Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3024 (31.7.1927)
- Date
- 1927-07-31
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Gien. Sonntag Wiener Morgenzeitung 31. JE 1927 Nr. 8924 .'■ ..' .-„:,z=,=z.=,j:.;-. 3ur Züricher Konferenz. Bon Dr. OSkar Karbach. Die für Mitte August nach Zürich einbenifenx Kon fevenz zum Sckmtze der jüdischen Reckstc sollte vor allen Dingen dafür sorgen, daß ein vollkommen entsprechender und prompt arbeitender Alarmapparat im Falle von Rechtsstörungen jederzeit zur Verfügung steht; hier kann aus schon Vorhandenes aufgebant werden, da ja die letzten Jahre manchen iveseNtlichen Fortschritt gebracht haben, insbesondere durch die Teilnahme jüdischer Korporationen an wichtigen internationalen Verbänden (Union der Völkerbnndligen, MinoritätenkougreH usw.). Man macht sich sogar keines ungerechtfertigten Optimismus schuldig, wenn man objektiv festfteUt, daß dieses System Ln wichtigen Fällen schon heute ganz befriedigend funktioniert, natürlich aber noch eines sehr notwendigen mw auch praktisch möglichen Ausbaues harrt. Täuschen wir uns nicht, daß dies unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Hauptaufgabe bedeutet: trotz der gegenteiligen Ausführungen Professor Dnbnows an dieser Stelle dürfen wir uns leider nicht verhehlen, daß sowohl die Schaffung einer jüdischen völkerrechtlich anerkannten juristischen Person im besonderen, wie eine geregelte und crsolgverheißendc Rcchtsversolgung der 'Minoritäten im allgemeinen noch Zukunftsmusik sind. Was das Judentum, insbesondere soweit es national organisiert ist, zur Verwirklichung dieses Ideals beitragen kann, das geschieht freudig und eifrig durch intensive Teilnahme an allen Bestrebungen, die dorthin orientiert sind. Aber man darf noch nicht die ungerechtfertigte Hoffnung erwecken, als ob eine, auch von den breitesten Schichten des Judentums getragene Organisatiansreform schon morgen dieses Ziel in greifbare Nähe rücken könnte. Hingegen ist ein wirksamer Alarmapparat, die Möglichkeit, rasch und umfassend die internationale Ocssentlichkeil auf die Gefahr oder die Tatsache von Beugungen jüdischer Rechte hinzuweisen, von ganz besonderer Wichtigkeit, und zwar schon durch ihre Existenz allem. Eine gute Rechtsschutzorganisation ist wie ein guter Magen: man darf sie nicht spüren. Es ist ein großer Irrtum, wenn man annimmt, daß etwa jeder von jüdischen Abordnnrngen beschickte internationale Kongreß unbedingt jüdische Reden, ^Referate, Resolutionen und Proteste aufweisen muß. Schon heute aber ist die ständig vorhandet'.e Möglichkeit, seinen Standpunkt zu vertretet!, von nicht zu qnterschätzender Bedeutung. Sie tvird auch in Zukunft viel dazu beitragen, geplante Vorstöße gegen jüdische Rechte nicht allzusehr leicht zu nehmen. Auch die inoffizielle Aussprache von gleich zu gleich mit jüdischen Vertretern kann unter Umständen klärend wirken. Ist allerdings der Rechtsbruch einmal geschehen, so lehrt wiederholte Erfahrung aus den letzten Jahren, daß auch im allgemeinen ruhig denkende Vertreter der schuldigen Nation aus Gründen des nationalen Prestiges die Ahleugnung, Verkleinerung oder Rechtfertigung des Vorfalles mit Hartnäckigkeit als ihre Aufgabe betrachten. Die Konferenz wird daher schon ein sehr wesentliches Ziel erreicht habenwenn es ihr gelingen sollte, diesen Alarmapparat zu verbessern und seine Wirksamkeit zu beschleunigen; sie wird ferner prinzipiell darüber entscheiden müssen, in wechen konkreten Fällen dieser Apparat in Bewegung zu setzen ist.' Heute kommt einer Reihe von jüdischen Organisationen, ettva jeder einzelnen jüdischen Völkerbundliga innerhalb der Union, das Recht zu, nach eigenem Gutdünken jüdische Fragen vor oie breiteste Oeffentlichkeit zu bringen. Je machtvoller der Zusammenschluß sein wird, der, wie wir hoffen wollen, in Zürich zustande kommen wird, desto mehr wird man sich im Interesse der Sparsamkeit mit politischem Kapital davor hüten müs- . sen, in Fällen lokalen und nicht bedrohlichen Charakters die gesamte jüdische Oeffentlichkeit zu mobilisieren. Weit stärker als bisher muß jeder einzelne Fall dem maßgebenden Urteil jüdischer Staats- und Völkerrechtler unterworfen und in Fundierung des Rechtsanspruches, Dokumentierung und Einhaltung des Jnstanzenzuges den geltenden juristischen Anforderungen Peinlich angepaßt werden. Schließlich^ aber muß die jüdische Oeffentlichkeit verstehen lernen — die in Zürich versammelten Männer bringen dieses Verständnis aus ihrer Praxis mit — daß die Jüdenfrage in allen ihren Zusammenhängen in erster Linie heute ein politisches Problem ist. Auch der Antisemitismus ist ein Politikum, und die Unsummen von Geld und Arbeit, die in seinem Dienste anfgetvcndet werden, dienen, wie wir ja überall sehen, jederzeit viel weitreichenderen politischen Konzeptionen als der Einschüchterung des Judentums allein. Den Kampf für die jüdischen Rechte, mag man deren Inbegriff wie immer fassen, kann man ohne Einfühlung in die kaleidoskopartig wechselnde politische Lkag-g des Kontinents nicht bis zu positiven Resultaten führen, besonders da man sich heute dabei lediglich auf die moralische Unterstützung jenes Grüppchens wahrhaft guter Europäer stützen kann, deren Unterschrift unter keinem Protest gegen die Mißachtung von Menschenrechten fehlt und daher Allwöchentlich zu lesen ist. Es ist zumindest zweifelhaft, ob eine vollkommen isolierte Gruppe, auch noch so zweckmäßig organisiert, innerhalb einer gleichgültigen Welt sich Ms die Dauer gegen swrle Feinde behaupten kann. Erst bis die Welt erkennen wird, daß der Antisemitismus weit über die Grenzen deZ Judentums hinaus der ruhigen Entwicklung Abbruch tut, erst bis ihr die höhere Notwendigkeit der Erhaltung der jüdischen Gruppe im jüdischen Wese» klar zu werden beginnt, werden mir entschiedene Bundesgenossen finden können'; und da auch dieser große Aufklär nngsprozeß sich Ntuzsk. chm poylLKen Lichte der Refften Ui# Seit iiiiiaiiiiiiiiiiiiiiiiiiifiiiiiiiiiaii CESCHKÄ die Mavke des eleganten Herrn VII., Kaiserstraße 123 iX., Alserstraße 6 Fi Leibesverstopsung, Mastdarmeinrisse, schlechte Verdauung, Zersetzung stnd Fäulnis im Darm, vermehrter Säuregehalt des Magensaftes, Zungencutziludung, unreine Haut im Gesicht und auf dem Rücken, Karbunkel vergehen be- Gebrauch des natürlichen „Franz-Josef"-VItterwasiers sehr bald. Zahlreiche Aerzte und Professoren wenden das Franz-Josts-Wasser schon se'.t Jahrzehnten bei Erwachsenen und Kindern beiderlei Geschlechtes m'.t günstigem Erfolg an. Es ist *n Apoth. n. Drog. erhältlich. vollziehen kann, so verdienen schon heute die «Männer Dank, durch deren Bemühungen diese Aussprache nach Jahren zäher Vorbereitungsarbeit nun endlich ermöglicht tvird. Die jüdische Völkerburwliga Oe,erreich wird auf dieser Konferenz durch die Herren Dr. - Chajes, Dr. Leo Goldbammer und Dr. Oskar Kvrbach vertreten sein. Sie Budapester Echrefferaffäre. Aus Budapest meldet die Tel.-Konrp.: Die polizeilichen Erl)ebungen iu der Angelegenheit des aufsehenerregenden Raub- und Erpressun g sv ersucheS an dem Kaufmann Zoltan Bartvk werden mit großem Apparat fortgesetzt. Die Behörden sind im Besitze einer ziemlich genauen Personsbcschreibung des Pseudodetektivs, der gestern vornrittags Bartvk in eine verlassene Billa im Ll!uwinkel gelockt hat, doch konnte der Täter bisher «nicht ausgeforscht werden. Dagegen tvurde sestgestellt, daß der junge Mann seinen kühnen Streich bereits zweimal, wenn auch erfolglos, versucht hatte. Vor einigen Tagen erschien er in der Großhandlung Fleischern. Kemeny, wies eine mit dem Stempel der Ob er stadthauptma nnscha ft verseheneDetektiv-Legitinlation vor und verlangte den Chef der Finna zu sprechen. Diesem erzählte er, daß die Polizei gestohlene Waren aus dem Lager 'der Firma in einer Billa im Alnrvinkel beschlagnahmt habe und' forderte den Geschäftsinhaber auf, »nt ihm zu kommen und die Waren z.n agnoszieren. Man erklärte dem jungen Mann, daß im Geschäft kein Diebstahl vorgekommen sei, so daß er unverrichteter Dinge abzog. Dasselbe Schicksal widerfuhr ihm bei der Firma Milnnk u. Go., bei der er sich als Polizei- Hilfskonzipist vorftcllte. Schließlich ging er zur Firma Eisenmann, wo cs ihm gelang, den Firmcnchef Bartvk in die Villa im «Mwinkel zu locken. Heute vormittags lud die Oberstadthauptmannschaft 20 ehemalige, entlassene Angestellte d«er Polizei vor und konfrontierte sie mit Bartok, der jedoch in keinem dieser L^nte seinen Angreifer erkannte. Verhaftung eines Bndapefter Spediteurs. Aus Budapest, 29. d., meldet-die Tel.-Komp.: Der Chef der Speditionsfirma (Laszlo u. Blau, Eugen L a s z l o, tvurde heute wegen Krebitbetruges, Defraudation und Wechselfälschung verhaftet. Laszlo hat verschiedenen Firnren, darunter am empfindlichsten die Transport A. G. „Interkontinentale^, in der Weise geschädigt, daß er große Kredite in Anspruch niahm und den Firmen als Deckung Warrants gab, die sich jedoch als gefälscht erwiesen. Die auf den Warrants angeführten Waren der Firma Laszlo u. Blau existierten nicht. Mehrere Firmen büßten auf diese Met große Beträge ein, so daß' einiige von ihnen sogar in einen Zwangsausgleich gehen mußten. Die Strafanzeigen gegen Laszlo häuften sich, schließlich wurde der Schwindler verhaftet. Die Untersuchung ergab, daß Eugen Laszlo es verstanden chatte, von den geschädigten Mrmen insgesamt etwa 4 Milliarden Kronen zu beheben, während die gesamten Wtiven der Speditionsfirma Lasziv u. Blau keine 100 Millionen betragen. Sie Kommunisten in Valststina. Haifa, 26. Juli. (I. T. A.) Ruth Suchopulaski, Debora S o b o l und Abraham Stockstil, in deren Wohnungen Dokumente der Roten Hilfe gefunden wurden, wurden ausgewtefen. Eine Gruppe Kommunisten veranstaltete auf der Eisenbahnstation Jaffa eine Kundgebung für den rurch Polen ausgowiesenen Kommunisten Leib Karp. Atqn saug revolutionär« Lieder und der Kommunist Hafshl hielt eine Aussprache. Die Polizei verhaftete den Redner^ seine Kameraden machten eine» vergeblichen Versuch, ihn zu befreien. Der Jerusalemer Einwohner Dworkin und Frau hatten sich vor Gericht »vcgen Zugehörigkeit zu einer illegalen Organisation, der „Frakziai Hapoalim", zu verantworten. Der Richter sprach sre frei, da nach dem otiomanifchen Gesetz wir die Gründer und Leiter einer illegalen -Organisation strafrechtlich zu verfolgen find. Ae ««loa liegen One Sfirgerfdlttftsgefet in in Lettland. Die Volksabstimmung kommt zustande. Riga, 29. Juli. (I. T. A.) Die von den leitländischen Reaktionären in Angriff genommene Aktion zur Durchführung einer Volksabstimmung gegen das vom Sejm angenommene Bürgerschaftsg c s e tz hatte bis jetzt den Erfolg, daß die notwendige Mindestzahl der Unterschriften aufgebracht worden ist, so daß die Volksabstimmung stattfinden wird. Marokko Md die Kolonialsrage*) Von Dr. Arthur Rofenberg. In Marokko sahen im voraus viele weitsichtige Politiker, so Jaures, den Keim für den künftigen Weltkrieg. Die rückschauende Geschichtsbetrachtung gibt ihnen recht. Hier liegt eine Quelle des besonderen Interesses der Mavokkosrage. Für Frankreich bedeutete der Erwerb Marokkos räumliche Geschlossenheit seines afrikanischen Besitztums uD damit die (sehr kurz zurückreichende) äußerliche Konsolidierung als Kolonialmacht. Daraus eine zweite Quelle des Interesses. Aber gerade aus diesem Machtzmvachs, d^r dem französischen Kolonialimperium seine dauernde Festigung gebe« sollte, drohte ihm, droht ihm noch heute ein Zusammenbruch, der schicksalhaft öas Ende aller Kolonialherrschaft nach sich ziehen müßte. Und dies gibt der Frage ihre starken Explosivstoffe, ihre Dynamik für eine Evolution». vielleicht für eine Revolution des ganzen politischen Weltbildes. 1904 und 1912 haben Frankreich und Spanien ohne Befragung der betroffenen Bevölkerung, wohl nach vielen gefährlichen und reibungsv^llen Schachergeschäften mit böti Konkurrenten, Marokko unter sich aufgeteilt. Wie immer bei solchen Gelegenheiten blieb eine tiefe Spannung zwischen den Partnern bestehen. Spanien hetzte mit allen Mitteln die eingeborene Bevölkerung gegen Frankreich; d^r Er-, folg war gering. Frankreich hatte es leichter. Es konnte schmunzelnd zusehen, wie Spanien sich in den gefährlichen Fangarmen der Unbotmäßigkeit seiner Bevölkerung immer tiefer verstrickte. Da kam 1922 Abd el Krim. Er, war Krieger, Organisator und von jener untadeligen Reinheit des Charakters, die einer Bewegung Weihe gibt. In weniger als zwei Jahren hatten die Spanier beinahe ihr ganzes weites Territorium verloren. Ein unabhängiger Rifstaat schien gesichert. Da stiegen den amtlichen französischer Kreisen plötzlich gewaltige Bedenken ans. Der Gencralresidmt in Marokko, Marschall L y a u t c y, berichtet am 27. Februar 1926 nach Paris, daß ein solcher Staat einen Kristallisationspunkt für die gesamte muselmanische Bevölkerung und ^rne Gefahr für ganz Marokko bedeuten würde, daß Kriegs- und Nachkriegszeit in der eingeborenen Bevölkerung, namentlich! unter den jüngeren El-enrenten ganz neue Ideen und Tendenzen nach Unabhängigkeit geweckt habe. DorBesitztnichtnnr von Marokko und Nordasrika schien gefährdet. Es war kein Zweifel, daß die Unabhängigkeitsbewegung in Syrien, die Unzufriedenheit in Jnd-ochina, aus einem erfolgreichen Aufstand hier neue Impulse des Widerstandes holen würde, .daß an die gleichzeitige Niederwerfung einer so weit verzweigten Betvegung mit Waffengewalt nicht mehr zu denken war. Kein Ztveifel auch, daß die britischen Besitzungen, Indien voran, von einer solchen Bewegung nicht unberührt geblieben wären. Kennzeichnend ist, daß in Aegypten und Indien eine starke Agitation zur Unterstützung Abd el Krims eingesetzt hatte. Die ganze Kolonialfrage schien ins Rollm gekommen. Der Rifftaat mußte also vernichtet werde». Der kriggsmüden französischen Bevölkerung wurden, um den Krieg plausibel zu machen, die fortwährenden Bemühungen M> el Krims um die Freundschaft Frankreichs verheimlicht. Ungemein wertvolles amtliches Aktenmaterial hiefür liefert ein eben erschienenes Buch: Hubert Jaques: «L’Aventure Riffalne et ses Dessous Politiques.» „Das Rifabenteuer und seine Politischen Entstehungsgründe" (Bossard, Paris). Freilich geschieht dies ganz gegen den Willen des Verfassers, der dieses Buch aus ^iner imperialistischen Einstellung heraus verfaßt hat. Ser Anschlag gegen Die Warschauer Baakuoteudrullerei. Aus Warschau, 30. b., wird uns telegraphiert: Die Untersuchung gegen die verhafteten Mitglieder bei int exnationalen Einbrecherbande, die einen Anschlag gegen die staatliche Graphische Anstalt planten, tvird fortgesetzt. Bon seiten der Berliner und der Wienxr Polizei sind gestern telegraphische Nachrichten über größere Einbrüche eingelangt, die dort in der letzten Zeit erfolgten und nach Wnsicht der genannten Polizeibehörden das Werk der in Warschau verhafteten Mitglieder der internationalen Bande tvar. Was diese selbst anlangt, so tvurde sestgestellt, daß der eigentliche Führer Ci chocki ein sehr tvohlhabendcr Mann ist, dessen Vermögen übrigens ans eitlem im Jahre 1922 erfolgten Bankraub stammen soll. Cichocki hat bas jüirgste Raubunternehmen finanziert. So betrüget! allein die Kosten des unter irdischen Ganges 20.000 Zloty. *) Siehe den Aussatz „Die panislanristischeil Kongresse" iu der „Wiener Morgenzeitung" vom 26. JrrL.