Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3027 (3.8.1927)
- Date
- 1927-08-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3027 Dien, Mittwoch Wiener Morgenzeitung 3. August 1927 Leite 8 Zer Pogrom von Proskurow. zum kommenden Tchwarzbarth Prozeß — Kine Schilderung von Hemd Barbusse. Henry Barbusse^ der mutige, große ,ranzosische Dichter, veröffentlicht eine wchilverung über Lus Wüten der weißen Horden des Ataman P e t l j u r a. Die Darstellung Barbusses ist derart aufwühlend, daß wir der Meinung sind, einen Auszug daraus unseren Lesern nicht vorenthalten zu sollen, obzwar die Einzelheiten .dem jüdischen Leser nicht unbekannt sind. Gerade an diesem Tage hatte, gleich allen anderen, auch Samel Schwarzbarth schöne Truppen vorbeimavschieren gesehen, wie sie mit Musik, an der Spitze, in vollster,Ordnung durch die große Alexanderstraße, um 2 Uhr nachmittags, in einer Dichtung und um 5 Uhr in der anderen zogen. ,D a s Iudenvicrtel besteht aus einer großen Anhäufung niedriger und ärmlicher Häuser, von kleinen, gleichlaufenden namenlosen Gäßchen durchschnittein die alle in die Verlängerung der Alexauderftraße — in die Szobornaja -— münden. Da ist das Häuschen der Familie Schenkmann, dessen Fenster hell beleuchtet sind. Mail hört jedoch keinen Laut Es herrscht ein sonderbares Schweigern Samuel tritt näher. Was soll das? Die Tür ist weit geöffnet. Im Eingang umgeworfene Sessel, ein zerbrochener Tisch. Und in den anderen beleuchteten Häusern: bei Bleck-, mann, bei Averbuck, bei Semmelmann, bei Krotschak und in allen folgende!', dasselbe Bild: im elektrischen Licht, das sich selbst entzündet hatte, waren es lauter Leichen — fünf, zehn, fünfzehn, ja mehr als zwanzig — durchbohrt und aufgeschlitzt, zusammeugeschrumpft in sonderbaren - Verzerrungen des Todeskampfes. Die Kinder und'Säuglinge am Fuß der Oefen hingestrcckt, dir einen, geköpft, die anderen mit zcr- ' schmetterten; Schädel,,als wäre er wie ein Ei an einer Steinecke zerbrochen. Auf der Straße zahllose Leichen, wie auf einem Schlachtfeld. Manche schienen sich noch zu sträuben und um Barmherzigkeit zu stehen. An einer Mauerecke sah man ben Körper eines jungen Mädchens, .mit dem Kops gegen die Mauer gestützt und dadurch am.Fallen verhindert. Mit blutleeren Händen hielt sie ihr Meid aufgeschürzt und die Schenkel entblößt, die durch Säbelhiebe zerfleischt und zerschnitten waren. Offenbar hatte man ihr gesagt: „Schürz' dein Kleid aus. Man wird dich peitschen I" Dann hatten die Soldaten auf diesen jungen Leib erbarmungslos mit dem Stahl losgefchlagen. Viele ansgestreckte Körper lägen genau übereinander geschichtet: man zwäng Kinder, Mädchen und junge Männer' sich über ihre Eltern hinzulegen und mit einem Schlag eines Hirschfängers oder Säbels nagelte man die übereinanderliegenden Körper an; Boden fest. Verstört und taumelnd ging Samuel Schwarzbarth von Haus zu Haus.' .Alles oder fast alles war tot. Ein fürchterliches Schweigen und ein Geruch von f r i s ch e m. S ch l a ch t f l e i s ch lag über dem verwünschten Viertel. .Das Blut tropfte noch aus den Wunden und man konnte sehen, wie sich die Blutlachen von Minute zu Minute vergrößerten. Als der junge Mann aus einem triebhaften Gefühl heraus, den verstümmelten und aufgerissenen Leib eines bildschöne», kleinen Mädchens, das nackt dalag, verhüllte, fühlte seine Hand, daß der Körper n o ch ' g ü n z. w a r m war. Es war also nicht schwer zu-verstehen: dies war eben das Geschäft, zu dessen Durchführung sich, von zwei bis fünf Uhr, die Kosaken Pctljuras und Ssemossenkos begeben hatten. Diese herrlichen Truppen, die vor und nach ihrer Tat so g-lanzvöll mit Musik an der Spitze marschierten. Einen Familienvater hatte man inmitten seiner Familienangehörigendie man gewaltsam herbeigeschleppt hatte, so daß sic der Schaustellung züschen mußten, gefoltert und z e r st ü ck e.l t; darauf wurden die , m unbekannter Thronanwärter. Spaniens Dynastie nicht in Gefahr. Prag, 2. August. (Tst'l.-Komp.) Der in Prag weilende Don L o u i s de Bourbon, der in einem Brief an die Blätter erklärt hatte, ein S o h n König Alfons XII. aus morganatischer Ehe zu sein, versicherte, lpie er einem Vertreter des »Prager Tagblattes" erklärte, er erhebe keinen Anspruch auf den spanischen Thron, obwohl in Spanien morganatische Kinder thronberechtigt seien. Er sei mit seiner gegenwärtigen Lebensweise (er ist Schreibmaschinenagent) vollkomm e n zufrieden und überlasse das s ch lv i e r ijcrc Geschäft des Negierens gerne anderen. Nur um ein Geschäft handle es sich ihm, zudem er sich vollauf berechtigt glaube, nämlich um die Geltendmachung seiner Ansprüche auf den dritten Dell der Erbschaft, die ihm sein Vater König Alfons XIII. hinterlassen habe. Dieses Drittel gebühre ihrn laut Testament und der Kampf daum gehe iveiter, lvöbei ihn englische und amerikanische Advokaten vertreten. Um seine Anerkennung durch die Kirche habe er ltMM. Jahre gekämpft. Kaiser W i I h e l m II., den er um Frauen und Mädchen, ahne Rücksicht auf ihr Alter, vergewaltigt unb nachher niedergeschlagen und zertrümmert; daL Ganze tat txan sehr rasch, ohne Feit zu verliere», militärisch. In manchen Fällen hatten die Kosaken die Mütter gezwungen, ihre Säuglinge s e l b st dem Messer d a r z u b i c t c n; der Kopf tvurde abgeschnitteu. der kleine, blutüberströmte Körper aber in den Armen der Mutter gelassen, der man bald den Bauch a u f s ch l i tz t e, nachdem man ihr Zeit gelassen hatte, in den tiefsten Abgrund der Verzweiflung zu gelangen. In anderen Fället; hat man die Opfer gczrvuugen, sich zu entkleiden — die ganze Familie splitternackt: die mageren Greise, die dickleibigen Weiber, die schlanken jungen Mädchen —> alle zeigten ihren Körper, von Scham und Entsetzen erdrückt. „U u b nun tanz t!" hatte man ihnen befohlen. Sie hoben die Beine, machten Sprünge, tanzten und tvuvden einer nach dem anderen niedergeschlagen. Nackte Juden wurden mit den Händen an der Decke eines Zimmers ainfgo hängt, in dem man einen . Scheiterhaufen errichtet und angez 1sndet hatte. Die Soldaten vergnügten sich und schlossen Wetten ab, wer mit einem Schlag einen breiteren Fleischst reifen abschncvdon würde. Dann wurden diese F l e i s ch ft ü ck c g e r ö ft e t u n d die Gemärt e r t en m u ß t e n s i e essen. Arme, Beine, Lippen wurden abgeschnitteu, Augen ausgestochen, schwangeren Frauen wurde der Bauch ausgeschnitten . . . Hatte mau sich in den Häusern nur der blanken Waffe bedient, so wurde in den Straßen mit Gewehr und Maschinengewehr auf die Flüchtenden geschossen, die aus den Fenstern sprangen. Dieser Pogrom: der an diesem Tage innerhalb dreier Stunden dreitausendfünfhtmdcrt bis viertausend, darunter achtzehnhundert Todesopfer, gefordert hatte, war nur ein kleiner Abschnitt in der großen Judeuvertilgung, welche sich über das Land ergossen hatte, feitdern der Atantan Petljura es in seinen Klauen hielt. Proskurow, Elifabcthgrad, Schitonrir, Petschcra, Felsztyn und fünfzig andere Städte und Ortschaften der Ukraine weifen die größten Metzeleien eines unsäglichen Leidensbnches auf. Den niedrigsten Schätzungen zufolge, wurden itt den Jahren 1917 bis 1920 h u n - d e r t t a u s e n d M c n s ch e n ganz tt it f ch u ld i g ermordet. Man soll nicht sagen: der Oberbefehlshaber ist für die Ausschweifungen seiner Untergebenen nicht der- - antwortlich. So groß auch, das Ekelgefühl ist, welches in uns die Bestien in Nt e n s ch e n g c st a l t erwecken, die die N a m e n S s e m o s s e n k o, P a l i e n k o, A n g e I, Petro w, K o s y r - Z y r l o und viele andere führen (welche sichs vielleicht derzeit tu irgendeiner Hauptstadt gut geheit lassen und sich spreizen, wie zum Beispiel der Bandit M a ch n o tu Paris), lauter Leute, welche die größten Pogrome während der gemeinen Zeit der Militärdiktatur Petljuras anführten, so ist doch er cs vor allen, der die . Verantwortung für das Geschehene trägt. In diesen: Falle war es das planmäßige Werk des völkischen und antisemitischen Sadismus. Mau beruft sich auf keinen Klagegrund, man'sagt nur: »Schmutzige Juden!" ■ und das genügt! Der Atantan Petljura hat diese Massen- . Hinrichtungen geduldet und ermuntert. Er verloahrte sich zwar dagegen, aber erst nachträglich und auch da ttur der Form wegen. Er erklärte, diese Pogrome wären „zur Erhaltung des guten Geistes in seiiter Armee" notwendig gewesen. Zn den Neberlebenden eiites Massenmördes sagt er: „Man hat tmrecht gehabt, euch am Leben zu lassen." Aus der Uebertragung von Er! Caen im ..Abend". Intervention gebeten habe, habe ihm geantwortet: „Eher w e r d e i ch n i ch t m e hr K a j s er se i n, al s d a ß d c r P a p st S i e a rt c t f c n n i!" Louis de Bourbon zeigt auch ein kirchliches Dokument her, worin bestätigt wird, daß Alfons XII. sein Vater gewesert sei. 4 Er erklärte weiter, er rvolle den deutschett Kaiser in Doorn> b e s u dj.c-n, um ihn zu interviewen und ihm zu sagen: «Sehen Sie, Sie haben Recht gehabt! Sie sind nicht mehr Kaiser, ich bie aber kirchlich anerkannt." ßin unfruchtbarer SitMchkettrfeldrug Segen Mode, Literatur, Sport und Tanz. Rom, 2. August. (Stefans.) Der emslianische Episkopat richtet«'an die Gläubigen seiner Diözesen ein Schreiben, in dem auftnerksam gemacht wird, daß der Feldzug gegen die jetzige schamlose Mode unfruchtbar i st. > Dieser Hirtenbrief ist auch gegen die pornographische L i t e v it t u r, gegen die w e i b I i ch e tt Sportveranstaltungen und die U n m o r a l i - tat des Tanzes gerichtet und ermahnt an den strengen und väterlichen Mahnruf des. Papstes, der befolgt werden müsse. Das Kaffeehaus wird teurer. Mit dem gestrigen Tag tvurde man in vielen Wiener Kaffeehäusern burdi die Verteuerung des Kaste cs, „der Melange", „des Mokka", „des Braunen", .»des Gold" überrascht. Die Erhöhmtgeu bewegen sich z lv i s ch c ti 3 b i s 5 G röschen. Auch das G e b ä ck kostet jetzt 10 G röschen stätt wie lnsher 8 und 9 Groschen. Die -Schale Melange kostet jetzt in den Stadtkaffcchäufern 80 Groschen bis 1 Schilling. Wie uns in der Genossenschaft der.Mffeefieder mit, geteilt wird, ist cs Tatsache, daß ab 1. ds. einzelne größer« Kaffeehäufer Prcisrcgelungcn vorgettommen haben. Et handelt sich nach Ansicht des Genossenschaftsfunktionärs, aber meistens um solche Betriebe, die g r ö ß e r 0 Renovier u n g e n vorgcnommen haben oder um eins Preisangleichung in Kaffeehäusern von gleicher Art. Bon einer allßcmcincit Preiserhöhung oder von cinA Aktion der Genossenschaft könne aber keine Rede seit-. In den kleineren Betrieben und in -den Kaffe», s ch ä n k e n i st k e -t tt t . P r c i s a n d c r u n a ri* treten. I:' Der Raubmord auf der Schmelz. Der Gatte als Urheber. — Dem Lanvesgerkcht elngellefert. Matz ist noch immer in feinen Aeufterungen jehr rückhält i g, doch durch die zahlreichen Widersprüche, in die er sich im Laufe der Verhöre verwickelte, erschein! es zweifellos festgestellt, daß er von der. Mordtat gewußt, ja auch, daß er es war, der den Jaro'ch zur Ermordung seiner Tante verleitet hat. Matz war es, der vor einiger.Zeit, wie Jarosch angab, im Zimmer einen Wandhaken in die Mauer eingeschl-agen har, mit der Begründung, daß dieser dazu - dienen, solle, di« Leiche der erdrosselten Frau aufzuhängen, um einen Selbstmord v o r z u t ä u s ch e tt. Da aber Jarosch, der durch etwa drei Jahre die Wohnung seiner Verwandten in der Missinborfg-asse 10 nicht betreten hat, nicht wissen konnte, daß dieser Nagel von Matz eingeschlagen wurde, Matz ihm aber davon Mitteilung gemacht haben tnnßtc, Matz andererseits nunmehr eingestand, tatsächlich den Haken in die Mauer geschlagen zu haben, allerdings, wie er behauptet, um eilten locker sitzenden Nagel zu ersetzet!, damit er seine Kleider daran aufhängen könne, ist hierin schon ein Beweis der gemeinsamen Besprecht; ng gelegen. Was die Frage der V c r s i cheru rt g der Ermordeten aus ihr Ableben betrifft, so wurde festgestellt, daß es sich nicht um eine Versicherung handelt. Der Gatte hatte sie bei einer S t e r b e k a s s e eingetragen, wobei im Falle ihres Ablebens die Angehörigen den Betrag von 810 S. als Begräbniskosten erhalten sollten. Interessant ist, daß Matz seine Frau am 22. Juli ohne Angabe eines Grundes zu dieser Sterbokasse geschickt hat, damit sie sich das Einschreibbuch hole. Als die Frau dort vorsprach, fragte man sie auch, warum sie denn das Buch benöliige, -doch erklärte sie damals, daß ihr Mann es verlange und ihr über den Grund keine Auskunft gegeben habe. Hermann Jarosch und Got-tsried Matz wurden h c tt t' dem L a u desg <?richte e : ngeli e s ert, Die Unterschlagung der 3000 Schilling. . Der „Deutlchdsterrcichische Gewerbebund" sendet ums folgende Zuschrift: Ihren: gcsst > en Blatte erschien gestern im Zusammenhang mit der Darstellung des Raubmordes eine Notiz, wonach der der Mitschuld am Morde verdächtigte Gottfried Matz angegeben habe, er habe sich als Kassier des öste rre i ch i s ch e n Gewerbe -b u it -des in der Josefsgasse in den letzten T-agetl eine Unterschlagung von 3000' S. Flfch-uldeil kommen lassen, auf die tn-an gekommen sei und die er gutmachen ntüsse. . Demgegenüber erlaubt sich die Direktion''des Deutschosterreichischeil Gewe-rbebundes darauf hinzuweisen, daß Gottfried Matz n i e rü a l s Kassier beim Deutschösterreichischeu Gewerbebund, der sich übrigens nicht in der Josefsgasse, sondern :it Wien, 2. Bezirk, As-Pe-r-nbrüüeug-asso Nr. 4, befindet, war und überhaupt derzeit kein. Mitglied des Gewerbebun-des 'st. Es dürfte sich in diesem Falle um einen Irrtum handeln, da, wie uns bekannt ist, Gottfried Matz im Aufträge der Verwaltung der „Oesterreichifchen S on n tag S ze i fit n g" in W'en, 8. Bezirk, Josefsgasse, Wbonuementsbeträge cinzukassieren hatte, und dürfte die angebliche Unterschlagung der 3000 S. dieses Verhältnis zur „Oesterreichischen Sonntagszc'tung" betreffen." Wir geben diesem Schreiben gerne Raum, bemerken aber, daß die bestrittene Darstellung dem offiziellen Polize'- bericht entnommen war. Der Tod ln der öardinenschachtel. Zwei Personen gestorben. Am letztet; Sonntag wurden im Hause Penzingersiraße 36 drei Personen mit Bergiftungserscheinungen mach Genuß von augenscheinlich verdorbenen Sardinen in das Wiedener Kran.' kenhgus gebracht. Dort sind noch im Laufe der Nacht die 56jährige Marie Dietrich und der 10jährige Fritz Fink gestorben. Die 21jährige Anna D ie tr ich befindet sich noch in Leben sge fahr. Wie sestgestellt Mcrde, stammen die Sardinen von dem Delikatessetthäudler Ludwig Hofha usl in der Penzinger^ strafte 39, der sie von der Firma Gtti u. Bergt bezogen hat. Die Büchsen mit der; Fischetr wurden angeblich fchmr einige Tage vor dem Genuß geöffnet. Die Anzeige mt die Staatsainoal^ schast tvurde erstattet. %