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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-24 · Heft 3017 (24.7.1927) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3017 (24.7.1927)
Date
1927-07-24
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Leite 6 Wiener Morgenzeitung 24. Juli 1927 Nr. 3017 Wien. Verblödet die Wem In der Pariser Zeitschrift Margcs" eröffnet iugeitc Monifort eine Rundfrage an beöelttcndc Zeitgenossen, von denen er zweierlei erfahren will: erstens, ob die Welt verblödet und zweitens. ob und meid)-' Heilmittel eS dagegen gibt. Ten unmittelbaren Anlaß zu so bedenklicher Erörterung gab ein Unsterblicher, der sogar noch einige Jahre nach seinem Tode lebt: der gute Meister Anatole France. France war ein Plauderer ersten Ranges, verstreute nird verschwendete sich im Gespräch mehr noch als in seinen Werken, uird es wimmelte mn ihn von Eckenmännern, die nun diese Schatze ausbreiten. Einer der verdienstvollsten von ihnen ist Nicolas Segnr, und in seinem letzten Buch kann man Bemerckungen von Anatole France lesen, die seine volle Verachtung gegen unsere Gegenwart lind Zukunft ausdrücken. Seinem attischen Geiste schien mrsere Welt in Plumpheit und Stumpfheit, in Entgeistigung und Mechanisierung versinkend, und besonders im Film, dem nun das Radio sich gesellt, sah er ein Zeichen von Sinken und Verfall. Das Mittelalter, das Anatole France gehaßt hätte, wenn seine duldsame Ueberlcgenheit eines so ursprünglichen Gefühls lvie des Hasses fähig genasen wäre, sOen in schliinmerer Form neuerdings vorzudringen, Surrogate, -Oberflächlichkeit und Verflachung beherrschen Stunde und Tag. Solche Anklagen gegen die Gegenwart finden mir oft an Wegscheiden der Kultur ausgesprochen; neu mag nur die Form sein, sie in einer aktuellen Rundfrage zu behandeln: Verblöden wir? Paul Valerh, der kürzlich den Sitz von Anatole France in der Akademie eingenommen hat, dürste darüber kaum anders denken als sein Vorgänger; nur formuliert er seine Bedenken vorsichtiger als France. Valery meint, daß wir jetzt sehen können, wo wir früher begreifen mußten, er spricht von Maschinen, die uns das Denken ersparen, und die Folgerung liegt nahe, daß nicht mehr ausgenützte Fähigkeiten verkümmern müssen. Es geht im allgemeinen den Denkern urrd Dichtern, den Intellektuellen nicht eben gut in unserem Heute; kein Wunder, daß sie schlecht darauf zu sprechen sind. Ltlso!ann man vernehmen, daß die Maschine den Kopf verdrängt, der sie ersann, daß Mechanisierung, Sensation und Rekord zu Fetischen geworden siird, eine verflachte öffentliche Meinung mit schon selbstverständlich scheinendem Terror herrscht, auch die Menschenproduktion sich typisiert und rationalisiert. Die konzessionierter Geistinhaber finden uns gründlich vertrottelt, und es gibt keine Grobheit, die sich unsere Zeit nicht ins Gesicht sagen lassen müßte. Andere freilich verteidigen sic, sind der Ansicht, daß nur uns in einer Uebergangsepoche befinden, einen falschen Maßstab anlegen und nicht wissen können, weiche neuen Formen die Menschheit finden wird.- Schließlich sind wir in diesem Streit doch immer Richter in eigener Sache, also aus Vorurteilen heraus denkend, und solange der Fall strittig ist, scheint es trotz Anatole France doch besser, mindestens aber schmeichelhafter, die zunehmende Verblödung anzuzweifeln. Uebrigens ist es ja auch nicht ganz gewiß, daß wir durch solche Rundfragen und durch ihre unhöflichste und bitterste Beantwortung erheblich klüger werden. Ile Bibliothek der WeMleger. Erne einzigartige Sammlung im Schloß von Vtncenncs. Schon zu Beginn des Weltkrieges machte sich in allen kriegführenden Ländern die Mftcht bemerkbar, das ganze ungeheure gedruckte Material, das zu dem gewaltigen Geschehen irgendeine Beziehung hatte, aufzubewahren. An jedem Tag erschien ja eine ganze Literatur, währiend täglich von Militär- und Zivilbehörden Aufrufe, Bekanntmachungen und Zirkulare erlassen wurden. Viele von diesen auf schlechtenr Papier gedruckten Schriftstücke sind heute verschwunden. Frankreich verdankt eine umfangreiche Sammlung von Krregsdokumenten der Initiative von Privatleuten. Das reiche Ehepaar L c b l a n c fing ain ersten Tag des Krieges an, alles Wesentliche zu sammeln. Drei Jahre später, am 4. August 1917, bestand der Katalog ihrer Sammlung allem aus fünf Bänden, von denen jeder vierhundert Seiten zählte. Es rvar unmöglich, diese Sammlung in einen! Privathaus länger aufzubewahren, und so schenkten die Leblanc ihre Sammlung dem Staat: Anfangs 1918 bewilligte die Deputiertenkammer eine größere Summe für dieses Unternehmen. Die Bibliothek und das Museum wurden in einem Seitenflügel des Schlosses von Vinceunes bet Paris untergebracht. Heute kann sich kein einziger Historiker mit dem Weltkrieg beschäftigen, ohne eingehende Studien in dieser Bibliothek unternommen zu haben. An der Spitze der umfangreichen Organisation steht der berühmte Historiker der französischen Revolution, Prof. Camille B l o ck, dem mehrere bedeutende Fachmänner zur Seite stehen. Vor kurzem besuchte der russische Historiker Prof. T a r l e das Museum. .In einem aufschlußreichen Aufsatz teilt er seine Eindrücke mit. „Eine Zugbrücke," schreibt er, „führt in einen großen Hof, in dessen Mitte sich das Museum und.die Bibliothek befinden. Es ist die reichste und interessanteste Kr i e g s sa m m l u n g der Welt. Nur wenn man durch diese Säle wandert, begreift man, wieviel Haß und Verleumdung man in den Seelen rESCHKÄ die Marke des eleganten Herrn VII., Kaiserstraße 123 iX., Alserstraße 6 der Menschen züchten müßte, um sie vier Jahre in Begeisterung und Kampflust zu erhalten. Besonders reich ist die russische Sammlung. Die Franzosen haben mit großer Objektivität sämtliche russischen Revolutionskavikaturen auf Poincare und Clemenceau gesammelt. Man erzählt, Poincare habe mit großem Interesse seine Karikaturen besichtigt. Sehr umfangreich ist. dre Sammlung die auf die weißen Generäle aus der Zeit des russischen Bürgerkrieges Bezug hat. Die Bibliothek ist in sechs Nationalabteilungen eingeteilt. Die russische Abteilung allein zM mehr als 6000 Bände. Hier befinden sich äußerst seltene Druckexemplare, Proklamationen aus der ersten Zeit des Bolschewismus, Flugschriften aus dem Bürgerkrieg ufw. Eine giftige Spinne. In den Staaten Südkalifornien und Arizona hat das Auftreten einer kleinen Spinne, deren Biß absolut tödlich wirkt, groß« Bestürmung hervorgerufen. Der wissenschaftliche Name des Insektes ist „Latrodectus mactans". Unter der Bevölkerung ist die Spinne unter dem populären Namen ,/Schwarze Witwe" bekannt. Die Anzahl der von der Spinne zu Tode gebissenen Personen, die merkwürdigerweise alle männlichen Geschlechtes sind, beträgt bisher 20. Es handelt sich um eine kleine, schwarze Spinne. Der Tod der von ihr Gebissenen tritt in den meisten Fällen binnen 24 Stunden ein. Außer diesen 20 Todesopfern der letzten zwei Monate machen die Forscher die Spinne für eine andere Anzahl von Todesfällen verantwortlich, bei denen in den Spitälern als Todesursache Blutvergiftung angegeben worden war. Das Insekt muß aus den Seehäfen des fernen Ostens in Früchten oder Holz eingeführt wovden sein. Anläßlich des XVa ZlOmSt%HkOH9^fi$S4&Sp welcher am 31» August 1927 in Basel seinen Anfang nimmt, werden wir im Rahmen unsere!* Hauptausgabe eine erscheinen lassen. Die Kongreßausgabe der „Wiener Morgenzeitung“ wird eine ausffOhrliche, zusammenhängende protokollartlge Darstellung der Verhandlungen und Vorgänge am Zionistenkongreß enthalten. Verwaltung und Redaktion der „Wiener Morgenzeitung" treffen alle Vorbereitungen, um die Berichterstattung aufs verläßlichste und rascheste durchzuführen. Diese Vorkehrungen machen es möglich, daß der Leser ausführliche Berichte über den Kongreß in der jedem Kongreßtage folgenden, in der Früh erscheinenden Ausgabe vorfinden wird. Durch rascheste Expedition mit Flugzeugen wird Sorge getragen, daß die Bezieher die Kongreßausgabe der „Wiener Morgenzeitung“ vor allen in Betracht kommenden Organen erhalten werden. Die Kongreßausgabe wird zirka 20 Nummern umfassen. Als erste Nummer wird am Vortage des Kongreßbeginnes eine KONGRESS - FESTNUMMER erscheinen, welche Beiträge zionistischer Führer über die Verhandlungsgegenstände des Kongresses und aktuelle zionistische Probleme ent i\?,n wird Bezuflspreise der Kon^reßausgabe: Oesterreich: 8 5« Deutschland; GM. 4» SHS; Dinar 60« CSR: Kc 22, Polen; Zloty 6, Holland: fl. 2» Schweiz: Franken S, England und Palästina: sh 4, Italien: Lire 20, Amerika: Dollar 1, Frankreich und Belgien: Frcs 35, Rumänien: Lei 170» für das übrige Ausland: Schweiz. Franken 5. Bestellungen werden von den Verschleißstellen sowie von der Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung“, Wien, II., Taborstraße 1, unter gleichzeitiger Ueberweisung des entfallenden Betrages entgegengenommen. Der Geschäftswelt bietet die Kongreßausgabe eine besondere, nicht bald wiederkehrende Gelegenheit, erfolgreich zu Inserieren und neue, wertvolle Ausfandsyerbindungen zu erreichen. Bei Anfragen wollen Größe und Erscheinungstage des gewünschten Inserats angegeben werden, worauf äußerste Offerte erfolgt. Normaler Anzeigentarif Die Verwaltung der „Wiener Morgen zeitung“, Wien, II., Taborstraße Nr. 1-3 Telephone 44-0*38 und 43-3*19 ■ 1 a □ □ □ □ □ s □ □ 878570

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