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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-31 · Heft 3024 (31.7.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3024 (31.7.1927)
Date
1927-07-31
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite -! Wien, Sonntag Wiener Morgenzeituug m. 31m evs, TVt* tTV» Wir verschleudern Ser „Stoet" ist wohlauf (Slcmenteon als sachzrlttgilt. Paris, 30. Juli. (Tel.-Komp.) Der ehemalige Ministerpräsident Clenieneeari, der bekanntlich vor kurzem so schwer erkrankt war, daß mit seinem Ableben gerechnet werden mußte, scheint sich v o> l l st tt n d i g w i ü d e r erholt zu haben. Er nahm heitte in L o u v e c i c n n e s an der Ho chzeit seines Enkelkindes teil. Clemenceau machte einen durchaus rüstigen Eindruck. Er kehrte nach der Feierlichkeit im Automobil nach Paris zurück. Diplomatische Umgangsformen. I« SBlterBunogefnatite Mlelgt Den ®e#etaI!oniul (Degen Umbaa und gänzlisher Auflösung des Waschwarenlagers sämtliche Artikel tief unter dem Kostenpreis Original Honan-Shanktmg.8 5.00 Ia Rohseide.... . H 4.80 Japan-Pongis, alle Farben ..• . . „ 2.00 Mode-Crepe de Chine, schone Dessins . S 15.— 12.— „ 0.— Kleider-Georgette, alle Farben.. S 12.— „ 8.00 Waschseidefl-Marokains, 90 cm breit . ... 8.00 Seiden-Foulard, herrliche Dessins ...... S 7 80 ,, 5.80 Seidenbaus «clara*.- 30. Juli. (II. T. K. B.) Im Bo rz i m m e r des Ministers des Aeutzeren versetzte heute der ehemalige Vertreter Jugoslawiens beim Völkerbund und derzeitige » Genera lkons u l in Kairo, D u c i e, dem jugoslawischen Gesandten in Warschau, Milutin Jovanovic, mit dem er seit Jahren in Streit lebt, einen Schlag ins G e s i ch t, so das; Jovanovic blutete. . ' Weitere Tätlichkeiten konnte - der Sekretär des Ministers des Aeutzeren, Pavlovic, verhindern. Schandung der Kölner jüdische» Friedhofes. Köln, 30. Juli. (Wolfs.) In der Nacht auf Freitag sind auf demjüdischen Friedhof in Lindental bei Köln 71 Denkmäler beschädigtund umgeworfen worden. Versuchtes Bombenattentat. Anschlag ans ein WoMStlgreltslnMt. s. wiuaim 1. Tuchlauben 8 — 1. Bauernmarkt 2 a 6in ötrabengelecht in Berlin. Aus «erlitt, 30. Jub, wird telegraphiert: Gestern kam es an der Ecke Potsdamerstroße-Grune-waldstraße ln Berlin aus einem Vergnügungsplatz zu schweren Ausschreitungen. Eine Anzahl halbwüchsiger Burschen überfiel Passanten und beraubte sie ihrer Brieftaschen. Als Schutzpol-zei sie verhaften wollte, stürzten sich die Rowdies auf sie und warfen sie zu Boden und brachten ihnen durch Mesierstiche schwere Verletzungen bei. Gegen die inzwischen alarmierten Beamten des Ueberfall« kommandos nahm nun der auf mehrere hundert Personen angeroachsene SJlob ein« drohende Haltung ein, so daß dos Uedersallkommondo von der Feuerwaffe Gebrauch machen muhte. Luxemburg, 30. Juli. (Tel.-Komp.) In dem Gebäude Opera Buonomelli, einem italienischen religiösen Wohltätigkeitsinstitut in Esch an derAlzette wurde eine Bombe gefunden, deren Zündschnur noch rechtzeitig gelöscht werdenkonnte. Die -Ladung der Bombe war Jo stark, daß sie zur Zerstörung eines ganzen Straßenviertels ausgereicht hätte. Im Jahre 1925 ist auf dasselbe Gebäude.ein Anschlag verübt worden, wobei der Sekretär des Instituts durch Revolberschüsse getötet wurde. Mfteriöfe Verwundung eines Gesandten in Washington. W a s h i n g t o n, 29. Juli. Der Gesandte von Guatemala, Francisco Sanchez Latour, wurde in seinem Arbeitszimmer in der Gesandtschaft mit einer SBunbe in der Brust aufgefunden. Sein Zustand ist e r n st. Seine Gattin wurde einvernommenkonnte aber keine Aufklärungen gebet:. (Nach einer anderen Darstellung verweigert die Gemahlin des Gesandten jede Auskunft. Zahlreiche Schüsse fielen. Zehn Personen wurden verhaftet. Von Toten und Verwundeten spr-cht der erste Polizeibericht nicht. Bon einem Anto niedergeftoßen. Tödlicher Unfall eines Wiener Rechtsanwaltes. Freitag gegen 10 Uhr nachts wurde der Rechtsanwalt Tr. Friedrich Bauer, 1. Bez., Annagasse 10, beim Schottentor, als er die Fahrbahn überschreiten wollte, von dem Auto A XII 913 niedergestoßen und blieb bewußtlos liegett. Er wurde auf die Unfallstation gebracht. Dr. Bauer hat anscheinend durch den Schrecken des Unfalles eilte Hirnblutung erlitten und ist Samstag morgens gestorben. Der Verunglückte wies sonst nur Hauptabschürfungen am Kopfe auf. Die gerichtliche Obduktion der Leiche wurde beantragt. Dc. Bauer stammte aus Frischau in Mähren und stand im 65. Lebeitsjahre. Er genoß unter den Wiener Rechtsanwälten einen ansehnlichen Ruf als Verteidiger in Strafsachen. Seine Kanzlei in der Annagasse hatte er gemeinsam mit Dr. Oskar W a s s i n g. Dr. Bauer hinterläßt eine Witwe und zwei Töchter. Wir verschleudirn Restaurant im Flugzeug. Me IkimrWche Neuerung. Paris, 30. Juli. (Tel.-Komp.) Auf dem Flugplatz Le Bau eget stieg heut« mittags das erste französische Flugzeug wit RestaurationSbetrieb zum Fluge nach Lmudon auf. Außer dem Piloten, dem iMschaEer, dem R-adiotdephonisten und zwei RrflwNVttonsbedienteu befinden sich - zehn Passablere, meist EngLWter, an Bord. Heilige Sohanna mit Gouvernante. Der silmfeindllche Papa. Paris, 30. Juli. Die 15jährige Filmschauspielerin Simone G e n e r o i s ist von einer französischen Filmgesellschaft unter 400 Konkurrentinnen ausgewählt worden, die Titelrolle in einem I e a n n e d' A r e - F i l m zu spielen. Der Vater der Künstlerin focht den Kontrakt wegen mattgels der väterlichen Z u st i m m u n g a tt. Heute wurde nun im außerstreitigett Berfahreit der Künstlerin die Spielbewilligung für diesen einzigen Film erteilt, der, wie der Präsident in der Begründung ausführte, schon wegen seines Stoffes keinerleiBefürcht u n g e n zu erwecken geeignet sei. Es Ivuvde aber verfügt, daß die Küitstlerin st ä nd i g von einer Gouvernante begleitet werden müsse und daß ihre Bezüge einem Sequester übergeben werdet, sollen. Kougrehstadt Wie». gahlrelA Veranstaltungen. Für die nächste Zeit sind irachstehrnde Kongresse in Wien angemeldet: 14. Internationaler Bahnärztekongreß <39., August bis 2. September); Delegiertentagung des Hauptverbandes deutscher Höhlenforscher (11. bis 14. September);, Kongreß des deutschen Monistenbundes (11. bis 17. September); Jahresversammlung der deutschen Irrenärzte (11. und 12. September); 17. Tagung des Vereines deutscher Nervenärzte (13. und 14. September); Internationaler Gartenbaukongreß (19. bis 25. September); ferner sind für September die erste Tagung der Interessenten zur Förderung österreichischer Erzeugnisse, der Kongreß der Krieg sver- Mmmelten und ehemaligen Frontkämpfer und eine iniernationale Tagung für Brücken- und Hochbau in Aussicht genommen. In der Zöit vom 25. bis 31. Oktober findet in Wien der Kongreß der Internationalen Vereinigung der Reisebüros, in der Zeit vom 13. bis 17. Oktober die Tagung der -Vereine des deutschen Seglerverbandes statt. Ueberaus zahlrech sind auch die für die nächste Zeit angesetzten Gesellschaftsreisen Am 29. August treffen eine von der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden veranstaltete Gesellschaftsreise amerikanischer Journalisten, am 25. September eine Gesellschaftsreise mit ungefähr vierhundert amerikanischen Friseuren ein. Für den Herbst sind ferner ein korporativer Besuch der in Deutschland lebendem Oesterreicher, Gesellschaftsreisen von deutschen Ingenieuren und Technikern, ferner Gesellschaftsu reifen des Kaufmännischen Verbandes Budapest und der Bi.ldungszentrale Berlin angekündigt. Fahrt durch sterbende Balkanromanttt. Von Oskar Rofenfeld. Dort, wo der Balkan die Breitseite seines Gesichtes zeigt, in Pivot, sah ich eine Krähe auffliegen, eine von den Tausenden. In Zaribrod glaubte ich sie wiederzuerkennen: der Konventionalzug hat's nicht eilig. In Dradomen flatterte sie am. Kupeefenster vorbei. Ich bildete mir ein, sie verfolge mich, der achtzehn Kriegsmonate ihre Eltern gefüttert Halle. Derart kam ich ins Philosophieren. Das ist eine Beschäftigung, der jeder europäische Balkanreisende verfällt.' Den Sofioter Bahnhof verlassend, im Phaeton, der mich ins Hotel Panacs brachte, fühlte ich unendlich fern zu sein Europa, dessen Sensibilitäten hier problematisch sind. Die Fahrt über die Löwenbrücke durch die Maria Luisa machte mich traurig. Ich begrüßte die Krähe inmitten ihrer Artgenossen, dieses. lästigen, häßlichen Federnviehs, das die Giebel, die Gesimse, die Baumwipfel bevölkert, die heisere Stimme — o bedrückende Erinnerungen — bis in die Dämmerung ertönen und den Unrat fallen läßt auf Schuldige und Unschuldige. Bon den Schildern wehen mich die altkirchenslawischen Lettern fremd an. Die warme Aprittuft war mit Staub, Dunst, Fettgeruch und mit jenem unsagbaren Fluidum gefüllt, das iebex Stadt ihr besonderes Wesen gibt. Auf pritnitivcm Brettergerüst ktdbten Kinoplakate, vor den kleinen Cafes saßen Kleinbürger, Lastträger, Nichtstuer, Bettler, rauchend, vor sich hinstarrend, den guten Türkischen schlürfend, Laden an Laden mit den Kinkerlihen der europäischen Balkayindustrie, vertrocknete Teppich- Händler, Straßenhaufierer, Bosaverkäufer, Zeitungsausruser, Opanken neben Lackstiefelchen, Lammspelze neben englischen Raglans, Popenhüte neben grobett Kotzen, verfallene. Puden neben modernsten Betonbauten. Und überall, die Häuser entlang, das landesübliche Fahrzeug, der gummiberäderte, breite, tuchüberzogene Fiaker, vor den die kleinen, abgemagerten, mit dem Peitschenschaft geprügelten, von Fliegen malträtierten Pferdchen gespannt sind, indes die Kutscher, die „Phaetondschi", häßlich, verwildert, hohe Pelzmützen auf den ergrauten Schädeln, auf dem Bock schliefen oder vor sich hinduselten. , Sofia ist die Stadt der Männer: hohe kraftvolle Gestalten mit energischen Gesichtertr, denen die slawischturanische Mischung eingeprägt ist. Sie beherrschen die Straßen, auch jene, die der Wett der Frau gewidmet sind, sie beherrschet: den über den Zar Osvoboditel bis zum BoriS-Park führenden Korso, sie beherrschen die Cafes, die Restauirants, die Theater, die Tanzdielen, die Konzerte, sogar die Kinos. Das zugespitzte Schuhwerk aus gutem Leder, der gutsitzende Taillenrock vorletzter Mode, der kokette Borsalino, all das gibt die Impression eines Zivilisations-, eines Emanzipationshungers, zu dem nur der ernste Mick und der seltsam lächelnde -lMund nicht passen wollen. Wie kann man an diese Nüchternheit herankommen? Wir pflegen von einer orientalischen Romantik 'zu sprechen,- aber es ist nichts da, das uns dazu berechtigt. Me Haltung der Menschen, ihr Gang, der Rhythmus ihrer Sprache trennt uns von ihnen. Sie Pendeln „Nein", wenn sie „Ja" sagen. Die Elektrischen besteigt man rechts in der Fahrtrichtung. Dunkle Hose, heller Rock entspricht den modsopttschen Gesetzen. Und der Artikel, der doch das Geschlecht jedes Dinges voraus verkünden soll, erscheint dem Wort« angehängt. Eine verkehrte Gefühlseinstellung wird der Westler empfinden. Das russische Imperium ließ hier vor einem Vierteljahrhundert die Kathedrale des KyrUl und Method errichten. Reliefs, Kuppeln, Fensterbogen, Portale kristallisierten sich zu einem starren Basilikastil, der den Soutanen der orthodoxen Geistlichkeit wundervoll angepaßt war. Hinter diesem Stil schlummert noch immer das Herz des Balkanmenschen, das dem Europäer verhüllt bleibt. Unzählige Male abenteuerte ich in den blauen Nächten des Sofioter Vorfrühlings über die weißen Plätze hinter dem Sobranje, ich sah überrascht unter dem Dach der Hauptkuppcl die dämonische Fratze der Sphinx und versuchte das plötzliche Rätsel zu deuten. Die Sphinx ist eine Entdeckung des sinnierenden und phantasiebegabten Europäers. Erzähl's nicht dem Bulgaren, der wird mit den Augen blinzelt: und ungläubig dich anstaunen. Es ist ihm unergründlich, wie du etwas Unergründliches, Romantisches in seiner Seele finden kannst. Der Europäer wird versuchen, es zu ergründen; er wird Argumente der Raffe, des Klimas, der Geschichte heranziehen, er wird mit metaphysischen Spielereien kokettieren, und schließlich bleibt eine starre Mauer zwischen ihm und dem Objekt. Wer kann abwägen, wieviel von ftajwisscher Dujmpfheit, turanischer Starrköpfigkeit, türkischer Fatalität, französischem Formalismus in diesem Balkantter steckt, der sich heute auf sein eigenes Blut besinnt und morgen abendländische Dogmen anzubeten vorgibt? Die Sphinx läßt sich nicht ummodellieren. Der griechischorthodoxe Glaube, religiöse Regungen, die auf die Wege der starken Wanderer Kyrill und Method zurückgeführt werden können, sind einem slawischen Mgefühl gewichen. Pietätvolles Gedenken Rußlands, das den staatlichen Selbständigkeitsbestrebungen den starken Atem cingeblasei: hat, läßt sich nirgends verleugnen. Bauer tind Bürger haben hierin die gleichen Ahnen. Wer auch der Türke hat — nicht nur sprachlich — ein mageres Erbe zurückgelasserr. Gewisse Formen häuslichen Lebens dom schwarzen Kaffe« „Tursko" bis zur Unterordnung der Frau, gewisse Formen internationaler Gesittung, vom Mißtraum gegen das Fremde bis zur Verleugnung innerer Bewegtheit, bezeugen ein Abschließm vom europäischen Menschen. Und tief im Grunde die Furcht vor den eigenen Trieben, die unterdrückt werdm müssen, dis Zuflucht zu Ausflüchten, das Meiden der Erkenntnis, das Erschrecken vor der letzten Wahrheit. So bleibt oft nichts anderes übrig, als auf Seitenwegen sich dem europäischen Kulturkreis zu nähern. 588^28

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