnbauprojekte angenommen, dre zusammen 766 Wohnungen zur Ausführung bringen sotten. Der erste Gemeindebau soll auf der Wieden (Wredner Güttel, Ecke Schetteingasse) nach den Plänen der Architekten Joses Hahn und Karl E r n st errichtet werden. Ferner werden „Am Wienerberg" rn Favoriten und in Meidling zweigeschotzige Wohnhausölöcke errichtet werden. Die Entwürfe stammen von den Architekten .Karl Kr ist und Robert Oerleh. Ferner rmrd mit der Verbauung des vierten Teiles der .großen Wohnbauanlage in Meidling (Fuchfenfeldhos) begonnen werden. Den Bauplan hat Architekt Prof. Tr. Otto Prutscher entworfen. Schließlich wird noch in der Cu mb erlandstra ße in Hietzing nach den Plänen des Architekten M. Rosenauer ein Häuserblock nrit 267 Wohnungen erbaut werden. Die Gesamtkosten der, vrer Wohnbauten werden mit 42.7 Millionen Schilling' veranschlagt. Mlttronenzahlen aus der Bücherwelt. Die Bibttotheque Nationale in Paris enthält als dre größte Bibliothek der Welt 3,560.000 Druckbände, 500.000 Zeitschriften und 145.000 Handschriften. Die größte deutsche Bibliothek, die. Preußische Staatsbibliothek in Berlin, enthält 2 Millionen Bände. Europa ist nrit 120 Millionen der bücherreichste Erdteil, davon besitzt das Deutsche Reich allein ein Viertel. Die deutschen und österreichischen Bibliotheken enthalten zusammen 44 Millionen Bücher, nebenernandergestellt etwa 1263 Kilometer oder die Lustlinie von Berlin vis Neapel, aufeinandergelegt 150mal so hoch als der Mount Everest. Wenn man die Bibliotheken Münchens unter die Einwohner der Stadt verteilen wollte so könnte jeder fünf Bücher nach Hanse nehmen. BBBBBBBBBBBBBBBBBaBBBBBBBBBBBBBBBBSBflfl l Das neue Problem: M teures Telegramm ober ein billiger ausführlicher LirfHostbrief? Ein Telegramm lostet für zehn Worte 3.70 Schilling, ein Expreßbrief 1.10 Schilling; der Luftpostbrief, der in einigen Stunden nach Ausgabe in Wien dem polnischen Adressaten zugestellt wird, nur —.60 Schilling. Aufgabe bei allen Postämtern; am Abflugstage bis 7 Uhr 20 Min. morgens beim Hauptpostamt. BBBBBBBBBBflBBBBBBfiiBBBBBBBBBBIBBBBBBBBBB WIR bitten unsere Leser imd Freuyde, in Kurorten u. Sommerfrischen in allen Restaurants und Kaffeehäusern sowie in Lesehallen stets unser Blatt zu verlangen! Serichtssaal. Ser Anbruch in der Krankenkasse der Handelsangestellten. Die Buroauräume der Krankenkasse der Handelsangestellten in der Kolingasse wurden in der Nacht zum 31. Mai von Einbrechern heimgesucht. Sie erbrachen die eiserne Kasse und entnahmen ihr 25.000 Schilling Bargeld, das zur Auszahlung der Löhne und Gehalte für den nächsten Tag vorbereitet war. Der wegen Diebstahls bereits siebenmal vorbestrafte Friseurgchilfe Johann Kratky hatte vorher in einem Wirts-» Haus am Alsergrund herumgeredet, daß bei ihm eine - Einbrccherbandc wohne, die in den nächsten Tagen eine Kasse im neunten Bezirk „machen" werde. Dieses Gespräch wurde der Polizei verraten und Kratky verhaftet. Als Mitwisser hatte er von einem der Einbrecher, dem Pttvatbeamten Viktor Obal, 40 Schilling Schweiggeld erhalten. Nun gelang es, die übrigen Täter zu verhaften; es waren die Schlossergehilfen Friedrich R e s ch und Emil Peschak. Gestern stand die Einbrecherbandc vor den Schössen unter dem Vorsitz des Oberlandesgerichtsrates Dr. Hummel. Außer Obal, Resch und Peschak waren noch wegen Dieb st ahlslei ln e h m u n g der Schwager des Resch, der Schuhputzer Rudolf Pichler, dessen Gattin Leopoldine Pichler, die Hilfsarbeiter Franz S ch w e i g l e r und Alois H ö m st e i m und der Friseurgehilse Johann Kratky angeklagt. Sämtlich: Angeklagte Waren geständig. Ein großer Teil der Beute konnte zustande gebracht werden. Die Verhandlung wurde abends zu Ende geführt. Der Gerichtshof erkannte die Angeklagten Friedrich Resch und Emil Peschak des Gewohnheitsdiebstahls schuldig und verurteilte sic zu je drei Jahren schtvcren Kerkers. Das Urteil gegen Viktor Obal lautete auf zwei Jahre schweren Kerkers. Die übrigen fünf Angeklagten wurden nur der Diebstahlstkilnehmung schuldig erkannt. Alois H ö in st c i m wnrd: zu vier Monaten Kerkers, Rudolf Pichler zu zweieinhalb Monaten Kerkers, Franz Schwei g ler und Johann Kratky zu je zwei Monaten Kerkers, Leopoldine Pichler bedingt zu zwei Monaten strenge» Arrests verurteilt. Ae Kunst geht nach Brot- Vor dem Bezirisrichler D r. N e u d e ck hatte sich gestern der seit vier Tagen in Haft befindliche deutsche Maler uitd Kupferstecher Karl N a g l - D i ck wegen W o hn u n g s p r e l l e r e t zu verantworten. Der Künstler lvar tvenige Tage vor den Juli-Unruhen nach Wien gclommcii, um hier seine Arbeiten au den Mann zu bringen, konnte aber sein Vorhaben tvcgcn der ciltgetretencit Verhältnisse nicht ausführen. In seiner Rot fand er beu Weg zu den: Direktor der Wiener Kunstakadeinic, Dr. Otto R c i ch, und erhielt von diesc.in ein Darlehen gegeit Verpfändung einer größeren Anzahl von Kunstblättern. Doch auch dieses Geld ging bald ans und Nagl-Dick mußte ztvei Anerkennungsschreiben des Reichspräsidenten von Hindenburg und des ReichSver- IveserS Horthy bei Kunsthändlern gegen geringfügige Beträge verpfänden. Die Rechnung im Hotel Bavaria konnte er nicht bezahlen und übersiedelte in das Hotel A p o l l o, und als er auch dort nicht bezahlen konnte, in das Hotel Weste n d. In den Hotels gab er sich als österreichischer Staatsbürger ans, weil er über keine deutschen Ausweispapiere'verfügte. Vor Gericht beteuerte der Beschuldigte, daß ihm jede betrügerische Absicht fcruge- / legen sei. Er habe dem Portier einen Koffer mit sechs fertige,: Kupfcrstichplatten in Pfand gegeben, worunter sich auch ein wertvolles Bild befunden habe, an welchen: er sieben Monate gearbeitet habe. Der als Zeuge vernommene Direktor Reich sagte aus, daß Nagl-Dick durchaus einen seriösen Eindruck gemacht habe und daß seine künstlerischen Arbeiten den Wert der ihm kreditierten Beträge weit ü b e r st i c g e n haben. Die Hotel Portiers erklärten sich um eineu Betrag von 93 Schilling 90 Groschen geschädigt, schlossen sich aber den: Strafverfahren nicht an. Die Mutter des Dkalers hatte ein Schreiben mit 10 Mark Inhalt an das Gericht gesandt, in dem sie erklärte, sie wolle den Schaden gut machen. Beim Lesen des Schreibens brach der Maler in Tränen aus und beteuerte, daß er alles daransetzen wolle, um seine Holelschutden zu bezahlen, wenn ihm die Möglichkeit geboten würde, hier solange zu arbeiten, bis er die Beträge erarbeitet haben Iverde, und bat den Richter dahinzmvirken, daß ihm die Möglichkeit geboten werde, hierbleiben zu können, damit er seine Verpflichtungen erfüllen könne. Richter: „Das steht nicht in meiner Macht. Sie werden jedenfalls der PolizeidirLktion als Ausländer überstellt werden und diese wird über Ihr weiteres Schicksal zu verfügen haben." Der Richter sprach den Maler von der Prellerei frei pnd verurteilte ihn wegen Falschmeldung zu drei Tagen Arrest, die durch die Untersuchungshaft verbüßt erscheinen. □oaonnnaia Jns jüdische Maus das Jüdische Matt Kindermilch mit GlasWtter. Der verantwortliche Leiter der. N i e d e r österreichischen Molkerei, Karl Schi e hl er, hatte sich vor dem Strafbezirksgericht 1 zu verantlvorten, weil eine Berschleißstelle der Motterei schlechte K i n d e r m i l ch verkauft hatte. In einer Flasche wurde ein Boden saß von S ch m u tz» Futterbestandteile und vier kleine Glassplit t er gefunden. Der Angeklagte verantwortet«? sich dahin, daß die Verunreinigung nur von boshafter Hand herrührei: könne, da die Kindermilch immer besonders gereinigt iverde. Er erklärte, ec habe schon vor längerer Zeit eine Prämie von 160 Schilling für denjenigen ansgeseht, der eine Spur der Täter finden könne. Damals kam man »och vor Ablieferung von Milchflaschen cm die VcrschlciWellen darauf« idatz einzelne Flaschen einen Mchlzusatz enthielten. We'ge dieser Vorfällc wolle die Molkerei, Sie täglich 8000 Flaschen Kindermilch abfülle, die Herstellung von Kindermilch über ha up t c i n st elle >t. Der Richter beschloß, da gegen den Angeklagten noch ein Fall wegen verunreinigter Kindermilch bei einen: Bezirksgericht im Lande Niederösterreich anhängig ist, die Verhandlung zu vertagen, um den Akt vom dortigen Gericht herbeischcvffen zu können, damit.beide. Verhandlungen in Wien dnrchgeführt werden. Justizmord an Jakob Reknltz? Eine neue Untersuchung. — Jakob Reimt, unschuldig? In den rumänischen Salzbergwerken zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt, arbeitet nun Jakob R e i n i tz schon seit Jahren. Eine ganze Reihe von Raubmorden sind ihm zur Last gelegt worden, jahrelang hat sein Prozeß nicht nur die Polizei der Tschechoslowakei, Rumäniens und Ungarns beschäftigt, sondern, e .ich die öffentliche Meinung. Wiederholt fanden in der Tschechoslowakei und in Rumänien Verhandlungen statt. Wer obzwar ihm keines der ihm zur Last gelegten Verbrechen nach goto i c s e im werden konnte, wurde er zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt. Die besten Advokaten des Landes waren nicht in der Lage, das Geheimnis zu lüften, das die Morde de? Jakob Reinitz u in gab. Als vor einigen Monaten die Untaten der menschenfrcssewden Zigeuner ans Tageslicht kamen, die in der Ostslowakci ihr grausames Handwerk betrieben, hoffte man vorübergehend, auch für die Morde des Jakob Reinitz eine Erllärung zu finden, diese Hoffnung war vergebens. Nun berichten die rumäni-sä-rn Blätter, daß vielleicht doch ein I u st i z m o r d geschehen ist und daß vielleicht die Unschuld des Mannes ans Tageslicht kommen wird. Vor einiger Zeit haben die tschechoslowakischen Behörden einen Mann namens Moritz Fuchs verhaftet, der erklärte, er sei.Reinitz bei der Ermordung des einen Opfers, Hermann Groß, behilflich, gewesen. Die Angaben des Verhafteten waren präzis, es! wurde . auch seftgcstcllt, daß der damals in Satumare wohnende Jakob Rainitz mkt Fuchs in Verbindung stand, so daß man dem Schuldbekenntnis des Fuchs vollen Glauben schenkte, der genau za erzählen wußte, wie der Mord im Walde von Nagybanya begangen wurde. , Jetzt stellte es sich aber heraus, daß Fuchs verrückt ist und bereits zu der Zeit verrückt war, wo er sein Schuldbekenntnis aölegte und genau angab, wie er mit Reinitz zusammen den Mord begangen hatte. Gleichzeitig hat Reinitz aus dem Zuchthaus zu Nagyenycd an seinen Wvokaten einen Brief geschrieben, in dem er.Nou « Daten mittcilt, die "die Möglichkeit einer Revision des ganzen Verfahrens nicht ausschließen? Reinitz beruft sich nämlich nischt nur auf negative Tatsachen, mit denen er seine Unschuld Nachweisen will, sondern er beruft sich auf die Schuld anderer Individuen. Die von Reinitz mitgeteilten. Daten werden im Interesse der Untersuchung vorläufig noch geheim gehalten, doch sollen die rumänischen Gerichte nach Blättermeldungen, bereit sein, sich mit der Aburteilung des Reinitz nicht zufrieden zu geben. Dem Mitarbeiter der „Brassoi Lapok" wurde sogar mitge'eilt, daß, falls die neuerliche Untersuchung tatsächlich ein konkretes Ergebnis bringen sollte, in der Angelegenheit des Reinitz eine sensationelle Wendung bevorstehe. Die Angelegenheit des Jakob Reinitz ist daher wieder einmal in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Im gegenwärtigen sAugenblick stetz es aber noch nicht fest, bis zu welchem Grade Reinitz die von ihm gencachten Versprechen auch wird eiuhalten können und ob die von ihm angebotenen Beweise tatsächlich ernst genug sind, um dm ganzen Prozeß ,wch einmal aufrollen zu können. Am auffallendsten ist die Tatsache, daß Reinitz im Laufe der verschiebenen Verhandlungen über die jetzt von ihm mitgeteilten Daten geschwiegen Haft aber diese Umstände verschwinden neben der Tatsache, daß Reinitz jetzt die Möglichkeit geboten wurde, seine Unschuld nachzuweisen. ' Kleine Nachrichten. Wien. vGesten: hat sich die Mjährige -Näherin Stephanie Ni« kola, SiebenVrunnengasse 71, in ihrer Wohnung aus Gram über ihre Ehetrennung durch. Einatmen von Leuchtgas vergiftet und wurd^ beim Eintreffen der berufenen Rettungsgesellschaft ' its tot anMfunden. Ausrvilrts. In der Nähe von Marburg kam es gestern abends' auf der Straße zwischen zwei feindlichen Ziaeunerstämmen zu emem schweren Kampf, der mit Messern, Hacken usw. ausgetragen wurde. Mehrere Schwerverletzte wurden ins Kvanfenyaus gebracht. * ■ Die österreichische Fluglinie Wien—Konstanz wurde am Mttwoch in Betrieb genommen. Gestern um j/gö Uhr früh wurde in Los Angelemib in vielen Orten in der Nähe ein heftiges Erdbeben Verspürt.

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