Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3015 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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9ir. 3015 Wien. Freitag Wiener M-rgertzettrrng Ae Wiederherstellung der zerstörten Akten. Sine gnMeuttnferenz im Snsttzamt. Die Gerichtsbehörden gehen mit Feuereifer daran, den durch öen Trandes Just'Hpalastes ongerichteten Schaden wieder gut zu machen. Bon allen Seiten werden Vorschläge gemacht, wie man am raschesten und besten den Rechtsgang wieder in geordnete Bahnen leiten könne. Im neugeschaffenen Justizamt in der Herrengasse fand gestern unter Vorsitz des Seötionschefs Doktor Rudolf Hermann eine Enquete statt, um die Frage« der Wetterführung der Geschäfte bei 'denjenigen Gerichten zu besprechen, die durch die Brand« katastrophe im Justizpalast betroffen wurden. Der Vorsitzende teilte mit, es handle sich vornehmlich um drei wichtige Aufgaben: Die Wiederherstellung des Grundbuches, die Erneuerung der zerstörten Prozeßakten in der ZivilgerichtSbarkeit und die Erneuerung der StrafrechtSakten. Die Wiederherstellung des Grundbuches, eine der dringendsten Fragen für die Mederbelebung der Realitätenmarktes, dürfte auf nicht allzugroße Schwierigkeiten stoßen. Die Bestimmungen des Grundbuchs-Grneuerungsgesetzes und der Hinterlegung" werden hier iverwolle Dienste leisten und dürften für die erste igelt einen ausreichenden Ersatz für das fehlende Grundbuch schassen. Weit schwieriger wird sich die zweite Frage, nämlich die Wiederbeschassung der verlorenen Prozeßakten, zum Zwecke der Weiterführung des Jnistanzenzuges lösen lassen. Mit Hilfe der Urkunden, die sich in den Händen der Parteien und ihrer Vertreter befinden, -der Protvkollabschviften und Stenogramme, die häufig bei den Anwälten vorhanden sind, weiters nach Len Erinnerungen der Richter der ersten Instanz wird in vielen Fällen eine Re I on strultion der Verhandlungen , Möglich sein. Die Frage «der Rekonstruktion der Strafakten l wird sich leichter lösen lasten, weil von diesem Prozeßmater'-al nur ei« verhältnismäßig geringer Teil zugrunde gegangen ist. Ministerialrat Dr. Kraut mann erklärte» daß durch Heranziehung der geretteten Registratur w vielleicht schon in zwei Monaten - daS Grundbuch aufgelegt sein kann. Der Vizepräsident der DnwattSkammer, Dr. Siegfried Kantor, führte aus, daß das beantrage Verfahren noch dadurch wesentlich verkürzt werden könne, daß die Grundbuchanszüg« als provisorisches Grundbuch benützt werden. Zur Frage der Wiederherstellung der vernichteten Akten unterbreitete der Vorsitzende, Sekttonschef Dr. Hermann, einen Entwurf, der auf dem Grundsatz beruht, daß ein Verfahren, welches noch nicht biß zum Urteil gediehen ist, neuerlich durchzuführen ist, wobei jedoch das von den Parteien herbeigefchaffte Schriftgut zu benützen ist. In Fällen jedoch, in denen ein ergangener Urte'Mpruch nicht festgestellt werden kann, soll der Richter durch Beschluß aussprechen, daß das Urteil ,M nicht gefällt" anzusehen ist und die Parteien können das Verfahren.von neuem beginnen. Eine allgemeine Norm für die Erneuerung von Akten anderer Kategorien, so z. B. für Exokutionsakten, Mhandlungsakten, Pflegschaftsakteu, wird sich leichter finden lasten, da nur ein geringer Teil dieses Prozeßmaterials verloren gegangen ist. Nach einer längeren Debatte, an der sich u. a. Vizepräsident Dr. Kantor und Rechtsanwalt Dr. Söldner beteiligten, wurden die Vorschläge des Sektionschess Dr. Hermann in ihren Gruwdzügen angenommen. 3L IM 19271 Seite S SttissÜ«g«evolte in Garsten. Anforderung uriUtSrllcher Wftenz. Steyr, 21. Juli. Gestern früh ist Ln der Männerstrafaustalt in Garsten eine Revolte ausgebrochen. Die Sträflinge verweigern jede Arbeitsleistung und sträuben sich, ihre Zellen zu verlassen. Die Inhaftierten haben von den Wiener Ereignissen gehört und sind der Meinung, daß auch für sie die Zeit der Befreiung gekommen sei. Bis auf einzelne kleinere Zwischenfälle, ist es bisher zu ernsten Ereignissen nicht gekommen. Die Direktion der Strafanstalt hat aus Steyr Militär an g e fordert, eine Kompagnie und eine Maschinengewehrabteilung sind nach Garsten abgegangen. Kn Kind im Linzer Spital verbrannt Linz, 20. Juli. (Telephonbericht.) Wie der „Oesterreichische Pressedienst" meldet, hat sich gestern tm hiesigen Jsabellen-Kinderspital ein furchtbarer Unfall ereignet. Die 10jährige Amalie Hackel aus Weitersfelden bei Freistadt verließ in einem unbewachten Augenblick ihr Bett, eilte in die nebenan liegende, unversperrte Teeküche, in der sich niemand befand und wollte dort auf einem Gasbrenner Milch kochen. Irgendwie gerieten'die Kleider des KindeS in Brand, der durch die aus dem Gange hereinstreichende Zugluft genährt, sogleich ausflammte. Dem vor Schmerz laut rufenden Kinde kam sofort eint Schwester zu Hilfe, die über den brennenden Körper Decken warf. Trotz sofortiger ärztlicher Hilfe konnte die Kleine nicht mehr gerettet werden. Sie hatte so schwere Brandwunden erlitten, daß sie noch am Abend desselben Tages st a r b. Unfreiwillige Luftresse. Bon einem Mizens im Fuß «säst nnd mltgenomwe». Salzburg, 21. Juli. Gestern spielte sich auf dem hiesigen Flugplatz ein grauenerregender Vorfall ab, der zum Glück am Ende gut ausgegangen ist. Das Wiener Flugzeug, das von München gekommen war, war in Salzburg gelandet und sollte eben wieder aussteigen. Der Propeller begann sich bereits zu drehen, drei Männer a^er hielten noch das Fahrgestell fest. Die Maschine setzte sich in Bewegung, einer der drei -Männer, e> Chorist am Salzburger. Stadttheater namens Strebmgee, blieb mit einem Fuß im Gestänge hänge«, wurde mitgeschleist and in die Lust gehoben. Kopsabwärts hing der Unglückliche an dem Aeropwn. Der Pilot hatte keine Ahnung von dem Vorfall und 'vernahm auch nicht die Zurufe des Publikums. Das Flugzeug vollführte seine Schleife über der Stadt und -man sah, wie sich 'der Unglückliche verzweifelt ««klammern wollte. De-r Flughafenkommandant ließ Leuchtrakete« ab-, -feuern, aber noch immer bemerkte der Pilot nicht den Vorfall. Es dauerte geraume Zei-t, ehe der Flugzeugführer die Signale bemerkte und wieder zur Landung schritt. Der Aeroplan kam zum Glücke so auf die Erde, daß dem unfreiwilligen Passagier nich-ts geschehen ist. Lar Erdbeben in Palästina. Rotkesel« und Henrry Ford spenden nichts. Jerusalem, 20. Juli. Der Stadtrat der zerstörte« Stadt Sichem (Nablus), die bekanntlich von christsichen Arabern bewohnt wird, teilt mit: Wir habe« uns telegraphisch an John D. Ro Lese l l e r und an Henry Ford um Hilfe gewandt. Mer trotzdem, schon viele Tage vergangen sind, haben wir von diesen keinerlei Antwort erhalten. Dagegen hat Herr Nathan StrauS, ohne daß sich jemand, an ihn gewendet hatte, sofort 5000 Pfund zur Hilfeleistung gesandt. Von. dieser Spende wurden 1000 Pfund für erste Hilfsmaßnahmen und 4000 Pfund für die Errichtung von Baracken verwendet. Die Leitung des Hilfstverkes hat Colonel S h m e s übernommen. Der König von England hat in einer telegraphische« Kundgebung an die Bevölkerung Palästinas sein I Mitgefühl für die schweren Menschen- und Vermögensopfer » zum Ausdruck gebracht. I Lammbruch in Zeutschland. Ein Dorf gefährdet. Elsterwerda, 21. Juli. (Wolfs.) Heute nacht zwischen 1 u!ujd> 2 Uhr ist der Damm der Schwarzen Elster zwischen Mückenberg und Dolfthaida auf 20 Meter Breite geborsten. Da Gefahr bestand, daß das Dorf Mückenberg unted Wasser gesetzt wird, ist Reichswehr zur Hilfeleistung heran- >gezogen worden. Die gesamte Einwohnerschaft ist mit äußerster Anstrengung tätig/um den Riß zu verstopfen. Lrkan auf der Fusel Formosa. «Paris, 21. Juli. Mus Formosa ioird gemeldet, daß die Insel seit fünf Tage« von einem furchtbare« Orkan heimgesucht ivird. Bisher wurden 16 Personen getötet; die Zahl der Verwundete:: beträgt mehr als hundert. Der größte -.Teil der Zuckerrohrplantagen ist vernichtet. kl» Aeitungsreserat über die fchottische» Manöver und über eine Shaw-Premiere. Von Leo Lania. Nachstehend «in. Abschnitt aus dem Buche Lanias „Jndota, die Fabr der Nachr ichteu", daS wir in unserem „Buch der Zeit" näher besprochen haben. — Mit Erlaubnis des Verlages „Die Schmiede", Berlin. Wien starb. Kein Sterben in Schönheit. Das Gefeilsche von Börsenjobbern, Balkanrtttern und ähnlichen Existenzen aller Nationen und Konfessionen erfüllte die Stadt mit ihrem Gejohle. Ihre Parole war Amüsement, ihre Domäne die Bar, und das Wahrzeichen die Banken, die wie Pilze an allen Ecken aus dem Boden sprossen. Jedes Cafe eine . Wechselstube, die innere Stadt ein Nachtlokal und der Herrscher über alle, grausam und unerbittlich, der .Dollar. Draußen, an der Peripherie war seine Regentschaft zu Ende, depn die äußeren Bezirke und Vorstädte waren eiit«t Macht untertan, die sich stündlich als stärker erwies: den: Hunger. Der schwang seine Geißel erbarmungslos über Männer, Frauen und Kinder, über «Arbeiter und Beamte, die hohüvangig mü> blaß durch die Straßen schlichen, in ungeheizten Stuben froren, keine «Arbeit fanden. Die Börse war fest. Die Krone fiel. DaS Spiel - ging weiter. Im Cafe „Imperial" residierte Mr. Worker aus Newyork. „Nicht mehr zu holen in Vienna," sagte er zu Unger und faltete die „Times" mit zwei Griffen kunstgerecht zusammen. „Noch einen Monat, noch drei Monate dieser Wirbel von Börse und Bordell — und was dann? Ich bin kein Spieler, ich bin Journalist. Ach, was »vißt ihr hier vom Journalismus!" Mr. Worker wußte es. sind war mitteilsam genug, Unger in seine Kenntnisse einzuweihen. „Das war in meiner Londoner Periode. Bor dem Krieg. „Daily Mail" sandte mich nach Edinburg, sollte Bericht über schottische Manöver liefern, tägliches Telep^mat. Idiotische Angelegenheit. So fuhr ich an die Ser, kaufte mir Londoner Blätter, die Gegend da oben kannte ich, das übrige — die hundert Zeilen Impressionen: Kleinigkeit! So habe ich täglich zwei Spalte,: Sonderdienst telephonisch an die Redaktion abgegeben. Niemand merkte den Schwindel. Eines Tages erscheint der Chef in Brighton. Tableau. Er sagt kein Wort. Ich mache mich nichts wissen. Eine Woche später rücke ich ein, melde mich, kein Sterbenswörtchen über meinen Dienst. Als ich gehen will, rnft mich der Chef zurück. Ich soll das Referat über die Shaw-Premiere übernehmen. Ja, mein Lieber, hier bei euch da ist Journalismus eine Fachwissenschaft. Da habt ihr Professoren für Politik und Literarhistoriker für Theater und Ingenieure für Straßenunfälle, und das Ergebnis ist die koi^entrierte Langeweile der deutschem Presse. Gewißsehr gründlich sehr lehrreich, wer das täglich gewissenhaft durchstudiert, hat in ein paar Jahren ein Kompendium sämtlicher Wissenschaften und Disziplinen verdaut. Aber Zettungen, no, Zeitungen sind das keine. Die müssen von Journalisten gemacht werden; vom Theater bis zur Politik und vom Autounsall bis zur Vermählungsanzeige. Nicht von verhinderten Professoren. Auch nicht von Beamten. Well. Ich schreibe alles und über alles. Die Betrauung mit dem Shaw-Referat aber war eine besondere Auszeichnung. Als ich schon auf der Treppe bin, holt mich ein Boy zurück: nochmals zum Chef. „Haben Sie denn auch ein Billett zur Premiere? Hier ist es." Und gibt mir eine Fahrkarte nach Edinburg. Ich muß ein blödes Gesicht gemacht haben. „Da Sie so glänzend über die schottischen Manöver aus Brighton berichtet haben, wird eS Ihnen ein Leichtes sein, von Winburg über die Londoner Premiere zu referieren. Der Bericht muß am selben Tag telephonisch hier sein. Mit der Kontrolle ist unser Korrespondent in Edinburg betraut. Sie tvlephieren aus seinem Bureau. Gvod bye." „Nun, ich habe telephoniert. Eine ganze Spalte. .Aber aufgeatmet habe ich doch, als der Bericht nicht erschienen ist. Hahaha." Und Mr. Worker lachte ein breites, dröhnendes Lachen, das die ganze galizische Vergangenheit Lügen straft. , „Sie sind auch einer von jenen, junger FreUnd, die glauben, eine Nachricht muß wahr sein. Sie muß intern essant sein, sonst nichts. Und wenn sie erfunden ist, um so besser—weil sie dann niemand kontrollieren kÜnU." „Sie haben Ehrgeiz. .Aber in Wahrhett wissen Sie ja gar nicht, was Sie eigentlich wollen. Weit Sie zu viel wollen. Sie wollen ein Schriftsteller fein und womöglich noch ein berühmter Dichter und so nebenbei ein Politiker, der zumindest Oesterreich rettet, wenn esl Ihnen schon nicht gelingen sollte, Ihre volkswirtschaftlichen KaNnb, wisse zur Lösung der sozialen Frage auszumünzen. Und, ich lebe, das ist — die Nachricht" ' 1;; .' j Ich — damned — ich Lin nur ein Journalist. Ündj das bedeutet heute den Schlüssel zur Macht, zum Reichtum, zu einem Königreich haben — was mir alles in Wahrhett höchst gleichgMig ist. WA ich suche, wöfüx ich lebe, das ist — die Nachricht. , ■ . „Ich war in.Afrika, in China, Ln Mexiß» und Australien, seit zehn Jahren bin ich überall dort, wo etwas los ist: Revolution, Krieg, Erdbeben, Mott» und Paradenj, Herrscherbesuche und Mimsterkonfevmzeiu EnoUgh! Jetzt will ich mich zur Ruhe setzen. Wo kann man das? In Europa. Aber Europa ist verdorft. Der Ballan reicht heuLe bis zur Nordsee. Montenegro tfcot am Rheim Frankreich? Die, lvnfürvierte „gute alte Wi". DaS Laich ist in den.Achtzigerjahren stecken gebliSen» im Handwerk, im Kleinbürgerlichen — alles andere Firnis. Ich habe kein Organ dafür. Italien? Provinz. Ich bin kein Schwärmer für Antiquitäten. Anschauen: ja — dort leben: ausgeschlossen. Und leben kann man iu England ebensowenig. Bleibt Deutschland. Gewiß nicht mein Sehnsuchtstramn. Immerhin, der Versuch lohnt. Dort, Und nur dort schlagt das neue Herz Europas. Das Land der UUbegrenzten Möglichkeiten, ein Stück Amerika unter der Patina des Mittelalters: das jüngste, das unfertigste Land der alten Welt, ein Experimentierfeld für alle neuen Strömungen, Bewegungen, wertvolle Ideen Und den letzte» Schwindel. Da ist niemand, der sagen könnte, welche Ueberraschungen es für uns :wch aufgespart hat. Da will ich dabei fein. Ich gehe nach Berlin. Ich werde dort eine Telegraphenagentur austnachen. Und Sie werden mir dabei helfen. Sie sind mein Mann. Wolle:: Sie?" Zwei Wochen später fuhr Unger nach B.erlh» ..■- ./'