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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-31 · Heft 3024 (31.7.1927) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3024 (31.7.1927)
Date
1927-07-31
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3Ö24 Wien, Sonntag 31. Juli im Ge«e S UAS BUCH ©ER ZEIT LITER A.TURBEILAGE DER .WIENER MORGENZETTUNG' Bom Rhythmus der Seit. ES wir sehr viel über ihn gesprochen, vielleicht noch mchr geschrieben. Die Jugend möchte ihn haben, das reife Mer ihn begreifen. So gibt es Subjekt und Objekt für ihn, den Beobachter, den Spektator, den Philosophen. Dazu noch einen zweiten Begriff: Kultur. Aus diesen beiden läßt sich viel zusammenbrauen. Vernünftiges und Absurdes. Das liegt auf dem Schreibtisch und fordert Urteil. Das Bild zum Text bietet Hilfe, Aufmunterung,' Anreiz, Wohlwollen. Paul Jsenfels hat im Verlage D i e ck u. C o., Stuttgart, ein Buch erscheinen lassen, das sich „Getanzte Harmonien" nennt. Es verdient diesen verführerischen Titel. Es wandelt auf den Wegen zur Kraft und Schönheit. In einem wundervollen Stuttgarter Schloßpark, der einem Märchenreich gleicht, tanzen Mädchen und Jünglinge, blühen in der Poesie der Landschaft und Architektur auf. die Impression harmonischer körperlicher und seelischer Vollendung gebend. Die Aufnahmen wurden in monatelanger Arbeit geschaffen, vom Verfasser mit der in Deutschland populären Tanzschule H e r i o n in Stuttgart und schließlich auch in Verbindung mit der einzigartigen Schönheit des Schloß- Parkes und seiner Festräume. Es ist ein Zyklus künstlerischen Tanzes und reizvoller Bewegung überhaupt, und gerade durch die Nacktheit der meisten Bilder von einer keuschen und herben Anmut, daß das Erotische wie ein Ausdruck göttlicher Vollendung erscheint. Vom Einbandentwurf (Karl Sigrist) bis zu den letzten buchtechnischen Arbeiten atmet alles Geschmack und Durchbildung: ein Beweis für die hohen Anforderungen, die der Verlag Dieck •£. Co. auch an die äußere Form seiner Publikationen stellt. Das Buch (120 Aufnahmen in repräsentativem Großformat) müßte jeder Freund der Tanzkunst und der Körperkultur besitzen. Eine musikalische Zeitfrage behandelt Paul Bernhard in seinem Buch „Jazz", das der Delphin- Verlag, München, soeben herausgebracht hat. Der absolute. Musiker kann auf die Fragen: Was ist der die Welt erobernde Jazz? Worin beruht das Geheimnis seiner Durchschlagskraft? Wird er auf die musikalische Zukunft Europas einen Einfluß ausüben? keine Antwort geben, zumindest keine befriedigende^ Dem gebildeten Weltmann, der Völker und Rassen in ihren animalische!: Aeußerungen studiert, den Puls der Massen schlagen gehört und den sich darin offenbarenden Rhythmus verstanden hat, steht mehr Material zu Gebote. Paul Bernhard führt den Jazz auf die Umbildung jener von Liedern begleiteten Negertänze durch den. ihnen innewohnenden Rhythmus zurück, auf die Vereinigung der Urelemente der Niggersongs mit der spezifisch angelsächsischen maskulinen Musik. Aus den Ruinen einer abgenützten Kultur erhebt sich rücksichtslos die neue musikalische Form, korrespondierend mit dem neuen maskulinen Frauentyp, der Frauenmode, dem Zusammenbruch jener Atmosphäre, in der Würde, Scham, bürgerlicher Anstand noch Geltung hatten. Von besonderem Wert ist die Darstellung der klanglichen Mittel und der Instrumente, die der Jazzband zur Verfügung stehen, der raffinierten Orchestration, die entweder irgendeine Konvention oder die Offenbarung der unsere Epoche beherrschenden Urelemente deutlich macht. Wie immer mar: sich zu dieser Erscheinung stellen mag, so muß man doch eingestehen, daßder Jazz belebend auf die europäische Kunstmusik eingewirkt hat und ungeahnte Mög-. lrchkäten für die klangliche Erneuerung des Orchesters, für die Erweitercküg seiner Inhalte und für eine der Zeit entsprechende Massenwirkung in sich birgt. Im übriger: kann niemand — dies wird aus Bernhards Schrift ersichtlich — der an den Strömur:gen seines Zeitalters interessiert ist, am Jazz als Kultilrerscheinung vorübergehen. Cü: neues Buch über „T a n z k u n st", geschrieben vom bekannten Tanztheoretiker und Tanzschriftsteller Fritz B ö h m e, erschienen im C. - Dürrhaupt - Verlag. Leipzig. Vielleicht wieder eine der vielen beschreibenden, wenn auch unterhaltenden Schriften über einzelne Tanztheorien und Tänzerinnen der Gegenwart? Zum Glück nicht. Vielmehr die erste historisch-kunstwissenschaftliche Begründung der Prinzipienlehre der Tanzkunst und Verlegung des Tanzes in den Bereich seines Materials. Kurzum: zum erstenmal der Versuch eines.Kenners, das Wesen des Tanzes aus seinen eigenen Bedingtheiten und Materialgesetzen zu erklären, zu analysieren und abzugrenzen. Kunstgeschichte als Wandlung der Formen anzusehen, diese Betrachtungsweise wendet Fritz Böhme bei seiner Darstellung der Tanzkunst an: er zeigt an, wodurch die Tanzkunst in den Brennpunkt des Kulturlebens gestellt worden ist, indem er die Nächbargebiete betrachtet ünd die Probleme des Tanzdramas, der Pantomime, der Gymnastik, des Bewegungschors und des Tanztheaters erörtert. Dadurch erhält sein Buch etwas Umfassendes, das ganze Gebiet der Bewegungskunst Umreihendes. Die Kapitel über Magie und Ekstase, Volkstal:z, Ballett und neue Tanzkunst leuchte:: in die Tiefe der philosophisch-ästhetischen Tanzprinzipien. Nach beit diversen, teils theMtisch-nüchtexnen, teils dilettantisch-geschwätzigen Schriften über Tanz wirkt Fritz Böhmes Schrift wie eine Offenbarung. Das rührt daher, daß ein wirklicher Kenner und geschulter Denker sich an ein Problem herangewagt hat, das er intuitiv erfassen und gestalten konnte. Das viel umstrittene Gebiet der neuen Tanzkunst hat in Fritz Böhme den ersten Analytiker und kritischen Beherrscher gefunden. . Oskar Rosenfeld. Mel« Roma« »Ser Sage! vom westliche« Froster". Von Gustav Meyrink. Soeben erschien der große Roman Meyrinks »Der Engel vom westlichen Fenster" im Verlag G r e t h I e t n u. Co. Meyrink schildert hier, wie er zu dem Romanstoff kam. Sir John Dee of Gladhill! Ein Name, den Wohl wenige in ihrem Leben gehört haben! Als ich vor ungefähr 26 Jahren seine Lebensgeschichte las — ein Schicksal, so abenteuerlich, phantastisch, ergreifend und furchtbar, daß ich kein ähnliches ihm an die Seite zu stellei: wüßte, da fraß sich in mein Gemüt das Gelesene so tief ein, daß ich bisweilen des Nachts hinaufwan-derte in die Alchemistei:gasse Prags auf dem Hradschin als junger Mensch und mich in die romantische Idee hineinträumte, aus einem der verfallenen Türmchei: des einen oder anderen der kaum mannshohen Häuser könnte mir John Dee leibhaftig entgegentreter: in die mondscheinnasse Gasse, mich aureden und mich verwickeln in ein Gespräch über bic Geheimnisse der Alchemie; nicht jener Alchemie, die das Rätsel ergründen will, wie aus unedlem Metall Geld gemacht wird, sondern jene verborgene Kunst, wie der Mensch selbst zu verlvandelu sei aus Sterblichem in ein Wesen, das das Bewußtsein seiner selbst : immermehc verliert. Oft vergingen Monate und John Dee^ Gestalt schien aus meinen: Gedächtnis vertilgt, dann, oft in Träumen, kehrte sie wieder unvertilgbar, klar und deutlich, selten und dabei doch regelmäßig; etwa wie der 2,9. Februar in einem Schaltjahr, der sich aus vier Vierteln erst zusammensetzen muß, bis mal: von ihm sagen kann: er ist ein ganzer Tag geworden.' Später, als ich Schriftsteller wurde, wußte ich mit Gewißheit, daß mich jener John Dee nicht mehr loSlassen wurde, bis ich eines Tages den Entschluß fassen müßte —: der Sklave eines Gedankens, wie wir alle ja nur Sklaven unserer Gedanken sind und keineswegs ihre Schöpfer —, sein Schicksal in einem Roman niederzulegen, so gut oder so schlecht ich es eben imstande wäre. Nun sind es fast zwei Jahre, da „beschloß" ich, mit dem Roman zu beginnen. .Doch so oft ich mich an den Schreibtisch setzte, immer wieder verhöhnte mich eine innere Stimme: einen historischer: Roman willst du schreiben? Weißt du denn nicht, daß allem Historischen etwas Leichenhaftes anhaftet! Jener widerliche Geruch nach alten Federn, dem der Hauch der lebendigen Gegenwart fehlt! Aber, wenn ich den Plan aufgeben wollte, immer wieder rief mich „John Dee" zur Arbeit auf, so sehr ich -mich auch sträubte. Endlich kam mir der befreiende Gedanke, das Schicksal ekffes heute lebenden Menschen mit dem des „toten" John Dee zu verflechten, — auf diese Weise gewissermaßen einen Doppelroman zu schreiben.-— Ob ich selber jener Lebende bin? Ich könnte bejahen und konnte auch verneinen. Mqn sagt, wenn ein Maler jemand porträtiert, malt er immer, ohne es zu wollen, ein wenig seines eigenen Gesichts in das Bild hinein. Beim Schriftsteller mag es ähnlich gehen. Spanien im Bach. Tie einen waren oa, ld:e anderes wevepin kommen un!di die meisten haben die unendliche Sehnsucht. Allen kann geholfen werden. Der berufene Hugd Kehrer hat ein Buch geschrieben: „Spanische Kunst" (Hugo Schmidt, München). Und obschon er, auf den ersten Blich nur von den Malern Greeo über Balasquec, Murillo, Ribera bis Goya handelt, erlebt man doch (im lÄblauf der schönen Seiten und Bilder Spanien selbst, die spanische Seele, Wmosphäre und Gestalt. Ein ganz herrliches Buch, in dem großes Wissen lebenatmende Darstellung geworden ist. Wan muß voN Italien konrmen, um Spanien zu begreifen. Was unverständlich ist, geht einem auf durch den Gegensatz. Heute scheint es, als sei die romanische Sehnsucht des Nordländers gestillt, und die Beschaffenheit der maurischere habe ihn befallen. BurcLhardt war der <Gott der heute fast verschollenen Generation. Die Heiterkeit des südlichen Geistes haben wir' gekostet; jetzt lechzen wir nach dem melancholischen Ernst - Spaniens. Spaniens Farbe ist Schwarz. . . . Der Schatten als Gegenstand der Malerei: ist das nicht Spanisch!? . . .' Kehrer verbindet strengen formalistischen Sinn mit femsühligster Empfindung. Er übersieht nicht die Form über den: Gefühlsgehalt, er sieht die Einheit und Harmonie. Er entdeckt Spanien in einer Fassade ebenso wie in einer Tafel des Zurbaran. Wenn er Herkünfte ab leitet, Richtungen weist, ist nie Gewaltsamkeit dabei. Er hat das spanische Wesen getrunken und ist nun beredt von ihm. Gott sei Dank: er gibt keine Kunstphilosophie, keine Kunstpsychologie. Da alles ihrn lebendig ist, kann er es auch uns lebendig machen. Spanische Kunst: das ist micht nur ein optisches, sondern auch ein geistiges Phänomen und ein seelisches. Daß es uns in ganzem Umfang lebendige ^Gestalt wird, erreicht dieses Buch. Der Verlag hat Ls vorbildlich ausgestattet. Die Bild-- beigaben sind herrlich. Und wenn wir nie mehr als die spanische Sehnsucht haben: durch -dieses Buch werfen wir doch beglückend tiefen Blick in feilte Wesenheit. K. M. VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. Zum 200. Geburtstag Mojes Mendelssohns. Anläßlich der 200. Wiederkehr des Geburtstages des Philosophen Moses Mendelssohn (6. September 1929) bereitet ein Komitee eine kritische Gesamtausgabe der Schriften Moses Mendelssohns vor. Die Leitung liegt in der Hand von Prof. Julius Guttmann in Berlin NW., Wullenweberstraße 2. Das Komitee wendet sich, um möglichste .Vollständigkeit zu erreichen, an alle Besitzer von Handschriften, Briefen und Erstdrucken MoseS Mendelssohns mit der Bitte um Nachricht und leihrveise Ueverlassnng. Der neue Roman von Geryart Haupkmarm, „Ter Dämon", wird in der „Vossischen Zeitung" und daun in Buchform bei S. Fischer, Verlag in Berlin, erscheinen. Nationalausgabe der Gesammelten Werke D'AnmrnzioS. Seit Jahren schon waren die Werke D'Annunzios im italienischen Buchhandel nicht mehr zu haben; wenn man sich nach der Ursache dieses Mangels erkundigte, so hörte man, daß die Rechte des alten Verlegers Treves erloschen seien und eme Nationalausgabe der Gesammelten Werke erscheinen solle. Dies literarische Unternehmen ist durch Mussolinis Interesse stark gefördert und durch die im Vorjahr geschehene Gründung einer eigenen Berlagsanstalt, an der der Buchhändler Monda dort von Mailand wohl, am stärksten beteiligt ist, zur Tatsache geworben. Der Dichter selbst hat sein Gesamtwerk zusammengestolli, es sind nicht weniger als achtzig Werke, die in sechzig Banden von je ungefähr 300 Seiten veröffentlicht werden sollen. Die ersten Bände, darunter die „Franctzsea von Rimini", sollen schon im Herbst herauskonmren, alsdann sollen jährlich acht bis zehn Bande erscheinen, so daß das Gesamtwert etwa im Jahre 1935 vorliegen dürfte. Werke von Heinrich Man« i« stan^Ssischer Uebersttzung. In der Pariser Tageszeitung,Le Quottd.ien" wird ' Heinrich Manns Roman „Die Armen" als Feuilleton erscheinen. Der Pariser Verlag Simon Kra bereitet Buchausgaben von „Liliane und Paul" und „Mutter Maria" vor. „In: Schlaraffenland" ist bereits 1900, „Der Untertan" 1919 französisch erschienen. Die erste bulgarische Buchausstellung. In Varna wurde, von einigen Literaten und Buchhändlern, opganisrett, die erste bulgarische, ungefähr 4000 Werke zahlend« Buchausstellung eröffnet. Vertreten sind 63 bulgari- ' sche Schriftsteller und Dichter, eine große Anzahl übersetzter freinder, hervorragender alter und neuer Schriftsteller aus allen Literaturen sowie wissenscl>aMchis und sonstige Bücher aus allen Literaturgebieten. 22.000 Schilling für einen Dickens. Bei der Versteigerung der Bibliothek Pasmore in London richtete sich das> Hauptinteresse aus eine Erstausgabe des Romans.„Litztle Dorrktt" von Dickens (1857), die der Autor im gleichen Jahre mit einer handschriftlichen Widmung an Elarckson Stanfield gegeben hatte. Das stark umworbene Buch ging für 630 Pfund an Herrn Spencer. Quaritch zahlte für die erste Ausgabe von Sternes „Tristram Shandh" (1760 —1767) mit des Dichters Autogramm 140 Pfund. Die Erstausgabe von Fietdings „Tom Jones" mit dem Blatt der Errata brachste 110 Pfund, die Erstausgabe von Keats „Endyinion", gleichfalls mit dem seltenen"Erratablatt, 146 Pfund. Einen hohen Autographenpreis brachte das Schreibmaschinenmanuskript von Kiplings „A Les- - son" mit einer handschriftlich hknzugesiigten, bisher unveriMntlichten Stanze. Es wurde von Spencer mit 310 Pfund bezahlt, welche für das Gedichtautogramm eines lebenden Dichters und noch dazu in dieser Form wohl einen Rekordpreis darstellen dürsten. BÜCHEREINLAUF. Panakt Jstcati: Onkel Angiel. Verlag Rütten & Loening, Frankfurt a.' M. Peter Reinhold: Deutsche Finanz- und. Wirtschaftspolitik (e'ne Rede). Der Neue-Geist-Verlag, Leipzig. Johannes Schere: Menschliche Tragikomödie. Bettag Philipp Reclam jun., Leipzig. Die „Hüchoth Teschubah", die „Hlchoth Deoth" des Maim o n i d e s (ins Deutsche übertragen und mit kurzen Note« versehen von Bernjard S. Jacobson). Hermon-Verlaas» A.-G., Frankfurt a. M. La reoue litte raste juioe Monatsschrift), Jul- 1927. Paris 16 e. Große jüdische National-BlogmoPe (S. Band), herausgegeben von G. Win-nger, Selbstverlag, Cernauki.

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