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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-05 · Heft 3029 (5.8.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3029 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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■il Ml «>« i Redaktion, Administration: Wie«, II., Taborstf. 1 Telephon 44-Ö-38, 49-3-19 Telephon ab & Ohr abends 31-0-86 Serie, ab V*9 Ohr abends 38-5-83. Druckerei: VH., Lerchenfelderstraße 1 (»hm") Preise* Wien und Oesterreich darch Post odet Verschleiß-, stellen mofl&tt 6 Schilling. Bezugsbedingungen ftkrdas Auslnn^i^hmeril des Nr. 3029 Wiener 9 Men, Sreltag, 8. Auguft lSS? mmttm . Kühlster Aöfenthaltsort. Die Gemütliohkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgast! HlMll.M.-V(iUl.iSgHil, Volkstümliche Preise! Mittags - Menüs ä S 1*60 Direktion: OTTO KASERER* 9. Znhrgang koolidge interveniert im Prozeß Sam und Banzetti? Ei« merkwilkdiser Sementt. — Das furchtbare Schicksal der beide« Verurteilte». .Rapid City, JL August. (Reuter.) Man weiß hier nichts davon, daß Präsidmt Coo lid g e sich in die Angelegenheit Sacco-Vanzett: einmischen werde, da der Präsident immer die Ansicht vertreten habe, daß dieser Prozeß eine Angelegenheit der Gerichte von Massachusetts sei. Eine Depesche aus Boston an die „Paris-Times" besagt, daß die Advokaten,Saccos und Vanzcttis einen Appell an den Bostoner Gerichtshof gerichtet haben. Empörung In Ftalie«.' Mail an d, 4. August (Tel.-Komp.) Die Verweigerung der Begnadigung Saccos ux»d Vanzettis ruft in Italien V e x io u nderung undBed au ent hervor, wo man nach der jahrelangen Bewegung eines großen Teiles der öffentlichen Meinung der ganzen,Welt die Aufhebung des angefochtenen Todesurteiles erwartet hatte. Dsr „Secolo" schreibt: Gegen die Entscheidung des Gouverneurs Füller lehnt sich das menschliche Gewissen auf. Es ist unfaßbar, daß nicht üb er führte Täter zum Tode der u r t ei l t werdet: und noch unfa ß b are r, d aß da s U r t e il 7.1 a h r e nachdem cs gefällt worden ist, vollstreckt w e rd e n s q ll. Ärar: kann sich nichts grausameres vorstellen, als die sieben Jahre lang hinausgezogene Agonie Saccos und Vanzettis, denn dies sei im Grunde genommeir ihre Gefangenschaft gewesen. „Zar Blut föllt auf alle Amerikaner zurück." Paris, 4. August. „Paris Soir" erklärt, die Vollstreckung des Urteils würde einer Herausforderung der zivi- 'isierten Welt gleichkommen. „Soir" schreibt: „Wenn Ame- G e n f, 4. August. (Tel.-Komp.) Die FlottetrabrüstungskouferenK ist heute nachmittags halb vier Uhr resnltatlos abgebrochen und auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Zum Schluß der Sitzung wurde der Wortlaut einer gemeinsamen Erklärung der Konserenzteil-' nehmer angenommen, in der hevvorgehoben wird, daß irr einigen, wichtigen Fragen eine provisorische U e b e re i n st im m u n g erzielt werden konnte, daß es aber der Konferenz unmöglich gewesen sei, die Schwieri gke: ten in derKre uzerfrage zu überwinden. Die Konferenz-sei gescheitert, weil zwis chen England u n d A m e r i k a über die Verteilung der kleinen und großen Kreuzer und über die Armierungsfrage keine Einigung erzielt werden konnte. Das offene Geständnis, daß die Marinekonferenz gescheitert sei, bedeutet ein Novum in der Praxis der großen, internationalen Konferenzen. 200 Bergleute durch eine Explosion verschüttet. He »der so n (Kentucky), 3. August. Nach einer hür eingetrvfsrne'u Ntoldung wurden 200 Bergleute itt einem Bergwerk ber West^Kentucky-Köhlengesellschaft in Clay infolge einer großen Explosion eingeschlossen. Nach den ersten Meldungen tvird betmit öcvcrfjitct, daß 75 Bergleute ums Lebet: gekommen lind. Unglück bei Beuchen. B e u t h e«, 4. August. (Äolss.) Heute nachts sind auf der Preußengrube durch Zubvuchegchen der Kohlrmnassen rika duldet, daß Saeeo und Vanzetti den elektrischen Stuhl besteigen, critehrt es sich vor den Augeii der ganzen Welt. Ihren Tod würden wir als Mord ansehen. Das Blut dieses Verbrechens werde auf alle Amerikaner zurückfallen." Snfammenstöfse in Berlin. Berlin, 4. August. (Tel.-Komp.) Aus Anlaß des Jahrestages des Kriegsausbruches veranstalteten bCe Kommunisten heute abends große K u n d g e b u n ge n, bei denen es zu Z u s a m m c n st ö ß e n mit der Polizei kam. t Die Kommunisten führten ' m einem Demonstrationszug z u m P r o t e st gegen d i e Hi n t'. chtung Saccos und Vanz-ettis einen Wagen Mit, auf dem die Hinrichtungstnaschme ausgestellt war und auf - dem' sich zwei Kommunisten in Strä-slingskleidern und zwei weitere " als Richter M Tailaren befanden. Ein PotlZeiofsi-zier forderte d'.e Demonstranten auf, den Wagen zu beseitigen, was diese verweigerten. Daraus entwickelte sich ein Zusammenstoß, wobei die Polizei ,m?t Gummiknütteln gegen die Demonstranten vorging. Auch in anderen Teilen der Stadt kam es zu Zusammenstößen, wobei die Polizei eine größere Atrzahl von Verhaftungen vornahm. Die Demonstranten beschlossen eine Resolution, worin die Arbeiter in bett Betrieben aufgefordert werden, D e I e g a t i one n zur amerikanischen Botschaft zu senden, um gegen. b:'c Hinrichtung Saccos und Vanzett'.s zu protestieren. (Nähere Einzelheiteit im Innern des Blattes.) acht Grubenarbeiter verschüttet worden.. Die sofort ringeleiteten Rettungsversuche wurden durch weite re Stü0Ke von Gesteinsmassen sehr erschwert. Ler Mckslng 8edmZs. A Re» As M Aßen. Var i s, 4. August. (Wolfs.) Wie oie Ageme Havas auS Le Bourget meldet, find die Meinungsverschiedencheiten zwischen Lev ine und Drouhin nunmehr vollkommen beigeleg t, so daß der Start nach Newyork in drei oder vier Tagen erfolge»: könnte. Drouhin habe bereits heute vorinit-ags seine Prvbestüge tvieder ausgenommen. Schrecken im Zchnellzm. - Eine Mifieoeü'. i: ' Salerno, 4. Angust. (Stefaiti.) In einein in der Nichttmg von Neapet gegen Salerno fahrenden Schnellzug versagte beim Passieren eines starken Gefälles die Bremse im letzten Waggon. Der Zug sauste mit einer enormen Geschwindigkeit, -ivas eine unbeschreibliche Panik unter den Reeisenden yervorrief, gegen Salortto zu. und da er zufällig die Geleise frei vorfand, sauste er wie ein Geschoß an dieser Station vorbei. Der Zug hielt dann endlich mit ausgelöschter Lokomotive ttach einer Steigung ungefähr einen Kilometer nach Sälermo. ' Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. * Sauerweins Erfahrungen. —y, Wien, 5. August. Jules SaueNvem, der uamhafte außetrpolitisch« Redakteur des „Matin", hat es getvagt, zu der Frage des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland einige Worte der Vernunft zu sagen. Er hat auf die Tatsache der politischen Situation hingewiesen, die eine so brüske Veränderung des Friedensvertrages nicht gestatten. Er führt außerdem auch noch sehr bedeutsame Gründe der politischen Kultur an, die es nicht so ohne weiteres zulassen, daß Wien - zur Provinzhäuptstadt wird und daß Oesterreich! sein geistiges Gesicht durch Assimilation an den großen deutschen Staat einbüßt. Es wäre weit besser, sagt Sauerwein, wenn man in Zusammenarbeit mit Deutschland sich eher bemühen wüüw ,der kleinen Republik die Möglichkeit einer unabhängigen Existenz zu eröffne»:. Der französische Publizist ist wegen seines Appells an die kühle Crwägtmg grausam cntsgescholten worden. Daß er ein Hetzer ist, ein Rabulist, der die Wahrheit verdreht, ein Hhesteriker, das ist noch das Gelindeste, das er selbst in einem Brief an die „Vosfrsche Zeitung" zusammenträgt. Wir wissen; außerdem noch, daß er seine Artikel auf Geheiß des internationalen Judentums schreibt. Es wird gegen ihn alles das gesagt, was nun einmal die nationalistische JntoleräirA zu sagen pflegt. Wenn sie kein Gegenargument der Logik findet, so will sie den Gegner, durch Beleidigung und Geschrei einschüchterm Das' ist in diesem Falle besonders-beliebt. Tenn Herr Sauerwein ist eine anrüchige Person geworden, seit er sich untevstcmd^n hat, ettvas schärfer hirrter die Kulissen der Budvpefier Francsfälscher-Affäre zu schauen. Der deutsche Chauvinisnürs hat sich der iMrWrHsrÄge betnächtigt. Sie ist durch eine unsachliche Behandlung Ms die Bierbank geschoben worden und ist heute so' etrtstellt, baß ihr Kern kailnr tnehr sichtbar wird. Wer da es versucht, das Problem auf seine Möglichkeiten zu prüfet:, wird von rechts Und links als ^Hochverräter niedergeschrien, und wer da behauptet, daß die Frage irr Oesterreich selbst nicht klar liegt, dem droht zumindest der Hinweis auf die Protokolle der Weisen von Ziot:. Trotzdem aber katrn die Tatsache nicht aus der Welt geschafft werden, daß der LVnschluß heute im schroffsten Widerspruch nicht allein zun: Friedensvertrag von Saint» Germain, sondern auch zur Genfer KonveMion steht; der erste Pakt ist von Renner, der zweite von Seipel unterschrieben, und.es wäre eit: böser Irrtum, zu glauben, daß die Siguatarinächte eine einseitige! Zurückziehung von Unterschriften als ein' festes Faktun: hinnehmet: würden. Weiters hängen an dieser Frage auch noch das Geueralpfündrecht und das gesamte österreichische Händelsvertragssysten:. Wer also der Atrsicht ist, daß die endgültige Vereinigung einer Nation ihr höchstes und heiligstes Recht ist, amß sich dagegen verwahret:, daß diese Sehnsucht durch Parteigezänk und dilettantisches' Geschrei herabgewürdigt wird. Es ist sicher, daß dieses Getue eine Gefahr bedeutet. Die Leidenschaftlichkeit, mit Id er die nationalistischen Zeitungen m Paris u:ch in London gerade jetzt dia Frage behandeln, ist ja nnr gemacht. Oesterreich ist leider Gottes in einem sehr schlnnmen Sinn interessant gewordei: und alles, tvas fingerfertige Skribenten aussxrcken, lvird gerne anfgegriffen. Diese neue Debatte hat sich in: Gefolge der Juli-Revolte entwickelt. Die deutschen Chauvinisten wollei: herattsklügelt:, d^aß der unterdrückte Anschluß einer der Anlässe war., Wer in Wien lebt, der tverß, daß die beiden Ding« nicht das geringste miteinander: zu tütt habet:, zumal es doch auch in Deutschland EmeUteN und Putsche vor nicht gar zu langer Zeit gegeben hat. .Herr Satcerwein erführt an sich, wie das Wesen des imtionatei: Radikalisn:us' beschaffet: ist, der nichts Positivrs zu sagen hat und der sich innner nur vom! nrilitärischen!Giesichtspunkt und vor: der soziale»: Reaktton leiten läßt. Diese Strönnlllg liebäugelt nut denr Mschkl-h nicht etiva aus hohen ethisch-natimrale»: Motive»:. Für sie bedeutet Oesterreich eure geivisse, nicht sehr hohe, Sllnrme vor: Soldaten mtd eist zj»r Einkr-eisllng der Tschechoslotvrrkei taugliches Territorium. Das. si»:d auch die Be»veggrü»:de der völkischen Kreise in Oesttv-' reich selbst und diese Er»vägl:nge»: »virke»: verivirrend provozierend auf die ohnedies so nlißtrauische nichtdeutsche Oeffentlichkeit. Solange abev diese Stimmigen nicht beseitigt sind, tvird sich auch die' Einstellung der Vertragsnlächt« nicht fteundlicher gestalten köiuren. Darauf hat Sairerwein aufn:erksatn genmcht und davun: wird er von allen völkischen Barden angespuckt. Dem»» die Vernunft ist eine Wlpopuläre Sache. Sie ist Friedei^getvinsel Ae Marinekonferenz gescheitert. Re Spannnng zwischen England «nd Amerika- * i 6477^6

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