Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3023 (30.7.1927)
- Date
- 1927-07-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Samstag Wiener Morgenzeirnng Sekte - Nc. 3023 30. Juli 1027 8in Auftus der öfterreichWea Richter. Wegen »er guli-Sreigniffe. Die Vereinigung österreichischer Richter erläßt den folgenden Aufruf: Der 15. Juli 1927 hat bewiesen, daß in Wien die Rechtspflege und jede Staatsautorität vor Ueberfällen durch irregeleitete und seit Jahren aufgehetzte Teile der Bevölkerung nicht gesichert ist. Ein scharfer Trennungsstrich teilt di« wirkliche Arbeiterschaft von den Hetzern sowohl als von den Verhetzten. Wir alle sind überzeugt, daß die österreichische Arbeiterschaft den. Ereignissen vom 16. Juli 1927 ebenso fern steht und diese Ereignisse ebenso verurteilt, toi« die arbeitende Bürgerschaft und alle besonneneil Arbeiterführer; doch waren die Arbeitenden nicht imstande, dem Ausbruche der verbrecherischenJnstinkte Einhalt zu tun. Die planmäßige Hetze einiger weniger Tagesfchriftsteller und Politiker wird ebenso wie feit Jahren auch nach dem 15. Juli 1927 fortgesetzt. Der Friede kann nicht alS gesichert erkannt werden, fo lange diese verbrecherische Verhetzung andauert und sogar diesem Treiben Rückhalt und Ermntignng geboten wird. Der Justizpalast ist niedergebrannt und ausgeplündert worden, ebenso Polizeiwachstnven, Privat» wohnnngen und Geschäfte, viele Tote und Verwundete fiitb zu beklagen. Nur die heroische Pflichttreue der Sichcrheitsorgane hat einen grollen Teil Wiens vor dem gleichen Schicksal bewahrt. Fremde Sendlinge und unverantwortliche inländische Hetzer sind die Urheber des ganzen Unheils, sie trifft die große Blutschuld zunächst. Die drei größten Gerichtshöfe der Republik samt Generalprokuratur, Oberststaatsanw a l t s ch a f t und allen H i l f s ä m t e r n wurden obdachlos. Wann und wo diese Aemter endgültig und würdig werden untergebracht werden, ist vollkommen ungewiß. Gewiß ist aber, daß die Gemeinde Wien die sittliche Pflicht hat, mit allen Mitteln, vor allem mit ihren reichen wirtschaftlichen Mitteln Sorge zu tragen, daß diese Aentter rasch und würdig untergebracht werden können. Es soll kein Brandmal hasten bleiben. v*udj die Arbeiterschaft hat ein lebenswichtiges Interesse, laut die Wahrheit zu künden, daß sie mit den Ereignissen vom 15. Juli 1927 nichts gemein hat und die Inschrift auf dem neu errichteten Bau die Worte enthalte: „W iedererrichtet durch die Hilfe derGem e i n d e Wie n." Dieses Zeichen zur Rückkehr zur Vernunft und Gesetzmähigkdit erwarten alle friedlichen Bürger, "ntcr ihnen die Richter. Werden die Grnndlagm für eine ruhige und gesicherte Amtsführung nicht geschaffen, dann kann für die Unterbringung zumindest des Obersten Gerichtshofes . und des Oberlandesgerichtes samt Generalprokuratur und Oberstaatsattwaltschaft nur die Verlegung an eine andere, eine gesicherte Stätte, in Frage kommen. Auch die Obersten Gerichte in Deutschland, in der Schweiz und der Tschechoslowakischen Republik befinden sich nicht am Sitze der Zentralregierungen. Treue zum Gesetze, zur Heimat und zur Volksgesamtheit verbindet die Richter mit allen arbeitenden Menschen und trennt beide von denen, die b e r u f s mä ß i g Gift in das gepeinigte Volk streuen, aus Machtgier, aus Erwerbsgier und nicht zuletzt, um von der eigenen Blutschuld abzulenken. Wirtschaftlich ist der MchterstanL mehr denn je p r o l e t a v i s ch gestellt, viele Richter haben in den Flammen ihre nrühsam erworbener» wissenschaftlichen Behelfe verloren. Die Richter kennen daher um so besser die Not der arbeitenden Bevölkerung, der sie jederzeit nach Kräften beistehen und Leigestanden sind. Die Richterschaft wird sich ' w e d e r vor B e rbrech.ern noch vor ihren Hintermännern beugen und hofft auch dabei mit aller aufrechten Arbeiterschaft einen gemeinsamen Weg zu gehen. Nicht die Urkraft des gesunden Volkes spricht aus den Angriffen auf die Rechtspflege und Staatsautorität, sondern dasBewußtsein eigener Schuld' und die Furcht vor k o m m e n d e r S ü h n e. Unser aller Dank gebührt den pflichtbewußten Wacheorganen und jensn, die den Verwundeten beistanden. Die Richter und Beamten des Justizpalastes müssen auch jenen besonnenen Mitgliedern des Schutzbundes danken, die Verbrecher vor einem Gemetzel an Wehrlosen zurückhielten. Kein Lesterreicher verletzt. Paris, 29. Juli. Bei dem gestrigen Unglück von Abbevlllc ist kein Oesterreicher zu Schaden gekommen. Der Engländer Herbert Carty ist im Spital seinen Verletzungen erlegen. Der Zügsführer des Zuges Paris—Calais erklärte im Laufe der Untersuchung, daß er wohl das Haltsignal in einer Entfernung von 50g Metern vom Wiener Schnellzug gesehen habe, daß es aber unmöglich gewesen sei, den Zug, der mit einer Geschwindigkeit van 80 Kilometern fuhr, so schnell zum Stehen zu bringen. ' Sin Dementi. Paris, ^9. Juli. Das Ministerium für öffentliche Arbeiten dementiert die Meldung, daß bei dem gestrigen Eisenbahnunglück in Abbeville ein Todesopfer zu beklagen sei. Im Spital stehdn im ganzen drei Verletzte in Behandlung, während alle übrigen ihre Reise fortsetzenkonnten. Sin zweites Unglück. Paris, 29. Juli. Heute abends ist ein Spezialzug, .her die Arbeiter aus einer großen Fabrik in der Nähe von Lyon in die Stadt befördern sollte, bei der Einfahrt in den Lyoner Bahnhof entgleist. Zwanzig Personen wurdet» verletzt. Nähere Einzelheiten stehen bis zur Stunde »roch aus. SchWunMck auf dem Michiganfee. 40 Frauen und Kinder ertrunken. Chicago, 29. Juli. (Reuter.) Ein BergnügnngSdampfer mit ungefähr 200 Personen an Bord ist in der Nähe des städtische» PierS gesunken. Mehrere Personen ertranken. Biele Personen werden noch vermißt. Nach ergänzenden Meldungen ist die Mehrzahl der an Bord des während eines Sturmes auf dem M'.chigansee untergegangenen Vergnügungsdampfers befindlichen Kinder und Fronett, etwa 40 an der Zahl, ertrunken. Der Orkan rief unter den Passagieren eine Panik hervor. Sie eilte» alle nach der einen Seite des Schiffes, das infolgedessen kenterte. Am späten Abend waren 27 Leichen »geborgen. Der Kapitän und sie Schtffsbesatzung wurden verhaftet. Sin entsetzlicher Mord. zwei «»Mn ermorde» ihre» sxielseWrteni Osnabrück. 29. Juli. (Tel.-Komp.) Heute nachts .wurde aus dem Mittellandkanal die L /i ch e eines elfjährigen Knaben gezogen, die eine furchtbare Wunde am Hinterkopfe aufwies, so daß die Polizei einen Mord vermutete. Die Nachforschungen ergaben, daß der Knabe mit z w e i a n d e r e u zehn- und elfjährigen Schülern in den Wald gegangen war, um dort zu spielen. Die beiden Kinder wurden ermittelt, und bei ihrer Vernehmung stellte sich die furchtbare Tatsache heraus, daß sie mit den» ermordeten Knaben in Streit geraten waren, über ihn herfielen und solange mit einem Stein auf seinen Hinterkopf einschlugcn, bis ihr Opfer kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Dann warfen sie ihren Kameraden in den Mittellandkanal. Auf die Nachricht von der Mordtat sammelte sich vor dem elterlichen Hause der beiden jungen Mörder eine große Menschenmenge an, die das Haus zu st ü r m e n versuchte und die beiden Kinder lynchen wollte. Sogar deren Eltern mußten von der Polizei in Schutzhaft genommen werden. da sich die erbitterte Menge auch gegen sie wandte. Ravbanfall auf eine Wiener Sommersrischleriu. Zwei jugendliche Banditen im Salzburgischen. In Mit t erb erg im Lungau haben zwei Burschen im sogenannten Greilngut einen Raubanfall ansgeführt. Dienstag abends erschien dort einer und ‘Bat um Essen, tvas ihm auch gegeben wurde. Auf dem Gut befand sich nur eine 60jährige Magd und eine Wiener Sommerpartei, Frau Karoli-ne Zimmer! ans Hernals. Gegen Mitternacht drangen mm zwei Burschen, darunter der vom Abend, in >das Haus ein, überfielen zuerst die Magd und raubten ihr verschiedene Habseligkeiten. Dann drang einer bei Frau Zimmer! ein, während der andere der Alten Gewalt antat, und nahm der Wienerin eine Zwanz:g-Schilling-Note und ein Paar Schuhe ab. Die Räuber konnten entkommen. Sie dürften ungefähr 20 bis 25 Jahre alt fein und waren sehr ärmlick '«kleidet. LragödleHnftM. Zwischen Tod und Leben. In N i k l a s d o t if im Bezirke Leoben Hat sich in der Nacht von Donnerstag auf Freitag eine furchtbare Bluttat abgesp'.elt. In einem H e u sta d l übernachteten mehrere Wanderburschen, zu denen sich dann noch der Koch Theodor E r d i u g e r und feine Lebensgefährtin Karoline Weygand aus Men gesellten. Später kamen noch die Brüder Michael uivd Karl Käferbäck. Die beiden waren angeheitert und begannen die Weygand zu belästigen. Es entspann sich schließlich ein furchtbarer Kamps, bei dem Evdinger, von zahllosen Messerstichen durchbohrt, den Tod fand. Auch tue beiden Brüder wurden schwer verletzt aufgefun-den. Die Weygand, die einen schweren Nervenzusammenbruch erlitt, wurde von Geburtswehen überrascht und «s Spital transportiert. MInifterrat in London. Das Fiasko der Seeabrüstungskonferenz. London, 29. Juli. (Teleomp.) ChamberlaiM erhielt heute nachmittags ein langes Telegramm von Bridgeman aus Genf. Er berief sofort einen Ministerrat ein, was aber mit großen Schwierigkeiten verbunden war, da mehrere Minister bereits die Sommerfericn angetreten hatten. Ueber den Inhalt des Telegramms und die Beratungen des Ministerrates ist nichts mitgeteilt worden; doch erklärt man in der Downing Street, daß gegenwärtig in Genf ernsthafte Bestrebungen im Gange seien, um ein Fiasko der Konferenz zu vermeiden. Dar Unterhaus vertagt. London, 29. Juli. (Teleomp.) Das englische Parlament hat sich heute bis 9. November vertagt, nachdem es zuvor das Budget für 1928 in dritter Lesung endgültig genehmigt hatte. Die Entscheidung liegt bei Washington. Genf, 29. Juli. (Teleomp.) Die Genfer Marinekonferenz ist an ihrem entscheidenden Wendepunkt angelangt. Für morgen ist eine Sitzung der Hauptbelegierten in Aussicht genommen, falls die voll bet amerikanischen Delegation erwarteten neuen Instruktionen Wer die letzten englischen Vorschläge aus Washington eingetroffen sein sollten. Die für Montag airberaumte öffentliche Vollsitzung der Konferenz tvird irr weiten Kreisen als die letzte Konferenzsitzung betrachtet. Ueberraschungen sind jedoch nicht ausgeschlossen. Falls sich eine Möglichkeit zur Einigung in der Kreuzerfrage zeigen sollte, dürste die Vollsitzung noch verschoben werden. Die japanische Delegation macht gwßeAnstrerrgungen, eine Einigung zwischen England und beit Vereinigten Staaten in der Frage der Bestückung der Kreuzer, die die Hauptschwierigkeiten bietet, herbeizuführen. Ihr Führer, Admiral Saito, hat die Hoffnung auf ein positives Resultat noch nicht aufgegrbeN. Die Sestern abends veröffentlichten englischen Vorschläge haben allgemein enttäuscht. Die amerikanischen Delegierten rechnen mit dem ergebnislosen Ausgang der Konferenz. Sie erklärtenindessen^ daß nunmehr der Schlüssel zur Lage m Washington lieg«. Der Sewerlschaftrkongreh. Gegen die soziale Revolution. Paris, 29. Juli. (Tel.-Komp.) In der heutigen Vormittagssitzung des Kongresses des Allgemeinen G e w e r k s ch a f t s b u n d e S kamen die ausländischen Delogierten zu Wort. Der Generalsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes, L e i p a r t, drückte die Hoffnung aus, daß sich die europäischen Arbeiter zusammenschließen mögen, um den Frieden aufrecht zu erhalten. Der Generalsekretär der Amsterdamer Gewerkschaftsinternatronale, Oudegeest, erklärte, die Gewerkschaften sollen einen Unterschied zwischen der sozialen und der wirtschaftlichen Revolution machen. Die wirtschaftliche Revolution tonne nur durch lange Anstrengungen herbeigeführt werden. Ihre Aufgabe sei, aufzubauen, und nicht zu zerstören. Der tschechoslowakische Delegierte warnte davor, die Kommuni st en ohne Kontrolle in die Gewerkschaften aufzunehmen, da sie dort ausschließlich eine zersetzende Tätigkeit entfalten. Der ungarische Delegierte, der Generalsekretär' der ungarischen Gewerkschaften, P e y e r, sprach über den ungarischen Fascrsmus, dessen Tätigkeit er scharf verurteilte. Der italienische Delegierte B u ö z z i drückte pnter dem Beifall des Kongresses die Hoffnung aus, daß die italienische Arbeiterschaft bald den Fäscismus besiegen Möge. DK Berschmelrnng abgelrhnt P a« r i s» 29. Juli. (Tel.-Komp.) Der Kongreß deS Allgemeinen Gewerkschaftsbundes hat heute eine Entschließung angenommen, in der der Vorschlag des kommunistischen Gewerkschastsbundes auf Verschmelzung der Seiden Arveiterföderationen abgelehnt wird. Die Entschließung verurteilt jede Art von pollötiischar Betätigung der Gewerkschaften als solcher, während es den Mitgliedern der Gewerkschaften stetgestellt wird, sich einer politischen Partei anzuschließen. r, 1-Mi-s.ier." Re Lage in Rumänien. Minna tun M mit Hattest« netfittnen. Bukarest, 29. Juli. Trotz gegenteiliger Tendenzmeldungen von Anhängern des Prinzen Carol, ist die Dhronfolgefrage für die nächste Zukunft erledigt, da unbeschadet der fortbestehenden Volkssympathien fiir Prinz Carol dessen Rückkehr legal unmöglich und nur durch einen gewaltsamen Staatsstreich durchführbar wäre, wozu aber beim Volk und der Anhängerschaft des Prinzen wederdieMachtnoch derWille vorhanden sind. Jnnerpolitisch am wichtigsten ist heute die Frage der Teilung der Macht zwischen der Liberalen- und der Bauern Partei, wobei Bratianu in dem Bewußtsein, daß er den beson» derin Siebenbürgen übermächtigen Maniu auf die Dauer nicht umgehen könne, diesen durch die Drohung dg« Versöhnung mit Avarescu und de« tte&c&Mftma von