Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3029 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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‘15gmtafl Wiettsr Morgenzeitüng o. August 10*2/ Jtt. 3Ö2Ö Sotto und Lanzetti nicht begnadigt. Hinrichtung am Id. August. Boston (Massachusetts), 4. August. (Tel.-Komp.) \ Der Gouverneur des Staates Massachusetts» Füller, hat die Begiradigung der znnr Lode veritrteilteu Anarchisten Sacco und Banzetti avgelchnt. Infolgedessen we^en die beiden Bcrurtciltcu» wenn nicht in letzter Stunde eine Wendung eintritt, am 1V. Angust hingerichtet werden. Die Entscheidung des Gouverneurs kautet: „Meine Prüfung des Falles Sacco-Vanzetti bietet mir . keine genügende Rechtfertigung zu einer Intervention gegen den Strafvollzug. Ich glaube mit dem Gerichte, daß diese Männer Sacco u«d Vangettischuldig si n d, und daß ihnen die volle Freiheit, sich zu verteidigen, gewährt worden ist. Ich glaube weiter, daß kein Rechtsg r u n d bestand, ihnen ein neues Verfahren zu bewilligen." Die wiederholten Verzögerungen im Laufe des Berfahrens können die Anschauung geivisser Kreise nicht rechtfertigeri, wonach die Schuld der beiden Verurteilten zweifelhaft wäre. Auf jeden Fall sind die Verschleppungen» die diese Angelegenheit in die LSnge gezogen haben, unverzeihlich. Ae Mitteilung an die Angeklagten. Boston, 4. August. (Tel.-Komp.) Zur Zeit, als der' Bericht Füllers der Presse mitgcteilt tvurdc, schliefen Sacco und Vanzetti. Der Wärter erklärte, er werde ihnen von der Ablehnung der Begnadigung durch Gouverneur Füller heute morgens Mitteilung machen. In der Umgebung des Gefängnisses verlief die Nacht ruhig. Dagegen warteten Tausende von Menschen vor den Zeitungsredaktionen auf die Veröffentlichung des Berichtes. Zu Zwischenfällen ist es nicht gekommen. * Am 16. April 1020 wurde bei Sout Baintree, unweit von Boston, im Staate Massachusetts, auf der zu jener Stunde sehr stark belebten Straße ein Automobil von Banditen überfallen. Ein Fabrikskassier und ein Bureaudiener, die einen sehr bedeutenden Betrag in die Fabrik zur Auszahlung der Löhne bringen sollten, saßen in dem Wagen. Mit blitzartiger Raschheit töteten die Banditen den Kassier und den Dieirer, bemächtigten sich der Taschen mit dem Geld, bestiegen ein in der Nähe bcrcitstchendes Auto und fuhren davon. Die Passanten, die Augenzeugen dieser Szene gewesen waren, hatten sich fa;tm von ihrer Verblüffung erholt, als die Räuber schon lange außer Sicht waren. Dieser letztere Umstand gewann eine besondere Bedeutung beim Prozeß. Ein ähnlicher Ueberfäll ereignete sich auch im nahen Brigde water, so daß vermutet werden konnte, die Urheber beider Ueberfälle seien dieselben Personen gewesen. Der Polizeichef von Bridgewater erfuhr nun, .daß ein Italiener ein verdächtiges Auto, an dem einige Reparaturen Buudesrat. «mirzelM za len «jener rinnalten. In der gestrigen Sitzung des Bundesmtes führte der Landeshauptmann von Salzburg, Dr. Neyrl, den Vorsitz. Sr kam in seiner Eröffnungsrede auf die Juli-Vorfälle zu sprechen, und sagte unter anderem: „Biele Tote, Hunderte Schwer- und Leichtverletzte sind die blutigen Opfer jener düsteren Tage; unersetzliche. Kultur- Werke wurden zerstört. Wie das. Schreckliche gekommen ist, ob u n d w i e e s zu verhindernwar, darüber wollen wirnicht richten. Wir wollen uns nur in Gram und Trauer beugen vor den Menschenopfern, die jene Bluttage gefordert haben; insbesondere wollen wir aller derer gedenken, die in hingebungsvollster Pflichterfüllung mit dem Einsatz ihres Lebens sich um die Wiederkehr der Rühe und Ordnung bemühten, die Ftzuersbrunft bekämpften und Samariterdienste leisteten. Auch den zahlreichen Verletzten und sonstigen Geschädigten gilt unsere Teilnahme." In der Tagesordnung wurden alle vom Natioualrat erledigten Vorlagen ohne Einspruch angenommen. Dt« nächste Sitzung wird im schriftlichem Wege einüerufen Verden. ' Vertat von ««smSrschen in «Skalen. Der Landeshauptmann von Kärnten hat Uber Beschluß der Landesregierung zur Aufrechterhältung von Ordnung und Sichevheit für die nächsten zwei Monate jeglichen Aufmarsch von Wehr- und Selbstschutz- Verbänden verboten. Seipel geht aas Urlaub. Der Bundeskanzler wird Montag einen kurzen E rfy&l ungSurlaub otttreten, den er in der N ä h e von verbringen wird. Smpsang im Rathang. rer JUrgermtlfttt lmlcht noc Amerika«»». Im Rathaus Ivurdc gestern vom Bürgermeister S e i tz eine kleine Gruppe amerikanischer I n t e l l e kintlltt, die Mitglieder des Seminars des Dr. Shevtvood IM-dch, empfangen.! vorgcnommcil werden sollten, in eine Garage eingestellt hatte. Die Garage nmrde beobachtet, und als wenige Tage darauf, am 0. Mai, der Italiener B o n d a mit drei Landsleuten erschienen» das Anto zu übernehmen, antwortete inan ihm, das Anto sei noch nicht fertig. Bonda scheint sofort Gefahr gewittert zu haben, denn er bestieg ein in der (üarage stehendes Motorrad und fuhr mit größter Geschwindigkeit davon; von ihm hörte man seither nichts mehr. Durch die Flucht niachte er jedoch feine Freunde verdächtig, die sofort verhaftet wurden. Die Polizei war überzeugt, die Raubmörder von Baintree gefaßt zu haben. Aber einer den dreien mußte sofort wieder freigelassen werden, denn er konnte sein Alibi beweisen. Die andern zwei waren der in einer Schuhfabrik beschäftigte Nikola S a c c o, deur nachgtwiesen werden konnte, daß er am 15. April nicht zur Arbeit erschienen war, und der an» deec war Bnrtolommeo Vanzetti, ein Hausierer. Beide bekannten sich a l s K o m rn u n i st e n und erklärten, sic wären ausJtalicngüflohen, um nicht Militärdienste leisten zu müssen. Sie beteuerten in der Untersuchung ihre Unschuld; ein volles Jahr dauerte diese Untersuchung, die schließlich zur Erhebung der Anklage wegen Raubmordes führte. Die beiden erschienen Ende Mai 1021 vor den Geschworenen von Dcdhanr. Der Staatsanwalt ließ 50 Zeugen auftreten, die behaupteten, in Sacco und Vanzetti die zwei Banditen wiederzuerkennm; die Verteidiger führten ihrerseits 90 Zeugen an, die das Gegenteil behaupteten. Schließlich wurden Sacco und Vanzetti von den Geschtvorenen für schuldig erklärt und am» 31. Mai 1921 § um Tode verurteilt. Sie beriefen gegen das Todesurteil und bemühten sich, die Tatsache, daß sie mit Bonda das Automobil abholen wollten, damit aufzüklären, daß sie nur k o m m u n i st i s ch e D r u ck s ch r i f t e n, die sic kompromittieren konnten, beiseite schassen wollten. Siebenmal versuchten die Verteidiger, auf Grund neuerhobener Tatsachen die Wiederaufnahme des Prozesses » zu erreichen; auch das Geständnis eines zum Tode verurteilten Schwerverbrechers, Celestino Madeira, eines Portugiesen, daß er einer dev Raubmörder von Baintree gewesen war, vermochte den Richter nicht dazu zu bringen, in die Revisionsverfahren zu willigen. Der Oberste Gerichtshof lehnte die Wiederaufnahme des ' Verfahrens ab und setzte den 10 Juli für die Hinrichtung fest; diese wurde dann auf den 10. August verschoben. Alsrev DrepW unterzeichnet die Petition. Paris, 1. August. (I. T. A.) Oberst Alfred D r e ys u s hat die Petition an die amerikanische Negierung gegen die Vollstreckung des Todesurteils an den italienischen Anarchisten Sacco und Vanzetti m i t u n t c r z e i ch n c t. Der Bürgermeister begrüßte die amerikanischen Gäste und kam in seiner.Rede auf die blutigen Ereignisse des 15. Juli zu sprechen. Er dankte den Gästen, datz sie trotz der tcndiziös übertreibenden, beunruhigenden Nachrichten in den ausländischen Blättern es nicht' verabsäumt haben, Wien zu besuchen. Der Bürgermeister erklärte, er wolle nicht so geschmacklos sein, vor Gästen innerpolitische Angelegenheiten zu erörtern. Man habe vor allem die Schuld frage aufgejvorfen. Die einen meinen, die Behörden seien schuld, die andern sagen wieder das Volk. Die einen sagen, der Bürger-' ineister ist schuld, weil er nicht schießen lassen wollte, die andern, der Polizeipräsident und die Regierung. Solche Auseinandersetzungen vor Fremden ivaren verfehlt. Richtig ist, daß es gelungen ist, in kann! 24 Stunden die Bevölkerung wieder zu beruhigen, nicht mit beit Mitteln der Gewalt, sondern mit dem Älppell an die Vernunft. Von den Gästen danktet! Professor I. Stitt W i l s o n (New Work) und Professor Kiiow'ler C o o p e r (Washington). Barlasflna demontiert einen Hetz« artttel. Jerusalem, l. Äugui. Sie bk Jüdische Telegraptzeii^Agentur mitgeteilt hat, erschien in der katholischen Presse Englands und anderer Länder ein vom Lateinischen Patriarchen in Palästina, Msgr. Barlass in, gezeichneter Artikel, in welchem Besorgnisse im Hinblick auf das Anwachsen der zionistischen Bewegung und die Konsolidierung des jüdischen Aufbaues in Palästina geäußert worden sind. In dem Aussatz wurde gesagt, daß die in der europäischen Zivilisation ausgebildeten jüdischen Einwanderer neue Methoden einführen und überall das einheimische arabische, und so auch das katholische, Element zurücKwängen. Die katholischen Landarbeiter müssen den Boden verlassen, da sie der jüdischen Konkurrenz nicht getvachsen sind. Msgr. Barlassina teilt heute der Palesttne Telegraphie Agency mit, er habe den Aufsatz, der in seinem llöamen veröffentlicht worden ist, nicht geschrieben und stehe seinem Inhalt und -der Tatsache seiner Veröffentlichung fern- Streik in der Waldviertler Glasmdustrie. lööö Arbeiter der Stölzleschen Fabriken l« Anrftand. Lie Gwearbeiter oer Glashütten und Glasfabriken in Alt- UN') Reu-Nagel-erg und Eugenia der S t ö! z l e s ch t n Aktiengesellschaft für GlassabrifatiöFu sind wegen Nichtbewilligung ihrer Lohnforderungen: in issen St r e i k g e t r e t e n. Tie Zahl der Int Msstand bejindlichen Arbeiter beträgt gegen 1000. Die Streikenden fordern eine zehnprozeMige Lohnerhöhung für Äkkordarbeiter und eine löpwzentige Erhöhung für die übrigen Arbeiter. Bergarbeitrrausftand in Ungarn. Bu oape ft, 3. August. (II, T. K. B.) In dem Kohtenbergmerr in Basain der Nähe von Fünfkirchen sind gestern 1300 Bergleute lvegen LohndifferenM in oen Ausstand getreten. Ser Streik in »«dopest. Budapest, 4. August. (Tel.-Kontp.) Die Streiklage ist unverändert. Eine Annäherung zwischen Industriellen und Arbeitern ist nicht erfolgt. In den Betrieben, in denen gearbeitet wird, ist die Ruhe nicht gestört wvrden. Es fchnnt auch, daß eine weitere Ausdehnung der HfteiNewegung nicht uiehr zu befürchten sei. Oberstadthanptmann-Stellvertreter Andrejka kon-- serierte heute vormittags zunächst mit Oberstadthäuptmanir M a r i n o v i ch und dann mit mehreren Vertretern der Jndustriellerwerbände und der Gewerkschafteil, um die Grundlagen für eine mögliche Berständigungsaktion zu suchen. Drei Versammlungen, die die sozialdemvkrat is che Partei für heute abends in Neupest einbevuM hatte, wurden von der Oberstadlhauptmannschast, .mit Rücksicht aw den Streik, verboten. ' -^ Der verunglückte gndleuflug. London, .3. August. Dir britische Oeffemtlichkeit Hatto vom Fluge deS bei Aschach a. d. Donau verunglückten Militärflugzeuges bis zum Eintreffen dos Telegramms aus Wien keine Kenntnis, da das LuftMnisterium den Flug bis zur Landung in Indien g ehe im zu halten wünschte. Der Apparat verließ mit einer Ladung von sieben Tonnen nachmittags den Flugplatz. Ursprünglich war beabsichtigt, daß das FluGeug am 11. September aufsteige, aber der Pilot wollte den Aufstieg bet Vollmond unternehmen. Der Aufstieg erfolgte vom Flugplatz Cranw e l l, der, da er der größte in England ist, es den Flugzeugen ermöglicht, sich nach, einem Start von einer Mieile vom Bode» -zu trennen. > Earr ist einer der besten Militärflieger. Btt einem früheren erfolglosen Flug landete er eine Stunde nach dem Start, obwohl die Ladung so groß war, daß man es für unmöglich hielt, daß er, bevor er Konstantinopel erreichte, landen könnte. Das Luftministerium ist bestrebt, die OeffeNitlichikoit hinsichtlich dieser Flüge in Unkenntnis zu halten. Dieudonnß — frei. m «übanm von Parls. Paris, 4. August. (Tei..-Konip.) >Wie die Blätter aus Rio oe Jane krv melden, haben die brasilianischen ^Behörden den aus dem Bagno von Gay en ne entwichenen Sträfling Diaudonne, der kürzlich vom französischen Ministerrat begnadigt wurde, aiuf freien Fuß ge, setzt. Die AndraM-Araße in Flammen. Ile HolzWel verBuvapester Hauptstraße tu Brand geraten. B u d a p e st, 4. August. (Tel.-Komp.) Heute vormittags ist die Ar assy -Straß e, die belebtöste und vornehmste Straße der Hauptstadt, in Brand geraten. Die Straße, die mit Holzstöckeln gepflastert ist, wird derzeit cmsgebessert, wobei die neu eingesetzten Hölzwürfel mit Teer verbunden werden. Bei diesen Straßenarbeiter fiel ein Kessel' mit kochendem Teer um und der Inhalt ergoß sich auf die Holzpflastermrg, die sofort Flammen fing. Das Feuer breitete sich in wenigen Sekunden fast über die ganze Breite der Andrassy-Straße auS, und es dauerte eine halbe Stunde, bis es von den Arbeitem mit Sand und Schotter gelöscht werden konnte.. . Der Verkehr auf der Andrassy-Straße war während des nicht alltäglichen Straßenbrandes vollkommen lahmgelegt. Der Raubmord auf sser Schmelz. Dle Geliebte des Map iltt Lanvesgerilöt. Gestern früh wurde die Hausgehilsln Anna Gütz ans dort Auhofstraße wegen Mordversuche« dem Landesgericht eingeliefert.- Sie hat, wie ivir berichtet haben, eingestandon, daß sie auf Anstiften ihres Geliebten Äottftied Matz schon im! Vorjahre beabsichtigt hatte, dessei- Gattin Anna zuerst wfet einem Rr »»küer zu erschießen and später Wieder durch Erdrosseln au« dem Leben $u schassen, doch sind beide Pläne schließlich nicht zur Ausführung gelangt. t