Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3017 (24.7.1927)
- Date
- 1927-07-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Sonntag Metter Morgenzetlung 24. Juli 1SS7 Nr. 8017 Seite 4 Lnmmer- und Umbau-Verkauf zu Sensationspreisen ffn Arzt Heines. Von Hofrat Dk. Michael .Holzmann.*) In den ersten Augusttagen des Jahres 1823 führte in KiS-Ker, einer kleinen füdmlgarifchen, jetzt südslawischen Ortschaft der greife Landwirt Mcnachem Mendel Gruby seinen allzu »vißbegierigcn Sohn David an die HaMür, drückte einen 50-Kreuzer-Zettel mit den Worten in seine Hand: er möge anderswo studieren gehen. Ein paar Tage darauf hielt der „abgebaute" Sohn in Pest seinen Einzug, nachdem er unterwegs durch Feldarbeiten in den Dörfern seinen Unterhalt verdient hatte. In der Hauptstadt verdingte er sich zunächst für Obdach und Essen als quasi Mädchen für Alles in einer rititcUcu Ausbocherei in der Waitzenerstraße. An den Türen der Klassenzimmer des damals einzigen — aber Nichtkatheliken verschlossenen — Piaristengymnasium's horchte der arme Bursche den Vorträgen und wurde dabei eines Tages von einem der geistlichen Professoren entdeckt, der, von diesem brennenden Wissensdrange gerührt, ihn auf seine eigene Verantwortung zum Unterricht zuliest. Hier machte er staunenswerte Fortschritte und gelangte durch Stundengeben bis an das Ende seiner Gymnasialstudien. In Wien, wo er in größtem Elend und in ständiger Berührung mit dem Gerichtsvollzieher lebte, war sein hauptsächlichstes Studium die Anatomie und die damals . ganz neue Disziplin der Mikroskopie unter Joseph Barres und Carl von Rokitansky. Am 18. März 1839 zum Doktor promoviert, wurde er auf Antrag des Chirurgen Josef von Wattmann ausnahmsweise als Operationszögling zugelassen. Um diese jßcit hielt Gruby für' Prüfung'skandidaten und ausländische Aerzte anatomisch-physiologische Kurse. Eine ihm unter der Bedingung der Taufe angebotene austerordentliche Professur lehnte . er ab, ging nach einem kurzen Aufenthalte in London auf Antrag des Chirurgen Philibert Josef Roux nach Paris und eröffnete daselbst ein Laboratorium für physiologische und pathologische Anatomie, wo er als erster in Frankreich die photographische Wiedergabe mikroskopischer Bilder zur Anwerbung brachte. Claude Bernard und Magendie zählten zu seinen Schülern. Mes ist die Blütezeit der wissenschaftlichen Tätigkeit Grubhs. 1844 entdeckte er das Trychophiton tonsurans. Mit Riesenschritten fast das gesamte Gebiet der Dermatomykosen durchmessend, gelangte er überall bis an das Ziel, wenn sich freilich nicht alles, was er gefunden und gelehrt, sofort durchzusetzen vermochte. Gruby muß geradezu als der Schöpfer der Lehre , von den kontagiösen HautrranAH>e»iten bezrÄchni-t *) Der geschätzte Gelehrte stellt uns diesen Aussatz zur 'Verfügung. der einem biographischen Werk ^erschollene und Ver-' gessene" entnommen ist, an besten Fertigstellung Hosrat Holzmann jetzt arbeitet. Wir werden dank dem freundlichen EntoAenkommen des Verfassers in kurzen Äbständen noch weitere ÄKchnrtte aus diesem Werk veröffentlichen können. bei S. WILLI! in I. Tuchlauben 8 — L Bauernmarkt 2a Schotten-Waschseide für Kleider . ... . S 3,90 Ia Foulard, schöne Muster, 95 cm breit 8 7.80 8 590 Japan-Pon^ alle Farben ..8 2.90 Seiden-Wasch-Marokain, 95 cm breit . 8 4.90 8 3.90 Herrlich gemustert Cröpe de Chine S15.-, 812.- 8 9.— Affe Seidenstoffe in fatkeffkoften Qualitäten und (Farben xu enorm btffi&en (Freisen Waschwaren werden zur Gänze ausverkauft Benfitzen Sie den Yormittag zum Einkauf werden. Seine eigentliche Leidenschaft war übrigens .die vergleichende Anatomie, wovon nicht nur verschiedene wissenschaftliche Arbeiten, sondern auch eine ungeheure Zahl von anatomischen und zoologischen Präparaten Zeugnis gibt, davon das Musee Orfila heute noch 156 Stück beherbergt. Sein Plan einer akademischen Laufbahn an der Ticrarzneischule Alfort bei Paris hatte an seiner Ausländerei einen mnittfernbaren Hemmschuh. Durch einen glücklichen Zufall in die ärztliche Praxis gedrängt, trotz des Protestes neidischer Kollegen durch das Eingreifen des Chirurgen Denonvilliers sowie des Dekans der medizinischen Fakultät Berard (jeune) vor Verfolgung geschützt, erhielt Gruby 1864 die staatliche Berechtiguug zur Ausübung ärztlicher Praxis und erlangte bald die größte Popularität. Sein . Ansehen wuchs immer mehr, und Jahrzehnte lang zahlte , er hoch und niedrig, darunter die gefeierten Künstler und Schriftsteller, zu seiner Klientel, aus der Chopin, Lamartine,' Heine, Georges Sand, Liszt, ganz zuletzt Alphonse Daudet genannt sein mögen, von Diplomaten Emile Olivier, Mac Mahon, Karl Friedrich Graf Vitzthum von Eckstadt und der noch überlebende Karl Graf. Lanckoronskv Besonders die beiden Dn'.nas und Ambrois: Thomas hatten blindes Vertrauen zu ihm. Mit dem Augenarzt Doktor Julius Sichel zu Heine im. Anfang seiner Kranjheit pro consilio gerufen, hatte ex qus. dessen Ällgenasfektion trotz des Widerspruches'.asidere^' Aerzte. .auf T.!abe'sgeschloffen. Zehn Jahre später zu dem bereits gelähmten Dichter gerufen, meinte Heine auf Grubys Trostwort!, daß ec noch lange leben werde: „Dann sagen Sie es wenigstens nicht meiner Frau", .und im Verlaufe der neurologischen Untersuchung auf Befragen, ob er pfeifen könne: „Leider nicht kräftig genug, um die Theaterstücke von Scribe auszupfeifen." Grubys Hauptspezialität waren die damals noch recht vernachlässigten Krankheiten der VerbarnrngsorgaM. Hier gelang eS ihm, durch sorgsam variierte, dem EinzelfaNe angepahte Diät namhafte Erfolge: zu erzielen. BefmrderS bei Neurasthenikern und Ucberarbeiteten hatte seine meisterhaft gehandhabte Heilsuggestion Erfolg. So erhielt der ältere Dumas, als er wieder einmal unter rastlosem Produzieren zusammengebrochen war, folgende Vorschrift: „Morgen ftüh müssen Sie um sechs Uhr fortgehen. Sie kaufen sich drei Achsel beim Krämer t, den ersten essen Sie am Are de ttiomphe, den zweiten am Quai d'Orsay, den dritten an der Place de Madelaine, dann gehen Sie nach Hanse, aber alles zu Fuß. Das wiOerholen Sie vierzehn Tage lang, dann besuchen Sie mich wieder." Nach zwei Wochen war Dumas tatsächlich gesund. Dumas erzählte selbst, daß er ein andermal Gruby wegen Schlafe losigkeit ausgesucht hatte und daß ihm gesagt worden war, er solle mit dem Zuge 4.40 nachmittag vom Bahnhofe St. Lazare nach Versailles zurückfahren, auf dem Rückwege würde er sicherlich schlafen. Dumas erklärte dies für Unsinn und ging erzürnt fort. Als er aber am fol> genden Tage gerade um halb. 5 Uhr am Bahnhofe vorbeikam, versuchte er doch das Mittel, und zwar mit solchem Erfolgedaß. er . in Paris vom Schaffner aufgeweckt werden mußte. . Grubys Lieblingsbeschäftigung in Erholungsstunden waren Konstruktionen von zeit- und raummessenden Instrumenten und Experimente an exotischen Pflanzen. Auf dem Montmartre gründete er ein astronomisches und meteorologisches Observatorium, dessen Instrumente zum Teil von ihm selbst ersonnen und verfertigt waren.. Er liest durch den von ihm angestellten Direktor desselben ein tägliches und monatliches Bulletin herausgcben, welches an alle meteorolojg>rschen Anstalten gesendet wurde. . Much befaßte er sich in seinen freien Stunden mit der Uhr m a che re i. Professor Blanchard in Paris .besaß eine von Gruby selbst angefertigte Uhr, die drei Jahre pünktlich ging, ohne aufgezogen zu lverden. Ms der geborene „Menschenverächler",. beileibe nicht „M'ensch-nhasser", stand Gruby seit Jahrzehntei: mit seinen Fachgenossen auf dem Kriegsfuß und lehnte beispielsiveise jede Konsultation mit ihnen ab, trotz feiner sonstigen Liebenswürdigkeit.und, seines großen Wohltätigkeitssinnes, insbesondere seinen österreichischen und ungarischen Landsleuten gegenüber. Niemals verlangte...xr,.ein ärztliches Hyuorax,. schickte niemals eine Rechnung/'.nahm unbesehen alles-: lvaLü>man rhm anbot. Als Einsanrer, wie er gelebt, ist Gruby, 88 Jahre alt, am 14. November 1898 in Paris gestorben. Seit zwölf Jahren hatte niemand sein Schlafzimmer betreten dürfen. Es stand auch kein Bett darin, denn die Hügel von aufgesta- 8. Babel. Von Frieda Weißmann (Breslau) . Für uns westliche Juden ein erschütterndes Phä - lromen, dieser junge Odessaer Jrü>e, der zu den führenden sowjetistischen Schriftstellern gehört. Erschütternd durch die gewaltigen Gegensätzlichkeiten, die sein Wesen spiegelt. Tielementare Jüdischkeit würde uns bei einem Ostjuden, als besonders. eigenarttg nicht ergreifen, denn wir kennen ja einen Scholem Alejchem, einen Mendale MoicherSsorim. Liebe, vertraute Müder einer versunkenen Zeit. Sie sind längst weggefegt, schon vor Denikrn und Wrang el; schon vor den Rotarmisten, die, von toller Laune gepackt, hinter Kaftan und Pajes den „Genossen" womöglich auch nicht erkannt hätten. Mendales Menschen haben ausgeatmet. Gut, daß seine liebreiche Kunst ihre Gestalten darthin gerettet hat,, wo Pogrome und andere antisowjetistische Unternehmungen ihnen nicht mehr wehe tun können. Im Schutze von Mendales Feder beten sie und lachen, philosophieren und darben und plagen sich und ziehen Kinder groß, und die Zeit rollt über sie weg, ohne daß sie noch darum wissen. Auch wenn sie wüßten, sie könnten nicht begreifen. Ist denn das wirklich iroch einer von ihnen, der durchströmt und fortgerissen von der Gewalt der Zeitereignisse, freiwillig sich mitten hinein stürzt, der Reiterarmee Budjonnys sich anschließt und — tvie die russischen Brüder hinjagend im Sturm des Freiheitswillens — beinahe schrankenlos hingegeben ist an allmenschiliches Verlangen?. Lebt so ein Jude wie dieser Freischärler, der den Säbel in Schmutz und Blut taucht und — wenn er zu schreiben beginnt — Blut und Schmutz noch einmal ausdeckt, daß es einen cknweht, als redete Gorki oder Kuprin. Scheinbar zügellos. Aber.es ist bei ihm wie bei diesen beiden auch: neben finsteren Maßlosigkeiten atmet tiefe Schönheit, wo Roheit kocht, leuchtet gleichzeitig Helle Menschlichkeit. . Die unvergleichliche Naturverbundenheit der Russen, im Mystischen verankert wie im Greifbaren — man. muß nur mit einem von Gorkis Barfüßlern hei Nacht. amMeere sitzen, um das zu erfahren. wir finden sie wieder bei dän Juden Babel. Vielleicht nicht auf den ersten Blick gleich klar erkennbar, denn die Richtung verschiebt sich: nicht der Zug der Wolken, nicht das Murmeln der Wel- ( len, nicht Die Musik jaÜeu'-'Cr Trop,en hebt ihn aus seiner Einzigkeit ins. große Umfassende hinein. Mer wach ist sie auch in. ihm ■ immer wieder ruft und bannt sie den Schweifender: an ein Größeres; bannt ihn an die Gemeinschaft Israels, der er trotz aller äußeren Gelöstheit unverbrüchlich zugehört. Er kann da . mit ganz wenigen zaghaften Strichen oftmals einzelne Züge hinzeichnen, so blut- und wesensnahe, daß man nur rufen möchte: „Bruder, teurer Bruder — —" Spät nachts kommt er in Nowograd in jüdisches Quartter. Er liegt auf einem zerrissenen Federbett, das die Gehetzten für ihn hingebreitet haben, neben einem schlafenden Juden und spürt,, wie „furchtsame Armut über ' seinem Lager zusammenschlägt". Er schläft — träumt von ivitden Ritten. Mittendrin aber erwacht er, weil eine Frau mit den Fingern über sein Gesicht tastet. „Panje," sagt sie zu mir, „Sie schreien im Schlaf und werfen sich hin und her. Ich will Ihnen in der anderen Ecke ein Bett machen, denn Sie stoßen meinen Vater — —. Die Polen haben ihn gemartert, und er hat sie angefleht: ,Tötet mich auf dem Hose, damit meine Tochter nicht sieht, wie ich sterbe.' Aber sie haben es gemacht, wie es ihnen bequemer war, er endete in diesem Zimmer und dachte an mich-. Und jetzt ntödjite ich wissen," sagte die Frau plötzlich furchtbar laut, „ich will wissen, wo Sic auf Erden noch einen solchen Vater wie meinen Vater finden? --" Was ist Jüdischeres zu erfühlen, als diese äußerste Sorge des Vaters für sein Kind und daneben die in Ehrfurcht und Bewunderung glühende Liebe des Kindes zum Vater, die sein- Selbstvergessenheit als Wesentlichstes über aller Kummerlast leuchten sieht. Maßlos — wie es eben Lei elementaren Aeußerungen nicht anders sein kann — braust und kocht, quirlt und brodelt es in Babels Erzählungen, und alles Geschehen, alles Sein gibt er wieder, so tose es ihm sich offenbart: schrankenlos und daher oft abstoßend. Es sind in den „Geschichten , aus Odessa" Szenen von beispiellos unbekümmerter Frechheit — Judengeschichten in einem bisher nicht. gekannten Gemisch von geschmeidiger Roheitübermütiger - Diesseitigst und wahrhaft philosophischer Crkenntnisttefe; und! daneben wächst es — seltsam ergreifend — in scheinbarer Abgesondertheit und dennoch unausgesetztem Mitgehen von den alten Erkenntnissen zum heutigen Wirrsal hinüber, lvill — und sollte es auch in aller Gegenwartstrübe noch so schwer sein — nicht aufhören, an das Gute zu glauben. Denn rvie könnte das der echte Jude? - . In „Budjonnys Reiterarmee" ist eine, kleine Geschichte „Gedalje".. Gedalje, ein kleiner Ladenbesitzer in - Schitomir, ist so einer, der -erkennen will und glauben zugleich.; „Die Revolution? Nun gutsagen wir ihr Ja, der Revolution; lverden wir aber dann dem Sabbath Nein sagen?" So beginnt Gedalje und umschnürt mich, mit dem Blick seiner .rauchgrauen Augen. „Ja, rnfe ich ihr zu, aber sie versteckt sich vor mir und macht sich« nur durch Schießen bemerkbar — — „Die Sonne dringt nicht durch verschlossene Augen," antworte ich dem Alten, „aber wir lverden die verschlossenen Augen aufreißen — —." „Der Pole hat mir die Augen verschlossen," flüstert kaum hörbar der Alte, „der böse Hund nimmt den Juden und reißt ihnr den Bart aus, ach, der Hund! Und nun wird er geschlagen, der böse Hund! Das ist bewundernswert! Das ist die Revolution! Und spater kommt sie zu mir, die den Polen geschlagen hat, und sagt: ,Gib mir dein Grammophon dafür her, Gedalje!' ,Jch liebe die Musik, Panje,' antworte ich der Revolution. ,Du weißt nicht, was du liebst, Gedalje; ich werde auf dich schießen, und dann wirst du wissen, was. du liebst, mrd ich muß schießen, Gedalje, denn ich bin die Revolution — — „Sie muß schießen, Gedalje," unterbreche ich den Alten, ,penn sie ist die Revolution!" „Aber der Pole hat geschossen, mein zärtlicher Panje, iveil er Konterrevolution ist. Ihr schießt, weil ihr Revolution seid. Nun, die Revolution ist doch ein Vergnügen, und ein Vergnügen duldet keine Waisen im Hause! Ein guter Mensch tut gute Dinge, Die Revolution ist eine gute Sache der guten Menschen. Aber gute Menschen töten nicht. Also machem böse Menschen die Revolution. Aber auch die Polen sind böse Menschen; Wer also wird Gedalje sagen, wo Revolution ist und wo Konterrevolution? Einst habe ich den Talmud studiert, und ich liebe die Kommentare von Raschi und die Schriften des Matrnonides. Und in Schitomir leben noch andere wissende Leute. Und wir alle/ wir wissenden Leute alle, wir w^ - fen uns mit dem'Gesicht auf den Bodert und schreien au» vvller Kehle: Wehe uns, wo bleibt die süße Revolution?..."