Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3026 (2.8.1927)
- Date
- 1927-08-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4 Wien. Dienstag Wierrer Morgenzeitun^ August 1827 Nr. 30L6 Die politische Arbeit der zionWchen kxelutive. Ser Bericht an öen IS. gionistenkongreß. Sie Frage der Staattwndereir». - Sie birherigea SrgebMe der RataraUiatioa. — Sie Arbeit,lofigteit. ihre BetSmpsung and ihre Folge». Wir haben in unserer dkusgabc vom 31. Juli init der Veröffentlichung des Auszuges aus dem politischen Bericht der Exekutive an den 15. Kongreß begonnen, den uns das Organisationsdepartement übersendet hat und lassen hier den ziveiten Teil folgen. Mit Bezug auf die S t a a t s l ä n d e r e i c n ist noch kein endgültiger Fortschritt zu berichten, da das Hindernis, 'der Bcisan-Vcreinbarung als einer »causa iudicata" borlicgt, bezüglich deren die Regierung ihren Standpunkt nur mit Zustimmung der arabischen Unterzeichner ändern zn können glaubt. Was Böden außerhalb des in der Beiscm-Vereinbarung behandelten Gebiete betrifft, so hängen die Aussichten von beit Ergebnissen der eben jetzt durcbgeführten B o d e n v c r in c s s u n g c n ab, doch scheint es, daß die Haltung der Regierung günstig ist. Während des Jahres 1926/27 lvurde der Beitrag der Regierung für die jüdischen Schulen beträchtlich erhöht und die hebräische Erziehungsorganisation der Zionistischen Exekutive als das offizielle hebräische Erziehungswesen des Landes anerkannt. In Verbindung mit der A r b e i t s l o s e n u n t erst ü tz u n g hat die Regierung eine Anzahl öffentlicher Arbeiten ausgeführt, wobei jüdische Arbeiter verwendet wurden, imd im allgemeinen m e h r, B e r e i t w i l l i k c i t gezeigt, als in der Vergangenheit, finanziell an den verschiedenen . 'Gebieten jüdischer Tätigkeit teilzunehmon. ' ' Es kann nicht behauptet werde«, daß in der politische Haltung mit Bezug auf die Tragung der Kosten für die jüdische Entwicklung in Palästina eine Aenderung cingetreten ist, doch wurde ein wesentlicher Fortschritt mit der Beseitigung wenigstens einiger der Ungerechtigkeiten gemacht, die in der Vergangenheit dadurch hcrbeigeführt waren, daß der jüdischen Bevölkerung Beiträge aus den Staatseinnahmen für Aufgaben. oder öffentliche Dienste vorenthalten wurden, für welche die Araber derartige Beiträge t c* hielten. Die beiden Jahre, die seit dem letzten Kongreß vergangen sind, brachten mehrere wichtige Ergänzungen zu der grundlegenden Gesetzgebung Palästiiras. Besondere Aufmerksamkeit erfordern die „Verordnung über die palästinensische Staatsbürgerschaft", der »Erlaß über das Gemeindewa h l r e ch t" und der »E r l a tz ü b e x d i e religios en G e m e ind en". Die auf Grund der „Regierungsverordnung über die palästinensische Staatsbürgerschaft" festgesetzten Naturalisationsgebühren beliefen sich auf 60 Piaster für Personen, die im Jahre 1922 optiert hatten, und auf 100 Piaster für Neubewerber. Die Zionistische Organisation hat gegen die Festsetzung der außerordentlich hohen Gebühren p r o t e - stiert; ihr Gesichtspunkt wurde auch anerkannt und die Gebühren wurden auf die Hälfte der ursprünglichen Höhe reduziert. Noch bevor die Naturalisationsämter der Negierung eröffnet wurden, unternahm die Zionistische Palästina- Exekutive eine Kampagne, um im ganzen Jischuw für die Naturalisation zu wirken. Die effektiven Ergebnisse der Naturalisation auf Grilnd der «Verordnung über die palästinensische Staatsbürgerschaft" bis zur Abfassung dieses Berichtes sind die folgenden: Zertifikate auf Grund von Artikel 5 (Optanten von 2922): 3712. — Zertifikate auf Grund von Artikel 7 (Naturalisation) : 1253. Die Zahl der Gesuche, die noch bei der Negierung zur Erledigung liegen, belaufen sich auf ungefähr 3600 weitere. Wenn es in einem gewissen Maß b cdauert werden muß, daß die jüdische Bevölkerung nicht in größerem Maße von dex Möglichkeit Gebrauch gemacht hat, die palästinensische Staatsbürgerschaft zu erwerben, so ist es andererseits sehr erfreulich für den Jischuw, den Waad Leumi und die Gemeindekomitees in den verschiedenen Städten. daß es in jedem einzelnen Falle möglich war. mit voller Einhelligkeit die jüdischen Vertreter für die Gemeindebehörden zu bestimmen, so daß diese Vertreter automatisch gewählt wurden. Am 1. September 1925 wurden die neuen Cinwa n d e r u n g s b e st i m m u n g e n publiziert, wonach alle Jmmigrationszertifikate von dem Chef des Im- Migrationsamtes der Palästinaregierung in Jerusalem ausgegeben und unterzeichnet sein müssen. Dies rollte sogleich die Frage der Bisa für Personen mit unabhängigen Mitteln auf. Als Ergebnis wiederholter Forderungen von feiten der Exekutive ermächtigte schließlich die Negierung ben palästinensischen Einwanderungs-Kontrollbeamten in Warschau, auf Gruud gewisser Bcdiugullgen Personen mit unabhängigen Mitteln ohne vorherige Entscheivung von Palästina Bisa zu erteile,u Eine weitere Schwierigkeit wurde insofern Veftiedigend gelöst, als der Chef des JmmigrationsamteS ermächtigt ivurde, auch Personen nach Palästina zuzulaffen, die Staatenlose sind. Es ist erwähnenswert, daß die Funktion der Zionistischen Organisation bezüglich der Vorlage von Vorschlägen über die Zulassung von A r b e i t e r e i n w a n d e r e r n (Zertifikatsystem) in die Bestimmungen ausdrücklich ausgenommen Ivnrde. Die Arbeitslosigkeit machte sich zuerst im Herbst 1926 fühlbar, stieg auf insgesamt 3500 bis Ende des Jahres und wuchs bis auf 6200 im Juli 1926. Im Sommer 1926 besserte sich die Arbetkölage, die Arbeitslosigkeit siel auf 4000 im September, doch stieg die Zahl im Herbst rapid und erreichte im Februar 1927 das M a jimum mit 8300. — Die von der Palästina-Regierung eingenommene Haltung war, daß die a r b e i t s l v s c n j ü d i s ch e n Arbeiter ein Teil der allgemeinen Bevölkerung seien, für deren Wohlfahrt die Regierung verantwortlich sei. Von diesem Gesichtspunkt aus war die Regierung bereit, innerhalb gewisser Grenzen Hilfe bei der Erleichterung der Arbeitslosigkeit durch konstruktive Arbeit zu keiften, und die Regierung traf Maßnahmen für die Durchführung einer Anzahl öffentlicher Arbeiten, die im Budget nicht vorgesehen tvaren, eben als ihren Beitrag zur Arbeitslosenhilfe. Die der Regierung durch die Situation der Arbeitslosigkeit auserlegten Ausgaben hatten unvermeidlich Einfluß aus die Haltung der Regierung zur Immigration, und cs wurden» ernste Emigrationseinschränkungen auferlegt. Die E x e k u tive selbst war aus eigene r I n i t i a t i v e bereit, die Einivanderung verübergehend aus Personen zu begrenzen, deren Unterbringung im wirtschaftlichen Leben des Landes ihr gesichert schien. Erörterungen zwischen der Regierung und der Exekutive über diese Frage führten zu der Bewilligung reduzierter Einwanderungspläne für die Zeit vom Oktober 1926 bis zum März 1937 und vom April 1927 bis zum September 1927, die die Zahl von 1600 beziehungsweise 600 Einwandererzertifikaten Vorsätzen. Mit dem Anwachsen der Arbeitslosigkeit und der Einschränkung der Einwanderung entstand auch, was ja unvermeidlich war, ein Wachsen der Auswanderung. Die gesamte Ausivanderung vom Jänner bis Dezember 1926 betrug 7365, vom Jänner bis April 1927: 1547, während die Einwanderung in denselben Zeitabschnitten 13.081 beziehungsweise 820 betrug. Die Wirkung dieser Bewegung auf die Zusammensetzung der Bevölkerung war die folgende: Die jüdische Bevölkerung betrug: nach der Volkszählung vom 23. Oktober 1922 83.890 Personen, Ende 1922 85.300, Ende 1923 93.300, Ende 1924 110.000, Ende 1925 147.000 und Ende 1926 169.600 Personen. Die Gesamtbevölkenmg Palästinas, einschließlich der Beduinen wird auf 887.000 geschätzt, so daß Dfc jüdische Bevölkerung 18 Prozent der Gesamtheit darstellt. Der Verlust durch Ausivanderung während der Jahre 1926 und 1927 ist zweifellos eine ernste Angelegenheit, doch darf man die Ausivanderung nicht bloß mit Bezug aus die kurze Periode, in welcher sie sich geltend machte, betrachten, sondern für die ganze Periode vyn sieben Jahren, für welche Einwanderungs- und Auswanderungsstatistikeu verfügbar ftnb. Wenn wir dies tmt, haben wir fcstzustellen, daß die Ausivanderung seit dem Anfang der Nachkriegsentwicklung des jüdischen Palästina sich auf 34 Prozent der Einwanderung belief, ein« Ziffer, die sehr vorteilhaft mit den entsprechenden statistischen Feststellungen in Argentinien und anderen Landern, die durch Einwanderung aufgebaut wurden, verglichen werden kann. Bon der Tabalregie. Elne neue Slulaussorgaullirttou. Die österreichische Tabakregie hat unter der Firma „Austria", Ginkaufsorganisation der österreichischen Tabakregie, ein« Gesellschaft mit beschränkter Haftung ge-- gründet, rvrlche dem Zwecke dient, die für die österreichische Tabakregie benötigten Levantiner Tabake durch in den Produktionsländern zu errichtende Aktiengesellschaften unmittelbar bei den Pflanzern ein-ukaufen. Zur Schaffung des für diese Aufgabe erforderlichen Apparates hat sich di« Tabakregie die Mithilfe des als Organisator und genauen Kenners des Levantiners Tabakmarktes anerkannten ehemaligen ösierraikhifch-ungarischen Konsuls Wolf Zsvlnay gesichert (der Vater des Wiener Perloges Paul Zsolnay). Rabbiner Hersch Rokach aus Pomorzauy wohnhaft in Lemberg, weilt gegenwärtig in Wien, Hotel Baron, II», Gr» Schittgasse 19, und ersucht Freunde und Bekannte um ihren Besuch, Wien, 2. August. Kaufet „Wiener Bduttage". Die Ruine de- Justizpalastes ist im weiten Umkreis durch Holzplanken abgeschlossen. Diese Barriere ist jetzt recht dicht mit Lichtbildersammlungen in Broschürenform aufnahmen der Wiener Bluttage" feil. — Ein paar arme Teufel haben ihren Augenblick-Verdienst und wir möchten ihn den fliegenden Händlern mit den „Bluttagen" nicht schmälern. Aber für die Hinterbliebenen der Opfer, für die Angehörigen der Verwundeten, für alle, welche Zeugen der Katastrophe und Teilnehmer der Leichenbestattungen waren, ist der Anblick der Hausierer mit den beiden behängt und heisere Ausrufer bieten „komplette Lichtbild- Man wlrd an die Gesellfchastsfahrten zu den Schlitzen« Mener Julitagen unseligen Angedenkenein Greuel. — grüben und Drahtverhauen der Westfront erinnett... Die Übrigens auch in Wien nicht auSgeblkeben find... Gewitter kommen. Gestern herrschte wieder unerträgliche HundStagShihe. Dre Voraussage kündigt zunehmende Bewömrrig und Gewitter an. Le,Hier Rückgang der Arbeitslosigkeit. Der Stand der unterstützten Arbeitslosen in Men rst in der Weiten Hälfte des Monats Juli 1927 um 267 auf 74.961 zurückgegangen. Gegenüber dem Vorjahr wurden 8805 Bezieher der ArbeitsÜrstnunterstützung weniger gezählt. Gestern mittags geriet in der großen Kurve am Zirler Berg ein von München kommendes Auto, das mit drei Herren und vier Damen beseht war, infolge Versagens der Bremse lnS Schleudern, fuhr gegen einen Felsen und stürzte um. Die Gattin des AiMenkers, Frau Gertruds Froh mann aus München, wurde getötet. Die übrigen sechs Personen wurden verletzt. — Biel St. Gilgen stießen am 29. Jul, die beiden Motorräder des Josep Wolf aus Wien (4. Bezirk) und des Rudolf Kluger aus Breslau an etner scharfen Kurve zusammen. Die in, Beiwagen Klugers mitfahrende .Frau Anna Seifert aus Breslau wurde sehr schwer verletzt. — Ein von Au nach Berchtesgaden fahrendes Lastauto stürzte gestern nachmittags kurz vor Berchtesgaden in die Ach. Die drei Insassen de« Autos fanden hiebei , den Tod durch Ertrinken. T,e Gefahren des Ringelspiel». M r dlm 31. Juli stürzte die Hilfsarbeiterin Karoline B las ch vom Schaukelbarussel Ecke der .Hohenbergstraße und Älchwenkstraße. Sre siel auf die vor dem Karussell iahend« Hausgehilfin Angela K'a), eckex, sodaß diest einen Bruch des linken FuMnöchelns erlitt. Die Blasch selbst erlitt eme Gehirnerschütterung und beide wurden in . das Franz Josefs-Spital gebracht. Die Amtshandlung ist im Zug. Rennzüge in die Freudenau. Die Generald-irektion der Oesterreichischen Bundesbahnen te:lt mit: An den Renntagen in der Freudenau werden, wie bisher, von.Men-Ostboh-nhof Nenuzüge in die Freudenau geführt. Entsprechend dem Beginn der Rennen werden die Rennzidge am 7. und 14. August von Wien-Ostbahnhof um 13 Uhr 50 Minuten und 11 Uhr 05 Minute«, am 3., 6., 10., 13., 17. und 30. August aber um 1'4 Uhr 80 Mauten abfahren. Im Bedarfsfälle werden noch weitere Züge geführt. Die- Fahrt nach der Freudenau dauert nur 18 Minuten. Nach Beendigung der Rennen werden den Besuchern des Rennplatzes zur Rückfahrt Sonderzügc nach Wien-Ostbahnhof zur Verfügung stehen. Der Preis für die Fahrt von Wien-Ostbahnhof nach der Freudenau beträgt 40 Groschen, für die Hin- und Rückfahrt 70 Groschen. Beim Brand dos JustizpÄastes gestohlene Uhren. Der 16jährige postenlose Hilfsarbeiter Jofef Rauch, Pöschlgass« 10, wurde gestern wegen bedenklichen Besitzes von Uhren angehaltcn nnd dem Landesgericht eingeliefert. Er war am 18. v. M. mit diesen Uhren zu seinen Eltern nach Tulln gekommen, wo sein Bater diese Uhren b«: der dortigen Gendarmerie deponierte. Rauch verschwand jedoch aus dem Eltern- Haufe und wurde schließlich gestern im Prater aufgegriffen. Er gab an, daß er zwei dieser Uhren am 15. Juli auf der Straße vor dem brennenden Justizpalais gefunden habe. Die übrigen sollen seiner Angabe nach von einem Ginbruchsdiebstahl in der Nähe von St. Pölten herrühren. NatseMster Tod. Der Bildhauer Luciano Giaretta ist am Fuß einer hohen Felswand teim FFort Belvedere unweit von L o* varone tot austzefunden worden. Das tragische Ende des Künstlers! ist noch nicht völlig aufgeklärt, dach steht fest, daß er über die Felswand hinuntergiestürzt ist. Grgevnrs der englischen Volkszählung. Nach einer Mitteilung des englischen HvgieneministerS hat die Volkszählung dom 80. Juni 1926 für England 18,688.000 Bewohner männlichen und 20,369.900 Bewohner mekblichen Geschlechts ergeben, die BolkSzählmrg vom 30. Junr 1927 18.763.090 männliche «nd 20,440.000 weibliche Einwohner. Ans der Suche nach Syüariö. Die italienische Wissenschaft, die sich zurzeit mit hingebendem Eifer großartigen Ausgaben - der Altertumsforschung widmet — man denke an die Arbeiten bei Herkulanum ura> am Nemlsee —, will jetzt auch das Geheimnis der berühmten Aeiüeßerstadt Sybaris entschleiern. SvbariS' Blütezeit fiel in das 8. bis 6. Jahrhundert v. Ehr. Ein dichter Legendenkranz windet sich um diese Stadt, deren Glanz und Reichtunc noch heute, Jahrtausende später, sprlchivörtlich sind. Die Sybanten, Meister i-m Lebensgenuß, waren so reich, daß sic eS sich leisten kormten, die Straßen ihrer Stadt und die Landstraßen der Umgebung mit kostbaren Zelttüchern zu überdachen, um gegen die Sonnenstrahlen geschützt zu sein. Man kennt ferner die berühmte Geschichte, des mit RoseiMätteri, gepolsterten Bettes. Die Krotoniaten, die auf den Wohlstand von Sybaris neidisch waren, überfielen unter Mlons Führung die Stadt, belagerte« und erstürmten sie, worauf die dreihunderttausend Einwohner teils getötet, teils in die Sklaverei geführt wurden.