Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3024 (31.7.1927)
- Date
- 1927-07-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3021 Wien, Sonntag Wiener Morgenzetturrg 31. J11N 1927 Seißk S Sachschaden entstand. Bedieser Gelegenheit sind auch dem Wirte 9000 Schilling gestohlen worden. Die Menge ging auch hier gewalttätig gegen die Wache vor. Unter den Personen, die die Wache tätlich angr-fsen, befand sich auch ein Mann mit O-Beinen, der nuninehr in der Person deS jährigen Bäckergehilfen Rudolf Deyer ausgeforscht wurde, der Zugslomnrandant des Republikanischen Schutzbundes ist. Ae Razzien ln de« Andentenbaracke». Entgegen unrichtigen Meldungen einzelner Zeitungen stellen wir fest, daß in der Baracke 33 in Grinzing, welche Eigentum des Jüdischen Hochschulausschnsses ist, weder Verhaftungen vorgenommen wurden noch Beanständungen irgendwelcher Art erfolgt sind. , . i Gegen de» Krieg. 'New Dork, 80. Juli. Der Londoner Botschafter der Bereinigten Staaten, Mr. Alanson B. Haughton, hat während seiner kurzlichen Anwesenheit in Amerika eine Rede gehalten, die berechtigtes Aufsehen erregte. Der Botschafter hat in seiner Rede ausgeführt, daß das Recht der Kriegserklärung den Regierungen genommen und dem Volke gegeben werden müßte. Viele andere Rechte der Regierungen find bereits demokratisiert worden, warum also auch nicht dieses? Die Frage des Krieges und des Rechtes den Krieg zu erklären, ist das einzige, was von der alten Machtvollkommenheit noch übriggeblieben sei. Haughton spricht von den Regierungen als von „kleinen Gruppen von Männern, die die von ihnen vertretenen Massen in gefährliche und unheilvolle Lagen hineinmanöverieren". Er sagt wörtlich: „Wenn es ihnen gelungen ist, ihre Völker in eine Lage zu bringen, aus welcher es augenscheinlich kein Zurück mehr sibt, dann werden die großen Massen des Volkes, die durch MODEN PALAIS Julius Krupnik VII., Kaiserstraße 111, 113, 115 Die neuesten Herbstmodelle der führenden Pariser Häuser in Nachmittags-*, Reise- und Abend« mänteln, Nachmittags* u. Abend* toiletten zu Vorsaison*Preisen Die Restbestknde unserer Sommermodelle in Kleidern, Mänteln, Kostümen. Abend* und Nach* mittagstoiletten werden zu jedem annehmbaren :*: Preis abgegeben :*t jedes Mittel der Propaganda aufgereizt worden sind, zu den Waffen gerufen — und der Krieg ist dal" Haughton weigert sich entschieden, die Theorie anzuerkennen, daß der Krieg ein unvermeidliches U e b e l sei. Der Krieg stelle derartige Anforderungen an die Kriegsführenden, daß niemand 'daraus Nutzen ziehen kmm. Der Krieg der Zivilisierten bedeutet den Unteogang der Zivilisation. ......immtmm.. Entmenschte Eltern. Ger Selbstmord eine» DretrehnMrige«. — Schwere Beschuldigungen gegen die Eltern. Tulln, 80. Juli. Tulln und Umgebung stehen im Banne der schrecklichen Tat eines 13jährigen Burschen, des Schülers Josef Hetz, eines Sohnes des in Chorherrn bei Tulln ansässigen Stemmetzmeisters Franz Hetz. Bei den Erhebungen nach den Ursachen des freiwilligen Todes des Kindes kamen aber ungeheuerliche Greueltaten der Eltern des Kindes und insbesondere dessen Vaters zutage, der sogar in den Verdacht geriet, im Jahre 1919 drei seiner Kinder aus dem Leben geschafft zu haben. Gegen den Steinmetz Franz Heß wurde deshalb nunmehr die Anzeigen« das Kreisgericht in Tulln erstattet. Zu den Vorfällen wird folgendes bekannt: Vor einigen Tagen, gegen 7 Uhr abends, entdeckte der Glockenwärter der Chorherrner Kirche auf dem hohen Turm die am Glockenseile hängende Leiche eines Knaben. Es war dies Josef Heß, der sich bereits am Nachmittage auf den Turm geschlichen hatte, wo er auf das Glockengerüst kletterte, sich dort das Glockenseil dreimal um den Hals schlang und dann vom Gerüst irr der Kirchturrnkuppel hinunter ins Leere sprang. Entsetzen faßte die Bevölkerung, unter der Gerüchte von Mißhandlungen umgingen, denen der kleine Josef im Elternyause ausgesetzt war. Die Gendarmerie leitete die Untersuchung ein, die gegen die Eltern des Kindes, Franz und Katharina Heß, derart belastendes Material ergab, daß gegen sie die Voruntersuchung wegen Verdachtes des Vergehens' gegen die Sicherheit des Lebens nunmehr geführt wird. Aus dem Haufe gejagt. Josef Heß, ein braves und aufgewecktes Kind, äußerte schon einige Wochen vor Verübung des Selbstmordes die Absicht zur Ausführung der Tat. Oft und oft beklagte er sich bei seinen Mitschülern und anderen Personen darüber, daß er von seinen Angehörigen sehr schlecht behandelt werde; besonders von seinem Vater, einem argen Trunkenbold, der die Familie fast in den Ruin getrieben hat, hatte der kleine Josef die ärgsten Mißhandlungen zu erdulden. Kein Mensch in der nähen Umgebung gewährte der Familie mehr einen Kredit. Bei Nacht, trotz Sturm und Regen, ob Winter oder Sommer, mußte der Bursche oft den anderthalb Stunden langen Weg nach Tulln zu Fuß machen, nur um dem Vater einen Liter Wein zu bringen. Selbstverständlich bekam das Kind kein Geld für die Besorgung mit. Aber wehe, wenn es mit leeren Händen zurückkehrte: da wurde es vom Vater blutig geschlagen. Bei jedem Anlaß, und war er noch so nichtig, wurde das Kind von seinen Eltern'und seinem Bruder mit F ü ß e n g e t r e t o n. Die Leute erzählen, daß der kleine Josef oft schon um 4 Uhr morgens mit einem Handwagen in den weiten Wald fahren mußte, um Holz nach Haufe zu bringen. Am Tage des Selbstmordes war Josef von seinem Vater dazu veranlaßt worden, Steine zu klopfen. Das Kind lief aber da- von und versteckte sich hoch oben im Kirchturm. Aber vorher! war es von seinem Bruder Karl noch axa »«gerichtet worden. Furchtbarer Verdacht. Ein bei Heß seinerzeit als Gehilfe tätig gewesener Reichsdeutscher namens Josef W e i m a s hatte verschiedenen Leuten erzählt, daß bei einem Streit der Eheleute die Frau dem Manne vorgeworfen hatte, er hatte schon früher drei seiner Kinder ans dem Wege geräumt. Zufolge der Erzählung des ehemaligen Gesellen des Steinmetzes dürste auch dessen Sohn Karl von den Verbrechenstaten feines Vaters Kenntnis haben. Er äußerte sich nämlich wiederholt diesem gegenüber: „Wenn du dich spielst, bring ich dich ins Kriminal. Du weißt..." Bei der Einvernahme der Katharina Heß brach die Frau zusammen und wälzte sich tobeird und weinend am Boden. Und da erzählte sie dem sie verhörenden Gendarmerieinspektor, daß im Jahre 1919 die damals dreieinhalb Jahre alten Zwillinge Therese und Margarete und ihr 14 Monate alter Sohn Leopold schwer erkrankten. Sie wollte die Zwillinge zur Untersuchung in ein Spital nach Wien führen, was der Mann jedoch zu verhindern versuchte. Die Frau setzte aber ihren Willen doch durch, wenngleich sie die Kinder fast nackt, es war im Oktober und sehr kalt, nach Wien bringen mußte. Dort starben aber die Kinder und wurden auf dem Ottakringer Friedhof begraben. Um die Todesursache festzustellen, wurde nunmehr eine Anfrage an das Ottakringer Polizeikommissariat gerichtet, da auch die Gendarmerie vermutet, daß Franz Heß auch an dem damaligen Tod Schuld trage. Am selben Tag aber, als in Wien die Zwillinge starben, verschied auch in Chorherrn der 14 Monate alteLeopold. Bon Weinkrämpfen befallen, preßte Katharina Heß mühsam hervor, daß sie nicht allein die Schuld trage. Ihr Gatte behandelte sie und die Kinder lieblos, sie könne aber nicht reden, sie fürchte sich, ihren Mann zu verraten. Der Vater des kleinen Selbstmörders nahm an dem Leichenbegängnisse seines Sonnes nicht teil. Er wollte ein.solches gar nicht veranstalten. Der Oberlehrer des Ortes, Franz Högl, ließ deshalb seinen ehemaligen Schüler aus eigenen Mitteln zu Grabe tragen. Franz Hetz gab, nach dem Moitv des Selbstmordes seines Kindes befragt, eine ganz sonderbare Antwort: „Der Kleine wird sich halt darüber gekränkt haben, daß ich am nächsten Tag hätte g epfändet werden sollen." Eine Flaschenpost ln der Sana«. Bon MiWenWdlern entsühttr P r e tz b u r g, 30. Juli. (Tel.-Komp.) Bei der Preßburger Donaubrücke wurde eine Flasche aufgefischt, in der sich ein deutsch geschriebener Zettel folgenden Inhalts befand: „Bin von Mädchenhändlern nach Konstantinopel verschleppt. Unterschrift: Grete Wiesner". Das Geheimnis dieser Flaschenpost wird von der Polizei untersucht. Wenn keine Mystifikation vorliegt, könnte der Zettel von einem kürzlich aus Wien verschwundenen Mädchen namens Grete WieSner stammen. Hände weg! ES ist für gewöhnlich nicht üblich, daß eine zionistische Landerorganisation ihre Kritik über die Lande sgrenznr hinausträgt. Ob eine Organisation gut oder schlecht ist, hat sie selb) souverän ans ihren Parteitagen zu entscheiden^, und eine Kritik darüber sticht höchstens dem Kongreß und seinen freigewShkte» Organen ga. Ein bedauerliches Symptom für die durch die merkwürdigen Methoden der Wahlprvpaganda eintreteude Verrohung zionistischen Denkens bietet nun der Umstand, daß anscheinend heute schon jeder Schreibkundige irgendwo sich berechtigt glaubt, an einer zionistischen Landesorganisation, di« ihn gar nichts angeht^ sich zu reiben, und daß sich dann auch prompt eine zionistische Zeitung findet, die derlei Erzeugnisse jugendlicher Phantasie abdruckt. In der letzten Nummer der in Prag erscheinenden Wochenschrift „Die Selbstwehr" macht ein Herr H. L. allerhand ebenso unangebrachte wie unrichtige Bemerkungen über die österreichische zionistische Organisation. Dabei stellt er auch mit freimütiger Ungeniertheit fest, daß die Radikalen im österreichischen Zionismus eine „radikale Tageszeitung" besitzen. DaH zielt auf die ,M«ner Morgenzeitung". Demgegenüber müssen wA erklären, daß es di« Aufgabe dieses Blattes ist, über alle Strömungen im modernen Judentum zu unterrichten. Daß in nnrss» rem Blatt di« radikalen Zionisten öfter zu LJ orte kommen, iß nur ein Zeichen stärkerer Aktivität und geistiger Regsamkeit der Angehörigen dieser Gruppe. Unser Blatt steht allen Gruppen in gleicher Weife offen, wenn sie davon Gebrauch machen wollen und können. Ebenso unwahr, wie die auf unser Blatt bezügliche Behauptung des ungebetenen Kritikers ist alles, was er sonst von, der österreichischen Organisation anführt. Darüber erhalten wi>r vom Zionistischen Landeskomitee für Oesterreich folgende aufklärende Mitteilungen: Die Schekelzahlcr aus Oesterreich, welche in der „Selbstwehr" angeführt werden, sind tendenziös verwendet. Bon den vis zum 8. Juli ausgewiesenen zirka 6000 Schekalim wurden zirka 1000 im Jahre 1926 und zirka 6000 bis zum 8. Juli 1927 verkauft und verrechnet. Seither ist die Zahl weiter um etwa 1000 gestiegen, die aber nach unserem Wahlstatut nicht kongreßwahlberechtigt sind. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Deutschland und in der Tschechoslowakei, hatten auch diese Schekelzahlcr das Wahlrecht. Da ließe 'sich, wenn man dem Gedankengang des Prager Glossenschreibers folgt, schließen, daß die österreichische Organisation 6000 Mitglieder und nicht, wie er angibt, bloß 3000 zählt. Jedoch scheint der strenge Kritiker sehr wenig zionistisch-organisatorische Erfahrung zn haben, denn er identifiziert die Schekelzahlung mit der unbedingten Zugehörigkeit zur Larrdesorgjani satiou; wenn dies guträfe, so wäre eS in Oesterreich noch eher der Fall als in anderen Ländern, wo Schekelim auch an Nichtzionisten verkauft werdiem, wahrend dies in Oesterreich nicht geübt Wird. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß Oesterreich den höchsten Schekttbetrag unter fast alle« Ländern hat. Während er in Deutschland nur eine Mark, in Polen einen Zloty, in Amerika 25 Cents usw. beträgt, zahle« die österreichische Zionisten 2 Schilling, trotz der hier herrschenden ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse, auf die die zionistische Exekutive schon mehrfach hingewiesen wurde, ohne daß jüwch eine Reduzierung des Schekglpveises hätte erreicht werden können, Das Ergebnis der Schekelpropiaganda ist gewiß kein befriedigendes; das ist unsere Sache, nicht die eines distinguierten Ausländers. Die Unterstellung daß der angeblich herrschende raküloLe Zionismus die Ursache sei, weisen mir entschieden zurück. In Oesterreich bildet di« radikale Gruppe sicher eine Mino r i t ät unter den Zionisten Die Nicht radikalen hatten Gelegenheit, den lAbsatz von Schekalim so intensiv als möglich zu betreiben. Es ist sicher nicht die Schuld der Radikalen, daß die anderen Gruppen von dieser Möglichkeit so wenig Gebrauch gemacht haben. Das ungünstige Ergebnis dos Schekeljahres 1926 ist auf die von der „Freien zionistischen S&teinijjtatg" bewirkte Zertrümmerung der österreichischen Organisation zurückzuführen, also auf eine ui chtradikale Grupp«. Erft im Juli 1926 gelang es dem damaligen Präsidenten der österreichischen Organisation, Dr. Desider Fried mann, mit Hilfe, seines Nachfolgers, des radikalen Dr. Gold ha mm er, wieder, eine Konsolidierung in die Wege yi leiten. Seither hat die zionistische Organisation einen sichtbaren Aufschwung genommen, von dom H. L>., der doch soviel zu wissen vorgibt, offenbar nichts weiß. L Hier seien nur angeführt: die Reorganisation eines Großteiles der Jugendgruppen und die Herstellung eines sehr guten Berhältnisses zu den noch außerhalb dieser Organisation stehenden Gruppen der Jugend, das Medererschpinen der Zeitschrift „Palästina", die Herausgabe des Mitteilungsblattes „Tie jüdische Welt", die Schaffung und Tätigkeit des Kulturamtes, das in kurzer Zeit «eine Reihe von Kin vergärten ins Ldben gerufen hat, die Gründung deS hebräischen Klubs, einer einzigartigen Institution innerhalb der zionistischere Organisation, die Bildung der „jüdischen Buchgemoinde", die Errdhtung eines zionistischen Archiveusw. Wir fragen nicht, was andere zionistische LandeSorganisationen dem gegenüberstellen können, denn wir sind nicht so taktlos, Kritik zu üben, und auch nicht so unvorsichtig, unwahre Behauptungen von einer anderen Organisation aufzustellen, wie es H. L. in der „Selbstwehr" gowagt hat. Wir werden unser« Arbeit zielbewußt fortsetzen, wie wir «s für gut finden. Es haben alle Zionisten in ihren eigenen Ländern genug zu tun. Hände weg von der österreichischen Organisation! Die palWueufische BAlerbuudUga. Jerusalem, 36. Julr. (I. T. A.) Die PülkerbuMsga in Palästina, ..die bekanntlich Mitglied der Internationalen llttiy« der Völkerbundligen ist, beschloß, zu der im August ln Zürich tagenden Konferenz zum Schutze jüdischer Rechte Vertretet zu entsenden.