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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-31 · Heft 3024 (31.7.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3024 (31.7.1927)
Date
1927-07-31
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung ii. Juli 1927 Nr. 3024 Legende von der „Hohen Gass“. Von Otto Abeies. I Schwer wie eilt Witwenschleier hängt der Hinmtel Wer der ,^Hohen Gass'", als wollte er ihre Schande verdecken. Wer hat die Schöne so grausam verstümmelt und besudelt.?. Welche furWbiare Faust hat die alte Synagoge in den Boden gehämmert, daß nur mehr das edle Wttliy ans der Erde ragt? Wer hat den großen freien Platz davor mit Trödelbnden besät, aus denen die schmutzigen Lappen hervorquellen, und aus denen die Ester nach armseligen Kupfermünzen schreit? Wer hat die heilge „Rämuschnl" Aerschunden, daß sie hilflos dafteht, wie ein arme« Sünder nach dem Spießrutenlaufen? Wer hat in den Vorhof der „Neuschul" die verrvahrlosten Kinder gesetzt und wer laßt wie zum Hohn zwischen diesen drei Häusern Gottes die Jammergestalten herumstolpern, denen sich der Kaftan in Fetzen um die Knöchel ringelt wie graues Gewürm? Niemand fragt — niemand antwortet. Auf. der entgegengesetzten Schmalseite dieses geräumigen Platzes, den sie die „Hohe Gass'" nennen, der alten Schul gegenüber, liegt ein nacktes Stück viereckigen Bodens, von einer mannshohen Mauer ringsum behütet. .Dort stand einst ein stattliches Haus, hochgkebelig, mit vorgebautem Stockwerk und einer anmutig gewundenen Holztveppe gegen die.Hofseite Hin, eine Zierde der „Hohen Gass'". Djer Hausherr, ein begüterter Pelzhändlev und gelehrter Dakmudist, war gestorben und nun wohnten seiire Kinder hier, zwei Söhne mit ihren Familien, und die spätgeborene Fachet, die schön war, wie ein schiveigsamer Somnrerabend. Bon ihr sei hier.erzählt,, denn die Geschichte der „Hohen Gass'" ist mit ihrem.Namen verknüpft. r Schott uls Kind war,Fachet ein wundersames, selbstherrliches Geschöpf. -Sie lebte in der Familie wie ein fremder, feQöter Gast, durch dessen/Gegemoart man geehrt ist und den uhür mit oäfent umgibt. 3Wt einem kurzen gebieterischen hatte sie nach ftütf vEp&te der. Eltern abgelehnt, den jungen Talmudisten zu hchÄttrr, dem sie als achtjähriges Kind verlobt worben war,!rwd tzie Bruder wagten nicht zu widersprechen. Sie hatte Verne Wesprelln und niemand durfte sich ihrer Freundschaft rWnjüL Wenn sie «mf lden Fischmarkt kam — so erzählt man nvichl heute— ging '.ein neidisches Flüstemr durch die Gruppen Pep WBchen Und Frckuen und alle machten ihr Unwill- VoÄich e me Gasse. &o schritt' sie' dahin, die schweren braunen Flechten zoWpahr den Kopf inj den Nacken, und wenn sie nach rechts oder, lircks hmblickte, oder gar lächelte, war's beglückend wie entckönigliches Mschenk. * i$$e beiden Stuben, die sie im väterlichen Hause bewohnte, trugen reichen Blumenschmuck an den Fenstersimsen und die Jünger der Jeschibah, die vorübergingen, verstummten imr Disput, als fühlten sie über ihren "Köpfen Jachets BÜCHER SCHWEMME « 1ÖWII Wien, fi.» Roieiilurmsir. LL S 1*50 Hamsun, Gedampftes Saitenspiel Eulenberg, Sonderbare Geschichten .Brod, Oie Einsamen Tharaud, Im Schatten des Kreuzes Reimann, Tyll Baum, Feme Holländer, Das fiebernde Haus Werfel, Der Mörder, nicht der Ermordete ist schuldig lagore, Gora, 2 Bände Shaw, Amateur-Soziajist Shaw, Cashel Byron Nürnberger, Amerikamüde T. J. David, Der Übergang Ssologub, Der klein« Dämon Ssologub, Süßer als Gift Bojussow, Feurige Engel A. France, Aufruhr der Engel Gorki, Drei Menschen Flaubert, Salambo ln Leinen gebunden nur S 3* blendendweiße Stirn zwischen dem sorgsam gepflegten Blnnvengeranke hervorleuchteir. Dieses Mädchen war mitten in dem engverschlungenen Leben der Judenstadt einsam geblieben. Etwas Häßliches, Beklemmendes lag über diesen Gassen, das Jachet abstieß und tief verletzte: die Askese. Der strenge Eifer bedrückte Winkel und Plätze, verdunkelte den goldenen Schimmer der Freitagabende, erstickte die Lieder des Volksmundes. Er raubte den jungen Frauen den Haarschmuck, jagte die schlaftrunkenen Knaben durch das Morgengrauen in die Betstube und befahl den Männern, sich zur Wand zu kehren, wenn ein Mädchen des Weges kam. Er quälte die Herzen mit steter Angst vor Gesetzesübertretungen, ließ allenthalben das drohende Gespenst der Sünde austauchen und schwang zornig seine Geißel über dem kostbaren, tiefsinnigen Jneinarwerwebm von Lust und Leid in den engen Mauern der uralten Judenstadt. Das alles empfand Jachet schmerzhaft, wie ein Kind der Berge die Stickluft der Hütten im Tale. Vaterhaus und Gasse wurden ihr zum leidigen dumpfen Kerker. Gar oft verließ sie, in ihr stolzes, seidenes Brusttuch gehüllt, die hohe Gass!, erging sich an den freien luftigen Ufern der Weichsel, lauschte den Liedern der Hitten und brachte sie nach Hause mtt. Am Abend hörte man dann aus den blumigen Fenstern die fremden Lieder, die den Frommen wie Kriegsrufe der Feinde klangen, über das Dach der alten Schul' ziehen... Ernst hatte sie sich gar von den Wiesen einen herrenlosen Hund mitgebracht, den sie nun überall mit keckem Trotz mit sich führte, so sehr sie damit gegen die gute Sitte verstieß. „Reb Mayers gottlose Tochter geht mit einem Hund wie Rittersfrauen, wenn sie Hirsche oder Juden jagen," zischelte man. Durch solches Gehaben entfremdete sich Jachet allen. Schon wurden ihre tiefbekümmerten Brüder gemieden, man wies mit Fingern nach der Entarteten^ heiße Fluchworte trafen ihr Ohr, und wo sich das stolze, herrische Ding zeigte, liefen die Kinder davon. Da ging plötzlich mit dem Mädchen eine merkwürdige Veränderung vor. Sie sang des Abends nicht mehr die fremden Weisen, welche die hohe Gass' so verletzten und nahm den Hund nicht mehr mit. Am Markt schloß sie sich allmählich den Frauen und Mädchen an, die sich rasch von ihrer siegreichen Anmut gewinnen ließen. , . Für jede hatte sie jetzt ein gutes Wort und eine gefällige Handlung, und man konnte sie allsabbathlich, mit dem Geschmeide der toten Mutter angetan, an der Sette ihrer Schwägerinnen in strahlender Schönheit zur Schul' gehn sehen. Jachet hatte nämlich vor der hohen Gass' «in gefährliches Geheimnis zu hüten. Draußen, auf dem lieblichen Wiejenplan vor der Stadtmauer hatte sich der Ghettoschönestxein schlanker, wohlgestalteter Geselle ritterlich genähert. Mtt dem ersten Gruße, mtt dem ersten Blick hattet er sie erobert. Da schwand die hochmütige Eigenherrlichkett wie das Eis vor der Sonne, und Jachet wurde ein unterwürfiges, glühend liebendes Weib. Weit draußen traf sie sich in. kurzen, heimlichen Stunden mit dem Geliebten und erwärmte sich an dem gelassenen Frohmut dieses kerngesunden, fahrenden Studiosus, der ein buntes Barett trug und einen blanken Degen um den Leib geschnallt hatte. Ein stummes seliges Verwetten an seiner Schulter, ein ftüchtiges, bebendes Kosen, ein heißes seufzendes Umfassen, ein letzter hastender Kuß — und schon jagte sie die Angst vor der Entdeckung in die Judenstadt zurück. Und während sie die Geschwister, die Frauen, die Kinder mit guter Rede und freundlichem Handeln belog, nagte die Sorge und die Einsamkeit an ihr. In den schlaflosen Nächten aber saß die Sehnsilcht an ihrem Lager, und ihr Schicksal mußte sich erfüllen. 4. Es war am Freitag nachmittag im Vorfrühling, einer jener täuschenden Tage, da d§r Himmel lockt und flimmert wie zur Zeit der Pfingstrosen und an denen jches Herz vergißt, daß stündlich ein frostiger Wind die Schneewölken zusammentreiben und den Frühlingstzlanz mit einem Leichentuch bedecken könnte. Jachet hatte daheim sorglich den Sabbath gerüstet, die Leuchter gescheu-rt, die Kinder umgekteidet, den Tisch und die Speisen vorbereitet und sich selbst aiufs beste geschmückt. Zitternd, wie ein gefährdetes Wild, war sie dar aus dem Hause geschlüpft und zum Stelldichein geei: denn die Tage waren noch kurz und sie mußte rechtzeitig zu Hause fein, n?entt der erste Stern den Einzug der hohen Braut verkündigte. Mer ein herber betörender Duft entstieg den Feldern, das Rauschen des Blutes lähmte den Willen — und Jachet kam nicht zum Kiddusch. Längst war das Mahl verzehrt, in den Häusern der Heiligsten waren längst die S^nivothlieder verklungen, die Lampen und Lichter brannten schon blaß und müde in den Fenstern — da schlich ein stummes, trunkenes, mgverschlungenes Paar im Schatten der Gassen durch die Judenstadt. Jachet leitete den Buhlen über die Holztreppe in ihre Schlafstube. 5. Im Erdgeschoß aber züngelte in der Kupferlampe eine sterbende Flamme hoch auf und verfing sich im Linnenvochang. l Leise zischend begann sich, eine blaue, dünne Schlange hinaufzuringeln, wurde immer dicker und behender, umschlang das Gebätt, schoß prasselnd zum Dach hinauf, tettic sich in hundert Arme, fraß sich gierig weiter, und ehe man's versah, war das Haus in grelle Flamme» gehüllt.; Das Morgengrauen sah nur mehr den rauchenden Schutthaufen. Unter den Triimmern fand man des nächsten Morgens neben den verkohlten Gebeinen Jachets und ihres Geliebten den Degen mtt dem Kreuzesgriff, und die erbleichenden Väter der Gemeinde vergruben zitternd diesen Fund, von dem man um Gottes willen nichts erfahren durfte. Ein günstiges Geschick fügte es, daß der fahrende Jüngling ortsfremd war und drüben in der Christenstadt nicht vermißt wurde. Denn sonst hätte di« sündige Brautnacht des Judenmädchens der ganzen Gemeinde Wehklagen und Todesmarter gebracht. Späterhin war der Platz, auf welchem Reb Mayers Haus stand, mtt einer Mauer umgeben, und es wurde die Legende überliefert, daß einst am Freitag abends allhier ein frevelndes Paar Hochzeit feiern wollte, was nach Krakauer frormnem Brauche streng« verpönt ist. ,Als das Fest im besten Gange war, habe sich der Rachen der Erde geöffnet und das ganze Haus verschlungen, wie einst die Rotte Korachs. .; Wer aber das Verbot Übertritt und über den Mauerkranz in den eingefriedeten Raum zu blicken wagt, wich dieser frommen Sage wohl keinen Glauben schenken. Denn er sieht einen heiteren, grünen Rasen, der im Frühjahr mtt Veilchen, Vergißmeinnicht und lachenden goldgelben Maiblumen übersät ist. Niemals hätte der Herr der Heerscharen diefenFleck Erde mit so viel blühendem Lebxn bedacht, wenn er hier einst sein furchtbares Strafgericht vollzogen hatte. Es scheint vielmehr, daß das keusche Liebesglück der beiden Menschenkinder, das hier jählings unter Flammen begraben ward, den Boden düngte, so daß er nun alljährlich neu erblüht in Dust und Farbe. Wenn einst die Umsriedungsmauer dieses Grabes der Liebe fällt und der köstliche Blütenteppich hineinleuchtet in die hohe Gass', dann stirbt der Fluch, der diesen teuren Flecken in Schmutz und Schande hinsiechjen läßt. Dann reckt sich die alte Schul' auf, die „Ramschich'" ist Wie einst erfüllt von Andacht und Liebe, und aus der Neuschul' schwingt sich ein starker, herrliche Gesang zur Höhr. Und wo jetzt die häßlichen Schacherbuden schmarotzen, springt dann ein ewiger Brunnen und erzählt im Wendverdunkeln die Geschichte von der schönen Jachet. ■ ROMAN DER ZEIT EINE SERIE MODERNER ERZÄHLER IN HERRLI¬ CHEN HALBLEDERBÄN¬ DEN, JEDER BAND IN GES&HENKKARTONS4.- MAX BROD: Tycbo Brakes Weg zu Gott, Roman 'KNUT HAMSUN: Unter Herbst« stemen, Roman MAXIM GORKI: Drei Mancher», Roman « WELLS: Die Geheimkammerm des Herzens, Roman iiFRANZ WERFEL: Nicht den Mörder, der Ermordete ist schuldig, Roman EMILE ZOLA: Der Totschläger, Roman Nur mehr ganz kleine Vorräte 1 BUGHHANDLUNG R. LÖ WIT / WIEN I 1 ROTENTURMSTRASSE ,,| 1 - — ■! — - j

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