Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3015 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r | Preis gQg l d Redaktion, Administration: Wien, 11., Tabor str.l rolephön 44*0-38, 48-8-19 lelephon ab 6 Ohr abends 38-5-80 Serie, ab V*0 Uhr abends 38-5-83., Druckerei: VII.jLerchenfeldorstraße 1 („lara“) Preise: Wien und Oesterreich durch Post oder Verschleißsteilen monatl. 6 Schilling. Bezttgsbedincungen für das A u s 1 a n d im Innern des Blattes. Wiener Morgmseitung SiSIKHIT bin litoir Rtflunkilhr IlfilJttr Äifentmitiert. Vis Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgasti lätlrtlLM.-llll»Ü58H!l. Volkstümliche Preiset Mittags-Menüs ä S 1*60 Direktion: OTTO KASER ER Rk. 3015 . Wien, Frettag.tt. guli 1927 9. gahrgaag Trauerkundgebung des Wiener Gemeiuderates. »Ws« Berlauf. — Die mit Spannung erwartete erste Gemeindemtssitzung nach den blutigen Vorfällen vom Freitag und Samstag ist ruhig und würdevoll im Zeichen der Trauer verlaufen. Die Gomemderäte erschienen fast durchwegs in dunkler Kleidung. Bürgermeister S e i tz, der sich von seinem gestrigen Unwohlsein soweit erholen konnte, daß er der Sitzung präsidieren konnte, kam in langem schivar-;em Gchrock mit schwarzer Krawatte. Nach Eröffnung der Sitzung erhoben sich sämtliche Gemeinderäte zum Zeichen der Trauer von ihren Sitzen und Bürgermeister Seitz hielt folgende . Gedenkrede: . -„Ein furchtbares und schreckliches Unglück hat unsere Stadt heimgesucht. Menschliche Sprache ist zu arm, um den Eindruck zu schildern, der uns erfaßte, als wir diese Zahl wn Toten, Sterbenden und Verwundeten sahen. , Wir haben gestern 57 Tote bestattet und eine noch ' größere Zahl siegt in dm Totenkammern der Stadt.' . Pwkch^-ullbtzrte Verwundete liegen in Schmoren darnieder und ringen Mit dem Tode. Wer nur einen dieser Menschen, die von den tückischen Geschossen getroffen wurden, sterben sah, der wird diesen Eindruck sein Leben lang nicht mehr los. Der, Gemeiuderat 'at, sich versammelt, um seinem Schmerze, feiner tiefen rauer, seinem Weh und Leid, das' das Weh und Leid r ganzen Stadt ist, ohne Unterschied der Partei lusdruck zu.gehen. Wir beklagen dieses Unglück, weil uns da s Menschenleben heilig ist, ebenso wie die Unantastbarkeit der Personen, wir beklagen es deshalb, weil diese Stadt in der. ganzen Welt als eine Stadt des Friedens gilt, weil diese Stadt im Jahre 1918 eine Revolution durchgemacht hat, ohne Blutvergießen, weil lvir solche Schreckenstage, in der Geschichte nicht verzeichnen können seit dem Jahre 1848. Wir beklagen eS deshalb, wsil dieses Blutbad in einer Zeit angerichtet wurde, in der Wir bemüht waren, durch Werktätige Arbeit und Fürsorge den Haß des Krieges a-zttLimen unh diese Stadt wieder neu aufzurichten. Mitten in diesem Aufbauwerke hat uns das Unglück erreicht. Ich werde heute von dieser Stelle ans nicht über Schuld und Verantwortlichkeit sprechen. Eine.strenge Untersuchung, die unter allen Garantier der Oeffentlichkeit durchzuführen sein wird, wird dies einwandfrei feststellen. . Seiwieder hergestellt. [Heute gilt unser Wort nur den Toten un- Verwundeten, den Vätern, Müttern und Kindern, allen Verwandten der Opfer gilt unser ganzes Denken. Ich habe angeordnet, -aß die Gemeinde Wien sämtliche Leichenbegängnisse ohne Unterschied der Partei, des Standes und der Konfession aus Gemeindemitteln bestreitet und, daß sofort ein Betrag bereitgestellt wird, um vorläufig die allerärgste Not -er Betroffenen zu lindern. . :- Wir gedenken aber in diesem Augenblicke auch aller derjenigen Organe der Gemeinde/ die in bewunderungswürdigem Opfermut mit seltener Hingabe und Hintansetzung ihres eigenen 'Lebens sich in. den Dienst der Allgemeinheit gestellt haben, um zu retten, was zu retten war. Unvergänglich, wird ihr Ruhm in . der Geschichte der Stadt sein. Ich spreche all diesen im Namen der Stadt Wien und in meinem eigenen Namen den Dank und die Anerkennung aus. Laute Klage erfüllt die Lüfte der Stadt, Weh und Trauer, Schmerz und Leid unsere Herzen. Wir werden der!Toten.in Ehren gedenken, wiphoffen, daß künftig ''soltze Opfer ve-emrch^den werden, bafr unsere Stadt in Frieden ihr Werk vollenden kann. Wir sprechen unser tiefstes Mitempfinden allen Familienangehörigen aus und geben der Hoffnung und demWunsche Ausdruck, daß die Verwundeten ehcistettS ihren Familien wiedergegeben werden und d a ß w e i J l f e Opfer nicht mehr fallen. Möge die Stadt Wiest in aller Zukunft vor so schrecklichem Unglück/ wie es ustß W bereitet wurde, verschont bleiben, möge sich das Aufbauwerk in Frieden voltziehen, damit die Stadt Wien wieder werde, was sie immer war, eine Stadt des Friedens und der friedlichen.. Arbeit." Der Bürgermeister schloß hierau f die Sitzung und berief den Gemeinderat für h e u t e, 5 U h r ^nachmittags, zu einer Geschästssitzung ein, in '-er voraussichtlich der christlichsoziale Dringlichkettsantrag auf Auflösung -er Gemeindewache gestellt wer- ' den wird. * Die Zahl der Toten hat sich gestern um einen vermehrt. In den Krankenhäusern liegen noch einige hundert Schwerverletzte, doch hoffen die Aerzte, daß es ihrer Kunst gelmgen wird, fast alle am Leben zu erhalten. Die Kranken erhalten sehr viele Besuche. Gestern statteten der Vizekanzler Hartleb und Polizeipräsident Schober in verschiedenen Spitalern Visiten ab. Die Leistungen der Aerzte und» des Personals der Spitäler sind geradezu übermenschlich gewesen. Kein Lob ist stark genug, um ihnen zu danken. Das österreichisch-tschechische Zollabkommen unterzeichnet. Ab 1«. August in Kraft. Gestem wurde daS Zusatzabkommen zum Handelsabereinkommm mit dir Tschechoslowakei unterzeichnet. Aus österreichischer Seite erfolgte die Fertigung vom Bundeskanzler Dr. Seipel und Bundesminister Dr. Schürfst ans tschechoslowakischer Seite durch dm Gesandten Dr. Bavreeka und den Vorsitzenden der tschechoslowakischen Bertragsdelegation Dr. Friedman». Das Zusatzabkommen enthält neben seinem allgemeinen Teile zwei Anlagen mit den gegenseitigen zolltarifarifchen 3 u g e st ä n d n i s s e n, eine weitere Anlage mit den Abänderungen des bestehmden Tiersenchenüberelnkommens und daS Schluß- Protokoll. Zu der vorläufigen Inkraftsetzung.des Vertrages sind in beiden Staaten die Regierungen ermächtigt. In Oesterreich bedarf es auch noch der Zusttmmung des Hauptausschusses des Nationalrates. Ns Termin für die vorläufige Inkraftsetzung des Abkommens wird nach den bisherigen Dispositionen der 10. August in Aussicht genommen.. 1 Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen | find durch ei« vorangesttztes E gekennzeichnet. i „BerglSnderbuud." I o. a. Kufstein, 13. Juli. I Hier, in der Grenzstadt des Bergländerbundes, wurde am 16. Juli eine Kundgebung der Tiroler Landesregierung an die Bevölkerung afsichiert. Man las, daß sich „in unserer Bundeshauptstadt Wien" ein furchtbares Ereignis Mgetragen hat. „Unsere Bundeshauptstadt..." Nein. Soweit das Auge reicht, haben hier die Staatsbürger einschließlich der Beamten und Behörden nicht das Empfinden, die Metropole ihres Staates/sei Von einem entsetzlichen Unglück heinrgesucht worden- Di« reichsdeutMn. Zeitungen, insbesondere die Münchener, die hier. frühzeitig eintreffen, bringen umfangreiche Berichte über, di« Wener Revolte und kommentiere» englische, französische, italienische, russische Blätterstimmen. Mm yeft — soweit ntan hier aufs Zeitungslesen eingerichtet ist, man muß sich für aG Fälle bei den Kiosken nicht drängen — von Brand Ustd Plünderung, Toten und Schwer Verwundetelk, Fensterstürzen und Verschleppungen, vernichteten Mlliardenivert^ Me Verbindung mit der heimgesuchten Stadt «Lgeschnrtten, in der die Regierung des Bergländerbundes residiert. Eine Katastrophe, eine schwere PrüfungDesterreichS> eine Erschütterung des Staatswesens, deren Folgen nicht Musehen find. Für die Kufsteiner, KiMheler, Rottenberger, vermuWY nicht minder für die Innsbrucker, ' Bregenzer, Salzburger, . Klagenfurter ist da» blutige Wiener EeiMs eh« „-eine Wiener Angelegenheit. Mrgländerbund... Kräftige, nicht so bald verriwcher^ EhchMke heS Meners, der die schweren Lage seiner Mnmtstadt hiep verbringt: In den,zahlreichen Gaststätten/KaMhaus-- undKoNditorvigärten wird fleißig musiziert. Bvr dem Bahnhof, mittchr im Gedränge der Menschen, die auf ALreisemöglichkeit warten oder telegraphische ErkmÄigüngän über das Schicksal ihrer Angehörigen einziehen möchten, halten Sandwichmänner ihre Plakattafel hoch, auf der die Einladung zu „Wiener Musik und Wiener Küche" prangt. Bor dem Hotel am Hauptplatz, im „Scham-Gartew^ legt eine Wiener Kapelle Wiener Walzer hin, im berühmten ,Mrracher Löchl" singen weinselige Bruderschaften zur Klampfe. Man schlägt sich irgendwo tief in der Türkei und Tirol ist ein Staat M sich. -Auf einem Lastautomobll, das jetzt, denke ich!, für Fremden- und Gepäckbeförderung gut brauchen wäre, fährt eine fesche landesübliche Blechmusik mit glänzenden Trompe. ten und reich befleckte» Hüten von ob# zu einem TraHenfest mitten durch die StM. Der Puls des Lebens hierzulande m Oesterreich ist normal fidel. Wo in aller Welt kann sichj hier Mängel an Gemeinschaftsgefühl innerhalb eines Staats^-, sens so ungehemmt demonstrativ ausleben? Konnten, MuH- Len nicht Gwtenkonzerte für müßige, geputzte SomOergW . abgestellt^ Straßenftstwitäöen rnWiert werden? ,; . Ein Neger, von zwei sauberen List-Girls in lüallrotetz ' Dreß Vegleittt, bläst ein fürchterliches Instrument und prsist eine Schuhpasta an. Hhrien^in der blumengeschmückte, mit Wimpeln behängen« „elegante" Kraftwagen im Koof-mich- Stil der Firma, die ausgerechnet jetzt mit «Anmut und KrM wall für ihre Ware wirbt. BezirkshauMkannschaft undWLagtz strat haben nicht s oi^uwenden. Der Zulauf der M-ri^e ist erguMch. Mm Wiener Zentralfriedhof schaufelt man M Stunde ein Massengrab. Die Arbeit der Totengräber wich eine Weile dauern. ' * Ich vergleiche das Lche» der Menschen hier mit dem Leben der Menschen in Wien, stelle.gewissenhaft fcfe harte Arbeit, den Mangel an kulturellen 'Gütern, stelle insbesondere die karge Lebenshaltung des Kleknhäüslers, Waldachesters in Rechnung. Und sche : Ein Paradies an Nerveuruhe, gesicherter Nahrung, gesunde«, freien, natuvmchen Begetierens hat der österreichische Melpler, während der Widnev, insbjefondere in-denletzten, gar im letzten Jahre einfach menschenunwürdig sorgte, dmbte, gejagt vom Gespenst der ArbvWlosigkoit dahinkeuchte. Und erkenne: diese spezifische Rät des Bewohners „unserer Bundeshauptstadt" kann kein geringer Faktor beim Musbruch der jüngsten Wiener Katastrophe gewesen sein. Hat man jenseits von Wkner-Neufladt und St. Pölten wirlltch nicht die blasse Ahmng, mdfjit daS leiseste Verständnis für bas spezifische Wiener Elend? Mte keiner ein Auge dafür, wie^ just der Fvemdenglanz . und Fremdenluxus, auf den Wien eingestellt ioerden Mußte, bi Verzweiflung der Desperados aufzustachelu, die Disposition zu rohen Gewaltakten bei jenen „dunkeln Elenrenten", die nichts zu verlieren haben, gar sehr zu fördern geeignet waren? Was haben die Mgeordneten, die Schreiber, die Ärh-