Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3024 (31.7.1927)
- Date
- 1927-07-31
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3024 Wien, ©onntöp Wiener Morgenzeituug 31. Juli 1927 Seite n Jüdisches leben Ir. km» Margulies 80 Fahre alt. Dr. Cmil Margulies, eil« markante Figur unter den Führern der zionistischen Bewegung, beging dieser Tage seinen 69. Geburtstag. Von früher Jugend begeisterter Anhänger bciä politischen Zionismus, hat Dr. Margulies als Versammlungöredner von ungewöhnlichen Qualitäten, als Schriftsteller und Politiker mit einer Hingabe, die ihresgleichen sucht, in der großen jOeffentlichkeit und in emsiger, opfervoller Kleinarbeit für den Zionismus gewirkt. Als die Frage der Erweiterung der Jewish Agency durch Hinzuziehung voit Nichtzionisten akut wurde und der Kampf gegen diese Erweiterung dir Biloung eines radikalen Flügels im Zionismus zur Folge hatte, bekannte fick) Dr. Margulies zu der radikalen Richtung und zählt gegenwärtig zu den bedeutendsten Persönlichkeiten innerhalb deS radikalen Zionismus. Besondere Verdienste hat sich Dr. Emil Margulies auch jum die Vertretung des jüdische« Minoritätenrechtes erworben sowie um die Förderung des Völkerbundgedankens durch die Bildung jüdischer Völlerbundligen. Er ist der Generalsekretär der jüdischen Liga in der Tschechoslowakei und die große und mutige Rede über fcltc Fragen der rumänischen Juden, die er auf dem iKongreß der Ligen in Berlin gehalten hat, gehört zu den besten politischen Kundgebungen der letzten Zeit. Einstein — Vertreter Ieutschlands in der Jntellettuellen-Kommission. Wie aus Genf gemeldet wird, hat die deutsche Regierung den Professor Albert Einstein wieder mit ihrer Vertretung in der Völkerbundkommission für geistige Zusammenarbeit betraut. Die Kommission hat am 20. Juli ihre Beratungen ausgenommen. 8i« jüdischer General Großosfirler der Ehrenlegion. Die französische Regierung hat den jüdischen General Weiller in Anerkeimung seiner militärischen Verdienste zum Grandofsicier der Ehrenlegion — eine der höchsten Auszeichnungen — ernannt. General Weiller hat während des ganze!: Krieges von 1914—18 an der Front gekämpft, und war neunmal -schwer verwundet. General Weiller ist Mitglied der jüdischen Kultusgemeinde von Dayonne. 2er Fewish Board of Ieputies. L o n d o n, 25. Juli. (I. T. A.) Zu Beginn der gestrigen Sitzung des Jewish Board of De-putics teilte der Präsident O. E. d'Avigdor Goldsmid mit, daß, das Foreign Appeals Committee im Namen des Board of Deputier und der Anglo-Jewish Association in diesen Tagen einen Aufruf zur Unterstützung der Erdbebengeschädigten in Palästina.erlassen werde. Es wurden bereits 250 Pfurrd an den stellvertretenden ObcrkonlmissÜr von Palästiira gesandt, weitere 780 Pfund folgen denlnächst. Es sollen Schritte ergriffen werden, mit /'er Zionistischen Organisation, die ebenfalls für die Erd- »ebenopser sammelt, in Fühlung zu kommen, um ein Gegeneinander zu vermeiden. Der Bericht des.Auswärtigen Ausschusses stellt fest, daß zum erstenMale seit vielen Monaten über Angriffe auf Juden in Rumänien keine Mitteilungen vvrliegen. Von der Politik der gegenwärtigen Regierung sei eine Besserung der Lage der Juden in Rumänien zu erwarten. Der Board of Deputies beschäftigte sich sodann mit der vom Komitee für jüdische Delegationen in Paris und dem AmMikanM-jüdischrkl Kongreß ergangenen Einladung, sich an der im Monat August in Zürich stattfindenden Konferenz zum Schütze der jüdischen Rechte zu beteiligen. Der Board erklärte sich, mit dem vom Joint Foreign Committee abgefaßten Antwortschrei« ben, in welchem eine Teilnahme abgelchnt tvjrd, einverstanden. Hundertkahrseier der Kultusgemeiude Bierftadt. Wie die „Jüdische Wochonzeüung" in Kassel mitteilt, beging ln diesen Tage« die Gemeinde Bierstadt bei Wiesbaden, die Feier deS hundertjährigen Bestehens des Gotteshauses. Am Samstag, ben 9. Juli, fand die seierliche Wiedereimvcihung statt. An der am Sonntag, den 1.0. Juli, stattgefundenen Hauptferer nahmen der Landrat, die beld.'n Bürgeriluister, der evangelische und der katholische Geistliche und zahlreiche Vertreter auÄvärtiger jüdischer Genwinden und des Preußischen Landesverbandes teil. Bezirksvabbincr Dr. Lazarus-Wiesbaden hielt die Weiherede. Grußansprachen hielten der Landrat, Bürgermeister Jrrgang, die di« Mischen Opfer für Teutschiaiw beionten. Zum Schlüsse sprach wr Lehrer der Gemeinde, S. I. Rosenberg. Der Vizepräsident der Münchner KnltitSgemeinde, Herr Albert L a u d a u c r, ist leisten Sonntag, 78 Jahre alt, gestorben. Er bat aus charitatibem Gebiet hwvorragend gÄvttkt. Irr «utlsemitlrmus in Rußland. DaS Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Rußlands faßte in seiner letzten Sitzung Beschlüsse Über die Arbeit unter den nationalen Minderheiten. In einer Resolution wird festgestellt, daß Erscheinungen des Antisemitismus in der letzten Zeit besonders unter der kleinlbürgerlichcn Intelligenz sich bemerkbar machen, von wo die Seuche irr die rückständigen Teile der Arbeiterschaft und des Bauerntums, sogar in g e w i s s e T e i I e der k o m m u n i st i s ch c n Partei, Eingang findet. Alle Kreiskomitees werden ausgefovdert, den Kampf gegen diese volksschädlichen Erscheinungen mit allen Mitteln aufzunehmen. Das Zentrallomitcc bevollmächtigt die Abteilung für Propaganda, gemeinsam mit der Presse-Abteilung die notwendigen Materialien für die Aufklärungsarbeit und die Bekämpfung' des Antisemitismus unter den Unparteiischen wie innerhalb der Partei selbst Leizustellen. Besudlung der Synagoge l« Hannover. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag wurde — wie der „C. B.-Zeitung" aus Hannover mitgeteilt wird — die Synagoge dieser Stadt durch Inschriften „Schlagt die Juden tot" sowie duich große Hakenkreuze besudelt. Die Kriminalpolizei hat auf die Ergreifung der Täter eine Belohnung von 500 Mark aufgesetzt. Die Farbspuren führen in das Hauptquartier der Nationalsozialisten. Schon einige Tage früher wurde die Hannoversche Polizei benachrichtigt, daß die Bürgersteige in verschiedenen Teilen der Stadt mit roter Oelfarbe in einen halben Meter großen Buchstaben judenseÄldliche Aufrufe und Hakenkreuze trugen. Die Polizei veranlaßtc die Säuberung der Straßen. Scho« wieder die Aahal-Legeude. Das „Bert. Tageblatt" halte kürzlich die grotesken Unverschämtheiten mitgeteilt, die der Hamburger UniversitLtsprosesspr Dr. Passarge unter dem Schutze der akademischen Lehrfreiheit als „wissenschaftliche Erkenntnisse" vorträgt. Jetzt kündigt das „Börsenblatt /für den deutschen Buchhandel" eine neue Auflage des „Buches vom Kah<rl" von Mob Brafmann an, das derselbe Pasfarge, Ordinarius für Geographie an der Universität Hamburg, herausgegeben und eingeleitet hat. Jakob Brafmann war ein getaufter Jude, der der zaristischen Regierung Spitzeldienste, leistete und dessen vor etwa sechzig Jahren erschienelies „Buch vom Kahal" als plumpe Fälschu ng längst nachgewiesen ist. Man kann dem Geographen g ratulieren, der, wie es. in der Ankündigung heißt, jetzt „die Gesamtheit der Probleme wissenschaftlich bearbeitet hat, welche sich an die Geheimorganisation der Kahale knüpfen". Der Zionismus in Australien. Herr Hans Vajd a, Mitglied der Leitung der zionistischen Gruppe in Sydney und Vorsitzender des zionistischen Jugendverbandes in Sydney, schreibt uns: Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß es keine Monistische Organisation Australiens gibt. In jedem Bundesstaat des Commonwealth beftndet sich eine selbständige Gruppe und rede einzelne steht in Verbindung mit der Exekutive in London oder Jerusalem. Selbstverständlich würde ein« einheitliche Organisation viel mehr leisten. Die grüßte Gruppe ist die Union of Sydney ZiomstS, cm zweiter Stelle steht Melbourne; dann folgen Perth, Adelaide, Brisbane usw. Nur im Bundesstaat Tasmanien besteht keine Bereinigung, wie sich dort auch wegen Mangels an Mischer Bevölkerung keine Synagogen befinden. In Sydney haben die Zionisten sehr schwer gegen die Nichtzionisten anzukämpfen, und erst in letzter Zeit ist «in starkes Anwachsen der Vereinigung zu merken. An der Spitze stehen durchwegs Leute, die seit mehr als 20 Jahren rm Zionismus tätig find. Manche von ihnen sind in der Weltorganisation wohl bekannt. So Mr. MorriS S ymondS, dessen Spenden für unsere Sache ins Ungemestens gehen. 5000 Pfund allem hat er für die Universität in Jerusalem gestiftet. Außer ihm sind nach zu nennen Mr. Perey Marks, Me. I. Rosenfeld aus Böhmen und Mr. Gampson. Der Verein besitzt im Maccabean-Jnftltut wunderschöne Lokalitäten, in denen ' sich der Großteil des zionistischen Lebens abspielt. Vor kurzer Zeit weilte Herr Dr. Goldstein, der Delegievte des Keren Hajessod, in Sydney, irachdem er schon in Brisbane mit großer Ehre Ausgenommen worden war. Ein großer Einpsaiig ihm zu Ehren wurde in der „Maceabean-haU" veranstaltet und das ganze offizielle Sydney war vertreten. Ein großes Meeting iJi der Kings-hall, eine Teeparti« der „Sydney wvman'S Zionist league", ein großer Abend der „Junior Union of Sydney Zionist" schlossen sich aii und brachten immer weitere Kreise der SNSSWSSWSWB Ins iüdisdke ßtatt i das |üdisdke Maus I ISlWÄWlWMWAÄNMSGNSlWW Bevölkerung zu deii Versammlungen. ES gelang Dr. Goldstein, nahezu 5000 Pfund für den Palästinaaufbaufond zu sammeln. Bor kurzem verließ er uns, um nach Neu-Seeland zu retstn. Die Junior Union of Sydney Zionists hat den Anstötz zu einer Bereinigung aller Jugendorganisationen Australiens gegeben. Der erste Kongreß soll schon im August in Melbourne stattstnden. Es werden die Delegierten von zirka 23 Vereinen mit zusammen 3000 Mitgliedern anwesend sein. Es wird nicht lange dauern und wir werden zu einer australischen Föderation gelangen. Wenn dt« Vereinigung der Jugendgruppe» vurchgefüyrt sein wird, so werden wir uns bec dem Ältakkabi-Weltverband an melden, um eine Verbindung mit den anderen Zionisten zu erlangen. Ja» hebriilsche Schulwesen ln PMftlna. Aus Jerusalem wird gemeldet: Die Palästinaregierung hat beschlossen, zum diesjährige» Budget der unter der Kontrolle der zionistischen Exekutive stehende» hebräischen Schulen eine Summe von 20.000 ägyptischen Pfund beizusteuern. Im Schuljahr 1922/23 betrug das hebräische Schulbusdget 87.474 Lg. Pfund, wozu die Regierung 2995 äg. Pfund beisteuerte. 1926/26 wurden für das hebräisch? Schulwesen 136.976 äg. Pfund ausgegeben; hievon entsieben ausf den Beitrag der zionMschen Orgauisatioltz 70.000 äg. Pfund, 'der Rest wurde aus Beiträgen der jüdischen Gemeinden und Organisationen sowie aus der Regierungsbeihilfe gedeckt. Für 1925 betrug der Regie" rungszuschuh 2664 äg. Pfund, ungefähr 2.5 Prozent der Gesamtausgaben. 1926 wurde der Regierungszuschuß auf 10.664 Lg. Pfund (für das Schuljahr 1926/27) erhöht, von welcher Summe 9740 äg. Pfund auf die Schulen der zionistischen Exekutive entfielen. , Das zwischen der zionistischen Exekutive und der hebräischen Lehrerschaft getroffene Abkommen, auf Grund dessen der Streik als beendet erklärt wurde, besagt: 1. Die Gehälter für März, April und Mar werden En de. August gezahlt; 2. die Gehälter für Juni werden, vorbehaltlvch der Durchführung der zionistischen Anleihe, Ende dlu.gu.st, spätestens Mitte Oktober gezahlt; 3. die Gehälter für Juli, August und September werden innerhalb des nächsten Budgethalbjahres, das heißt spätestens März 1928, gezahlt. 129.000 Lollar für das Sefnudheiiswett in Paliiftlna. Die Konvention der Frauen- und Mädchenvrganisation H a* da s sah, die in Atlantic City eine Tagung abhielt, beschloß, im Verlauf des Sommers in Amerika 120.000 Dollar zur Erhaltung der Hospitäler und Kliniken in Palästina auszubringen. Das gesamte Jahvesbudget für Palästina beträgt 600.000 Dollar. Dem Bericht war zu entnehmen, daß die amerikanisch-jüdischen Frauen während des Geschäftsjahres Juli 1926 bis Juni. 1927 750.000 Dollar für das Palastinatverk der Hadassah aufbrachten. Davon wurden Mehr als 500.000 Dollar für das medizinische Werk und den Bau neuer Hospitäler verwendet; der. Rest wurde dem allgemeinen zionistischen Werk ^geführt. Außerdem wurden Leineuzeug, Wäsche und Bekleidung für 25 Institutionen im Betrage von mehr als 60.000 Dollar gesandt. Henry Ford und der falsche Jude. Die Berichte über vre „Bekchrung Fords" bringen folgende lustige Episode ln Erinnerung, die Vox einiger Zeit in jüdisch-amer'ikanischen Blättern zu lesen wart In Sudb nry im Staate Massachusetts wurde der Autokönig, als er dieses Städtchen besuchte, von den Pressephotographen dier lokalen Zeitungen vergeblich um eine „Sitzung" gebeten. Henry Ford weigerte sich beharrlich. Nur einem der Kameramänner gestattete er eine Aufuahnie, mit der Erklärung: „Sehen Sie — man glaubt, daß ich die Juden hasse. Um den Gegenbeweis zu führen, bitte ich Sie, mich außzunehmen; ich sehe ja, daß Sie Jude sind." Der Photograph, mit ernsthaftem Nicken des Kopfes, machte stth an die Arbeit.. Zum Schluß wandte er sich an Ford: „Bielen Dank! Allerdings bin ich kein Jude. Ich bin — Italiener"... Die Wellorganijatiou zionistischer Frauen hält, a*e schon berichtet, in Zusammenhang mit dem 15. Zionistenkongreß ihre Konferenz vom 27. bis 30. Allgust in Basel ab. Eftr instruktives Propagaudablatt, das jetzt erschienen ist, teilt nrit, daß der Organisation (W. I. Z. O.) bisher 31 Landesverbände mit 25.000 Niitgliedern angehören. Der Sweck der Organisation ist die Gewinnung der jüdischen rauen zur Mitarbeit an dem Palästinawerk. Zur besonderen Ausgabe der W. I. Z.O. gehört die Mutter- und dre SäuglingSfürfovae sowie die Erziehung der Mädchen zur landwirrschaftlichen Arbeit. G»n Denrmal für einen jüdischen Wohltäter. An- Fürth wird mitgeteilt, daß dort in diesen Tagen der Erweiterungsbau des Nathan-Stiftes seiner Bestunnmyg übergeben wurde und daß gleichzeitig die Enthüllung einer Büste des Stifters, des 1922 verstorbenen NechtSanivaktes Alfred- Nathan, erfolgt ist. In der Weiherede feiern Oberbürgermeister Dr. Wild die Verdienste deS Berbktz» chenen, dessen ganzes Leben ein Ring groMtgiger LI-chG» werke umschließe.