Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3015 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982103--30720-3018970- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wien. Freitag Wiener Morgenzeitung 22. Juli 1827 Nr. 8Ö1B Seite 2 i*t, die Priester dazu getan, um — iki bcKtj* dieser Staat existiert und sie von ihm dazu bestellt sind, sein Dasein zu kräftigen — für die Hebung des Staatsgefühls in allen Teilen Lesterreichs zu wirken und insbesondere den A.elplcrn belzubkittgen, daß für den Staat, in dem sie leben, für sie selbst und ihre Kinder das alte herrlich: Kulturzentrum Wien -für das man übrigens von staatsivcgen in der ganzen Welt Propaganda macht),, immerhin etwas bedeutet? Und doch hat solche Aufklärung nichts mit Parteizugehörigkeit und politischer „Einstellung" zu tun, sondern ist „Staatsraison" im kultnrellen Sinne. — Ein politischer Journalist Deutschlands hat das Wiener Ereignis vom 15. Juli 1927 als ein Verbreche« Europas gebrandmarkt, das den Artikel 88 des Friedeusvertrages beschlossen hat. Wenn man den Kreis enger zieht und . nach den gegebenen Tatsachen urteilt, nruß ein Teil der Schuld allen angekreidet tverden, welche bcu Bergländerbund vom Tage seines Ent- , stehenö nicht ernst genommen und für dis ZusanrmenfÄhrung seiner Teile, für die Erziehung zur neuen Staatsbürgerschaft nicht cingetreten sind mit ganzer Hingabe. Das ließ sich hier erkemren. in Kufstein, der Grenzstation Oesterreichs gegen Bayern, eine Spanne weit vom Brenner, in den Tagen nach dem 15. Juli. «scher Wahlerfolg in Wolhynien Warschau, 21. Juli. (Wolfs.) Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen haben die Juden -ei den Ge- «einderatSwahlen in Wolhynien einen großen Erfolg errungen, da ihnen die absolute Mehrheit aller Mandate zugefallen ist. Sie Wische SemelnLeordimng in Palästina. Ierusale' m, 20. Juli. Die jüdische Gemeindeordnung (Jewish communities ordinance) wurde nunmehr verlautbart und ist damit in Kraft getreten. In dem Statut ist nur von der Existenz einer einzigen jüdischen Gemeinde in jedem Orte die Rede, jedoch ist die-Errichtung autonomer Kongregationen im Rahmen der jüdischen Gemeinde mit einer separaten Schechita- und Brgräbnisordnüng zulässig. Das Statut enthält auch Vorschriften bezüglich einer Absonderung von der allgemeinen jüdischen Gemeinde. Lord Balsam — Letter des Kolonialamtes. Amertz besucht die Lomtllien. London, 21. Juli. (Wolfs.) Wie die Blätter melden, wird LordBalsour der Stellvertreter des Kolonialministers Amery sein, der sich morgen auf eine - ungefähr sechsmonatige Reise nach den verschiedenen Dominien begibt. Baldwin wird bei seiner Rückkehr aus Kanada das Kolonialamt von Balfour übernehmen. Die englische Frembenrechttvorlage. .London, 20. -Juli. (Reuter.) Das Oberhaus, hät in dritter Lesung den Gesetzentwurf betreffend die Einschränkung der Fremoen«inwanderung angenommen. Die Vortage geht nunmehr an das Unterhaus. . Ae SeeabrLstnngskonferem. 6ln politischer MomüM zwischen Suglonv und Japan? London, 21. Juli. Di: Blätter schreiben, die Seeadrüstnngsrvnferenz habe eine kritische Phase erricht ünb man erwarte, sowohl in London als in Washington, daß die nächsten. Tage die Entscheidung bringen werden, ob die Konferenz ein Erfolg sein werde. - Die britische Presse beginnt die Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit eines politischen Einvernehmens zwischen England und Japan zu len-, ken, daS eine Folge der jüngsten Vereinbarungen in Genf wäre. KSnls Michael tum SlumSnie». B ukar e st, 20 Juli. (Orient-Radio.) Die Installation des neuen'Königs und des Regentschaftsrates sind Unter den vom Gesetz vorgesehenen Formalitäten in dev Nationalversammlung nachmittags vor sich gegangen. Dev neue König erschien in Begleitung seiner Mutter, der Prinzessin Helena, in der Nationalversammlung. Der RegentschaftSrat leistete den Treueid für den König und die Verfassung. Der Zeremonie wohnten auch all« Parteien der Opposition bei. Zu gleicher Zeit leisteten d i e Truppen im ganzen. Sande dem neuen. König den Treueid. Ilm 5 Uhr hat der Regentschaftsrat im Palais Cotr.oeeni die Mitglieder der Regierung empfangen. Bratianu überreichte dem Herkommen gemäß die Demission des KabinetteS. die abgelehnt wurde. Um 8 Uhr abends haben sich König Michael, seine Mütter und Prinz Nikolai mittels Sonderzuges nach Sinais "begeben. Das Leichenbegängnis des verstorbenen Königs Ferdinand, wird Sonntag, den 34. Juli, statifinden. Das Besrstbnis der gefastem» Polizisten. Unter großer Beteiligung fand gestern auf dem Wiener Zentr alsriedhof das Begräbnis der am 15. und 16. Juli gefallenen Sicherheitsorgane statt. In der Luegev-GMchtniSkircht auf dem Zcnrralfrtedhof wären nebeneinander di« fünf SLrg ausgestellt. Es Ivaren aufgedahrt: Oberwachinspektor Michael Schinnerl, Rayonsinspektor Josef Bück, Kriminalbeamtenrevierinspektor Ferdinand Stricgl, Bahngendarm«riebezirkSim> spektor Heinrich G r ü m und Leutnant des Bundesheeres Franz Binder. In der Kirche hatten sich eingesunden: BundeSpräsidenp Dr. Ha i n i s ch, Bundeskanzler Dr. S e i pe l, Vizekanzler H ar tl c b, Finanzminifter Dr. Kienböck, HandelSminister Doktor Schürfst Bunvesmtnistcr für soziale Verwaltung Dr. Rasch und Minister Dr. D i n g h o f c r, Unterrichtsminister Schmitz, Heeresminifter B a u g o i n, Landivirtschafisminister T h a Le t, Polizeipräsident Schob er mit den leitenden Beamten der Bundespolizei. In Vertretung der Gemeinde Wien war Stadtrat Richte r und Landesamtsdirektor Dr. Hartl janwesend. Ferner sah man den LandcsgerichtSpvästdenten Dr. Altm a it n, Heeresinspektor Schilhavsky, Stadtkommandanten W i e s i n g e r. Nach der Einsegnung der Leichen trug der Chor des Gesangvereines der Sicherheitswache einen Trauerchoral vor. ®(iV dann wurde der Sarg des Leutnants Binder zu einem vor der Kirche aufgestellten, schwarz ausgeschlagenen Auto getragen, wobei das vor der Kirche aufgestellte Bataillon' des Bundesheeres die milit arische Ehrenbezeigung leistete. Die Leiche wurde sodann nach Böslau überführt, wo sie bestattet wird. Dann ordnete sich der Zug zu den Gräbern, die nächst der Grabstätte der im Jahre 1919 gefallenen Wachleute auSgehoben waren. Am Grabe spielten sich erschü ttern.de Szenen pb. Die Angehörigen brachen an den offenen Gräbern zusammen, als die Särge langsam in. die Tiefe hinabgelassen wurden. Nachdem BundeSprasident Dr. Haintsch und die Mitglieder der Bundesregierung die ersten Schollen ans die Särge geworfen hatten, befitieritf der endlose Zug der Trauergäste. Drei Wische Todesopfer. Wie wir aus dem Friedhofsaml der. israelitischen Kultusgemeinde erfahren, sind dort bisher, nur drei jüdische Opfer des Aufruhrs gemeldet worden, und zwar: Emil Ko pp sie in, 26 Jahre alt, Schlosser, Stiegengasse 3, Arthur Kreisky, Kaufmann, Rotenturmstraße Nr. 12, und Jakob Jellinek. Bon diesen wurde Herr : Koppstein gemeinsam mit den anderen Getöteten am , Mittwoch nachmittag auf deME)Zentralfriedh'0f begraben. Bezüglich bes dritten Opfers, "des' Herrn Jellinek, sind' bisher keine Dispositionen getroffen worden. H err Arthur '.Kreisky wurde' gestern vormittag , auf dem jüdischen Friedhofe zu Grabe. Das Leichenbegängnis lvurde, von der , Wiener israelitischen Kultusgameinde in würdigster Weise auf ihre Kosten veranstaltet. Der Trauerfeier wohnte., auch der Präsident, der Kultusgemeinde, Herr Generaloberstabsarzt Professor Dok-, ror Alois Pick, bei. Die Ansprache hielt Herr Rabbiner Dr. Max Grnnwald. Die Kultusgemeinde wird weiters angemeldete jüdische Opfer der Exzesse in gleiche würdiger Weise auf ihre Kosten bestatten. Sank der Bürgermeisters an die Rettnngrgefellfchaft. , Bürgermeister Seitz hat gestern an den Chefarzt Doktor Ignaz Lamberg folgendes Dankschreiben gerichtet: „Die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschäft hat in den vergangenen traurigen Tagen unvergängliche Beweise von hingebungsvollem Opfermut und hervorragender Pflichttreue gegeben. Ihre Aerzte und Mannschaften haben unter Hrntansetzung ihres eigenen Lebens den Opfern der Zusammenstöße erste Hilfe gebracht, sie geborgen Md der sofortigen ärztlichen Behandlung zugefühirt. Diese bewundernswert« Haltung der Freiwilligen Rettungsgesellschaft hat die Wertschätzung, di« sie in der Bevölkerung genießt, rwch mehr erhöht. Ich danke Ihnen, sehr geehrter Herr Chefarzt, den Herren Aerzten und den Mannschaften für ihre sich neuerdings so ausgezeichnet bewährte Hilfsbereitschaft und bitte Sie, von diesem Dank alte in Betracht kommenden Organ« ihrer Anstalt in Kenntnis setzen zu wollen." * An den Abgeordneten Dr. Julius Deutsch hat Bürgermeister Sech folgendes Schreiben gerichtet: „Di« Saibjität Saht eiluftrg des R epublikalnisjchen Schutzbundes hat sich um die Bergung und Reibung der in den vergangenen Unglücktagen verletzten Personen außerordentliche Verdienste erworben. Es konnte bei, diesem traurigen Anlaß beobachtet werden, daß Jhvö Sänitätsmannfchaft im Dienste der Hilfeleistung nicht nur ausgezeichnet geschult, sondern auch von einem bewundernswerten Opfermut erfüllt ist, der die dem eignen Leben drohend« Gefahr verachtet. Ich spreche d«r Sanitätsabteilung für ihre opferwillige Pflichttreue den Dank Ms und bitte Sie, den. Geist werktätiger Nächstenliebe zu hegen und zu pflegen." Aehnliche Dankschreiben hat der Bttrger.tMer auch an die Straßenbah-nbediensteten und an di« Institution des städtischen Sanitätsdienstes gerichtet. r« Kommunist Kopie«» verhaftet. Gestern nachmittags langte im Parlament die Nachricht ein, daß der Kommuntstenführer Kopkenik, der gestern namens der Kommunistischen Partei -et der Leichenfeier im Zentralfriedhof sprach, verhaftet wurde. Auf eine Anfrage wurde der Korrespondenz Herwei von kommunistischer Seite mitgeteilt, daß Koplenik heute vormittags zur Polizei zitiert wurde und daß er seither nicht mehr in das Parteiheim zurückgekehrt ist. - Tschechische KommnnlstenWr« angehalten Aus Preßburg wird uns vom 20. Juli geschrieben: In der Nacht auf heute versuchten einige Kommunisten, auf illegale Weise nach Wien zu gelangen. Unter jenen, welche die Grenze heimlich überschritten, befanden sich auch die Abgeordneten Tu len und Steiner sowie der Redakteur des „Rüde Pravo" Gottwald. Sie wurden in Hainburg von österreichischen Gendarmen festgenommen und nach Preßburg zurüc^sschafft. Ebenso wurden weitere vier Kommunisten angehalten, welch« in gleich unberechtigter Weisdie Grenze überschritten. Mordversuch a« einem soziolvemokrattschen Abgeordneten. Die Heimwehr *. . Innsbruck, 21. Juli. Auf den sozialdemokratischen LandtagSabgeordneten B u n n e r wurden' von Mitgliedern der Heimwehr in Buch Sei Jenbach mehrere Schüsse abgegeben. Bunnrr blieb unverletzt. Die Untersuchung ist eingeleitet M antisemitische Hetze. Strafverfahren gegen ein Hakenkreuzülatt. Spät, aber doch. Der Preffestaatsanwalt hat gegen die „Deutschösterreichische Tageszeitung" das Strafverfahren eingeleitet. Dieses Blatt hatte den Chef der Staatspolizei, Hofrat Dr. Pollak, beschuldigt, aus.— jüdischen Gründen ein energisches Vorgehen gegen die Demonstranten vom 15. Juli sabotiert zu haben. Das.ist sogar der 'lammsgeduldigen österreichischer: Behörde zu dumm geworden und sie hat sich in Bewegung gesetzt. Trotzdem ist der Unfug der Massenkolportage dieser Zeitungen noch nicht abgestellt. In der Umgebung des Justiz - Palastes treiben sich die Ausrufer zu Dutzenden umher. Die Zusammenstellung der Blätter ist interessant. Die arische Bertriebsstelle bietet neben den Pogromblättern auch noch die „Reichspost" und das „Tribunal" aus. Geschäft ist Geschäft. Aber in solcher Gesellschaft? Dabei haben die Leute unter dem Rock die nichtkonfiszierten Ausgaben und drücken sie jedem, der ihnen vertrauenswürdig scheint, in die Hand. Was man aber noch viel mehr bedauern muh, ist die Tatsache, daß diese Blätter, die den Mord an den Juden antündigen, von so viel Juden gekauft werden. Wir rügen dies und wir fragen diese jüdischen Käufer, ob sie bwr durchaus den Pogrom bezahlen müssen? . zur parlamentarische« Situation. Die Parteienbesprechungen werden erst am Montag der kommenden Woche einsetzen, da eben früher hiezu keine Möglichkeit besteht. Die Christlichsozialen halten erst heute ihre Beratungen ab, desgleichen die Sozialdemokraten, die für Samstag ihre Reichskonferenz einberufen haben, die den ganzen Tag hindurch dauern wird. Die Opposition wartet nun ab, mit welchen Vorschlägen die Regierung an sie herantritt. Wie die Korrespondenz Herwei mitteilt, werden die heutigen Verhandlungen im Wiener Gern e i ü berate von großem Einfluß auf die Gestaltung der Dinge im Nationalrate sein, Gelingt es im Gemeinderate zwischen beiden Lagern ein Einvernehmen zu erzielen, dann werden sich die Verhandlungen im Nationalrate glatter vollziehen. Kommt es aber in der Gemeindestube zu Z usammenstoßen, dann werden diese auf den Nationalrat zurückwirken. Die chrtstllchsoziale Opposition des Gemeinderates wird einen Vorstoß gegen die Gerfteindefchutzwache führen, die sie als ungesetzlich erklärt. In diesem Falle werden die Sozialdemokraten a u f Tirol verweisen, wo der Landeshauptmann Stumpf in Innsbruck durch die H e i m w e h t l e u t e die Bahnhö' besetzen ließ. die» der vMschen aus de« würzdnrg« atndententag. Würz bürg, 21. Juli. Der Würzburger Studenten« tag hat beschlossen, an der völkischen Verfassung vom Jahre 1928 festzühalten. Das ist da- Festhalten an dom Rasseprinzip.