Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3022 (29.7.1927)
- Date
- 1927-07-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE JÜDISCHE WELT (MITTEILUNGEN DES ZIONISTISCHEN LANDESKOMITEES FÜR ÖSTERREICH) ERSCHEINT JEDEN FREITAG IN DER „WIENER MORGENZEITUNG“ 29. JULI 1927 NUMMER 6 29. THAMUS 5687 Re Legende Shalnr. Von Dr. Otto Abeles. Das Wort stammt von Arthur Höllischer und ist der hellste, heiligste Akkord seines orgelnden Hochgesanges auf den landwirtschaftlichen Palästinapiornec, der den die Welt bereisenden Dichter, wie man weiß, anläßlich seines zweiten Palästmabesuches in seiner Entwicklung arg enttäuschte. Indessen läßt sich auch in der zionistischen Welt ein mehr oder minder kräftiges Mrücken vom „Ehaluz" bemerken. So finde ich auch 'in der „Wahlplattform der radikalen Zionisten" („Wiener Morgenzeitung" voni 16. Juli), die ich für ausgezeichnet halte, zumal sie sich stark den Arbeitern nähert, den Vorrang der landwirtschaftlichen Kolonisation betont Und auf die fatale Juden staatOMrro n stration des letzten Wiener Zioiristentages verzichtet i— so finde ich auch in diesem vortrefflich gearbeiteten, nach meinem Empfinden zeitgemäßen Programm zionistischer Politik und Arbeit der Chaluziut keine Erwähnung Man und halte dies für sehr bedauerlich. Zumal aus der Kritik der Chaluziuth, die bis tief in die, Reihen der Anhänger von A^iznmnns Agency-Politik geM wird, immer deutlicher die (Forderung nach Abschluß der Ehalrrz-Aera, also — noch deutlicher — nach Abschaffung des Ehaluz klingt. Wie die Kritik des Keren Hajesspd, der vorzüglich der landwirtschaftlichen Kolonisation zu dienen, also den Ehaluz zu fördern hat, immer deutlicher einer Feststellung seiner Ueberflüssigkeit gleichkommt. Dieses „Bächlein Goldstaub" hat , ja — wie der liebenswerte reaktionäre Rdmaittiker Jabot inst: jüngst in seiner schonxn Wieirer Rede aUsführte — nebm den gewaltigen Katarakten von Geldströmen (die Unverzüglich zur Verfügung stehn, wenn mm Nur die Wünschelrute zu handhaben! weiß) doch mehr ethische als praktische Bedeutung. Es ist daher bestimmt nicht Unnütz, wieder einmal zu betonen, daß die Chaluziuth zUiN -eisernen Bestand an zionistischen iAufbaukräften gehört. Der Ehaluz, der Palästinapilmier, bleibt für absehbare Zeit'die Säule des Aufbaues. Auch bei kräftigstem Einsetzen der Privatinitiative. Ja sogar bei Massenimmigration. Ehaluz ist vor allem der landwirtschaftliche Pionier. Dann der Städtebauer, der Pionier der Industrie und seine Arbeiter. Ehaluz ist der Arzt, den, ich in Obergaliläa traf, der Prager Ingenieur, den ich im Emek eine Holzbaracke für Reparaturen landwirtschaftlicher Maschinen Herrichten und diese Zelle einer Fabrik für Mafchinenbestandteile in den. Dienst der jüdischen Bauern stellen sah, Ehaluz ist der Lehrer in den Kolonien, die Pftegeschwester, die wanldiernhe Zahnärztin, aber auch der erwerbstüchtige, ertverbsbeflissene Kaufrnann, Techniker, Gewerbetreibende in Tel iMvitv. Ehaluz ist natürlich nicht der „Migraschkäuser", der Häuserspekulant, der überzählige Gasosbudenbesitzer.!Ms ^Herzl sagte: „Just die Desperados taugen zum Grobem", kann er die Desperados des Spekulantentums nicht eingeladen, haben, ihre Lustgeschäfte nach Palästina zn verlegen. Er meinte wohl, daß bei der Landnahme der: verzweifelte!: vstjüdischen ^Massen Und den von ihrer Aufgabe begeisterten Westjuden Riesenkräfte der Arbeit des entbehrmrgsharben, ersinderischen Pioniergeistes wachsen würden. Di« Erkenntnis, daß nnt der Chaluziuth, d. h. mit der Verwurzelung jüdischen Menschertturns durch (vorzüglich landwirtschaftliche) Arbeit, Erez Israel steht und fällt, läßt natürlich jede Kritik an der politischen Färbung dev Chaluzwganisationen, sowie an den Wirtschaftsformen des palästinensischen Chaluztums und ganz (besonders an sessrer Administrierung zu. 'Aber so begrüßenswert die Forderung nach Rentabilität, der Palästinawirtschaft ist, so unakzeptabel wird sie, wenn sie die >Aufgabe der Chaluziuth in sich begreift. Die' Erziehung des Ehaluz, dw größtmögliche Förderung der „Zertifikatisten" (womit nicht gesagt ist, Palästina sei für die Zertifikatisten allein da) — dieser nach dan Prrnzivjerr kleinen Kausnunrnsgeistes unrentMe Posten des BudgM, dieser wichtigste Aktivposten zionistischer Arbeit, darf nicht verkürzt tverden, er ntuß mit den wachsenden materiellen Mitteln wachsen, ja ein „Gvldskonr", der sich dann eröfsnete, wenn man gleichzeitig!! die Chaluziuth drosselt, wäre unakzePtabeL Das Kougreßprograrmn der Radikalen hat dies, glaube ich,, zun: ^Ausdruck gebracht, indem es die Parole „reiner Wirtschaftlichkeit und Rentabilität" ablehnt, iveil sie zu einer Erschütterung der nationalen und sozialen Basis unseres Aufbauwerkes führen Muß Und „schon heute zu einem Kampf gegen die Mische Arbeiterschaft mißbraucht wird." Vor dem Baseler Kon«|reB Siahum 60(0(0)0 Wer Kongreßsragen. Der Präsident der Zionistischen Exekutive, Nahum 5 0 k 0 l 0 tv> hat einem Vertreter des „Haolam" ein Interview gewährt, in welchem er seine Ansicht über die in der letzten Zeit veröffentlichten Kongreßprogramme darlegt. Wir geben die wichtigsten Stellen dieses Interviews wieder, das schon deshalb bemerkenswert erscheint, weil es sich hauptsächlich mit dem Kongreßprogramm der Vereiuigung der r a d i k a l e n ,Z i 0 n i st e n befaßt. Diesem Kongreßprogramm sind auch die Zitate entnommen, deren Herkunft der Präsident der Zionistischen Exekutive mit „irgendwo" kennzeichnet. Zunächst äußert Präsident Sokolow allgemein seine Ansicht über die verschiedenen Kongreßprogramme, und sagt unter anderem: „Die Programme der verschiedenen Gruppen und Richtungen enthalten, wie immer Wahlprogramme, viele richtige, aber meistens allzu allgemeine Bemerkungen .. . Im allgemeinen lieber: es unsere Programmtheoretiker, mehr in die Ferne zu schweifen, als Mittel und Wege für die Bewältigung konkreter Aufgaben zu zeigen... Dennoch enthalten manche Programme wertvolle Hinweise, die von der Exekutive gelviß in Betracht gezogen werden müssen.", . Sodann beantwortete Präsident Sokolow einzelne Fragen des Interviewers. Frage: „Mm: erhebt gegen die Leitung ben Vorwurf, daß sie den Zionismus in den letzten Jahren immer mehr seines Inhaltes entleert habe und spricht vor: einer Politik der Liquidation, die innerjüdisch um' ' jeden Preis zu einem F r i e d e n s s ch l u ß mit bem antizionistis ch e n Judentum gelängen will. Mas' ist auf diese Vorwürfe zu erwidern?" „Es kann keine Rüde davon sein, daß die Exekutive jemals.eine Politik geftrhrt hat, die einen.Friedensschluß „um jeder: Preis" mit dem arüizionistischen Judentum erstrebt hat. Wir haben überhaupt nie mit Antizionisten verhandelt, .sondern mit Nichtzionisten, mit denen ja alle kooperieren wollen. Wir haben niemals irgend ein zionistisches Grundprinzip, nicht einmal einen Teil unserer Prinzipien aufgegeben. Manche unserer Freunde sind offenbar der Meinung, daß ein aggressiver politischer Kampf, gegen die Nichtzionisten jerrer „Inhalt" ist, -von dem der Zionismus in den letzten Jahren „entleert" worider: sei. In der Tat -ist-heute: ei.n. wesentlicher Inhalt des Zionismus .der- Aufbau Erez Israels, und da auch alle dex Meinung find, daß hiefür eine wirtschaftliche und finanzielle Kooperation, mit nichtzionistischen Kreisen' erforderlich ist, so folgt daraus., mit Notwendigkeit, daß nicht mehr reine Kampfpolitik genügen imd Inhalt des Zionismns sein kann. Wenn man -das Geld der Nichtzionisten nehmen will, .so mutz die Auseinandersetzung mit ihnen' in freundschaftlich belehrendem und werbendem Geiste geführt, werden. Ist man anderer Meinung, so muß man auf jede Form der finanziellen Kooperation verzichten. Daß wir uns überall mit scharfer Waffe zur Wehr setzen werden, wenn wir a n- 6 eg rissen werden, ist selbswerständlich." „Wie Ist der Vorschlag des Ausbaues der politischen E x e k u t i v e, die nnt mehreren, vollverantwortlichen Mitgliedern besetzt seir: "soll, zu beurteilen?" „Es handelt sich hier sozusagen um die Anregung, die Dimensionen unserer politischen Arbeit zu erweitern. Niemand kam: im Prinzip dagegen fein, und von uns selbst ist oft Aehnliches verlangt worden. Es ist nur die Frage, ob sich eine solche Forderung in den uns gesetzten Grenzen realisieren läßt. Es ist auch die Frage, ob wir über genügend Mensche» verfügen, die in die sehr schwierige und komplizierte Arbeit der politischen Exekutive emgeführt werden können." bür die Veröffentlichung in der Beilage JDie jüdische Welt4" bestimmte Manuskripte, Ankündigungen etc. müssen bis längstens M i 11 w 0 c h . 11 a g s in Händen der Redaktion sein, da sie * sonst keine Aufnahme mehr ihrdeu können. ,L8ie stehen Sie zu den Vorschlägen über die Ausarbeitung eines umfassenden Kolonisation s- Programms für Palästina?" ,^Man redet bei uns viel von einem Kolonisationsprogramm. Im Grunde haben wir immer eine bestimmte Linie verfolgt, die falsch oder richtig gewesen sein mag, aber es war eine Linie. Vor allem soll man eines im Auge Gehalten : J-Ides Kolonisationsprogramm, das heute für W nächste Zeit ausgestellt werden kann, ist ein Minimalprogramm, über das wir hnrausstreben müssen, wollen wir den Zionismus verwirklichen. Für uns kann es nie ein „Halt" geben, nie einen „endgültigen Erfolg". Im Gegenteil, wir stehen am Anfang und müssen jetzt auf den Erfahrungen der ersten Arbestsperickde weiterbauen. Was.man uns rät, ist wiederum häufig sehr allgemein. Wer wäre nicht dafür, daß die „nationalen Ziele der Schaffung eines vollentwickelten jüdischen Gemeinwesens", wie es irgendwo heißt, im Auge behalten werden sollen? Wer ist gegen die „Produktivierung des jüdischen Menschen" oder „die völlige Hebräisiermrg des Jischuw" oder gegen die „weitestgehende Berücksichtigung der sozialen Forderungen in Palästina".? Für ,^ldnmustrative Bevormundung" hat noch niemand inider zionssU* scher: Bewegung geschwärmt. Die RLorganrsätionsvorschläge sind kein Spezifikum irgend eines Progvammes, , jeder verlangt honte einen gewissen SystemweWÄ. Wie weit er gehen kann-, ohne die positiven Errungenschaften der letzten Jahre zu gefährden, mutz sÄhr sargMWg geprüft werden." - ■ „Was ist Ihre Meinung über die verschichene» organisatorischen Vorschläge und über die Befürchtungen wegen der Einschränkung der R e cht e d es Ko n g res ses?" „Bon einem Angriff auf die Rächte bei Kongresses kann keine Rede sein. Plant denn irgend jemand' einen Staatsstreich? Soll der Kongreß nicht selber über sich entscheiden? Wenn gewisse Vorschläge für die Reform des. Kongresses gemacht worden find,'so handelt es sich um reine Zweckmäßigkeitsfragen, und man soll nicht gleich die uns : allen heiligen Güter der Demokratie ins Treffen 'führen, wenn es gilt, eine technische Fvaigre positiv oder negativ zu. entscheiden. Kein Beschluß des Kongresses über die Kompetenzen des Kongresses selbst, über die Bildung einer Exekutive in dieser oder jener Form kann undemokratrsch sein, denn der Kongreß ist auf demokratische Wesse getvählt und jeder von ihm gefaßte Beschluß kann nach zwei Jahren geändert werden. Die Bewegung wurzelt tief'im Volke, und das allein macht sie zu einer Erscheinung der Demokratie." Sa« Kougreßwahlprograimn der „PoaleNon". Die Gruppen „Poale Zion", „Ehaluz", ,Hasthomer Hazair" und ,-Bnth Hamischmar" in Oesterreich Haber: sich zu einer Liste unter dem Namen ,Oie Gruppen des> arbeitenden Palästina" zusammen-geschlossen, die das Wahlprogramm der „Poale Zion" akzeptiert haben. Dem Programm entnehmen wir folgende grundsätzlichen Forderungen: Wirtschaftliche Forderungen: Stärkung des nationalen K a p i t a ls, insbesondere der Spendenfonds; Durchführung der inneren nationalen Anleihe; systematischer Kampf gegen die Bodenspekulation; Durchführung des Prinzips der Nationalisierung des Bodens und der KonzeMrierung möglichst großer Bodenreserven; Entwicklung aller bisherigen Formen der Arbeitskolonisation; gleiche Behandlung der Krvuzahformen und der individuellen Kolonssation; Anerkennung der Gesellschaft „N i r"; Eindringen j ü d i s ch e r A r b e i t in den prrvaten Kolonien unter Sicherung eines angemesserwrr Lebensstandards und entsprechender ArheitSbedingungen; Errichtung von Arbeiterwohnung e«; Schaffung von Möglichkeiten für Hilfswirtschaften einzelner Arbeit::- und Grupp-n in den privater: Kolonien und in deren Rühe; Förderung des Arbeitergenossenschaftswesens i*