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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-29 · Heft 3022 (29.7.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3022 (29.7.1927)
Date
1927-07-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wien, Freitag Wiener Morgenzeitnug TS. gaß « Nr. 3022 Liebesdrama einer FünfzehnMrigeu. Tragischer Loppelselbftmord. — Las Kind als Matter. Eine halbe Stunde von Fifchamend entfernt» am GHutzdamm gegen die Donau» fand man vorigen Dienstag früh die Leichen eines ganz jungen Mad ch e-n s « n d eL-n e S Burschen. In der Hand deS Mädchens, das» wie sich herausstellte» baS noch nicht 15jäh rige Kind einlor Arbeiterin von Fifchamend war» lag» fest umkrampft, ein Revolver. Von ihrer rechten Schläfe rann Blut, das die Beinkleider dos Burschen, anf dessen Knien liegend sie gefurrden wurde, gmrg voschnrutzt hatte. Der Bursch, der 22jiihrige Georg Mrryorhofvr, hatte, ebenso wie das Mädchen, Gnstt Mndrack, eine Einschussstelle an der rechten Schläfe. Der Arzt stellte fest, daß der Tod der beiden jungen Menschen gegen 5 Uhr morgens, also eine Stunde vor dem Auffinden der Leichen, und zwar dnrch Rovolverkugeln, sofort eingetreten sei. Zu dem tragischen Schicksal der beiden jungen Menschen werden folgende Einzelheiten bekannt: Im Marz dieses Jahres lernten sich Gusti Mudrack und Georg Mayerhofer, die beide in der Tuchfabrik in Fischamen-d in Stellung waren, kennen. Die Mutter des Mädchens machte ihrem Kinde wegen des Liebesverhältnisses die schwersten Vorwürfe. Das Mädchen wollte jedoch von ihrem Liebsten nicht lassen. Die Mutter aber gab den Kampf nicht auf und ließ sich sogar dazu Hinreißen, ihre Tochter auf das schwer st e zu mißhandeln, oft sogar aus der Straße, vor den Augen der Bewohner des Marktfleckens. Und als sie aus dem Munde ihres Kindes erfuhr, daß das Verhältnis nicht o h n c Folgen geblieben sei, wies sie das Kind aus dem Hause. Georg Mayerhofer brachte das Mädchen in das Haus seiner Mutter, gleichfalls einer einfachen Arbeiterin, die sich und drei Kinder zu ernähren hatte. Da die Mutter Georgs aber das Mädchen infolge der mißlichen Wohnverhältnisse bei sich nicht aufnehmen konnte, das Mädchen jedoch sehr gern hatte und Mitleid mit ihm empfand, verschaffte sie ihr Unterkunft und Kost bei ihrer verheirateten Tochter. Die Lösung scheint aber das Paar nicht befriedigt zu haben. Sonntag früh begab es sich auf einen Ausflug, von dem es nicht mehr zurückkehrte. Man sah die beiden jungen Menschen erst wieder am Damm, tot, mit durchschossenen Schläfen. Am Tage der Auffindung der beiden Leichen kamen an deren Eltern A ü s ch i e d s b r i e f c. Der des Mädchens hat folgenden Wortlaut: »Heute ist dcrletzteTag. Mit dem heutigen Tag schließe ich das Leben ab. Ich gehe so gerne weg von Euch, ich gehe gemeinsam mit Georg in den Tod. Ihr habt mich wie einen Hund behandelt, i so ist es eine gute Tat, die ich vollbringe." Der junge Mann nahm von seiner Mutter und seinen zwei Geschwistern in rührenden Worten Abschied und bat insbesondere seine Mutter, ihm diesen Schritt, zu dem er sich gezwungen sah, zu verzechen. Sehr viele, Umstände sprechen dafür, daß der Tod d e s j un gen Mannes nicht durch dessen eigene Hand erfolgte. Die Schußioaffe fand sich in der Hand des Mädchens, das unbedingt als zweite aus dem Leben schied. Auch die Lage, in der die beiden Leichen aufgefunden wurden, spricht für die Annahme, daß es das Sommer in Florenz. Von Kurt Münzer. ' Florenz im Sommer!... Wir stehen in, dem staubigen, rauchigen Bahnhof, von dem die Wege in die Wunderstadt führen sollen. 'Heißäugige junge Kerle raufen sich unr das Gepäck; der Stärkste trägt es davon. Hub'mit einem Herzen, das sich vor der nächsten Stunde fürchtet, treten wir Hinalls auf die Straße, die uns in eine kleine, schmutzige Landstadt zu versetze,: scheint. Die Sommersonne brennt auf das, heiße, trockene Pstaster, die Lust flimmert, der unendlich hohe Himmel ist von einer nie gesehenen, lichten Bläue. Schon der nächste Schritt führt in versunkene Schönheit Und vergangene Zeit hinein. Wir lvandern die Straße zum Dom hinab, da grüßen von rechts die marmornen!Arkaden der Santa Maria Novella, der gotischen Dominikanerkirche, in der Ghirlandajo seine köstlicheil Fresken uralte. Es ist still in dieser frühen Morgenstunde. Kauin sieht man mehr als die>Männer vom Lande, die die Blmnen ihrer Gärten züm Verkauf in die Stadt bringen. Sie tragen sie in großen Körben. Die Rose,: überfluten alles. Sie allein scheinen wie Unkraut zu wucherrl. Nur der scharfe Nelkendust wagt sich rwch hervor. Der Mai war die Zeit der gelben Rosen, der zarten, rosig angehauchten, der schweren Marechal-Niel. Dann verdrängt sie die rote Rose. Sie blüht in Florenz röter, dunkler, vielblättriger, größer, duftender, als je ein Auge int Norden sie sah. Drei von ihiren in der Hand gehalten, sn<> ein Riesenstrauß. Und sie habe,: ein langes schönes Leben. Eine einzige erfüllt den größter: Raum mit ihren: Duft. Und für wenige Sold: erhält „van Wehr von ihnen, als zwei Arino zu tragen vermögen. > Die Straße,: alle düsten. Und dort erhebt sich d>er Dom, der Niesenban aus buntem Marnwr mit feinem Glolkeirturm, der schwindelnd hoch in die blaue Luft steigt, ® frei sivon den weißen Tauben, die in seinen Nischen nisten. / HWtOhe.r steht das Baptisterium, die kleine achteckige Taus- Mädchen war, das-den Tcw' d^Burschen^— ävvhl mit dessen Einverständnis — veranlatzte. Die Schuld am Tode der beiden Menschen wird von der Bevölkerung Fischamends der Mutter des Mädchens beigemessen. Man zeiht sie der Unvernunft und Unduldsamkeit, weil sic ihr Kind aus dem Hause jagte und so in den Tod trieb. Das Verhalten der Mutter erscheint den Leuten Fischamends auch deshalb vcrurteilenswert, weil — wie behauptet wird — die Mutter selbst das allerschlechteste Beispiel ihrem Kinde gegeben hat. Der Vater Gustts war im Kriege gefallen und die Mutter, eine Frau im ungefähren Alter von 60 Jahren, soll daraufhin in engere Beziehungen zu einem noch jungen Manne getreten sein. In einem kleinen verfallenen Haus in Fifchamend wohnt Frau Mudrack mit ihrer verheirateten Tochter. Sie ist eine harte Frau. „Jrt meinem Hause", sagte sie, „wurde es nie geduldet, daß ein Mädel ein uneheliches Kind ins Haus bringt. Die Gusti hat aber immer herumgeschlampt." Vor dem Tore der Wohnung Frau Mayerhofers, der Mutter des Burschen, hängt ein Partezettel. Auf diesem kündigt Frau Mayerhofer das Ableben ihres Sohnes und auch des Mädchens an. Frau Mayerhofer selbst erhebt ebenfalls die schwersten Vorwürfe gegen Frau Mudrack. Sie war eine schlechte Mutter. Als man ihr die Nachricht vom Tode ihres Kindes brachte und sie auffordertc, rasch znm Damm hrnauszukommen, antwortete sie: „LaA's mich in Ruh, ich hüb' keine Zeit." Und sie ging in die Arbeit, während ihr Kind draußen tot lag. Wenn ich gewußt hätte, daß es so weit kommt, meiner Seel, ich hätte selbst lieber am Gang geschlafen und das Mädchen bei mir ausgenommen. Unwetter in Steiermark. Ueberfchwemmungen tm Hochschwabgebiet und in Graz. Graz/ 28. Juli. Um halb 6 Uhr nachmittags ging über das Gebiet des Hochschwabs und der Veiffchalpe ein schweres Gewitter mit Wolkenbrüchen nieder. Die Wassermassen überschwentmten nach den bisher vorliegenden Berichten die Orte Wegscheid, See -- wiefen, Palbersdorf, Asch Sach, Thörl und Turn au. Besonders drohend ivar das Hochtvasser in We g s ch e i d. In Thörl trat der Thörlbach aus den Ufern. Das Wasser drang unter anderem in das Gasthaus, in das Elektrizitätswerk und in eine Mühle ein. Die Feuerwehr und die Bevölkerung arbeiten überall an den gefährdeten Stellen und sichern die Brücken. Menschenopfer sind nicht zu beklagen. Das Unwetter zog nach Süden ab und erreichte um 6 Uhr abends Graz. Das heftige, mehrere Stunden andauernde Gewitter über Graz und Umgebung war zeitweise mit w o I k e n b r u ch a r t i g e m Regen verbunden. Das Wasser drang in zahlreiche Keller ein. Die Feuertvehr der Stadt leistete Hilfe. In der Eggenberger Unterfahrt stand das Wasser eineinhalb Meter hoch, so daß der Verkehr nach den westlich von der Stadt gelegenen Vororten eine Zeit lang unterbrochen war. *-■1* •mmmmmrn ■ ■m ■iminiinii kirche, die älteste Kirche der Stadt. Antike Säulen tragen die Jnncnkuppel. Tort steht das Becken, über dem Dante getauft wurde. Und dann jener kurze Weg von Minuten vom Dom züm Platz der Signoria, der durch eine Welt der Kunst führt, au den: schönstens anmutigsten Profanbau der Gotik vorbei, am Bigallo, in dessen Loggia die Fiirdelkindcr ausgestellt wurden, vorbei aut Orsan,lächele, den: alten Heiligtum der wundertätigen Maria, in dessen Nische,: die Renaissance-Geschichte der Plastik verkörpert steht, hm zun: Rathausplatz, auf dem eine eherne Platte die Stelle Mist, anf der Savonarvla von: Feuer verzehrt wurde. Zwischen dem Palazzo Bechio und der alten Loggia dei Lanzi öffnen sich die Bogenhallen der Uffizien, des Museums von Florenz. LÜr ihren: Ende geht der Blick dnrch ein Triumphtor hindurch über de,: grünen, rauschenden Wno hinweg auf die jenseitige St<wt. Z,vei Zypressen ragen dunkel aus dem Tachgeloirr empor. Und das Grün dtzr Bobottgärten krönt diese Hügelstadt. Zur Linken schimmert San Miniato zwischen Zypresse,: und ragt der David des Michelangelo in die heiße, heiße Luft. Wenige Fremde suchen diese Stadt in dieser Jahreszeit auf. Nur die ansässigen Ausländer bringen den internattonalen Ton in das müßige, gesangreiche Leben der Fkrreittiner. Sie haben ihre Teestuben, die nur des Nachrmttags geöffnet sind, m:d dort ihre Stelldicheins. Dann ist die Straße voll von lAutomobilen, seidene Mäntel rascheln, der Tee fließt in Strönnn. Die schlanken, blaßen, vorneh- „ren Flvrentinerinnen sitzen dabei, sie lieben die fremden. Sitten. Und dvch ist Florenz nur in diesen Tagen ivahrhaft italiemsch, in diesen Tagen, wo es einer: dufteriden, lebendigen Rosenmantel un: seine ewig junger: Schultern geschlungen hat. In den Abendstu,che,: füllen sich die Cascinen, der Tiergarten von Florenz. Ter Korso nimmt seinen Weg durch die Lorbeernlleen. Zwischen den Hügeln wird es lebendia. Fiesole träumt auf seiner blumenvvllen Höhe und @mm~y ■ ■-*! K» dritter ßrdstoß in Palästina. »ui«« ernten. London, 26. Juli (verspätet cillgetangts. WiS „Times" aus Jerusalem melden, wurde Sonntag UM 11 Uhr 30 Minuten vormittags ein dritter Erdstoß in Palästina verspürt. Das Beben wurde in Jerusalem, Tel Awiw, Jaffa und anderen Orten beobachtet. In den drei genannten Städten war es schwach, bedeutend stärker jedoch in Hebron, wo cs unter der Bevölkerung ettre Patttt hevvorricf. Das Beben hat diesmal nur geringen Schaden ange« richtet. In Hebron sind sechs Häuser ein gestürzt, in Jaf^st fielen zwei kleine alte Häuschen ein, in Jerusalem be« kamen mehrere Häuser in der Altstadt Sprünge, so daß dit Einwohner delogiert werden mutzteru Insgesamt wurden zwei Personen verletzt. 10.000 Pfund Schaden der hebrSischea UniverftM. Berlin, 27. Juli. (I. T. A.) Der Schaden» der dem Uurversitätsgebäude durch das Erdbeben zugefügt wurde, ist — nach den letzten aus Jerusalem kommenden Meldungen — größer als ursprünglich angenommen wurde. Nach Schätzung der Sachverständigen betragen die Kosten der Wiederherstellung der Gebäude und Laboratorien etwa 7000 bis 3000 Pfund Sterling, die Instandsetzung des Wasserkraftwerkes und der Ersatz der beschädigten Instrumente wettere 1800 bis 2000 Pfund Sterling. Der Gesamtschaden der Universität beziffert sich demnach auf etiva 10.000 Pfund Sterling. Bor einer krhöhnng der Kohleavreise in Wie«. Mit dem Ende des Sommers treten gewöhnlich kleine Erhöhungen des Kohlenpreises ein. So beträgt gegenwärtig der Sömmerpreis der Kohle 7.58 Schilling per 100 Kilogramm «5 Nordbcrhnrutsche, ,Nährend der letzte Winterpreis 7.73 Schilling betrug. Diesmal ist jedoch wahrscheinlich vom 1. September M mit einer stärkeren Erhöhung der Preise für die in Wien zumeist verwendete oberschlesische Kohle zu rechnen. Der Wiener Kohle ngroßhandvl begründet dies mit dem von den polnischen Kohlenarbeiiern! gestellten Lohnmehrforderungen. Uebrigens wird schon vom 1. August an eine Erhöhung der Ile Herfracht für Kohle am Nordbahnhdf auf die Dorortebahichöse eintreten, wodurch sich der Preis uni 80 LiZ 100 Groschen prp 100 Kilogramm erhöhen Wftd-, > j jv.!. Das Reinlgnngsgelv bleibt mwerSudert. Beim Wiener Magistrat sind mehrere Eingaben der Berussveretmgungen der Hausbesorger und Portisepe emge&nigt, in denen eine Erhöhung der derzeitigen Reinitguugsgebühren und des Sperrgeldes gefordert wird. Dtzr Magistrat hat hierüber eingehende Erhebungen durchgeführt und Berechnungen angestellt, die ergeben habendaß eine Erhöhung der Ansätze mit Rücksicht auf die seit der letzten Festsetzung fast unverändert gebliebenen ArbeitsWhne und Materialkosten nicht für gerechtfertigt erklärt rverdeu kann. Es bleiben "deshalb auch nE den: 1'. August die vom Bürgermeister als Landeshauptmann mit der Verordnung von: 29. Jänner 1927 bestimütten Reinigungstzebühreu und Sperrgelder der Hausbesorger unverändert in Geltung. steht noch im Licht, wenn die riesenhafte Domkuppel Mm in Dämmerung versunken ist. Hinter den WbanerberKn! geht die Sonne m:ter.!Anr Abend ist Musik int Cafe am Matz Vittorro Emmanuele. Zehn Schritt weiter klingt andere Musik aus demj Rietirante, Dazwischen promeniert das Volk, das sein SeÖew hingibt für Musik. Erst jetzt wird es kühl, und bis tief in die Nacht währt das Treiben, das Singen Unhi Lärmen. ISlIEier der Träumer sucht dis Einfamkett der stillen Gassen. Er wandert an den sschweigelchen alten Palästen vorbei, die von der Größe toter Jahrhunderte schauern. Mus allen Türen klingen Mandolinen U»:d Liebeslieder. VvN den Hügeln weht der Dust der Rosen und des Lorbeers in die .Stadt. IAm stillsten ist es an den Uferstraßen des Arno. Der schnelle Fluß glänzt in: Schein des Mondes. Die ^Sterne fliunnern durch die helle Luft. Vom ^Wasser herauf weht ein kühler Hauch Da ttingt es aus der »Tiefe der Straße. Es sind die Hausen der Straßensäi^er, die vor den große»: Hotels singen. In den Fenstern lehnen die Fremden, lausche,: dem Quav-. tett, in dem in Micher 'Weise ein Maam die SopsMustmtzNe singt. Die Gesänge mischen sich „Funikuli!" ruft ein junges deutsches Mädchen hinab.. „Santa Lucia!" befiehlt ein Herr. Und die Sänger smgeN nnt Leideirschaft, Geldgier und mrerrnüdlichem Eifer. Mm Ende der Straßen beginnt das Gehölz der Eascinen. Dort sangen im Mai die diachttgallen. Jetzt ist es Wl^ Mir die Bäume rauschen und das Wasser zieht. Du fühlst dein sehnsüchtiges Herz verstummen. Es liebt die Nacht, „des Tages schöneren Teil",- es attnet in Mo-, renz, es hört den >Ar,w rauschen uiifo aus der Stoßt Ibis GesäiM herübertöner:... Ja, es gwt eine Seligkeit auf Erden: Florenz -$rc Rosen! Uno morgen blüht ein neuer Tag auf hinter dÄr Kugeln von Settiguarw, und das Münder FiotPWs yLMht zur neue» UnerschöpflichLeit.

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