Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3025 (1.8.1927)
- Date
- 1927-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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•mst5* SBten, Wiener Ärorgenzertnng 1. August 1SS7 Nr. 3025 Jas jüdische Anrecht ans Palüstina. Porr M. Gawronsky. Die Frage des Anrechtes M' Juden auf Palästina beschäftigt Zionisten und Antizionisten in gleichem Maße. Tie Juden gehen von der Tatsache aus, daß Palästina die historische Heimat der Juden ist, mit der sie dis zum heutigen, Tc^e unzertrennlich verknüpft sind. Diese historische Verbundenheit, sagen sie, stelle das Anrecht der Juden auf Palästina dar. Die Antizionisten leugnen die jüdische historische Verbundenheit nicht. Sie weisen aber darauf hin, daß die heutige Bevölkerung Palästinas aus Arabern besteht, weshalb diese und nicht die Juden die rechtmäßigen Herren des Landes seien. Wir haben hier also zivei grundverschiedene Argumentationen, deren nähere Beleuchtung sich wohl verlohnen dürfte. Palästina ist die historische Heimat der Juden, sagen die Zionisten. Man muß sagen, daß dies nur relativ lvahr ist. Palästina ist, mir wissen es nur allzugut, die yorjüdische Heimat der Kananiter. Die Araber sind aber keine Kananiter, wird man eimvenden. Richtig, erwidern nur, und zwar ebensowenig wie beispielsweise die Griechen und Italiener die Nachkommen der Griechen mtd Römer sind. Trotzdem wird ihr Anrecht auf Hellas und Rom von niemandem bestritten. Ein umgekehrtes Beispiel. In nranchen Ländern leben troch bis heute die Nachkommen ihren Urbewohner. In Aegpten die Kopten, in Spanien die Basken, in England und Frankreich die Kelten und in Amerika die Indianer. Wer wird diesen Volksresten die Herrschaft über „ihre" Länder übertragen rvollen? Die Tatsache ihrer Minorität genügt, sie aller bezüglichen Anrechte zu berauben, um ihrem Mehrheitsvolk auf Gnade uno Ungnade äusgeliefert zu sein. Wir sehen also, was es mit der „historischen Verbundenheit" für ein Bewandtnis hat. Historisch verbunden ist das spanische Volk mit Südamerika und das englische nüt Nordamerika, wiewohl sich beide Völker aller bezüglichen Rechte längst begeben mußten. Historisch verbunden ist das polnische Volk mit Westpreußen und das litauische mit Ostpreußen, wiewohl man heute selbst ihr Anrecht auf Danzig und Memel bestreitet. Historisch verbunden war Schweden mit Norwegen, bis diese Verbindung eines Tages in die Brüche ging. Die Rückschlüsse auf Palästina ergeben sich von selbst. Mag es einstmals das den Inden von Gott verheißene Land gelvesen sein, oder mögen sie es, ohne jedwede Verheißung, den Kananitern mit dem Schwerte in der Hand entrissen haben — für die Bestimmung, seines heutigen Besitzrechtes ist dies gänzlich belanglos. Heute bilden die Araber das Gros der Bevölkerung — daher sind sie die rechtmäßigen Herren des Landes. Nun ist die „historische Verbundenheit" nicht das einzige Argument der zionistischen Ideologie, ©nt zweites ift das vom Weltproblem des jüdischen Volkes, an dessen Lösung alle Völler interessiert seien. Die Existenz' eiues jüdischen Problems kamt heute kaum noch bestritten werden. ES fragt sich bloß, ob das, was im jüdischen Mikrokosmos als „Weltproblem" gilt, auch vom Standpunkt der großen Welt ein solches darstellt. Ern Fuchs — erzählte einmal Max Jordan eine j indische Fabel — fiel in einen Wildbach. In der Todesi angst des Ertrinkens rief er gellend „Wehe, die Welt geht > unter!" Ein Bauer am Ufer, der ihn hörte, erpiderte j lächelnd „Du irrst, Freund, die Welt geht nicht unter, . -ich sehe nur ein Füchslein, das ersauft.". Die Lage des jüdischen Volkes — so wird die Moral dieser Fabel lauten — ist dermaßen verzweifelt, daß es,- von seinem Sein oder Nichtsein die Weiterexistenz der Welt bedingt glaubt. Diese soll daher sein „Weltproblem* lösen, noch bevor sie ein Problem gelöst hat, das auch das des jüdischen Volkes involviert. Das zentrale Problem des jüdischen Volkes heißt: Auswanderung. Es existiert nicht von heute, wiewohl es noch nie so brennend wie gegenwärtig war. Die erhöhte Ausstoßungskraft der Diasporaländer einerseits und die hermetische Abriegelung fast sämtlicher Jmmigratiomsländer andererseits haben die Auswanderung zu d e m jüdischen Zenträlproblem Par exzellente gemacht. Nun darf man aber nicht übersehen, daß dasselbe Problem bei anderen Völkern in noch erhöhtem Maße besteht, indem es sich bei ihnen nicht wie bei den Juden um etwa hundert- oder zweihunderttansend, sondern um Millionen Auswanderer jährlich handelt. Man kann auch nicht behaupten, daß jene Völker keinen Einwanderungsbeschränkungen unterliegen Im Gegenteil, letztere sind gerade gegen Nationen gerichtet, die, wie die Japaner mtd Chinesen, das Gros der neuzeitlichen Emigration darstellen. Trotzdem ist das heutige Emigrationsproblem' durchaus kein asiatisches. Es existiert genau so in einer ganzen Reihe europäischer Länder (Italien, Deutschlarrd, England u.- g.) und bildet den Gegenstand ernstlicher Sorge ihrer Staatsmänner. Das italienische Ausrvanderungsproblem ist akuter denn je. Während es durch die Eroberung von Tripolis nichts an Schärfe verloren hat, ift es dagegen durch das amerikanische Einwanderungsverbot höchst brennend geworden. Das deutsche Austvanderuugsproblem'berschärft sich von Jahr zu Jahr. Es wjrd durch den Verlust der deutschen Kolonien viel welliger tangiert als durch das amerikanische Einwanderungsverbot einerseits und die antideutschen EinwandernugSbestimmlillkM der meisten Koloniallander andererseits. Das cngllischc Auswanderungsproblem besteht darin, daß die englische Emigration in die ganze Welt geht, nur nicht dahin, wohin sie die Negierung geleitet wisfcn möchte: nach Australien, Kanada und anderen menschenleeren Kolonien, die Noch für Millionen und Abermillionen Menschen Platz haben. Wir sehen also, daß jedes Land sein jeweilig verschiedenes EmigrationsprMem hat. Am bren- : nendftcn ist es jedoch in Japan und China geworden, nachdem sich nunmehr dir meisten Länder gegen die „gelbe Gefahr" verschlossen haben. Der Gegensatz zwischen Japan und den Vereinigten Staaten hat sich hierdurch im letzten Jahre besonders verschärf. Sollte es einmal zwischen ihnen, wie bereits seit Jahren gesprochen wird, zu einem Kriege kommen — die Frag? der freien Einwanderung nach Amerika wird hierbei nicht die geringste Rolle spielen. Nun liegen im . Augenblicke die Dinge noch so, daß die Einwanderungsfrage als die interne und souveräne Angelegenheit eines Landes gilt, in die ein anderes nicht dreinzureden hat. In der Praxis hat dieses Prinzip mit dem amerikanischen Cmwanderungsverbot nunmehr auf der ganzen Linie gesiegt. Palästina ist das einzige Land der Well, in welchem dieses Prinzip durchbrochen wurde. England hat sich dem Völkerbund gegenüber verpflichtet, die Einwcuwerung der Juden nach Palästina auf jede Weise zu fördern. Wir. haben hier cckso den ersten Fall, daß die Einwanderungsfrage als ein« dem Oberhoheitsrechte des betreffenden Staates entrückte internationale Angelegenheit proklamiert wird. Vom Standpunkte des internationalen Rechtes bedeutet dies eine revolutionäre Neuerung, deren ' Tragweite Pch noch gar nicht übersehen läßt. Die Tatsache, daß England Palästina im Aufträge des Völkerbundes verwalket, reicht zur Erklärung dieser Neuerung nicht ans. sofort erhebt sich die Frage, ob das, was für Palästina recht ist, für die übrigen englischen Mandatsgebiete billig wäre? Wie würde — fragt man sich — der Völkerbund daraus reagieren, wenn z. B. Japan bei ihm den Antrag stellen wollte, die früheren deutschen Kolonien im Stillen Ozean kolonisieren zu dürfen? Eine solche Kolonisation, würde Mau erwidern, sei eine beeinträchtigung des geheiligten Prinzips des Selbstbestimmungsrcchtes, über welches bis zmr Entwicklung der betreffenden Kolonien zu wachen die Mandatsmacht dem Böllerbunde gegenüber verpflichtet ist. Wir kommen also zum Ergebnis, daß Palästina einen Sonderfall darstellt, der nicht von der böllerrechtlichen, sondern von der moralischen Seite erklärt werden kamt. „Das jüdische Voll", hat sich der Völkerbund gesagt, „ist das einzige heimatlose Volk der Welt. Es ist aber auch dar» ungefährlichste aller Völler — warum sollen wir ihm.da nicht ein Recht einräumen, das einem anderen Volle einzurcrumen wir uns sehr wohl hüten werden?" Das Einwandernngsrecht nach Palästina stellt mithin als Voraussetzung des jüdischen Nationalhöims eine moralische Verpflichüung des Völkerbundes gegenüber dem jüdischer! Volke dar, um sein zwcitauscndjähriges geschichtliches Unrecht wieder gutzumachen. Einbruch vor dem Publikum-, Berlin, 1. August. -(Wolfs.) Gestern nachmittags schlug ein bisher unbekannt gebliebener Täter die Schaukastenscheibe eines Juwelengeschäftcs am Kurfürstendamm ein und raubte sechs Oval-Damenarmbanduhren und eine große Menge anderer Schmucksachen. Obgleich an dieser Stelle der Verkehr sehr stark ist, gelang es dem Einbrecher, zu entkommen. Irr Rötselkasten. Redigiert von Joto. Richtige Lösungen der m Nummer 3017 (Sonntag, den 24. Juli 1027) erschienenen Rätsel sandten: Tilly A l l w e i ß, Wien, 18. Bez., Währmgerstraße 123/10. — Paul D obruschn, Bern, Schweiz. — Dipl. Kfm. Isaak T e: ch, Wien, 3. Bez., Bahngasse 3/1. — Dragutin G r ü it Hut, Bjelovar, S. H. S. Der Lberkommiffiir von Neuseeland über die Eutwicklung Paliiftiuas. Sir James Parr, der Oberkommissär von Neuseeland, der soeben von einem Palästinabesuch in London eintraf, richtete an die ZionistischLe Organisation ein Schreiben, in Welchem er ausführt: .. Ich hege großes Interesse für das Werk der Zionistischen ^Organisation in Palästina und war erfreut, dw Fortschritte dieses Werkes verfolgen zu können. Die Organisation tut gute Arbeit. Mich interessierte besonders die gründliche Wissenschaftliche Methode in der landwirtschaftlichen Ausbildung und Or. ganisation. Das System der lAusbildungsfarmen ist demjenigen in Neuseeland und Australien ähnlich. Mich überraschten besonders die Erfolge der Landwirtschaftsschule für jüdische Mädchen in N a h a l a l. Diese jetzt noch 17jährigen Mädchen werden ihren späterst Gatten eine wertvolle Stütze sein. Ich glaube, die zionistischen Siedler in Palästina werden in vielerlei Hinsicht wsrtvolls und treue Mittler zwischen dem Westen und dem Osten sein und gewissermaßeit eine Verbindung zwischen den großen östlichen und westlichen Völkern der Welt schaffen. H—... Vergessene Mische Stlimme- Di? Falafchas. — Die Juden vcn Kai-Feng-Ftt. Au» London w'rd In wissenschaftlichen Kreist;, verfolg! man mit gros-em Interesse die Borbercüungsn zu einer großzügigen ethiwgrophi''chen Expedition nach dem Innern von Abessinien, wo die Verbindung zu den Falaschas hergestellt werden soll. Auf diesen vergessenen jüdischen Volksstamm haben seinerzeit Dr. ChajeS und Dr. Jakob Faitlowitsch die Aufmerksamkeit gelenkt. Der größte Teil des erforderlichen Kapitals wurde v o n,A m e r i ka n e r n beigestellt. An der Leitung nehmen auch einige Zion: st eu aus Palästina Anteil, und die englische Judenschnft wurde aufgefordert, ihre wissenschaftlichen Vertreter für die Expedition zu interessieren. Man weiß in der Welt wenig davon, daß in der Stadt Kai-Feng-Fu-der Provinz Honan am Kwagho eine Kolonie von dreihundert chinesischen Juden existiert, die nach den strengen Lehren ihres vor achtzig Jahren verstorbenen letzten Rabbis lebt. Sie alle sind sehr a r m. Keine der großen jüdischen Gemeinschaften steht ihnen hilfreich -bei und es ist auch nicht bekannt, daß man die in ihrem Besitze befindlichen reichen Antiquitäten bisher wissenschaftlich bearbeitet hätte. Vielleicht ist es nur das British-Museum, das um ihre Existenz weiß und eine Anzahl von hebräischen Handschriften aus dem Besitze der chinesischen Inden aus Hai-Feng-Fu am Kwagho bewahrt. Der Ursprung -der chinesischen Juden ist bekannt, da diese Kolonie selbst hierüber Aufzeichnungen besitzt. Sie waren Felda r bei 1er eines persischen Königs, der, aus seinem Lande vertrieben, vor 1300 Jahren durch die Armeen des Kalifen Oth.mass verfolgt wurde. Sie verirrten sich auf der Wanderschaft und konnten mit -den vertriebenen Resten der persischen Soldaten nicht mehr zurück. Noch heute befindet sich im Gemäuer ihrer Synagoge ein Stein, der angibt, daß an d-.eser Stelle zuerst im Jahre 1163 ein jüdischer Gottesdienst abgehalten wurde und 'die Synagoge vor 355 Jahren neu errichtet wurde. M«t>8»der md Antisemitismus. Ein legttimistisch-antifemtttsches Budapest er Tagblatt hat den Kultusminister Grafen Klebeksbcrg angegriffen, weil er den Phhsiologieprofessor an der Universität Devreczen Dr. Friedrich Verzar, der einer jüdischen Familie entstammt, mit der Leitung der Allgemieinen biologischen Station in Tihany betraut hat. „Pester Llohd" glaubt als Grund der Haltung des lsgitimistischen Organs folgendes angeven zu können: Prof. Verzar hatte den Nachweis geliefert, daß der biologische Index des ungarischen Blutes dem des jüdischen und des russischen am nächsten stehe, der Blutindex der dem Ungartum rasseverwandten Völker aber in einem recht weiten Abstand von der biochemischen Zusatnmensetzung des mtgarischen Blutes sich befindet. Mit diesem Nachweis war die pseudowissenschaftliche These des rassenschühlerischen Gelehrten Prof. Me-> helh aus den Angeln gehoben, die ans der Th>eorie vom biochemischen Blutindex die naturgegebene, also unaustilgbare Unverträglichkeit zwischen jüdischem und ungarischem Blute verkündete und daraus die Schlußfolgerung zog, daß ein Mensch, in dessen Organismus Vts ins siebente Glied hinauf auch rmr ein Tropfen jüdischen Blutes rollt, aus diesem Grund, allein als artfremder Schädling zu betrachten sei. „Pester Llohd" glaubt nicht fehl zu gehen in der Annahme, daß der Protest gegen die Berufung Bevzars von 1>er Seite ausgegangen sei, die durch die biologischen Feststellungen des hervorragenden Physiologen unmitclbar getroffen war. Eine Zeitschrift Kr Mische Arbeit»- md Wandersürsorge. Die Berliner Hauptstelle für jüdische Wandersürsorge gibt in Gemeinschaft mit dem Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands und der Bereinigten Zentrale für jüdische Arbeitsnachweise in Deutschland eine iteue Zeitschrift für „Jüdische Arbeits- und Wanderjmrsorge" heraus. Sie ist den Fragen des jüdischen Arbeitsnachweises und der Berufsberatung, der Sozialpolitik und Wirtschastsfürsorge, der Wanderung und Wandersürsorge, dem Ausländerrecht und Ausländerschutz gewidmet. Das erste Heft ist den Fragen der Produktivierung der jüdischen.. Wanderung gewidmet. WIR bitten unsere Leser Md Freunde, in Kurorten u. Sommerfrischen in allen Restaurants und Kaffeehäusern sowie in Lesehallen stets unser Blatt zu verlangen! »