Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3024 (31.7.1927)
- Date
- 1927-07-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 302. ibicrt, Sonntag .unvitet Morgenzeitung 31. Juli 1927 Seide 5; Vas Erdbeben in Palästina. Abtragung von Häusern in Jerusalem. — Arabische Anerkennung der jüdischen Hilfe. Jerusalem, 29. Juli. (I. T. A.) Die Synagoge »Schnei Luchot" in der Altstadt von Jerusalem ist durch das Erdbeben so baufällig geworden, das; sie aus Gründen der öffentlichen Sicherheit abgetragen werden mußte. An der Hebräischen Universität, die bekanntlich einen Schaden von 10.000 ägyptischen Pfund erlitt, sind die Ausbesserungsarbeiten bereits begonnen worden. Viele von Juden bewohnte Privathäuser der Altstadt mußten abgetragen werden. „Feleftin", das offizielle Organ der Palästinensischarabischen Exekutive, übt scharfe Kritik an arabischen Führern und Institutionen wegen ihrer passiven Haltung bei der Hilfsavbeit für die Erdbeben-Opfer und spricht seine höchste Achtung den Juden aus, die mit großen Geldsummen und mit persönlicher opfervoller Arbeit den Notleidenden zu Hilfe kommen, dabei aber — wie die Spende von Nathan Straus zum Ausdruck bringt — keinen Unterschied zwischen Religion und Nasse machen. kiue Spende der Warschauer Kultusgemelnde. Aus Warschau wird uns gemeldet: In der letzten Sitzung des Vorstandes der jüdischen Gemeinde wurde beschlossen, sofort einen Betrag von 26.000 Zloty für die Opfer der Erdbeben-Katastrophe in Palästina flüssig zu machen. Der Antrag wurde einstimmig angenommen, nur die drei bundistischen Vorsteher enthielten sich der Stimme. Las österreichische Erdbeben vom 28. Juli. Ein Bericht der meteorologischen Zentralanstalt. Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik teilt uns mit: Eine vorläufige Sichtung des eingelaufenen Materials über das Erdbeben vom 25. Juli läßt erkennen, daß diefes Beben im Osten bis Bruck an der Leitha, im Süden bis Billach, im Westen bis Innsbruck und im Norden bis Pilsen einwandfrei verspürt wurde. Keine Meldungen liegen bisher vor aus dem Marchfeld, dem engeren Gebiete des -Burgenlandes, dem südlichen Wiener Becken und aus dem Tauern-Gebiet. Auch aus dem Jnntal wurden bis jetzt nur einzelne Meldungen emgesendet. Es ist daraus zu schließen, daß in diesen Gebieten das, Beben wahrscheinlich nicht oder nur sehr schwach verspürt wurde. Meldungen aus diesen Gebieten auch negativer Art ivären daher für die endgültige Bearbeitung des Materials von höchstem Interesse, Besonders stark wuvde das Beben in der Mürztal-Linie in der Umgebung von Mariazell, Krems, Linz, Wels und dem Häusruckgebiet verspürt. Beschädigungen von Wohnhäusern, Schornsteinen usw. werden bis jetzt hauptsächlich aus Aflenz, Au und K i n d b e r g gemeldet., Zer Vesuv meldet sich. Heftige Explosionen. . N o m, 30. Juli. Das Vesuvobservatorium meldet, daß nach ungefähr acht Monaten verminderter Tätigkeit der Vesuv nunmehr in eine P h a se heftiger Explosionen und einer Eruptionstätigkeit getreten ist. Der Eruptionskegel ist von der Spitze bis zmn Grund aufgerissen und hat einer mächtigen glühenden Lavamasse speien Weg gegeben. Die in 16 Stunden ausgeströmte Lavamasse wird auf zwei Millionen Kubikmeter geschätzt. Es ist!Musrk fließt in Strömen ein. Wagners diktatorische Nibelungenmotide werden zu Herven. Johann Strauß, gibt dunkelt:, von politischer Zerrissenheit getrübten ©timbeit heitere Beschwingtheit. Jazzband-KakophonieN wirbeln das asiatische Blut auf. Neben formlosen Kleinbürgerhäusern steht eine Billa von antiker Architektnrgeschjlossenheit. Der Begriff von Schönheit hat kein Maß, keine Grenzen. Die tyeÄliche Fülle wird nur au gewissen Körpergegenden geschätzt. Man kann nicht verlangen, daß der Balkanmensch ein genau definiertes Profil, eine durch, die Mode kreierte Silhouette als Befriedigung seines Schönheitsverlangens empfinde, tvenn er selbst erst im Begriffe ist, Europa sein Rassenprofil entgegenzustrecken. -Seine Heimatkunst ist echt, sein Farbensinn reift. Stilvolle Plakate verdrängen den schreierischen Kitsch. Aber irgendwo und irgendwann ruft etwas ,Lält", die Sphinx verstellt dir den Weg. Herzliche Freundschaft, Hand wächst in Hand, ein warmes „Auf Wiätersehenl" — und ein Schatten fällt zwischen euch beide. Der gleiche Himmel wölbt sich über euch, und doch flüstert Jyfct Europa etwas Verheißungsvolles zu, dem keine Lockung Bulgariens standhält. Auf die Latrine gebückt, zu Seite der dampfenden Küche, überkommt dich die Ahnung von den Rätseln der Sphinx. Wer kann das Schicksal dieses Stückes Erde Voraussagen? Es ist ungenüß wie das Schicksal Europas. Nur daß hier owe Romantik stirbt, deren Schwermut jeden Europäer erschüttert hat. Und tver kann den Roman dieser sterbenden Balkanromantik dichten, wie Balzac und Dostojewski es mit Paris und Petersburg getan haben! Iwan Wasow hätte eS vielleicht gekonnt, denn sein Blick tvar tief und feine Seele bulgarisch. Wer weiß, rvie lange noch die Krähen von den Giebeln, Gesimsen, Baumwipfeln krächzen werden und ihren Unrat fall?,: lassen auf Schuldige- und Unschuldige... SPEZIALHAUS FÜR SYRICKMOOEN M. HOLZER VI, MariahHferstraße Nr. 89 (neben Flottenkino) — II., Tabor * Straße Nr. 18 (Hotel National) — Karlsbad, Alte Wiese WOLL TRIKOT- JUMPE R-KLEID IN ALLEN FARBEN S 35- WASCHS61P6NSTHUMPFB S S»90 wahrscheinlich, daß der Strom den Kegelrand erreicht hat, um sich sodann in das sogenannte Höllental zu ergießen. Die neue Tätigkeit des Vesuvs ist durchaus nichtbeunruhigend. Sie Ueberschlvemmungskataftr ophe in Indien. Modo ln den Anten verschwunden. Londo n, 30. Juli. (Tel.-Komp.) Nach den letzten Telegrammen aus Bombay ist die von schweren Ueberschwemmungen heimgesuchte Stadt Baroda (Vorderindien) fast vollständig in den Fluten verschwunden. Die Verluste an Menschenleben sind außerordentlich hoch. Die genaue Berlustziffer steht noch nicht fest. Die Fluten sind im langsamen Rückgang begriffen. In der Gegend von Ach me dabad sind zahlreiche Dörfer in den Fluten verschwunden. Viele Einwohner konnten sich nur dadurch retten, daß sie sich auf Bäume flüchteten, wo sie zum Teil vier Tage zubringen mutzten, lieber 40.000 Menschen sind obdachlos. Hilfsmannschaften und Lebensmitteltransportc sind in die von der Katastrophe betroffenen Gebiete abgegangen. Unwetterlntastrovhe in der Badener Gegend. , Aus Baden bei Wien, 30. ds., wird uns gemeldet: Gestern abends ging über den Kurort B-a d e n ein heftiger Wolkenbruch nieder, welcher von zahlreichen Blitzschlägen begleitet war und einige Stunden hindurch andauerte. Bei dem vorgestrigen Gewitter, welches sich über ,58 ö § I a u in der heftigsten Weise entlud, schlug der Blitz während des Symphoniekonzertes 'der Vöslauer Kurkapelle in einen Baum ein, welcher sich in der Nähe des Kaiser Franz-Joseph-Denkmales im Kurparke befand. Der Blitzschlag war ein derart heftiger, daß die Gäste vor Schreck das Konzert fluchtartig verließen und dasselbe unterbrochen werden mußte. — In Weitzenbach an der Triesting wurden bei den Gewittern der letzten Tage die meisten Straßen total vermurt und unfahrbar. — Auch in Guten st ein hat das Unwetter großen Schaden angerichtet. In dem Schlosse Somaruga wurden durch den Hagel nicht weniger als 700 Fenster zertrümmert, so daß der Besitzer einen Schaden von zirka 40 Millionen Kronen erleidet. In der Gegend von S t e i n a b r ü ck l, Matzendorf und Felixdorf, sowie Theresienfeld haben die Gewitter kolossalen Schaden angerichtet. Das Unwetter war meist mit Hagelschlag begleitet. Es gingen taubeneigrotze Schloßen nieder, durch welche der Großteil der Ernte vernichtet wuvde. Tnunel unter dm Iardanelle». Nach einer Meldung des „Daily ^Telegraph" soll türkisches Kapital zur Durchführimg eines Planes der Untertunnelung der Dardanellen bereitgestellt sein. Eine Gruppe deutscher Bankiers und Industrieller hätte sich, bereit erklärt,das noch fehlende Bau kapitalder türkischen Regierung vorzuschießen, um den Auftrag für dei: Bau des Tunnels Und einer elektrischen Eisenbahn zu erhalten. Henry Ford riebt fei« Bnch znrülk. eoaii WntfM warnt vir einet »eberlchiitzung. Siclu York, 26. 3uli. <J, T. St.) Aus der Umgebung Henri) Fords wird versichert, daß Ford die Verfügung getroffen hat, daß sämtliche Ausgaben seines Buches „Der internationale Jude" in allen Sprachen und Ländern, aus dem Buchhandel gezogen und die Exemplare vernichtet werden sollen. Diese Verfügung hat Ford getroffen, als ihm mitgeteilt wurde, daß der Herausgeber des „Jntevuatimmleu Juden" in Deutschland, der Leipziger Anti- . semit Theodor Fritsch, erklärt hat, den Pressemeldungen über FordS Abkehr vom A:ttisemitisnrus keinen Glauben schenken zu wollen, solange Henry Ford sein Werk „Der internationale Jude" nicht aus dem Buchharrdel gezogen hat. In einem Interview mit Vertretern der jüdischen Presse ersuchte Herr Louis M a r s h a l l, an den bekanntlich Henry Ford seinen „Widerruf" gerichtet hat, d e n Fall Ford n i ch t allzusehr aufzubauschen und auf alle Fälle nicht so zu tun, als ob dem Judentunl durch die Umkehr Fords ein Glück wider- I fahren sei. der Postmeister fin nenet Film »es sor-gino». Es ist etwas Eigenartiges um das Geheimnis der Filmkunft. Wenige Regisseure haben es entdeckt und nur ganz vereinzelt sieht man einen Film, der Film ist und sonst nichts. Noch immer bekommen wir gekurbelte Novellen, Roman« und Dramen vorgefiihrt, noch immer glauben die Filmfabrikanteit, daß ein süßes Figürchen, ein Böseioicht und rin Ideal an männlicher Vornehmheit der Filmkunst genügen. Daß der Film eine Kunst an sich ist, mit eigenen Gesetzen, eigenen Voraussetzungen und ureigenen Geschöpfen — das haben klar auch die Russe r erkannt, dunkel ahnen eS auch die amerikanischen Filmleute. Nun, die großen, überwältigenden, beztvingeiiden und mitreißenden russischen Filme, Potemkin, Zar Iwan der Schreckliche usw., das alles waren Filme der Revolution, der Empörung. Das soll kein Tadel sein — denn jede wahrhafte Kunst ist tendenziös. Aber man könnte meinen, daß das Thema, der Vorwurf der Stücke, so stark an sich sei, daß das Künstlerische erst in zweiter Linie zu Worten ist. Und nun führen die Russen einen Kammerspielsilm vor, der aus dem Novellistischen d«S Puschkin inS Filmisch: übertragen wurde: Der Postmeister oder Der Kurier dB Zaren. (Der Oder-Titel ist eine blödsinnige Wiener Mache.) Hier ist keinerlei Tendenz, keine einzige revolutionäre Szene — hier ist nur Spiel und Regie, die Geschichte der verlorein» Tochter, an der der Vater stirbt. Einfach, unkompliziert, oh ..' moralische Tunke. Die Tochter des Dorfpostmeisters und d ' Geliebte eines reichen Offiziers, der sie zur Dame mach', zur vornehmen Frau der Gesellschaft. Der Vater aber stirbt au der Einsamkeit im russischen Dorfe. Das ist alles. Aber die Russen, Spieler und Spielführer, Photographen und Baukünstler haben da ein Werk geschaffen, das Filmkunst ohnegleichen ist — lebendige Kunft. Friedrich C a r r. Suggestive Wirkung der Musik. Aus Magdeburg wird uns berichtet: Im Mtstäd.ü schen Krankenhaus befindet sich eine am ganzen Körper schwer gelähmte Frau in mittleren Jahren, die stark auf musikalische Eindrücke reagiert. Ter lAIssistenzarzt Dr. Baatz, dem diese Eigentümlichkeit der Kranken ausgefallen war, ließ sie zu einem Konzert tragen, das ein Bandoniumklub in der Anstalt gab, ohne ihr davon etwaS mitzuteilen. Es wurde ein Walzer gespielt, der eine solche Wirkung auf die Kranke ausübte, daß sie Plötzlich zu tanzen begehrte. Mit Unterstützung richtete sie sich auf, die Gelähmtheit der Glieder löste sich- Die Kranke, die den Eindruck einer aus dem Schlafe Erwachten machte, tanzte mit dem Stationsmädchen Walzer, ein Vorgang, der sich zweimal wiederholte. Ms die Musik verstummte, sank die Kranke ermattet ans ihr Lager zurück. Der Zustand der völligen Lähmung trat wieder ein. Die Merzte stehen vorläufig noch vor einem 'Rätsel, find aber bemüht, 'es zu lösen. Ae Tscheka wird verstSrtt. Zwei Frauen tn der russischen GenevalstavsakadidNtte. Reval, 26. Juli. ag. (Havas.X Der Rat der VoWkommissäre hat.angesichts der Verschlimmerung der inn er politischen Lage beschlossen, die G. P. U. zu verstärken und als neuen politischen Leiter Latzis, den ehemaligen Chef der alten Tschp-ka', zu ernenne^. Tue rote Generalstabsakademie haben zwei Frauen, Maxie .Sa chnowskaja und Alexandra Bo Ls ch, ko wa, absolviert. ' Eisenerzlager am Rote» Meer. Rom, 26. Juli. In der Eriträa (italienische Kolonie)' sind durch Sachverständige, die das Wirtschastsministerium zum Zwecke von Nachforschungen nach Goldvorkommen entsandt hatte, südlich von Asmara Eisenerzlager von mächtiger' Ausdehnung festgestellt worden. Die Ausbeutung dieser Naturschätze würde durch die Nähe der Asmara mit Massaua verbindenden Eisenbahn sehr erleichtert werden. Femer sind am Fuße des Ehadamverges bedeutende Glimmerlager aufgedeckt worden. Irr goldene Boden New Borts. Die ungeheure Wertsteigerung, die der Boden in der Hauptgeschäftsgegend gewonnen hat, wird durch einige Zahlen beleuchtet, die New Aorcker Blätter veröffentlichen. Man hat kürzlich ein Schriftstück gefunden, in dem der Preis für ein Grundstück von 4 Hektar am Ende des 17. Jahrhunderts angegeben ist. Ein Holländer namens Johann Roese zahlte damals 1000 Pfund, und der Preis wird als ^ungeheuer hoch" bezeichnet. Wäre dieses Grundstück noch im Besitze der Familie, dann könnte sie heute mit Leichtigkeit 25 Millionen Pfund dafür erzielen. Der Union- Klub, der älteste der Stadt, zieht seit seiner Gründung im Jahre 1836 zum sechsten Male um. Das ursprüngliche Terrain am Broadway kostete wenige 100 Dollar; für seinen neuen Sitz an der Ecke der Park-Avenue und der 69. Straße muß er 1 % Million Dollar zahlen. Die Park- Avenue, die heute das Wohnviertel der Millionäre darstellt, ist erst seit wenigen Jahren so sehr im Preis gesttegen. Ungarische nnd deutsche Lehrstühle in gugoslawien. Belgrad, 39. Juli. Das Unterrichtsministerium hat an der Lehrerbildungsanstalt in Sombor filr die ungarisch« Sprache einen besonderen Lchrstuhl errichtet. Eine ähnliche Verordnung wurde an die Lehrerbildungsanstalt in Werschch erlassen, wonach dott besondere Lehrstühle für die deutsche und.rumänische Sprache errichtet werden sollen. Der Unterricht ist und erstreckt sich auf Grammatik und Literatur.