Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3015 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. $015 Wien, Freitag Bühne und Kunst. Jas MuMeft in Baden-Baden. 1. Mechanische und Filmmusik. Die Donaueschinger Musikfeste, lvelchc tit diesem Jahre nach Baden-Baden übersiedelt sind, haben in ihrem neuen Heim ihr Programtn wesentlich erweitert: An die Kammer- und mechanische Musik wurde die Kammeroper und die Filmmusik angegliedert. Es war höchste Zeit, die Filmmusik auf die Tagesordnung eines Musikfestes zu setzen. Bisher lebte die Kinomusil von geschmacklosen Potpourris, die mehr oder weniger willkürlich neben der Leinwand herliefen, anstatt zum Kinostück alles das beizutragen, was die Filmleinwand infolge ihrer Untiefe und chrer stummen Sprache nicht ausdrücken kann. In Baden-Baden wurden nun gewissermaßen konkrete und auch abstrakte Versuche mit Filmmusik gemacht. Mehr dem Abstrakten gehört die Filmmusik von Hanns Eisler an, welcher aus einen: Film voll Walter Nuttmann, der sich lediglich auf Farben, Formell, Muster und Ornamente ohne , jede dramatische Handlung beschränkt, die irgendwie angemessenen Rhythmen, Tonkurven und Klangfarben herausholt. Wie mir scheint, mit richtiger Witterung für die Erfordernisse des Kinos! Paul Hindemith schreibt eine regelrechte Filnunusik zu dem amerikanischen Exzentrikfilm „Felix der Kater im Zirkus". Die verschiedenen Clownerien der Menschen und Tiere begleitet er förmlich treppauf, treppab in ununterbrochener Bewegung auf einer mechanischen Orgel, für die er schon im Vorjahre eine famose Tanzsuite geschrieben hat. ' . Auch sonst standen Komposition für mechanische Instrumente neuerlich zur Diskussion. Neue Klavierkompositionen von Hanns H a a ß und Nikolao L o p a t n i k o f f und eine ganz vorzügliche, koloristisch reiche Studie für mechanische Orgel voll Erilst. T o ch, zeigten beutttdj. das Objektive, Unpersönliche, Automatische der mechanischen Musik, wogegen ein mechanisches Ballett des Amerikaners Georg A n t h e i l, welches den Sieg der Zivilisation uilseres Maschinenzeitalters über die alte Kultur in. feinen mechanisch gehämmerten Rhythmen und in seinen wüst exzedierenden Dissonanzen Ausdrücken will, infolge seiner geschmacklosen Uebertreibullgen und seiner inhaltlichen Leere völlig abfiel. Sehr interessant war die Vorführung neuer Filme auf Grund des T r i - E r g o n - V e r f a h r e n s (ein Patent dreier deutscher Erfinder), durch welches der gleichzeitige (synchronistische) Ablauf von Tonbild und Film genau geregelt ist. Mit Hilfe dieser.neuen Technik konnte man Alfred , Kerr» Schreker und Arilold Schönberg — mit seinem nervösen übererregten Gesichtsausdruck —• gleichzeitig sprechen höre'n MÜ' äglereü'sehenpciüe ' Erfindung, deren Tragweite für Technik', Kunst und Wissenschaft noch gar nicht , zu über-' dickem ist. Er w i n F e lb e r, Der „Sänger-Arzt" gestorben. In Berlin starb dieser Tage Geh Sanitätsrat Dr. Alfred- Fried lande rder als „Sänger-Arzt" einen weiten Ruf genoß,. Er ivar eine Autorität auf allen Gebieten der Larhngologie. Halskranke aller Gesellschaftskreise und.insbesondere berühmte Sänger und Schauspieler, so auch Enrico Caruso, gehörten zu seinen Patienten. Tw abgelausene Saison im Theater in der Jofefstadt brachte im ganzen 21 Werke von 20 Autoren. ..Davon irnren drer Uraufführungen („Dorothea Anaermann" von Gerhart Hauptmann, „Oesterreich.ische Komödie" von Lernet-Hovema und „Stunde des Abstervens" von Theodor Csokor, das. eurma! als Veranstaltung des „Theaters der Neuen" ÄUfgeführt wurde). Unter den 21 Stücken befanden sich vier Neuinszenierungen. Die erste Stelle nahmen die deutschen'.Autoren (7) ein» sechs der aufgeführten Werke waren englischen und amerikanischen, vier französischen, zwei italrenischen' Ursprungs. Ferner kamen je ein tschechischer und ern russischer Autor zu Wobt. Pie höchsten Ausführuugsziffern erreichten Viktoria" von Maugham (60mal), „Fannys, erstes Stück" von Bernard Shaw (40:nal), desselben Autors „Frau Warrens Gewerbe" (24mal), Sascha Guitrys „Schwarz und Weiß" (27mal) und' Frantisek Langers „Peripherie" (32nml). D»e Rubens-Feste rn Antwerpen. Das Programm für dre Feierlichkeiten, die anläßlich des 350. G le b u r t stages des großen vlämischen Malers Rubens stattftnden, wurde nunmehr endgültig sestgelegt: Es umfaßt u. a. fünf Ausstellungen der Werke des Meisters und des geistigen Lebens zu seiner Zeit, ferner eine große akademische Veranstaltung, Konzerte, Festzüge usw. -Rotenturm-Kino - Fleischmarkt t Von honte bla 25, Juli: Glanz und Elend ln Hollwwood Beginn d, Vorstellungen an Wochentagen: 4,6, V,8 u. 9 Uhr Sonn- und Feiertage: V*4, */«&, Hit, ‘/,8 und 9 Uhr r— CENTRAL-Kl NO — | II., Taborstraße 8 Telephon 42*3-41 I Von heute bis 25. Juli: | Leute aus der New Yorker Sehiffgosse fs Sittenbild mit Pocy. i : .' f Musikalische Begleitung: Das neue Ufa-Konzertorchester j mit Jazzband (Dirigent: KapelJjneister Karl Krall) | Beginn um 6, V28 und 9 Uhr Wiener Morgenzettung K« Kunststück der Mm oDtc Die nenn Mumie stimmen nicht. Der Handelsgärtner Johann Z. feierte mit Marie R. die Silversternacht von 1924 auf 1926. Am 18. August 1925 brachte die R. eiy kleines Mädchen zur Welt. Die Berufsvormundschaft '.belangte den Handelsgärtner wegen der Alimente. Der Beklagte bestritt nun keineswegs das Zusammensein in. der Silvesternacht, wohl aber, daß ec der Vater der kleinen Marie sein könne, denn das Kind sei am 227. Tage der Schwängerschaft gebären, wäre also ein A ch t - M 0 n a t - K i n d gewesen., D a z u st i m m e a b e r nicht, daß das Mädchen vollkommen ausgereift war. Er könne daher auch nicht der Vater sein. Die Kindesmutter beteuerte, sie habe sich nur an dem genanilteu Tage und.nur mit dem Beklagten in intime Beziehungen eingelassen. Die erste Instanz, das Bezirks-, gericht Leopoldstadt, schenkte auch den Anssagen der Kindesmutter' Glauben und verurteilte den Gärtner zur Alimentation in der Höhe von 46 Schilling. Dieser rekurrierte und beantragte die Einholung von S a ch v erst än d i g e n gu ta ch i e n. Seinem Rekurs wurde Folge gegeben, die Streitsache an die erste Instanz zurückverwiesen und von dieser Primarus Dr. Rudolf K u n d r ä i als Sachverständiger gehört. Er erklärte es für a u s g e s ch l 0 s - s e n, daß der Beklagte der Kindesvater sein könne. Das kleine Mädchen habe bei der Geburt 2810 ' Gramm gewogen und sei 49 Zentimeter lang gewesen. Am Ende des achten Monates wiegen Neugeborene höchstens 2000 Gramm und weisen eine Körperlänge von 42 bis .44 Zentimeter auf. An--der- Hand dieses Gutachtens ging nun das Bezirksgericht Leopoldstadt mit Abweisung der Klage vor. Nunmehr berief die Berufsvormundschaft. Das Verfahren wurde vor dem Zivillandesgerichte wiederholt und durch ein Gutachten Prof. Dr. Haberdas ergänzt. Dieser deponierte: „Auf Grund der Blutprobe könne der Beklagte wohl der Vater sein, doch sei dies, gndererseits ausge s ch l 0 s f e.n, da das Kind voll'ausgetragen zur' Welt kam.. Eine Leibesfrucht könne nach 227 Tagen unmöglich jenes Gewicht und jene Körper- 22. Juli 1927 Sette 9 länge auf-weisen, die der kleinen Marie eiger: waren. Da? Berufuilgsgericht hat darufhin das Urteil der ersten Instanz bestätigt. Und Marie R. sucht dringend einen Papa. Ler Paraveluv. Das erste lebende Opfer des blutigen Freitags ist zur Strecke gebracht. Es dürfte nicht ausschließlich Zufall sein, daß es gerade ein Jude ist. Wir haben bereits berichtet, daß gegen den Handclsangestellten Jakob M. beim Bezirksgericht eine Verhandlung wegen Einmengung in eine Amtshandlung stattfand, die dann vertagt wlirde, weil der Hauptzeuge, ein Wachcorgan, nicht erschienen war. Der Beschuldigte muhte seit Freitag in Haft bleiben und wurde gestern abgeurteilt. In der Anzeige hieß cs, daß er während der Räumung des S ch 0 t t e n r i n g e s vor der Polizeidirektion eine Verhaftung mit den Rufen: ..Ausläßen, auslassen! Pfui!" gestört haben soll. M. gab an, er sei, ohne zu wollen, in den Wirbel hineingeraten, habe weder geschrien noch sonst etwas getan, um eine Amtshandlung zu vereiteln, und w i s s e nicht, warum er verhaftet worden sei. Zur gestrigen Verhandlung ivar der W a ch e b e a m t e erschienen und da seine Aussagen erhöhte Glaubwürdigleit genießen, wurde M. von dem Oberlandesgerichtsrat Dr. B e n e s ch zu einer Woche strengen Arrests verurteilt. Mit dieser Strafe ist es aber nicht abgetan. M., der schon einmal äus Wien abgefchafft war, dem aber' dann im Gnadenwege der Aufenthalt Ivieder gestattet war, dürfte jetzt wieder, da er nach Galizien zuständig ist, abgeschoben werde n, zumal er nur von der-Unterstützung seines Vaters leben muß. Es werden in der allernächsten Zeit hunderte ähnlicher Verhandlungen stattfindcn. Die meisten werden sich vor den Bezirksgerichten abspielen und den Beschuldigten nur kleinere Arreststrafen eintcagen. Die wegen Verbrechens des Aufruhrs, des Aufstandes, der öffentlichen Gewalttätigkeit, der Brandstiftung, der schweren Körperbeschädigung und vielleicht auch des Mordes Verdächtigten werden erst im Herbste vor ihre Richter kommen und bis' dahin in landesgerichtlichem Gewahrsam bleiben müssen. Die Verteidigung der meisten, in landesgerichtlicher Haft Befindlichen haben -die Anwälte Dr. Valentin Rosenfeld und Dr. Egon S ch ö n h 0 f übernommen. VOLKSWIRTSCHAFT mn Das neue östeneMfÄ-tfchechifche Zollabkommen. Wie an. anderer. Stelle mitgeteilt, ist gestern das -österreichisch-tschechische Zollabkommen in Wien unterzeichnet worden. Die wichtigsten Zugeständnisse sind die'folgenden (zum besseren Vergleiche sind die autonomen'Zölle in Klammern beigesetzt): Im österreichischen Tarif (Zollsätze in Goldkronen) : Zucker 22 (22); Gerste 2 (gleitender Satz 0.25 bis 4); Malz, Zuschlag von 0.80 zum Zoll für 133 Kilogramm Gerste (Zuschlag 3.— zum Gerstenzoll); Kraut, frisch 1 (2);-Salzgurken 6 (10); Sauerkraut 4.50 (10); Hopfen 20 (60); Bier 12 (30); Mineralwasser 1.40 (2.40); Schinken 26 (50); verschiedene Würste '20, 60, 60 (50, 200); Topfen, Brimsen, Quargel 3, '8, 16- (30); Baumwollgewebe der T.-Är. 140 80 bis 202 (90 bis 220); Baumwollgewebe der Äi.-Nr. 141 A 100 bis 226 (130 bis 280); Baumwollgewebe der T.-Nr! 141 B 100 bezw. 127 bis 226 bezw. 267 (160 bis 326); Baumwollgewebe der T.-Nr. 142 137 bis'280 (186 bis 360); n. b. b. baumwollene Wirkwaren 280, 440 (600); Leinengewebe 50 bis 220 (60 bis 400); Juteteppiche 60, 70, 130 (80, 160); n. b. b. Wollgewebe im Gewichte von 700 bis 460 Gramm: 240 (270); n. b. b. Wollgclvebe im Gewichte von 460 bis 200 Gramm: 205 plus 10 Prozent (280 plus 12 Prozent); n. b. b. Wollgewebe im Gewichte von unter 200 Gramm: 260, 326 plus 10 Prozent (320 plus 12 Prozent); Wollstrümpfe 236, 600 (260. 700); n. b. b. wollene Wirkwaren 320 (350); Borsten, Pinsel 180 (160); Packpapier 9 (10); Pergamentpapier 12 (20); Zigarettenpapier 28, 76 (30, 100); Papiersäcke 26, 40 (30, 60); Honjaschuhe, andere, Hausschuhe 110, 160 (200); Handschuhe 1000 (1600); Brennholz 0.60 (1.—); Bugholzmöbel 14. 16 (30, 36. 60); Hohlglas 4. 16 (8. 20, 25); Hohlglas, raffiniert 17. 19. 20 (30, 40, 60); Preßglas 20 (26); Tafelglas 20 (25); Ziegel, feuerfeste 1.80, 2.30 (2.50 und 4, 3.60 und 5); Klinker und Bodenbelagplatten frei, 0.80, 2.60, 5.70 (2, 3.60, 7); Steinzeugröhren 1.90 (2.50); Porzellan, weiß und farbig 22 (28.40); Emailgeschirr 70 (120); n. b. b. Gußwären, roh 6, 7. 9 (6. 7.60, 9, 11); Quintüfen 7 (36); u. b. b. Waren aus schmiedbarem Eisen, roh.8 bis 20 (14 bis 24); Dampfkessel 26 (32); Destillier- und Kochapparate 26, 36, 65 (32, 40, 65, 66); Zisternen und Tanks 84, 70,-40 (26,' 34, 120, 40, 55); Dampfmaschinen 24, 30,, 36 (28, 35, 40); Dreschmaschinen 16 (26); Pflüge 18 (24); n, b. b. lcmdwirtschaftliche Maschinen 22 (24); Spezialmaschinen für.Zuckerfabriken, Brauereien, Hüttenwerke 26 bis 42 (32^ bis 70); Kaliumpermanganat 16 (30)4 Kartoffelstärke 12 (16); Zinkweiß frei (14). Nie Züricher SchMngnotiernng höher. Der Leu erholt. Devise Wien hat sich gestern in Zürich von 73.10 auf' 73.12y2 gehoben. Die Notierung auf den anderen Auslandsplätzen zeigte überall feste Grundtendenz. In den übrigen Devisen ergab sich auf den internationalen Märkten keine nennenswerte Veränderung, nur der Leu konnte sich nach seinem Kurssturz von Mittwoch angesichts der beruhigenden Nachrichten aus Rumänien erholen und schloß in Zürich 3.16. Devise Berlin ist nach den Kurssteigerungen der letzten Tage etwas zurückgefällen und notierte 123.86 Parität Zürich. Sie Giro-Zentrale der österreichischen Senoffenfchafte«. Amtlich wird mitgeteilt: Das Bundeskanzleramt hat den Spitzenverbänden der landwirtschaftlichen und gewerblichen Kreditgenossenschaften gemeinsam mit der Allgemeinen Oesterreichischen B 0 d e n-E r e d i t-A nst a l t in Wien die Bewilligung zur Errichtung der Girozentrale der ö st erreich: scheu Genossenschaften erteilt. An der Girozentrale der österreichischen Genossenschaften, die als Aktiengesellschaft mit einem Aktienkapital von 5 Millionen Schilling zur Errichtung gelangt, wird die preußische G e - n 0 s s e n s ch a f t s z e n t r a l k a s s e (Preußenkasse) und mehrere ihr angefchlossene Genossenschaften beteiligt fein. * Diese Girozentrale ist ein Ersatz für die verkrachte Zentralbank der Deutschen Sparkassen, bei der die Genossenschaften Haare gelassen haben. Der neuen Girozentrale wird von den bäuerlichen Genossenschaften größtes Mißtrauen entgegengebracht. Bezugspreise der „Wiener Morgenzeitung“: Monatlich Wien und Oesterreich.S 5*— Tschechoslqwakische Republik..Kö 22'— Jugoslawien. Dinar 60'— Polen.Zloty 6 — Deutschland ..Goldmark 4*~ Palästina. sh 4—; England.sh 4‘- Frapkreich, Belgien.Pres. 35* 1 Italien. Lire 20'~ Rumänien .Lei 170*— Bulgarien . Lewa 100*- Amerika.Dollar!•— Schweiz und das übrige Ausland.Franken 5'— Oesterr. Postsparkassenkonto 150.693.