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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-21 · Heft 3014 (21.7.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3014 (21.7.1927)
Date
1927-07-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Donnerstag Wie«er Morgeuzeitung 31. Juli 1927 Nr. 8014 WMM4I Siche m am Fuße des Berges Gerizim keinen Wohnsitz hat. Sämtliche Häuser des Stammes sind zerstört. Die Samaritaner kammerm in Zelten außerhalb der Stadt und leiden buchstäblich Hungersnot. Einer ihrer Aeltesten bezeichnet« den Zustand als so schlimm, „wie zur Zeit des babylonischen Exils". Nach einer Meldung des deutschen Generalkonsulats m Jeruftlem sind bei den schweren Erdbeben in derdeutschen Kolonie leine Personen zu Schaden gekommen. Die Sach: beschad-igungen sind v e r h äl tni s mä ß'ig gering; die deutschen Kolonien im Lande sind, soweit bisher festzustellen war, wenig von dem Erdbeben betroffen worden. Die deutschen Anstalten in Jerusalem sind mit Ausnahme der Oelbergstiftung, dem Sihe des Oberkommissärs, die überaus schwer beschädigt worden ist, nur wenig in Mitleidenschaft ge- Pgen worden. ßrdbebe« fo Messina- „Messaygero" berichtet aus Messina, daß gestern nachts fxt Trli--i sin starke- Erdbeben verspürt wurde, das sich piä n i g e M a l e w i e d e r ih o! t e. Die Bevölkerung verbrachte 'sie Nacht im Freiem. «ein englisches Bifnm mehr. Ab l. August brauchen österreichische und britische Staats- -^gehörige zum Betuche der beiden Länder kein Visum mehr, sondern nur einen giktigen Paß. Ae hebräische Universität in Jerusalem. Bon Anitta Müller-Cohen. Jahrtausende lang ist Palästina für das über die ganze Erde zerstreute jii&ifdje Volk ein fernes, geliebtes und ersehntes Traumbild gewesen. So sehr die zionistische Biegung in den letzten Jahren auch zugenommen hat, so sehr wir wissen, daß heute tausende Juden täglich und stündlich durch ihre Arbeit und ihr Wollen sich den Boden ihrer Väter zu eigen machen, fo ist es doch noch immer dielen Tausenden ein Traumbild geblieben. In diesen letzten Tagen, seitdem die Nachricht von der Palästinakatastwphe zu uns gekommen ist, erlebe ich es über so recht, wie schr dieses Land mit dem jüdischen Volke in der ganzen Welt innig und nah verbunden ist. Von früh morgens bis in die Abendstunden hinein fragt man mich nach den letzten Nachrichten aus Jerusalem, Hunderte Menschen erkundigen sich nach dem Ergehen ihrer Verwandten, die drüben leben, und immer wieder wird die Frage an mich gerichtet, die Naturkatastrophe, die das Land heimgesucht hat, einen schädigenden Einfluß auf ferne weitere Entwicklung haben kann. Demgegenüber müssen wir nur vor allem konstatieren: der Schaden, welcher im Lande angerichtet würbe, ist durchaus kein unersetzlicher. Gewiß. Wir stehen mit tiefer Erschütterung vor diesem Ereignis. Es erfüllt uns mit Leid und Trauer, daß zu den vielen schweren Prüfungen, welche die Immigranten im Lande zu ertragen haben, auch noch diese hinzugetommen sind. Der Gedanke rn die Menschenleben, die zu beklagen sind, ist uns fürchterlich. Aber es wäre absolut verfehlt, wenn wir von diesem Bedauern und von diesem Schmerz« in eine absolut unberechtigte Depression, in eine Krisen- und Katastrophenstrmmung uns hineinreißen lassen würden. Das wird uns so recht deutlich, wenn mir an die hebräische Universität in Jerusalem denken. Wundervoll erhebt sich auf dem Berge Skopus das Gebäude der Universität, das mehr ist als Stvlz und Hoffnung des Landes und des jüdischen Volkes überhaupt, ein Symbol des wiedererstehenden Palästina. Bei seiner Eröffnung waren die Bertttter aller bestehenden Universitäten der alten und neuen Welt versammelt, und sie gaben der jüngsten und elgenarttgsten Lehrstätte tausend gute und schöne Wünsche mit auf ihren Llrbeitsweg. Per Ad es wird Weiler gehetzt. Gestern wurde der wöchentliche Ableger d^s nationalsozialistischen Tagblattes bmfisziert. Man muß dabei wissen, daß dieses kläffende Wochenblättchen wohl das gemeinste Erzeugiris ist, daß je von Setzmaschine und Druckerschwärze hergestellt wurde. Wenn bas Organ der Nationalsozialisten zum Pogrom hetzt, so brüllt dieses Pamphlet zu offenen: Mord undJudentvtschlag. ES scheint, daß unsere Artikel doch irgendwie von Wirkung gewesen sind. Das tägliche Organ der Hakenkreuzler ist gemäßigter geworden und das tobende Sudelblättchen nmrd« konsisziert. Aber wie sieht die Konfiskation aus! Die zweite Auflage mit den weißen Flecken enthält derartige Niederträchtigkeiten, enthält einen solch unfaßbaren Nijederschlay von Schmutz und Dreck, daß man sich mit diesen Geisterblitzen radikaldeutschen Genies nicht weiter zul befassen braucht. Wir nicht, aber der Pressestaatsanwalt! Ruhig läßt er es zu, daß Tod und Mord, und Raub und Plünderung gepredigt und die ausnahmslose Vernichtung der Juden in Oesterreich gefordert wick. Wozu wurde die Konfiskation durchgeführt? Wollte man eine leere Geste machen um so allen Angriffen zu begegnen? Das ist zu wenig, H'err Pressestaatsanwalt! Wenn schon, dann wirklich,aber so sieht es aus wie eine Frozzelei! Wir sind nun der bescheidenen Meinung, daß für Frozzeleien, für Scherze, jetzt kein Platz ist! Denn aus derart Ligen Scherzen kann eine furchtbare Tragödie werden! Ueberdies hatte jeder Kolporteur — vor dem abgebrannten Justizpalast wurde dieses faschistische Blatt besonders stark angepriesen — unter den Exemplaren der zweiten Auslage haufenweise diekonfiszierte Nummer liegen, und ganz offen wurde dieses beschlagnahmte Blatt jedem Passanten angetragen. Eine merkwürdige Beschlagnahme, fürwahr! Feuer auf dem Graben. Gestern nachmittags gegen 3 Uhr stand der 1. Bezirk im Zeichen einer großen Beunruhigung. Löschzüge der Feuerwehr rasten durch die Rotenturmstraße gegen den Graben, wo aus dem Dache des vierstöckigen Hauses Nr. 14 Flammen he raus schlugen. Da zur gleichen Zeit in der Umgebung der Autoreifen eines Autos platzte, wirkte dies zusarmnen mit delN cruflodernoen Feuerschein, dem Rasseln der Feuerwehrtrains und der hin- und hereilenden Menschen beunruhigend und erschreckend. Unter dem Eindrücke der Stimmung der Ereignisse der letzten Tage und des gestern zur gleichen Zeit erfolgten Begräbnisses der Opfer bemächtigte sich des Publikums eine arge Panik. >. Erst allmählich stellte sich die tvahre Tatsache der Situation heraus. Wahrscheinlich dürfte durch unvorsichtiges jWegwerfen eines Zigarettenrestes oder unvorsichtigen Häntierens von Spenglern, die am Dache arbeiteten, das Feuer entstanden sein.-Die Mion der Feuexwehr hatte nach eineinhalbstündiger »Arbeit Erfolg, der Brand/ der erheblichen Schaden anrichtete, konnte lokalisiert und schließlich gelöscht werden. greise Lord Balfour war erschienen, und niemals ist wohl ein Sieger und Eroberer so sehr im Mittelpunkt der Begeisterung und Liebe gestanden, wie dieser Mann, d«r auf unblutige Weise durch die Kraft der Weisheit und Gerechtigkeit einem ganzen großen Volke das Heimatland wiedereroberte und schenkte. Stürme der Dankbarkeit umbrauften ihn, und alle Juden, die vielleicht dem großen Palästinawerk noch zaghaft gegenüberstanden, fühlten sich zu neuer Hoffnung krmutigt, als sie diesen großen schwierigen Plan der Errichtung einer hebräischen Universität Wirklichkeit Zwecken sahen. Noch niemals ist wohl unter so schweren Umständen eine Universität ins Leben gerufen worden, wie die in Jerusalem. Es ist die erste Universität in hebräischer Sprache, das heißt also, es besticht nicht nur das Problem, wie bei einer jeden anderen ähnlichen Lehrstätte, geeignete Lehrer zu finden. Diese Lehrer müssen auch sämtliche die hebräische Sprache beherrschen, und zwar nicht nur die gewöhnliche Umgangssprache, sondern, was tausendmal seltener ist, die Fachsprache ein«S jeden Gebietes. Es heißt nun diese Gelehrten aufzufinden und sie nach Palästina zu verpflanzen. Das ist gewiß nicht leicht. Es verlangt von diesen Männern das Aufgeben ihrer gewohnten Lchenswei.se, den Verzicht aus ein« Karriere, die sie bisher klar vor sich gesehen haben, gewiß auch materielle Einbußen der verschiedensten Art. Freilich ist der Lohn, der ihrer wartet, groß. Wenn sie erst mit allen tausenden Schwierigkeiten fertig geworden find, z. B. mit der Frage der Lehrbücher, die es vielfach in dm einzelnen Fächern in hebräischer Sprache, gar nicht gibt, dann erleben sie mit Glück und Staunen, wie die jungen Menschen hier ihre Schüler werden, ganz im Glück der Arbeit aufgehen. Man muß nur einmal den Zauber dieser ganz wundervollen, einzigartigen Landschaft in sich ausgenommen habm. Wer einen Sonnenuntergang hier oben erlebt hat, der das ganze Land in ein Meer. von Licht und Farben taucht, auf der einm Seite liegt die ewige, heilige Stadt Jerusalem mit ihrm Türmen und Mauern, auf der anderen schweift der Blick bis znm Toter: Meer und zum Gebirge Moab. Di« Vergangenheit steht auf und erfüllt unsere Herzen mit dem Schauer und mit dem Stolz der Ewigkeit. Niemand, der hier lebt, kann sich diesem Eindruck entziehen. Er erfüllt sein Herz mit der Begeisterung, die ihn stark macht, alle Hindernisse zu überwiOen Der bche Beweis für die RWgfttt des. ßte* 1 gilt Seufationsprozeb in Frankreich. Sin zweiter Laadru. Paris, 20. Juli. Heute beginnt in Melun der Prozeß gegen den 40jährigen Kaufamnn Eugene Guyot, der im August vorigen Jahres während eines Auto mobilauSflugeS feine Freundin Marie de la Beulaguet erwürgt und den Leichnam dann auf freiem Felde verbrannt hat. Anläßlich dieses Prozeffes wird daran erinnert, daß die erste Gattin Guyots im Jahre 1919 in ihrem Bette mit einer Kugel in der Schläfe tot cmfgefunden wurde, und daß ein Jahr später seine zweit« Frau unter vollkommm analogen Umständen in einem Hotel in Monte Carlo ums Leb--' gekommen ist. Mar Aedemmms SS. Seburtstag. Das Mrjche Bekenntnis des Künstler«. Max Liebermann, dessen 80. Geburtstag di« Wett der Kultur und Kunst begeht, hat einmal an der Berliner Romanschriftsteller Georg Hermann eineninteressanten Bne, gerichtet, der sich auf dessen Buch „Dkv doppelte Spiegel" bezieht. Die „Frankfurter Zeitung" veröffentlicht dieses tapfere und chrenyafte Bekenntnis eines Wischen AdelSmenschen. ES heißt darin: „Bor Jahren, alck ich mal mit Einstein Wer Antisemitismus sprach, sagte er: „Die Juden sollten nicht Anttsemtten sein". Und ich glaube, er hat damit den Nagel auf den Kopf getroffen. DaS ist das Fürchterliche, daß die Juden keinen Stotz haben, und dieser Mangel macht sie so verächtlich. Ich sehe ein Hauptverdienst Ihrer Schrift darin, daß Sre sich mit den verkappten Antisemiten, die sich gerne alN judenfreundllch a^ffpielen, auseincmdergesetzt und ihnen die Wahrheit gesagt haben, denn um die RadammMmiten braucht man sich nicht zu kümmern. Erst seit der Antisemitismus die sogenannten Gebildeten ergriffen hat, ist er so gefährlich geworden, erst seit er Universitäten erobert hat; man achtet den einzelnen Juden, um die Gesamtheit um so toller vier« achten zu können. Ich empfinde es als höchste Beleidigung, »venn ein Christ mir sagt: „Ja, wenn alle Juden so wären wie Sie," Worauf ich stets mit Bertyold Auerbach antworte: „Wenn alle Christen wie ich wären"!. Hoffentlich findet Ihr Buch Widerhall bei den Juden, denn dann würde es auch bet den Christen d'eni & wünschten Eindruck machen." Wdenvmg an Llevermnn. Me aus Berlin berichtet wird, hat Reichspräsident Htndenburg dem Professor Lieber mann zum 80. Geburtstag den Adlerschild des Reiches mit einem schmeichelhaften Schreiben übermittelt. Namens der Regierung gratulierte der RieichiSvanKlier Dr. Mar x; Unterrichtsminister . Dr. Becker überreichte die goldene Staatsniedaille und «inen sWerneq Kasten mit den Photographien der 100 Gemälde der Li< verma nn-Ausstellung. sagten ist vielleicht her Leiter der Universität Dr. MagneS selbst. Und dieser Mann, der von dev ersten amerikanischen Gesellschaft verehrt und verwöhnt wurde, verließ seinen Wirkungskreis in Newyork und übernahm die schwere iAufgabe, die Universität ins Leben zu rufen und zu leiten. Welche Genugtuung muß aber diesen Mann erfüllein trenn er sieht, wie schr seine Arbeit Erfolg getragen hat, seine Energie nicht allein, auch der große Einfluß, den er an. maßgebenden Stellen hat, seine vornchuft, kluge und zielsichere Art, fein immer taktvolles Wirken und feine eminente Kenntnis haben bewirkt, daß sein Wirke» nicht nur von. Jahr zu Jahr, sondern, man kann wohl sagen, von Tag zu Tag gedieh. Aus allen Teilen der Ecke strömen die jungen Menschen herber, um den Segnungen der Universität teilhastig zu wecken. Dr. Magnes findet aber immer noch Zeit, sei« großes soziales Interesse z^i bekunden. Ich hatte die Ehre und daS Glück, unter seiner Leitung an finem Hilfswerk zu arbeiten, welches für die durch die wirtschaftliche Keift schwer getroffene Bevölkerung von Del Awiw geschaffen wucke. Wo immer im Land Rat und Hilft gebraucht werden, dort wendet man sich an Dr. Mrgnes, der wirklich einer der geistigen Führer deS neuen Palästina geworden ist UW nun meine ich, daß ein Institut, dem ein solcher Mann vorsteht Und dem eine Reihe ft energischer, ft zielbewußter, ft bewährter Männer zur Sette steht, nicht dadurch geschädigt wecken kann, daß ein Teil seiner Gebäude zusammenstürzt. Nicht das Haus, der Geist ist eS, der eine Universität bildet. Die hebräische Arbeit in Jerusalem wird ihre Arbeit fortsetzen, um ft mchr, als ja das Haus selbst nur in einem geringfügigen Teil durch die Katastrophe getroffen tvurde. Und wie die hebräische Universität, so ivtck auch das übrige Palästina, das neue jüdische Palästina weiter arbeiten, wird die eingestürzten Häuser neu aufbauen, wird vernichtete Kulturarbeit vor: neuem errichten. Schwerere Katastrophen haben einzelne Teile der Erde heimgesucht; auch die Menschen San Franziskos, auch die Japaner haben weiter gebaut, ohne daß di« fürchterlichen Erschütterungen, welche ihre Heimat getroffen haben, ihr« Zuversicht, ihre Liebe zum Boden und ihr Heimatstzefühl gemindert hätten. So ist auch in d«n Juden Palästinas trotz der Schicksalsschläge, welche über sie yereinbrachen, der Mut zur Arbeit, der Glaube an ihr Palästina hAgchrochen gtzbfifthen-

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