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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-24 · Heft 3017 (24.7.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3017 (24.7.1927)
Date
1927-07-24
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Sette 10 Wien. Sonntag Wiener Morgrnzettrms 24. Juli 1927 Nr. 3017 Gabriel Sduramedf, Napoleon Soldat von Edi von Relsdiadi Durch einen Zufall hat sich die Niederschrift der „Erlebnisse des Gabriel Schrameck", eines jüdischen Proletariers aus dem Oberetsaß zur Zeit Napoleons I. erhalten, die unS trotz der Begrenztheit des Milieus einen BKck über die Lebensform von llngezählten gibt, die wider ihren Willen und ohne ihr Dazutun von der schrecklichen Militärmaschine Bonapartes erfaßt und zermalmt wurden. Die Parallelen, die sich da mit Zuständen des Weltkrieges ergeben, sind überraschend und verwirrend. Man sieht hinter die Kulissen der napoleonischen Legende. Sieht, „wie's gemacht wird". Gabriel Schrameck ist der Sohn eines jener armen, elenden Juden gewesen, die stets alles anfaßten, was sich gerade bot, die mit allem handelten und von ihrem unbeschreiblichen Elerrd irgendwie lebten. Daß Gabriel Schirameck im Jahre 3 der Republik (1795) geboren rvurdeklingt geradezu wie Hohn auf solches Leben. Hier ein Blick auf derartige Jugend (der kostbare Stil des sonderbaren Manuskripts ist getreulich bewahrt): „Der Winter ist angerückt, keine Arbeit mehr zu bekommen, kein Vorrat in Geld und keine Lebensnahrung in Vorrat! Kalt war es! Mein Vater sagt zu mir:,Komm, wir wollen fort, wir wollen sehen, ob wir was zu schaffen bekommen!'" „Wir Zehen in Oberland, wir kommen vor Habsheim hinaus, da kommt ein starker Schneewind und viel Schnee war schon gelegen. Der Wind jagt uns der Schnee irnS Gesicht, daß wir fast blind sind geworden und haben kein Ort gesehen, bis mir darinnen, waren. Me Mi-! Nuten sind nur in ein Graben gefallen, von den Kleider -ist alles steif gewesen, gefroren, nebstdem sein mir naß tztwesen vor Schweiß. Mir sind alsgemach in Hagenthal! augekommen, da haben mir gehabt eine Freundin, die hat! jeine gute warme Stub gehabt, und haben uns wieder! Herausgepflegt und trocken gemacht. Wir haben gemeint, wir sind im Gan-Eden." ,^Fch und mein Vater gehen wieder fort, aber ungern. Im Leib haben wir wohl gehabt, aber nichts aus dem Leib, denn die Kleider sein mehr sommerig gewesen als winterig. Mir steigen in dem Wetter Gottesnamen fort, in dem Schnee noch drei Stund bis Dürmenach. Mir waren im nämliche Zustand als wie vorher, wie mir nach Dürmenach gekommen sind. Mir haben da kein Freund gehabt, wie wir uns haben pflegen können. Steif sind mir gewesen für Kälte. Sind mir gekommen zu Meier Meier, der war ein reicher Mann. Mein Vater fragt um Arbeit, der Meier Meier sagt, er hat eine Matratz zu machen. Der Platz war in einem finsteren Stall. Kann man sich vorstellen, wenn man mit die gefrorene ■ Kleider und mit dem leeren Magen an kalten Winter in dem Stall sitzt, wie die Arbeit einem Koach (Kraft) giebt. Die Matratz wird fertig bis Nacht an zehn llhr. Ich Hab gemeint, ich bin reich, wie ich wieder bin in die warme Stub gekommen, und etwas in den Leib und in das Bett. Mein Vater Hab ich um den Leib gefaßt mit einer großen Freud. Morgens früh find mir aufgestanden in einem betrübten Gemüt, beweil mir die Kälte und der tiefe Schnee vor uns sehen, der Lohn von der Matratze war schier nicht hinreichend für Unkosten heimzukommen... > Und in dieses Leben, diese Jugend, arm, traurig, elend, grauenhaft, unglücklich, fuhr auf einmal der Arm des Kaisers Napoleon, packte den lleinen HansiererjungeN Und puffte ihn in die Weltgeschichte hinein. In die Weltgeschichte, die sie dann mit tönenden Worten geschmückt Haben, mit dem napoleonischen Opfergefang: „Syrien ist unser Ziel...", mit riesigen Bildern, mit dem erlogenen »Ausspruch Cambronnes: „Die Garde stirbt, ab« sie ergibt sich nicht!", und mit dem Saal.der Schlachten in Versailles, tw Philippoteaux und Horace Vernet die Schlachten/ in die der tteine Gabriel Schrameck heulend hinemtief, gemalt haben, mit geputzten Stiefeln, gestriegelten Pferden, zugeknöpften Paradeuniformen und sauber gewaschenen Gesichtern, jene Schlachten, die genau, so eine Hölle von Dreck und Blut waren, wie die vom Jsonzo vder der Somme, nur mit dem Unterschied, daß von hundert Verwundeten achtzig sterben mußten, selbst wenn sie nur einen Streifschuß hatten, denn es gab noch keine Asepsis. So hören Sie denn, was der arme Teufel werter erzählt: „.... bis ich 18 Jahre alt war, dann Hab ich spielen müssen, das war 1813, dann hat alles fort gemü^, denn es war ein Jahr nach der Affäre von Moskau in Rußland. Dann bin ich gekommen nach Strasbourg unter das 57. Regiment und habe gemacht, als ich gekommen bin zu den Schneider..., ich. Hab geschasst ungefähr sieben Wochen auf der Schneiderbutik. Unter der Zeit bei den Schneider Hab ich Geld dazu erspart und habe doch alle Depenses mitgemacht, was man selbiges mal hat müssen machen. Aber daß ich am Schabbes Hab müssen arbeiten, das hat mir nicht in den Kopf gewollt. In der Woche habe ich nur alles gefallen lassen, sondern «h bin noch früher anfgeftanden als andere Schneider und Hab mich befleißt, als ich mehr geschafft Hab als andere, daß ich den Schabbes sollt halten können. Es byx ober alles umsonst. Ich habe bekannte Leut ange- KM,für>urttdeM Kapitän ^zu. reden um den Schneider, , es ist alles umsonst. Es hat felbigesmal zu arg pressiert, weil alles fort gemußt hat." „Hernach Hab ich zwingen wollen und bin als am Schabbes in die Schuhl und Hab nichts geschafft; dann hat man ein paarmal Appell gemacht, und ich war als nicht bei der Appell am Schabbes. Dann hat man mich fortgeschickt zum Regiment, das ist gelegen in der Finkmaut .... Es gewährt nicht lang, wir kommen fort am Freitag abend... Auf der Wanzenau werden wir eingeschifft. Mir kommen nach Mainz. Mir halten Inspektion vor dem General Kellermann. Mir kommen gleich fon über den Rhein. Kommen bis nach Dessau in einer großen Hitz. Bei Dessau bleiben mir in einem Quartier, zwölf Mann miteinander, sehr gute Aufwartung, ich habe es mir nicht besser gewünscht. Nach dem Monat Juli heißt es nach Dresden, da sein die ganze Armee zusammengekommen, da haben mir schon müssen auf dem Feld schlafen, keine Nahrung war mehr zu bekommen, als mir auf dem Feld finden, am End war die Nahrung auf dem Feld sehr rar, daß man nichts mehr gefunden.hat als dann und wann eine Krautwurzel, daß mir ganz ermattet wurden und haben starke Boyage müssen machen, daß mir uns selber das Leben verwunschen haben, wenn es nicht bald besser kommt." „Es gewährt bis Endes Ab (August), hören wir bombardieren an einem Abend, werden mir kommandiert, in Galopp davonzulaufen. Mir laufen ungefähr zwei Stund, es wird, Nacht. Kommen mir in ein tiefer Wall», sumpfig war es, regnen tut es, nichts zur Speis. Jetzt heißt es Holz abhauen und ein Feuer zu machen und zu sehen, ob man etwas Essen find. Aber das Recht haben mir nicht gehabt, weit zu gehen, weil der Feind, nah an uns war. Wo will man aber hingehen, stockfinster und sumpfig und müde und fremd? Da bin ich ganz froh gewesen, als ich bei mein Regiment bin an- ■ ■ ■ Soeben erschien 8 \ DER SOHN DES! s MOSES MAUTNER s ■ **3?*»*«»»*. ■ ■ Roman von Leopold Hi c h 1 e r ■ J M i t s e l t e n e r E i n fü h I u n g in d'ie-Z«,i■ ■ ist hier die Lebens ge schichteten ■ eines Wiener Juden erzählt 5 ■ n ■ Hohes Können und reife Menschlichkeit § £j vereinen sich zu einem ■ ■ von köstlichem jüdischen Humor ■ ■ erfüllten Buch ■ n ■ S Ein gemütvolles, volkstümliches Werk, S J mit Liebe und viel Lebensweisheit ■ ■ geschrieben ■ A Preis: brosch. S SSO, in Leinen geh. S 7*50 £| | Buchhandlung und Verlag R. LÖWIT 5 £ L Rotenturmstr. 22 WIEN L Fleischmarkt 1 A ■ ■ gekommen. Da Hat man zu schaffen eine Stund, als seine Eskuade find in einer solchen Affäre.... Wie ich mein Regiment erreicht Hab, Hab ich gemeint, ich Hab die ganze Welt gewonnen. Ich war vergnügt ohne gegessen und lege mich an das Feuer... Morgen früh heißt es geschwind Sturm laufen. Im Laufen sein unsere Schuh und Gamaschen in dem Sumpf stecken geblieben, mir haben dreingesehen, daß Gott erbarm. Da sein mir geloffen ungefähr eine Stund. Jetzt hat der General halt gemacht und die Voltigeur haben ein wenig geplänkelt. Hernach hat es geheißen, mir haben 40.000 Mann gefangen. Die Musik hat angefangen zu spielen in ein Lustbarkeit. Jotzuni heißt es, mir sollen sehen, als mir etwas zu kochen bekommen." „Das Geschütz geht wieder stärker, und mir sind noch zwei Tag .und zivei Nacht in allem Geschütz und in allem Regenwetter. Da sein mir gekommen auf ein Brück, da sein gelegen hausenweis verschossene Menschen und von allem Werkzeug als man braucht im Krieg. Und zwei Dörfer und ein Stäotlein find in einer Flamm gestanden, wie die Russen selber angezmwen haben." I „Zivischen die Gebirge haben mir halt gemacht am Abend, ein Tag vor Erev-Rosch-Chaudesch-Etul (Vorabend des Elul-Neunwndes)... Der andere Tag, an Erev- Rosch-Chaudesch-Elul, zu Mittag, werden mir kommandiert auf den Berg hinauf Sturm zu laufen. Mir laufen „eroisez baionettes" den Berg hinauf mit einem schwachen Gemüt, weil die Lebensnahrung mangelhaft war. Einer von unserem Glied, der hielt ein Säcklein voll geröllte Gerft in der Hand, in strammem Lausen, dann teilt er mit uns und gibt in der Geschwindigkeit einem jeden eine Handvoll. Mir haben es geschluckt als wie die Storchen. Mir haben die Gerste aber nicht recht geschluckt gehabt, da ist daÄ 86. Regiment gegen uns retiriert, da st« Ur MW * ‘PQ >->-»* waren. »Aber unsere Chefs waren sehr couragiert und laufen selber Ln die Russen hinein und kommandieren uns von vornen, als mir hinein mit Sturm gelaufen sind, und mein Kapitaine springt in die Truppen hinein und reißt der russische Kapitaine aus feinen Truppen und hebt ihm den Degen auf die Brust. Die andere Soldaten von den Russen, wie sie das sehen, dann fallen sie in der Geschwindigkeit über mein Kapitaine und geben ihm als Hieben auf den Kopf. Unsere andere Chefs, die kommandieren uns, in der Geschwindigkeit zu avanzierent Haben mir nicht einrnal Zeit gehabt, unserem guten Capitame zu helfen. Mir haben unst auf dem Berg ungefähr eine halbe Stunde durchgeschlagen. Ein russischer Offizier fällt auf einmal, ungefähr 30 Schuh vor mir. Ich seh, daß er nicht tot ivar, ich denke, soll ich ge den schießen — aber nein, weil er sich nicht wehrt, dann braucht man chm auch uichts zu tuen. Das Geschrei, das. Geschieße das Lärmen von den Trommeln, das macht einen ganz außer sich. Man ist ganz rasig, vertvild und die Hitz war selbiges Mal sehr stark. Es dauert nicht lang, seh ich mich um, habe sch niemand mehr von unsere Leut bei mir, ich sch zurück, seh ich von unsere Leut alle lausen zurück. Ich sehe rvieder voran, sche ich zu mir kommen zu sprengen rote Husaren; ich glaub es wären von unsere. Ich weiß in der Geschwindigkeit nichts zu machen, alles war durchenmnder, ich war ganz in dev Mitten^ die Husaren sprengen in uns hinein, und einer zieht den Sabel gegen mir, und haut mir den Sabel auf mein Achsel. Ich Hab geglaubt, er hat mir meine Achsel abgeschlagen. Ich werf mich auf den Boden unter die Toten, beweil ich gar kein ander Mittel gefunden Hab. Weil ich ans dem Boden lieg, dann geht es jämmerlich zu, wie man sich einbilden kann. Die ganzen drei Armeen über mich: Rujssen, Obstreicher und die Preußen. Ich Hab alle Augenblicke gemeint, ich bin des Todes. Nur die vielen Pferd, wo über mich gesprengt sein. Ich Hab Gott angerufen in große, furchtbare Aengsten, wie man sich einbilden kann. Das dauert ungefähr anderthalb Stund. Ich höre, der große Lärmen vorbei war. Mach ich mein Kopf ein wenig in die Höhe, da seh ich di« Russen, wie sie die toten Franzosen ausziehen und nehmen ihnen alles hinweg. Ich bin in meinen Gedanken, sie werden auch zu mir kommen. Es gewährt nicht lang, kommt ein Ruh und stoßt den Kolben feiner Flint an mich und sagt „Bvscho" zweimal. Ich rühr mich, nicht. Er packt sein Messer und schneidt mir die Marmitt von mein Buckel. Ich aber nicht faul, pack mein Flint und spring auf; und wie der Ruß gesehen hat, daß ich aufsprrng, dann ist er versch rocken so gut wie ich. Mir stehen beieinander, lugen einander an, er als wie ich in Furcht. Zugleich kommt ein russischer Offizier und bringt ein Voltigeur von unserem Regiment am Kragen gefangen und sagt auf ihre Sprach, er soll uns zwei führen zu die ander Gefangenen. Der folgt schön und mir gehen in Gottesnamen mit dem Ruß, wie Schäftein. „ , Also erlebte er die berühmte Schlacht bei Kulm, und also war seines Heldenlebens Beschluß, denn nun setzt daS Lied von der österreichischen Gefangenschaft ein, das so merkwürdig ähnlich ist den Erzählungen aus der sibirischen Gefangenschaft im Weltkrieg. So ähnlich, daß die Kontinuität armen Elendslebens in allen Zetten einem geradezu schreckhaft klar wird. Weg durch Böhmen und Mähren. Mit tausend armseligen Listen versucht er sich zu verstecken, bei Glaubensgenossen unterzukommen. Vergeblich. Mles m Fetzen, keine Schuhe mehr an den Füßen. Einen aufgelesenen. Preußentschako auf dem Kopf, aber, als Regen kommt, löst sich das kühne Gebäude auf. Es ist aus Stroh und nur mit Wachstuch überzogen. Und immer heißt es, auf dem Felde schlafen in Regen und Morast, un6 ist die Septembernacht auch noch so kühl. Verstohlen stecken ihm Juden bisweilen etwas zu/ sehr heimlich, waren sie doch gute Untertanen des Kaisers Franz, und erst Ln Jglau nimmt ihn ein reicher Branntweinbrenner in Dienst, ihn, den armen, hungernden Glaubensgenossen. Nun ja, er ist doch auch solch billige Arbeitskraft und so anspruchslos. Fleißig heizt er die Kessel, putzt die Bottiche, und „in 24 Stund Hab ich drei Stund geschlafen, in der Nacht anderthalb Stund und bei Tag anderthalb Stund, aber Ln kein Bett, sondern auf dem Kessel, oder ich Hab ein Brett auf die Butten gelegt und ein viereckig Stück Holz für ein Kopfkissen, das war zwei Jahr und ein halbes mein Logis." Zweieinhalb Jahre schuftete Gabriel Schrameck für Reb Sender-Hilzner, den Großen, Gewaltigen, Milden in Jglau. Und als er sich dann auf den Weg in die Heimat machte, gab ihm der reiche Jude 600 Gulden Papier als ganzen Verdienst aus dieser Zeit. Aber in Straßburg waren das, fein wie das österreichische Geld schon damals rvar, nur 800 Francs. Leider weiß man nichts »oeiter über diesen atme« Soldaten des Glücks. Er erreichte die Heimat, aus der ffet der Titane gerissen, der Titane, der für ihn nichts <t*> deres war als Graus und Schreck, und Gabriel SchwnnGV Leben verlor sich wieder im grauen Elend des .Alltags in dem keine Schwerter blitzten, keine Schüfst aus £ noneu Ln dunklet Lacht ertönten.

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