Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3028 (4.8.1927)
- Date
- 1927-08-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien .Donnerstag Wle«er Morqenzeiluug 4. August 1927 M. 3V28 Drahtlos Berlin Buenos Aires. Berlin. 3. August. (T-ci.-.'-iomp.) Tie erste ärab'loie Melephonvcr ftändiguug zwischen Berlin und Buenos Aires fand heute abends statt. Tele« phomsche Ansprach.'n übermittelten eer stellverir:.endc Presst" chef Ler Reichörcgierunz, ferner dlraf Ar c o, ter ar ciuinische Gesck-äftsträger in Berlin sowie die Berirc cr mehrerer großer Telegriaphenagcnturen. Alle Uebernlittiurrgen murren in Buenos Aires ausgezeichnet verstanden und sofort teiegravistsch b e« -stätigt. _. Der Skandal Jürgens. Ler Rehabilitierte kehrt in den IustWenst Mil Berti n. 3. August. (Wolfs.) Landgerichtsdirektor Jürgens, der nach seiner Rehabilitierung einen halbjährigen Erholungsurlaub angetreten hatte, wird, wie eine Berliner Korrespondenz mitteilt, anfangs September wieder in den I u st i z d i c n st zurückkchren. Allerdings stehe noch nicht fest, ob er wieder als Richter amtieren tvird. lieber seine Entschädigungsansprüche ist bisher noch lein e Entscheidung gefällt worden. Der Budapest» englische Milltstraitache verunglückt. Budapest, 3. August. (Tel.-Komp.) Heute früh eretzrrete sich in der Nähe der Hauptstadt ein schweres Automobil Unglück. Der englische Militärattache in Budapest, Major Jones Parry, fuhr gegen 6 Uhr morgeus in Begleitung zrveier ungarischer Offiziere irr einem Automobil des Landesverteidigungsministers Grafen Csaky noch T a h i - T o t f a l u an den Donau, 30 Kiloiueter nördlich von Budapest, um .einer militärischen Hebung bcitzuwohnen. Bei Römcrbad, unlveit von Budapest, geriet der Wagen plötzlich ins Schletidern und fuhr in den Straßengraben, wobei er sich überschlug. Tie Insassen wurden aus dem Wagen geschleudert und erheblich verletzt. Major Ames Parry kam bei dem Unfall am schlechtesten weg. Er erlitt einen Bruch der Schädelbasis und eine Ge- HL r n e r s ch ü t t e r u n g. Major Parry wurde von der Rettungsgescllschaft in ein Budapester Sanatorium überführt. Sein Zustand ist nicht lebensgefährlich. Auch der Chauffeur wurde ziemlich schlver verletzt, während die beiden ungarischen Offiziere nur leichte Verletzungen davontrugen. Bandenkömse in Mexiko. 80 rote. N o g e l c s (Arizona), 2. August. (Reuler.) Aus Mazatlan (Mexiko) wird gemeldet': Im Laufe eines Kampfes in der vergangenen Woche im Staate Jalisco sind 60 B unds es so ldat en getötet und eine großeUnzahl vernnmdet worden.!Die Bundestruppen unter der Führung des Generals Garillv haben eineil Angriff von 300 Ausstäu'ischen zurückgeschlagen. 8m Benzinkefsel ertrunken. Micher Unfall eines Arbeiters. Gestern nachmittags hat sich in der B e n z i n Niederlage in der Pilzgaffe 31 ein tödlicher Unfall ereignet. Der 20jährige Hilfsarbeiter Josef Kafka, Kintzcrplcch 13, war eben mit Arbeiten im Magazin beschäftigt, als vlötzlich ein Venzinzuleitungsrohr barst und Kafka durch j das Einatmen der ausströmcnden Dämpfe das V e - j wußtsein verlor. I In den immer höher steigenden Fluten j des ansströmenden Benzins versank Kafka bis über den Kopf, und als ihn feine Arbeitskollegen nach einigerZeit f n f c n u n d bargen, w a r e r bereits tot. Die Amtshandlung ist im Zuge. 6ta? javanische Ausstellung in Men. Im Rahmen der heurigen Wiener Herbstmesse, die in der Zeit vom 4. bis 11. September stattsindet, wird eine durch die japanischst Regierung angeregte Sonverschau der japanischen Industrie veranstaltet lverd<n. Es ist dies das erste Mal, da^ Japan auf einer europäischen Messe in einer geschosseneli Ausstellung seine Jndustrieerzengnisse vorsührt. Ter Delegierte der japanischen Regiermrg, Mr.Nak a m ll r a ans Tokio ist in Wien eingetroffen, nun gemeirrsam mit dem japanischen Generalkonsul Dr. Zimmer manu mit der Messeleitung die letzten Vorbereitungen für diese großzügige Ausstellung, 'die im Messepalast stattfinden wird, zu treffen. < Mr. Tc ata nt u ra hat aus diesem Anlasse den Wunsch der japanischen Industrie mitgeteilt, ständig und im tvächsenden Ausmaße auf der Wiener Messe vertreten zn sein. Die japanische Ausstellung auf der Wiener Messe wird daher zu einer ständigen Einrichtun'g werden. Auf der heurigen japanischen Ausstellung werden bereits 159 Firmen a u s st e l l e n. Kleine Nachrichten. Gestern nachmittags wurde die Private Berta H i ck l beim Aüssteigen aus einem Straßenbahnzug am Franz- Josefs-Kai von einem Motorradfahrer niedergestoßen und erlitt anscheinend einen Schädclgrundb r u ch. Tie Netiung^pLsellschaft brachte sie '.n das Rudolssspital. * Am 2. August ist die 71jährigc Zimmermannswitwe Anna S m i d, Gcrsthoferstraße 11, in ihrer Wohnung plötzlich g e st o r b c n. Die sanitätspolizeiliche Oeffnunn der Leiche wurde beantragt. Bei Kapfenberg stießen zwei Radfahrer so heftig aufeinander, daß sie schtver verletzt liegen blieben. Sie wurden ins Krankenhaus gebracht. Das Duell de» Baron RothWld Eine Affäre, die den: stadtbekannten Pariser Juwelier Louis Carticr, dem Besitzer des führenden Geschäftes in der Ruc de la Paix, Anlaß gab, Baron Maurice de Rothschild, das Mitglied der französischen Dcputiertenkammer, zum Duell zu fordern, bildet zurzeit den Gesprächsstoff der Pariser Gesellschaft. Baron Rothschild hatte die Liste der Gäste aufgestellt, die zu dem Ballfcst in seinem Palast in der Ruc Monceau geladen werden sollten. Darunter befand sich auch der Name der Frau Louis Cartier, während der ihres Gatten fehlte. Der Privatse.kretär, der mit der Absendung der Einladungskarten betraut tvar, hatte irrtümlicherweise aber die für Frau Cartier bestimmte Karte, unter der Adresse „Monsieur et Madama Cartier" abgeschickt. „Was wollen Sie den hier? fragte Rothschild nicht gerade höflich Herrn Carticr, als er ihn unter den Gästen erblickte. >,Jch bin hier, weil sie mich eingelcvden haben." erklärte dieser scharf. «Das ist ein M i tz v e r st ä n d n i s," Dar Erdbeben. (Ein Brief aus Jerusalem.) Mittagsgluthrtze liegt über Jerusalem. Der Thermometer zeigt Mer 40 Grad im Schatten. Es ist kein eigentlicher Chamsintag. keiner jener Tage, an welchem der heiße Wüstenwind den Atem benimmt und die Kehle austrocknet, sondern ein aufs höchste gesteigerter schwüler Sommertag, ohne jeden Luftzug. Nur der heiße Atem der Sonnenstrahlen brennt aus Straßen und Häuser, glühend und ununterbrochen. Es ist drei Uhr nachmittags; die Straßen sind ziemlich leer, alles ist in den Häusern, in den Bureaus usw. Nichts läßt von den kommenden Ereignissen ahnen. . Plötzlich, eS ist 3 Uhr 7 Minuten, hört man ein dumpfes Groll.en, und das Haus beginnt leise zu erzittern. Ich denke zuerst an ein vorüberfahrendes schweres Lastauto, doch das Zittern wird starker. Es läßt sich schtver alles in dem rasenden Tempo, in den wenigen Sekunden, in denen sich dies und all das Folgende abspielt, schildern. Da fallen auch schon einzelne Mörtelstücke von den Mauern, und in diesem Moment wird es mir zur Gewißheit, daß ein Erdbeben das Haus erschüttert. „Auf die Straße!" schreie ich meinen Kollegen zu, und schon eilen lvir auf die Stufen, ins Freie, wo wir schon zahlreiche andere Leute schreiend und gestikulierend angesammelt finden. Kaum unten angelangt, ist das Beben, das im ganzen 6 bis 8 Sekunden gedauert haben mag, auch schon vorüber. Trotzdem bleiben alle vorläufig noch auf der Straße, ein Nachbeben befürchtend. Gegenüber, in einer Mosaitstemefabrik, sind die aufgeschichteten fertigen Tafeln jmrcheinandergestt'lrzt unb bilden einen Anblick wilder VerpMmrg.. Von der den Hof emgrenzenden Mauer sind zwei schwere Blöcke auf die Sraße gestürzt, glücklicherweise, ohne jemand zu verletzen. Allmählich kehrt die Menge wieder in die Häuser zurück, und jetzt erst kann man die angerichteten Schäden konstatieren. Stuck ist von den Wänden abgespruugen und bedeckt in Haufen den Boden, Sprünge, durchgehende, haben einzelne Wände vom Boden bis zur Decke durchriffen. Einzelne Menschen kommen aus der Stadt und erzählen von greulichen Verwüstungen, Todesfällen usw., wie überall, gibt natürlich auch hier ein derartiges Ereignis zu den wildeste!: Gerüchten Anlaß. . Nach Bureauschlutz begebe ich mich zur Stadt, um mich persönlich von den angerichteten Schäden zu überzeugen. Der sonst um diese Zeit noch lebhafte Markt ist leer, fast sämtliche Läden geschloffen und ausgestorben. In der Altstadt war naturgemäß der stärkste Schaden augerichtet worden. Tatsächlich waren hier drei Häuser eingestürzt, in einzelnen nur die Treppen, andere wiesen Senkungen der Mauern, Brüche, .Nisse in den Wänden usw. auf. Todesfall war bis dahin nur einer zu beklagen, der einer 45jährigen Araberin, welche von einem herabfallenden Steinkoloß getötet ioorden war. An Verwundeten. zählte man zirka 30. Aus der Altstadt auf die Jaffastraße heraustreteud, begegnet man den ersten Verwundetentransporten; überall Menschenansammlungen, speziell vor der Post und der Redaktion des „Dear Hajom". Gruppen besprechen die Ereignisse, und bereits hört inan die ersten Nachrichten über die Vorgänge in der Provinz; Haifa wurde >- so stark mitgenommen, Tel Alviw allenfalls etwas stärker; Die wildesten Nachrichten laufen jedoch über die arabischen Städte Nablus (Schohem), Ramleh und Jericho um, wie sich später herausstellt, nicht ganz unbegründet. bemerkte der Baron in ärgerlichem Ton, während eine Gruppe von Gästen die Ohren spitzte, in Erwartung einer pikanten Auseinandersetzung. „Ihre Einladung war an Herrn und Frau Cartier adressiert," erklärte der Juwelier dem das Blut allmählich zu Kopfe stieg. „Wie dem auch sei» ich wünsche Ihre Anwesenheit nichtj" brummte der Baron und wandte dem ungebetenen Gast den Rücken. Der wütende Carticr holte sofort seine Gattin aus dem benachbarten Tanzsaal und verließ mit ihr augenblicklich das ungastliche Palais Rothschild. Am nächsten Morgen sandte er die Adresse der Einladung an Baron Rothschild nebst seiner Visitenkarte. Bald darauf sprachen auch zwei Herren vor, mit der Erklärung, daß Herr Cartier Genugtuung für den erlittenen Schimpf fordere, daß er dem Baron die .Wahl der Waffen, mit denen der Ehrenhandel ausgefochten werden solle, überlasse und ihn ersuche, den Namen der von. ihm gewählten Sekundanten zu nennen. Baron Rothschild brach auf diese Forderung hin in helles Gelächter aus und ließ die Frage, ob er sich zum Duell stellen werde, unbeantwortet. In den Pariser Gesellschaftskreisen sieht man den Dingen, die da kommen sollen, mit Spannung entgegen. Vorläufig hat Baron Rothschild Paris verlassen, um sich nach Marie nbad zu begeben, und auch Cartier hat eine Automobilreise angetreten. Ja Schwarmliuke« ... Slowakische Dörfer im Kampf. E p e r j e s, 2. ^August. Die Burschen der Ortschaften M i n o v c e und R a s o v c e liegen schon seit längerer Zeit in heftiger Fehde. Am vergangenen Sonntag kam es zwischen den beiden feindlichen Lagern zu einer schweren Rauferei in einem Gasthaus. Die Exzesse setzten sich auf der Straße fort, wobei die Streiter gegeneinander mit Gewehren bewaffnet, ttt Schwarmlinien aufmar». schicrtcn. Es kam zu einer regelrechten Schießerei in deren Verlauf mehrere Burschen verwundet wurden. Gendarmerie mußte einschreiten, doch nahmen die Bauernburschen auch gegert die Gendarmerie Stellung. Hiebei wurde ein Gendarm schwer verletzt. 22 Burschen wurden verhaftet und der Staatsanwaltschaft in E p c r j e s übergeben. Die.Verwundeten wurden ins Spital geschafft. Immer mehr Menschen verlassen die Häuser, und ergehen sich auf den Straßen; hälboffizielle Verlautbarungen künden die Wahrscheinlichkeit eines Nachbebens und warnen die Menschen, in die Häuser zurückzukehren oder gar dort zu schlafen. Ditz Nacht bricht an, aber die Menschen, von der Furcht des ungewohnten Ereignisses gepackt, glauben nur allzusehr den Gerüchten und Ausstreuungen, und denken nicht, in die Häuser zurückzukehren. So weit'sie überhaupt an Schlaf denken, lagern sie sich in den Häfen, andere lieben ihr Leben zu sehr, um sich dem Schlaf anzuvertrauen. Vor der Post stehen die Leute angestellt, welche Telegramme absenden oder neue Nachrichten erwarten, und bis halb 2 Uhr sind die Schalter ärger als am berüchtigten „Mittwoch", dem Festtag, belagert. Währenddessen waren um 1 Uhr nachts Patrouillen ' durch die Altstadt gezogen, die diejenigen Leute, welche sich doch in ihre Häuser begeben hatten, wieder aufschrcckten und sie zum Verlassen derselben aufforderten. Ein allgemeines Auswandern aus der Altstadt begann, und die Straßen wurden womöglich noch belebter. Erst nach 2 Uhr begann der Strom langsam abzuebben, in die Höfe, auf die offenen Platzte, vor den Häusern und allmählich leerten sich die Straßen. In der Frühe kamen end'lü die ersten autentischen Nachrichten aus dem übrigen Palästina. Langsam beruhigt sich die Stadt, die Menschen kehren in ihre Häuser zurück, die Arbeit nimmt wieder ihren normalen Gang. Noch schreckt man bei jedent stärkeren Geräusch, beim Vorübersahren eines Lastwagens und des von ihm erzeugten leisen Zitterns auf, aber diese 'Psychose ist erklärlich. Jerusalem, im Juli. Hans Ch. A m b o r.