Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3027 (3.8.1927)
- Date
- 1927-08-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982115--30850-3019112- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
wien, Mittwock» Wiener Morgenzettnrrs S. Augnst 1S27 Nr. 3027 Re letzte Sitzung des Semeindewles. W>s« Serlouf Der Wiener Gemein denn hielt gchern j>. ine letzte Sitzunp »Pr den Ferien ab, die, mir Ser Bürperinciücr am Schlüsse ’Vc Sitzung sagte, keine richtigen Ferien, sondern nur eine kurze Unterbrechung der Arbeiten sein rönnen. Dir Sitzung verlies im Gegensatz zu der Dauersitzung von Freitag nachmittags bis Samstag früh äufictit ruhi g: es jmrchte sich aus beiden Seiten g r o ü e M ü d i g l e i t geltend. Ti.' Kar hauptsächlich der Grund, weshalb eine große Anzahl von Gefchäftsftückcn ohne Wortmeldung angenommen wurden und so ein großes Arbeitspensum erledigt werden konnte. Rar einmal kam cs zu einem kleinen Zwischen fall, al« d-ie Opposition den Bürgermeister einen „ Sch .1 ad fleck aus dem Bürgcrmcistcrsnchl" naiirnc, lvei! er zu häufig vom Paragvipheu 96, dirn Paragraph 1-1 des Wiener Gemeinderates, Gebrauch madje. In meritorischer Hiusicht wurden u. a. für die Errichtung eines H a u s g e h i l f i n n e n h e i m e s iu der R a d e tz k stra st e 80.500 Schilling und 110.009 Schilling für ein .Hnusge hilfinnenheim in der R a h l g a s s e bewilligt.' Für einen K i im d e r g a r it u in der „SaichleiteiG lverden 1,086.000 Schilling und für andere Kindergarten 191.200 Schilling ausgegrben. Der Oesterreichisärcn K räpp e th i l fr ivurde ein unverzinslich'-'Darlehen von 1000 Schilling gewährt. Sie zivillifte in RumSuku. Bnkareft, 2. August. (Client Radio.) Tie Kammer hat hallte die Austeilung der Vivilliste in der Hülfe von 5 6 Millionen Lei jährlich in folgender Weise genehmigt : - . 18 Millionen sollest dem König Michael zu fallen, 4 Millionen dem RcgentschastSrat, 20 Millionen der Königin-Mutter sowie je .7 Milliouett dem Prinzen Nikolaus und der Mutter des Königs, der P r in ze s s i n $> : l" n r. ' ■ Lord Plumer. London, 1. August, i F. T. A.) Ter briiischc Oberkmrwnssär Mr Palästina, Feldmarschall Lord Plumer, f hat am 29. Juli in Begleitung von Lady Plumer und l HeineM Sekretär, Kapitän Drummond, die Rückreise nach Palästina angetreten. Lord Plumer verbrachte seine Ferien in London. Obwohl seine Urlaubszeit erst in einigen Wochen zu Ende geht, entschloß-sich -er Oberkommissär, ..schon seht nach Palästina Mrückzukehren, um das Werk des Wiederaufbaues nach &« m! ata st rophalen Erdbcbe n zu leiten. Da das RegierungSgobäude auf dem Oelberg zerstört I D, wird Lord Plumer feine Residenz im Hospiz d e s S>i5> e ns S t. I o h n o f I e r N s a l e m aufschlagen. Auch auf Island Kabinettskrise. . Kopenhagen, 2^ August. Das konservative >isländische Miniftermm Dhorlaks sopn hat infolge -des Ausfalls der iÄlthrngwahlen ferne Demission cingere'icht. Die neue, Regierung wird voraussichtlich von der Fortschrittlichen Bauernpartei. gebildet werden, falls diese, wie inan anniunnt, die Unterstützung der Sozialdemokraten bekommt. .. Wgs: las Verhältnis Islands-zn Dänemark betrifft, ..so wird diese. Frage'erst 1943 aktuell, für welchen 'Zeitpunkt nmn ans beiden Seiten eine völlige Tren- »ung erwartet. Jüdische Altertümer in der Zarmstävter Sommerausstellung. Bemerkenswerte Handschriften. — Modelle der elnstlgen Stznagagen und Büder. — Eine Ledettaviel und ein Werk des Mlluzmelsters Davlv Ha kohen. Das Darmstädtcr. Landesmuseum hat in diesem Fahre eine historische Sommer ausstellnng veranstaltet, die viel besucht wird. Hier soll einiges über eine Abteilung jüdischer Altertümer berichtet werden, die sich wohl recht bescheiden in dem Rahmen dieser Ausftellnng einsügt und nur einen kleinen Raum einnimmt, aber doch sehr bemerkenswert ist. . Der Frankfurter Kustos Erich Top plitz, ProfeffokS Freimattn und der Darmstädter Rabbiner Dr. Italien er, ivelche-die Zusammenstellung dieser jüdischen Abteilung der Darmstäoter Sommerausstellung leiteten, haben sich alle Mühe gegeben, Einblick in das jüdische Leben des Mittelalters $u gewähren. Freilich konnten sie nicht viele Originale beistellen. Das ging aber beim besten Willen nicht anders, denn was die berühmten alten ° jüdischen Gemeinden Worms und Speyer, Frankfurt, Oppenheim und Mainz an wertvollem Erbgut besaßen, an Sabbatbechern rmd Menoratz, an Thoraschmuck und kösMchiem GeschmeLe, von Mischen Kunsthandwerkern angefertigt, ivurde ja in den zahlreichen katastrophalen Judenverfolgungen, die in drei, verschiedenen Jahrhunderten diese Judensieblnngeu immer wieder bedrängten, zum größte» Teil geraubt, zum geringeren vernichtete. Die wertvollsten Stücke, die man hier sehen kann, sind wohl das berühmte Machsor der Wormser Synagoge aus dem Jahre 1272 und eine von der Frankfurter Stadtbibliothek entlehnte Handschrift aus dein Jahre 1460, die „Riiualen Gebräuche für Mainz und Umgegend" von Jacob Levi. Eine Augenweide sind Kyei ganz köstlich cmsgestattete Machsorim aus hm vierllnsland und die ultatttlfdoeti Rationattsten. eine SttiDtuns ves mutet eeamlnnlaln. Lvndo n, 3. August. (I. T. A.) Im ttntevhmrse richtete T r e v c l y a n die folgende Anfrage an den Außenminister: Im Zusammenhang mit der Polizeirazzia gegen die „Arcos" und die Ausweisung der russischen .Handelsdelegation aus England gibt man sich im Anslande Besorgnissen bezüglich der Folgen einer noch möglichen w e 'i t e r e n V c r s cb l e ch t e r u n g der Beziehungen zivischen l^roszbriu.nnicn und Rußland hin. In den letzten Lägen hat die Pariser ,,L' H u m an i t c" erttc Serie von Briefen veröffentlicht, ans denen hervorgeht, daß der britische Botschafter in Paris» Lord C r e w c» in naher Verbindung mit Mitgliedern einer ukrainischen Rcbellcnregicrmrg stand, einen gewissen Tokarjewffy jederzeit empfangeit habe und strikte Versprechungen gegeben hat, die Unternehmungen auf Sturz der Sowjethcrrschaft in der Ukraine zu unterstützen. Er. Trcvelyan, glmrbc selbst nicht an die Richtigkeit dieser Dokumente und bitte den Außenminister um eine deutliche K l a r st e l l u n g. Ter Außenminister, Sir Austen Chamberl a i n, erwiderte, an den Mitteilungen von „L'Humanite" sei feilt wahres Wort; diese' Feststellung beziehe sich sowohl auf die Person Crewes, als auch auf jedes andere Mitglied der britischen Gesandtschaft in Paris, soivic endlich auf jedes Mitglieder Regierung, die in ,',L"Humanite" erwähnt wurden. Dieser Zeitung sei in keiner Weise zu trauen. Weder Lord Crelvc, noch eine andere Person dieses NamenS, habe je Beziehungen zm den im „L'Humanitc" evivähnten Personen gepflogen. Es Ivar tvohl die Rede von einer unabhängigen ukrainischen Regierung, es wurde aber diesen Kressen keinerlei Ermunterung zuteil. Er. der Minister, habe keine Sympathie für die Ziele der Sowjet-Regierung und verabscheue ihre Methoden in ihrem Lande wie im Auslande, er wisse aber andererseits, daß nichts so die Position dieser Regierung stärken und das russische Volk um sie scharen könnte, als Aktionen, in denen das russische Volk eine Bedrohung seiner nationalen Einheit erblicken könnte. Vielleicht liegt aber die Verbreitung solcher Gerüchte im Interesse der Soivjetregierung selbst, die es aus diese Weise bewirken wolle, daß das Volk sich der Tyrannei, der es unterworfen ist, nicht bewußt wird. Jedenfalls hoffe er, der Minister, daß seine Antwort klar genug sei und allen ähnlichen späteren Gerüchten den Boden entziehen wird. 6000 Mark Rente für die Mütteffe. Ausgleich lm Hause Meülendurg-Strelltz. Berlin, 2. Lliugust. (Tel.-Komp.) In dem großen Mecklenburger M' ä t r e s.s e n P r v z e ß, den die frühere G eliebte des Großherzogs Vdvl fB. vvnMecklenburg-Strelitz, die Gräfin Matzcnau, gegen die »Mecklenburger Dynastie angestrengt hat, 'ist, wie die ,/Bossische Zeitung" berichtet, ein Ausgleich zustandegekommen. Die Gräfin Matzenau erhält eiml jährliche Rente von 6000 Mark. Der Sriherzog, der den Gesandten fordert. Er kabelt an Horthy um Geld. Hollywood Ijat endlich wieder seine Sensation. Diesmal ist es zür Abwechslung nicht Charlie Chaplin, der sie besorgt^ sondern ein Anfänger — der Filmstairst Leopo ld Von HabSburg, engagiert als „Typendarsteller für ErHherzöge", aber offenbar auch dafür nicht bezahlt genug. Augenblicklich ist der Großneffe Franz Josephs Mittelpunkt einer Preß- und Ducllaffäre» über die wir bereits kurz berichtet haben, deren nähere Einzelheiten aber erst jetzt bekannt werde,,. Leopold hat bekanntlich von Los Angeles aus dem ungarischen Gesandten in Washington, Grafen Szechenyi, telegraphisch eine Forderung zum Zweikampf übermittelt. Das Duell wird, falls es znstandekommi, in Europa stattfinden. So erklärt wenigstens Adolf Neu Hardt, der Sekretär des Erzherzogs, und gibt zugleich im „Examtner" den „Notenaustausch" bekanui, durch den sich der Graf die Kentrahage zugezogen Hai. Se. Hoheit hatten seit zwei Monaten Amerika bereift, und das kostet Geld. Sekretär Alfred Neuhardt, der unter diesem fatalen Zustand wahrscheinlich ebenso litt wie sein. Herr, wußir guten Rat. Er empfahl dem Erzherzog, den ungarischen außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigter, Minister Laszlo Grasen S zeche ny i von Sarvar-Felsö'videk zu benachrichtigen/daß er, Erzherzog Leopold, bei Nswyorker Freunden ein Darlehen auszunehnten beabsichtige, und daß Gras Szechenyi bei etwaiger Rückfrage gefälligst bezeugen möge, daß Leopold wirklich ein Habsburger Erzherzog und nicht etwa ein Hochstaplsr fei. Wie der Sekretär mitteilt, ging die Depesche an Grafen Szechenyi ab, der auf drahtlichem kWege antwortete: „Ihr taktloses Telegramm heute erhalten. Sie müssen Ihren Freunden in Newyork unbedingt sagen/ daß sie Ihnen kein Geld durch die üngarischo Gesandtschaft schicken können." Se. .Hoheit Erzherzog Leopold antworiete mit folgendem Telegranim: „Ich habe Ihr beleidigendes Telegramm erhalten. Dia korrekte Antwort darauf fällt mir schwer, da Sie Vor. dem Kriege nur Lakai meiner Familie lvärm. Aber ich möchte bcnrerken, darein Zweikampf sich arrangieren läßt, und schlage Ihnen hiemii den Fehdehandschuh ins 'Gesicht." / Nun war wieder Graf Szechenyi der Entrüstete. „Lakai!" Der Gemahl der Glädys Moore Vanderbilt und Lakai! Doktor juris, königlicher und kaiserlicher Kammerherr, Leutnaill der Reserve des Neunten Husarenregimenies, erbliches Mitglied des ungarischen Oberhauses, Schloßherr auf Oermezö . und Lakai! Wie verlautet, . . hat der Erzherzog einstweilen dem Horthy um .Geld . gekabelt, und wenn Graf Ladislaus 'Szechenyi.sich jemals wieder in Diuropa blicken läßt, wird er sich mit Leopolds Sekundanten zu befasfen haben. Unterdessen hat er fein Hotelzimmer aufgegcben und gedenkt -nötigenfalls di e Reifs na ch . N e wy o vk per pedes apostzylorum zu . machen, ganz einerlei, wie lange sie auch dauern mag. Nun aber kommt das echt amerikanische und bereits bekannte Nachspiel. Als T e xx R,i ck a r d, der bekannte Sportun ter-- nehmer, in Newyork von der Äffare erfuhr, satldie er sofort, dem Erzherzog eine Depesche, in der er ihm 5000 Dollar/Airgeld , und 20 Prozent der Kasseneinnahme für den. Fall Lol, daß Seine Hoheit geruhen sollten, den Zweikampf unter seinen Ausspizien iup New Dorier Nankee-Stadium zunr Austrag zu bringen,' vorausgesetzt ferner, daß dazu keine gefährlicheren Waffen als Boxhandschnhe verwendet werden. zehnten Jahrhundert und ein Psalter, der etwa um das Jahr 1500 angefertigt wurde. Die Verfertiger dieser «Anschriften waren wahre Künstler auf ihrem Gebiete. Ein Kunstkritiker bemerkte mit Recht, daß gerade jede Buchseiten, bei welchen es keinerlei Schnörkelivcrk und kaligraphiM Verzierungen gibt, am deutlichsten eine spezifisch jMsche Kunst erkennen lasse«, ja daß man erst bei Besichtigung solcher kunsthandw^rklicher Schreibearbeiten erkennt, um wieviel Wesenhafter hier jüdisches Kunstschaffen -ist, als etwa beim Bildschmuck der Haggadahs oder bei jüdischen Steinmetzarbeiten an deu Synagogen. * Wie die Gotteshäuser aussahen, ^die Friedhöfe sowie die rituellen Bäder> die unterirdisch angelegt wurden und bis zum Spiegel des Grundwassers hinabreichten, davon gibt diese jüdische Sonderabteilung der Magdeburger Ausstellung ein interessantes und anschauliches Bild. Wie man überhaupt rühmend hervorheben mußdaß die Lichtbilder, Zeichnungen und Modelle vortrefflich gewählt und sehr zweckmäßig angeordnet sind. Nebst den genannten Orrginalstücken sind einige architektonische Reste der uralte» Wormser Synagoge sowie.ein W omser Grabstein aus dem Jähr« 1462 exponiert. Ganz besonders fällt die Lederkapsel zum Ehrbacher Schenkenbecher auf uüd der Brakteat des Kunv von. Münzenberg aus dem 12. Jahrhundert. Auf letzterem ist neben dem Münzherrn der Name des' Müuzmeifters David Ha dohen geprägt, ivährend die erwähnte Lederkapsel den Namen eines jüdische» LederschnittkttustLrs ent- '> hält, der sie verfertigt hat. Daß nicht iveit mehr kunsthandfverkliche jüdische Denkmäler ausgestellt iverden kann- * ten, hängt, wie bereits früher erwähnt, mit de» zahlreichen Judenverfolgungen itrw Judenplünderungen zusammen, bei welchen insbesonderi: öie rühmlichen Werte der jüdischen Goldschmiede abhanden kamM. Der nachdenkliche Besucher dieser kleinen, aber sehr wertvollen Ausstellung kann sich bei dem Anblick dieser teuren Erinnerungsstücke, die nur Mehr in ganz geringer Zahl vorhanden find, des wehmütigen Gedenkens der zahllosen Märtyrer des jüdischen Volkes und des furchtbaren Schicksals, das unsere Vorfahren erdulden mußten, nicht erwehren. < si Es ist wenig da, aber diese letzten Reste sprechen eine deutliche Sprache.. An dieser Lederkapsel, an ditzset Inschrift des Münzmeisters David Hadohen erkennt man, daß es hervorragende jüdische Lederarbeiter gegeben habzn must. Man weiß, daß es rühmliche jüdische GoDschmiede gab, und an manchem exponierten Stück läßt sich.l die Bcb'eututtg der einstigen jüdis chen Buchbinderkunst erkennen. Aber so emsig ste auch schufen, so bemerkenswert ihre Werke gewesen sein mögen und so bezeichnend für die Kultur der Judenheit dieser Gegend im Mittelalter — ein grausamer.Blutsturm hat alle Zeichen der Zeit immer wieder verschüttet und immer wieder mußtest sie von neuem beginnen. Und was an Urkunden crhaltert' blieb, beleuchtet grell die jeweilige Lage des Judentums, seine Beziehungen zur Umwelt, den unechörten Kampf ums Dasein, dsi Opferfrestdigkeit, die heroische Kraft, mit der sitz sich unter den schwierigsten, widerlichsten Verhältnissen als Judeit zu behaupten wußten. Die kleine jüdische Abteilung der Magdeburger SommerauSstellung' O. sehenswert stnd lehrreich — gerade weil sie verhältmsmäßig arm ist Denn die Stücke, die hier gezeigt werden, schwer beschafft und wenig bekannt, fi-*b Reste eines Reichtums kunfchandwerklichtzn, kultn i geistigen Schaffens, das zugrunde ging, nicht durch j.wisches Verschulden oder gar durch Unverstand der Erbe». Es wurde vernichtet und verschleppt, bevor es die nächst» Generation zur Verwaltung und Bchütnng hätte übe»' nehu^n könne», D. B, )