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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-03 · Heft 3027 (3.8.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3027 (3.8.1927)
Date
1927-08-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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;h-. 3027 Wien, Mittwoch Wiener MorgenzeiMn- 3. August 1927 Seite 3 .Die Nachrichten über einen solchen Mißbrauch d e r Wahrheit » nich t entsPrechen. Wahrend d-es Telephonstre'ks wurden dringende Gespräche zngelasien. So konnte der deutsche Außenminister S t r e s c m a n n mit dem Wiener Gesandten L e rH e n f e l d, der Bundeskanzler Seipel mit einem Funktionär des DurgerstaiideS und die A m t l i ch e R a ch r i ch t c n st c l l e n Wien mit dem Zweig insti tut in Graz sprechen. Außerdem wurde einigen ausländ scheu Journalisten die Möglichkeit gegeben, sich mit ihren Redaktionen zu verbinden, doch war als Bedingung darangeknüpft, das; sie keine über Oesterreich nachteiligen Nachr'chten an das Ausland versenden. Einigen ungarischen Journalisten, die sich nicht an diese Bedingung hielten, wurde auch der Strom nnterb-rochen. Selb-sbverständl'ch haben alle, die während der Streikzeit telephonierten, diese Gespräche bezahlen müssen. Die Beträge wurden zur Gänze der P o st d i re k t i o n a b g c f n h r t. Burgenlandischer Landtag. Aauerrimdgedim zu Den Wiener Vorfällen. Aus Eis« nstadt wird gemeldet: Der burgenländische Landtag hielt gestern seine erste Sitzung in der neuen Wahlperiode Nb.' Der .Präsident Hoffenreich hielt eine Ansprache, in ber er der Wiener Vorgänge gedachte und hervorhob, daß im Burgenland die Ruhe nicht gestört wurde. Landeshauptmann Rauhofer sagt , „Me ich mit tiefem Bedauern gelesen habe, hat ein kleiner Teil der Drei chsdentschen Presse die B or- Burgen laud als Unruheherd darznstellen, um gegen I den Anschluß Stimmung zu machen. Der Umstand, daß das i Burgenland ' von den Wiener Stürmen weniger Zu spuren hatte als die meisten anderen Bundesländer, beweist am deutlichsten, f aß die verhängnisvollen Schüsse in S ch a t t e n d o r f, die letzten Endes den Anlaß zu der Explosion in Wien gegeben haben, ebensogut in einem anderen Lande hätten fallen könneni und daß die Bevölkerung des Burgenlandes 'im tiefsten Grunde friedvoll und gewaltsamem Borgehen abhold ist, somit die Unruhe von auswärts in unser Land getragen wurde." Die Sitzung wurde sodann zum Zeichen der Tran e.r"geschlossen. Kxplgsionskatastrovhe auf einem japanischen Kriegsschiff. 38 Personen getötet. Tokio, 2. August. (Reuter.) Amtlich wird mitgeteill, daß bei einem Explosionsunglück auf dem Minenleger „Xoütöct" 38Personen getötet wurden, darunter 5 Offiziere. 47 Personen wurden verletzt. Flugzeug in Brand! Irel rote. Paris, v2. Äug. (Tel.-sKomrp.) Bei Brussan rm Kanton Aurignac stürzte ein Flugzeug ab und geriet in Brand. Der Pilot und zwei Passagiere wurden getötet und bis -zur Unkenntlichkeit verkohlt, so daß es noch nicht gelungen ist, sie zu identifizieren. Mein Bolk spielt Karte« ... Ein Prater-Idyll. J»t den Abendstunden, ckveun sich der Tag verkühlet und kräftiger, ach, der Atem der cngeir Okrssen geht, strömerr die Söhne und Töchter meines Volkes irr die Hauptallee des Pvaters. Ein (Äasthausgarten, mit bunten Glühlampen und tveihlackiectelt Tischchcit locken, fmnmt um die Nachtntahlzeit lute ein Bienenstock im Aufruhr. Da kommen die Jünglinge vom Kommerz und Sport, in prangender, wild-bewegter Oxfordhose, die iit iveit ausgreifenden Schwingungen dcchinsegelt, nicht bloß den Staub dieser Erde mtswirbelnd, sondern auch inißgroßc Kieselsteine harmlosen Passanteir ins Antlitz schleudernd. Da kommeit die niedlichen Rkädcheir und ihre weit niedlicheren, um ein Jahrzehnt jüngeren arm- und kniefreien Mütter, den letztest Shimmy trällernd. Man schluckt hastig den frugalen Schillingschmaus. Kostspielig sind- Dauerwellen, Lippenstift, Modestrümpfe, drückend die Monatsraten für die stoffreiche Hose, für Prachtgurt und Seidcnhemd — man muß beim Essen sparen. Und soweit das Auge' des erstaurtten Zaungastes reicht, bringen.die netten Servierkelln erinnert, bereit blühtveiße Häubchen durch den Garten schwirren, zu jedem der zahllosen Tische das nämliche Dessert: Ein Päckcheit Spielkarten. Bis zum höchsten Punkt des Riesenrades müßte die Säule ragen, wenn dieser Praterwirt seinen Vorrat an Kartenpäckchen hübsch geordnet übereinander schichtete. Wo er tagsüber diese Wagenladungen bunter glänzender Kärtchen verstauen mag? Aber er kennt feine Pappenheimer. Das Spielgeld ist eine gute, verläßliche Einnahme. Es bleibt kein Mauerblümchen hockeit, wenn der Tanz auf den Tischplatten beginnt. Alsbald verstummt das Klappern der Teller und Eßbestecke, des Diskant der Ruhe, nach Atzung und Trank, die Böglern gingen schlafen, die Wipfel schiveigen, die Kellnerinnen ruhen aus. Auf den Tischen hingegen, unter den gesenkten Köpfen, glänzenden Augen, hurtigen Fingern, entfaltet sich lebhaftes Treiben. Da wird gemischt, angesagt, getruinpft, eingestricheit, mit jeder Minute wächst die Erregung, dick und dicker überqualmt Zigaretten dampf die unendlichen. Spaliere von Spieltischen. Me iit Volk spielt Karten . .. Nicht die behäbigen-, allen Herrn a la „Klabriaspartie", defekt gekleidet, aber dafür humorvoll, nicht die Damen gesetzteren Alters, die ihre Kaffeehauspartien des Sommers in den Prater ver^ legen. Sondern — hauptsächlich und vornehmlich — die liebe Jugend. Die nach der neuesten Mode schlecht Angezogenen, Braungebrannten, Sportgestählten, „Ertüchtigten" und ihr weiblicher Anhang. Wer die jungen Herrn gier sitzen sieht, in seliger Slpielfreude hinausgehoben über Zeit und Raum, aber doch nicht so sehr von Gott verlassen, daß sie ihrer Hosen vergessen — vor jedem neuen Spiel werden sie hochgezvgett und gegen das Entstehert der entsetzlichen Kniebeule geschützt — wer das höchstlebendige Interesse der guten Mädchen wahrnimmt, wie sie, die Zigarette zlvischen frischgestrichenen Lippen, mit den gekreuzten Beinen wippend, mitspielen oder kibitzen, wer sie, vgrn Spielteufel gekratzt, lieblich zwitschern hört, wer sie auffängt, die munteren Reden, die das nächtliche Werk geleiten — der zweifelt keinen Augenblick, daß wir in der fümchmsten, sympathischesten, der besten aller Welten leben. Ment Volk spielt Karten... Wenn jetzt die Sintflut käme, — vor diesem Gartenzaun mühte sie Halt machen. Der Burscht hat Ultimo angesagt, die Luzi hat vier Aß in Händen und Gusti, des ri'chmlichen Goalkippers Braut, hat soeben glänzend „gekauft", tanzt sitzend Charleston 'und singt: „Was macht der Maier, am Himmülaja..." Otto Abel es. „Mr. Spink und Mr. S'Rell". Sin amerllanllSer Snunertrllk ln Wien. Immer, wenn es Sommer ist und die Reisesaison am stärksten cinfttzt, -stellen sich auch ,;B a rryun d M o r r i s o n" ein. Das sind die Namen zweier gesiegter Gannar aus Amerika, die im Vorjahre «ins Anzahl ihrer Landsleute in Europa ausplündcrten, bis das Betrügerpaar dingfest gemacht werden konnte. Ein Juwelier aus Amerika ist vorgestern zwei solchen Gauinern in die Hände gefallen. Erst hatte sich ihm der eine von ihnen unter dem Rainen I. H. SpiNk aus Neuseeland herangemacht und sich mit ihm ein Rendezvous vereinbart; dann war zu den beiden, die sich in englischer Sprache in einem Kaffeehaus unterhielten, ein Dritter hinzugekommen, der sich als Patrick O'Nell vorsteltte und über die Begegnung mit Landsleuten sehr erstellt tat. Der letztere, mit dom Aussehen eines würdigen altert Herrn, spielt« den Von denk Origiinrlpaar Barry und Morrison her bekannten Biedermann, der die alt« Geschichte vorbrachte. Er habe 300.000 Pfund Sterling geerbt, davon müsse ec nach den Bestimmungen des Erblassers 60.000 Pstnd an. Arme spelldell, und er sei bereit, dem Mr. Spink 250 Pfunde ftir wohltätige Zwecke zu ' übergeben.. Dach müßte er durch eine gewisse Prob« die Bertvanewswürdigkeit des Geldenipfängers versuchen. Spink b o st a n d d i e P r o b e durch ein Kuvert, das er übergab und in dem angeblich 2000 Pfunde enthalten Untren. Nell ließ durchblicken, daß er auch dem Juwelier einen gleichen Betrag für die Armen geben wolle, und ahnultgskos ließ sich dieser in die Falle lockert. Er übergab dem Mr. Nell 3450 Schilling, 443 Dollar und Verschiedenen Schmuck int Werte von 1000 Schilling. „Mr. Spink und Mr. Nett" entfernten sich, von wegen der Vertrauensprobe, und der Juwelier wartete, bis er einsehm ntußte, daß er Betrügern zum Opfer gefallen lvar. Jetzt forscht die Polizei «ach den Hochstaplern. fälle in Oesterreich zum Anlaß genommen, um das Q00000{xxxxx?00000(xxxxxxx»0000«xxxmxx)00000cx}0000000^^ Aue Schreckensszene im Donaukanal. Bei einer Lebensrettung ertrunken. Gestern spielten sich nächst der Augartenbrücke im Donaukanol aufsehenerregende Szenen aL Bei der Rettung eines Lebensmüden kippte ein Boot mir zwei freiwilligen Rettern um und einer der Beiden büßte dabei sein Leben ein. Wir erfahren folgende Einzelheiten: Gestern gegen Hl Uhr abends sprang plötzlich ein Mann über das Geländer der Fri^e densbrücke ('Brigittabrücke) in die Mitte des Donaukanals. Da zu dieser Zeit die Brücke von zahlreichen Menschen bvvAkert war, wurde der Selbstmordvevsuch sofort bemerkt. Auch der Obevwachmarm Haller 'halte von der Leopoldstädter Seite des Kanals den Vorfall mttangesehen unö machte in wenigen Minuten eine, Rettungs z ille los. Man sah, wie der Selbstmörder in -den Wellen unter sank und wieder aus tauchte und wie der Wachebcamte sich bemühte, den Sinkenden zu erreichen. Aber auch zwei Zivilpersonen, der 27jährige Besitzer eines Saudjchlffes, das bei der Brücke sestgelegen war, Josef Damketiler, und der Materialausseher Michael N ow ot ny, hatten vom Stadtufer einen Kahn losgemacht und steuerten gleichfalls 'dem Vevsinkenden nach. Inzwischen hatte Oberwachmann Haller den Lebensmüden erreicht und bei der Hand gepackt. Da kam das andere Rettungsboot, durch die Strömung rasch vorwärts getrieben, daher und die beiden Zillen stießen zusammen. Es gelang dem Polizisten, ... i Deutsche Professoren. Sie Wissenschaft der Sasse. — Plate und Lubarsch. Der Berliner „Vorwärts" beschäftigt sich in einer Zuschrift aus Weimar wieder mit den antisemitischen Redeexzesscn des Zookogieprofessors der Universität Jena, Plate, und schreibt: „Seine (Plates) antisemitischen Aeußerungen auf dem Lehrstuhl sind Legion. So bezeichnet Herr Plate die Juden als Träger der sexueller Unmoral, bei den Inden sei die Homosexualität häufiger usw. Die Behauptungen haben schon oft die thüringische Oeffentlichkeit beschäftigt. In den letzten Tagen aber leistete sich dieser „Gelehrte" ein Stück, das beweist, lvie auch das Katheder nicht vor den geistigert Ausschreitungen des RadauantisemitismuL sicher ist. Herr Plate sprach über Vererbung mrid Eigenschaften und beliebte die M i s ch e h e« zwischen Inden und Nichtjuden als Beispiel zu nehmen. Aus einer Gemeinschaft zwischen Arier und einer Jüdin entsproßerr Kirtder, bei denen das arische Element durchaus überwiege. (Welch Glück!) Aber bei den Kindeskindern, da — wörtlich: «sehen Sie wieder den kleinen Cohn!" Diese Kabinettsleistung deutscher „Wisserrschaft" erregte stür misch e u B eifall bei der Hörern Plates, und das Trampeln der bekanntlich von vielen Studenten zum Applaus benutztert Schuhsohlen wollte kein Eltde nehinen. Mit ivem soll man mehr. Mitleid haben, mit dem Professor, der die «Wissenschaft" durch solche aus dem Witz der - Gosse entnommenen „Schlager" profaniert oder mit den Sttldenten, die sich dadurch geistig gesättigt fühlen?" * Leichenschändung. Das „Berliner Tageblatt" berichtet: Im pathologischen Institut der Charite vemnstaltete dessen Direktor, Geheimer Medizinalrat Nniversitätsprofcssor Doktor Lubarsch, am Schluß einer Vorlesung eine Demonstration von Leichenteilen, dieser mit folgendeit Worten begleitete: „Ich scheue mich nicht, Ihnen den Namen dieses Verstorbenen zu nennen. Es ist Herr Ivan Kutisker, ein Ostjude, der, wie Ihnen wohl bekannt ist» zn fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Er hat sich mit 20 Jahren syphilitisch infiziert und rauchte, wie es bei Ostjuden Sitte ist, /äglich 30 vis 40 Zigaretten." Offenbar weiß, festigt das genannte Blatt hinzu, Herr Lubarsch nicht, daß er sich mit dieser Namensnennung eines schweren Bruches des ärztlichen Berufsgeheimnisses schuldig macht, das auch dem Toten gegenüber zu wahren ist. Auch mit der Wahrheit hat er sich in Widerspruch gesetzt, denn Kutisker starb nicht als bestrafter Mann, sondern als Untevsuchungsgefangener. 1V0 Mark für Pogromanfforderung. Unter der Ueberschrift „Judenblut ist billig" veröffentlicht „Welt am Montag" die folgende Zuschrift aus Baden: „Ein Stabsoffizier der badischen Nationalsozialisten des Namens R. W a g n e r, Kauftnann aus Durlach, rassenechtes Hitlerblut, hielt im vorigen Jahr in Freiburg eine Versammlung ab. Sein Vortrag endete mit der Aufforderung zu einem operativen Eingriff in den kranken Bolkskörper: „Das Judengesindel gehört an d i e Wand gestellt!" Darauf wurde der Antisemiteubandenchef vors Gericht gestellt und hat nun auch nach dent Urteil zweiter Instanz ivegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten 100 Mark auf den Mar der „Judenrepublik" zu opfern." den Lebensmüden in sein Boot zu ziehen. Das andere Boot wantte stark und so kam es, daß beide Kähne zur Schleuse unterhalb der Brücke angetrieben wmden. Hier ist die Strömung sehr reißend. Im letzten Moment erfaßte Oberwachmann Haller ein Seil, das über die Schleuse gespannt ist, und hielt mit den Füßen das Boot fest. Mer das zweite Boot mit den beiden Männern glitt unter den Entsetzungsrufen der Zuschauer gegen die Schleuse, konterte und die beiden Retter stürzten ins Wasser. Mutig und entschlossen sprangen nun der Oberwachmann Schmiedinger Und der Oberwachmann Holzreiter in den Donaukanal und es gelang ihnen, den Nowotny zu retten. Damkeller aber blieb spurlos in den Wellen verschwunden. Den beiden Wachleuten war auch cm Passant namens Horvath nachgesprungen. .Auch er geriet infolge der Strömung in Ertrinknngsgefahr und auch Horvath wurde von den beiden Wachcbeamten gerettet. Die B e r g u n g s v e r s u ch e nach dem Versunkenen blieben bis jetzt e r f.o l g,l o s. Die Schreckensszene hätte riesiges Atisiehen erregt. Eine nach Tausenden zählende Zuschauermenge begleitete mit lauten Rusen die dramatischen Szenen. Die R e t t u n g s g e s e l l s ch a s t übersührte den Lebensmüden und den erschöpften Nowotny auf die U nf n l l stati o it.

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