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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-21 · Heft 3014 (21.7.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3014 (21.7.1927)
Date
1927-07-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien. Donnerstag L»torgett^e,rnng 21. Statt 102. Nr. 3014 gtiraBama auslösen, wie wir sie am vorigen Freitag erlebten. Es mag tritt vielen auch Unrechtes geschehen sein, aber sie alle waren von dem Gedanken beseelt, Recht m n ß R e ch t bleiben. Und dafür sind, sie gestorben. Uttd gingen so in die Weltgeschichte ein. Ihr, da ihr tot darniederliegt, sprecht mit taufend Züngelt zu uns Ueberlebenden: Hütet das Recht, für dessen Achtling wir gestorben sind!" Nach dem Redner nahm für die k o m rn n " i st i s ch e Partei Johann Koplenik das Wort. „Wir Kommunisten" — sagte er - .bekennen uns zum 16. und 16. Juli und werden rastlos im Sinne der Toten sortfahren." Die etwas aufreizende Rede löste bei den Tmuergästen peinliches Befremden aus, und der nächste Redner Dr. Fritz Adler reflektierte auf diese indirekte Aufforderung zu neuem Greuel. „Es ist ein tragischer Widerspruch" — führte Dr. Adler aus — „zwischen den revolutionären Motiven und den revolutionären Möglichkeiten. Wie stark die revolutionärölt Motive find, haben wir am 16. Juli erlebt, wir haben aber auch geseheu, wie wenig revolutionäre Möglichkeiten ihnen im Augenblicke gegenüberstehen. Es gibt vorderhand keine Möglichkeiten, auf Grund der historischen Lage die revolutionären Leidenschaften auszunützen. Aus diesem tragischen Konflikt müssen wir die Lehre für die Zukunft ziehen, daß wir auch weiterhin den Weg zu gehen haben, den wir bisher in Oesterreich gegangen sind. Mit Besonnenheit und Berantwortlichkeitsgefühl alle Kräfte zusammenzufassen, um so allmählich die revolutionären Er- 1 rungenschaften zu erkämpfen." . * Dr. Adler überbrachte sodann die Grüße fast sämtlicher sozialistischer Organisationen des Auslandes und der sozialistischen Internat i o n a l e. Unter den Kränzen befand sich auch einer, den eine Abordnung Reichsbannerleute niedergelegt hatte sowie ein Kranz der Wachebeamten, den eine Abordnung von Polizisten in Zivil am Grabe nieder gelegt hatte. Auch eine Abteilung der Wehrmacht nahm an den Trauerfeierlichkei- ^en teil. Racb den offiziellen Ansprachen wurden die Särge eingeUvcise zu der Grabstätte getragen. Mitglieder der neuen Gemeindewache senkten beim Berübertragen der Särge rote, mit schwarzem Trauerflor umhüllte Fahnen. Zwanzig 'Särge tvurden in das gegenüberliegende Krematorium gebracht, die Asche wird dann ebenfalls in den gemeinsamen Gräbern beigeseht. Die übrigen wurden, soiveit die Angehörigen dies wünschten, zuerst eingeseguet und dann bestattet. Der einzige Jude, dev gestern begraben wurde, fand mit Zustimmung seiner Angehörigen auch in bcu g e m c i n s a m e n G r äb e r n die letzte Ruhe. Vier Reihen von Gräbern, eines dicht neben dem anderen, lvaren aufgetvorfen, um die Toten aufzunehmen. Beim Herannahen der Särge leisteten die Mitglieder des Schutzbundes die letzte Ehre und eine Kapelle spielte Trauerchorale. Beim Herablassen der Särge spielten sich furchtbare Szenen ab. Ununterbrochen mußte die Rettungsgesellschaft ohnmächtige Frauen und Kinder vom Platze tragen, andere wieder rauften sich die Haare, wollten sich die Kleider vom Leibe reißen und mußten mit Gewalt entferrtt werden, um Platz zu machen für die nächsten, die sie in ihrem Schmerze abläsen mußten. Als der 18jährige Karl F r a n z e begraben wurde, sangen seine Kameraden das Wanderlied: „Wir sind jung und das ist schön..." Um 2 Uhr nachmittags hatten die Trauerfeierlichkciten begonnen und erst lange nach 6 Uhr abends fiel die letzte Scholle auf die Opfer des blutigen Freitag. Robert Schreier. Arbeltrruhe. Zum Zeichen der Trauer wurde um 2 Uhr in allen Betrieben die Arbeit für eine Viertelstunde eingestellt. Auch die Wagen der elektrischen Straßenbahn hielten auf offener Strecke. zwei Unöelannte agnosziert. Nunmehr wurden zwei der drei unbekannten Toten vom 16. und 16. Juliagnosziert, und zwar Ignaz Hintere ck o r, Rueppgasse 38, und Hermann P r u b e n e tz, Blumgasse 17. i.i r?.;r: in a.ig. vt;r , >;.c t-ourtge ßtofct Leichenfeier i st o bne j c c c it Zwischenfall verlaufen. Es w.ir>e in diesi,, Tagen »eia einziger Fremder belästigt, geschiveige denn irgendwie beschädigt. Die amerikanischen Reijen tn können i»t vo lst°r Sicherheit M«n besuchen und werden in unserer Stadt wie immer von der Bevölkerung und den Behörden hcrzlick'ü willkommen geheißen. Rumäniens Problem. -y, Wien, 21. Juli. Der König von Rumänien ist gestorben, und fein sechsjähriger Enkel betritt an der Hand eines dreigliedrigen Regentschaft-rates den Thron. König Ferdinand war schon feit langer Zeit sehr schwer krank, und sein Leben bildete seit Moltaten einen qualvollen Kampf mit dem Tode. Der Thronwechsel findet das Land in einem Zustand der unklarsten Verhältnisse. Die Wahlen sind eben abgeschlossen worden, und sie haben der Regierung Bratianu die unbedingteste Mehrheit in Kammer und Senat gebracht. Die Partei des gewesenen Ministerpräsidenten, de- Generals Averescu, ist aus dem Parlament verschwunden. Ob sie tatsächlich so geschwächt ist, daß sie tm Wahlgang nicht einen einzigen Sieg erringen konnte, ist eins Frage, die aus der Ferne nicht gut beantwortet werdeH kann. Der Sieg der Regierung hat auch die sozialiftischs Partei, die freilich nicht bedeutend war, hmweggernfft, und gleichzeitig sind auch die Cuzisten, die Partei des JudenmordeS, von der parlamentarischen Tribüne entfernt worden. Wer neben den in der politischen Oeffentlichkeit sichtbaren Grttppierungen bestehen zumindest die Reste der Geschlagenen fort, und dies ist als Lein gute? Zeichen zu deuten. Der Sieg der Regierungspartei, dih sich liberal nennt, war zu groß und zu umfangreich. Es ist nicht von Vorteil, wenn Parteien von der legalen Vertretung ihrer Anschauungen abgedrängt werden. Es liegt für sie der Anreiz vor, sich in jeder Weise, auch in der illegalen, auszuleben. Das trägt in dst politische Entwicklung Rumäniens eine sehr bedenkliche Beunruhk gung. Der Standpunkt des Bürgermeisters. SM ift erkrankt. Für gestern nachmittags hatte der Bürgermeister Seitz Vertreter der in- und ausländischen Presse zu einer -Besprechung ins Rathaus geladen, um seinen Standpunkt Mer die letzten Ereignisse mitzuteilen. Doch konnte der Bürgermeister wegen Unpäßlichkeit nicht e r s ch e i n e n. An seiner Statt kamen die Stadträte Breitner und Professor Tandler. Stadtrat Breitner vermittelte den Anwesenden die Auffassung des Bürgermeisters über die letzten Vorfälle. Er erklärte u. a.: „Aus welchen Ursachen immer diese Ereignisse entstanden sein mögen, .obenan steht die Tatsache, daß in den Straßen Wiens beinahe hundert Menschenleben einem Ausbruch der Leidenschaften zum Opfer gefallen sind. Diese Tatsache laßt keinen Raum für kleinliche politische Erwägungen: die Toten sind der Politik entrückt und nur die geschändete Menschenwürde steht mahnend vor uns. Was die Ursache der traurigen Ereignisse anbelangt, so ist es gleich töricht, sie in einem vom Auslande ange stiftete n bolschewistischen Komplott«. wie in einem vorbereiteten Ueb erfüll der Reaktion suchen zu wollen. Was sich an dem blutigen Freitag ereignet hat. war zuerst eine Entrüst ü n g s k u n d g e b u n g über ein Fehlurteil, das den Mord zweier Menschen ungesühnt ließ, es war ein elementarer Ausbruch der Massenleidenschaft, der dann durch die entfesselte Mechanik der Gewalt in baß Gegenteil, in ein besinnungsloses Ausnützen bewaffneter Uebermacht um -- s ch l u g. Die Polizei sah sich einer Empörung gegenüber» deren Umfang sie so wie wir anderen alle nicht voransgesehen hatte, fühlte 'sich offenbar schwach und gebrauchte in dieser Lage von Anfang an andere als die gewöhnlichen Mittel. Ich will nicht bestreiten, daß Fehler geschehen sind, gleichwie niemand beschönigen will, daß es in Wien, wie in jeder Großstadt, Elemente der Tief?gibt, die sich bei solchen Gelegenheiten an die Oberfläche drängen und Dinge getan haben, die von der organisierten Arbeiterschaft dieser Stadt, deren Disziplin w e l t b e r ü m t ist, sogleich auf das schärfste, zurückge wi e sen wurd-en/Jm Kampfe gegen diese Taten übler Instinkte, gegen die entfesselten Elemente des Feuers und der Gewalt, haben sich neben den organisierten Abteilungen' der Arbeiterschaft insbesondere. die kommunale Feuerwehr und Sanität sowie die Freiwillige Rettungsgesellschaft durch heldenhafte Pflichterfüllung hervorgetan. Bei den weiteren Vorfällen des traurigen Tages ist eines unbestreitbar und muß offen bekannt werden: Entgegen allen Vorschriften des Gesetzes und der Menschlichkeit haben Polizeiorgane wiederholt g,schossen, ohne direkt angegriffen zu fein und ohne vorher an die Menge eine Aufforderung zur Räumung des Platzes gerichtet zu haben. Darüber wird eine strenge Untersuchung in aller Oeffentlichkeit und unter allen Garantien zu führen sein, damit die Schuldigen zur Verantwortung gezogen und Maßregeln getroffen werden können, die für die Zukunft eine Wiederholung ausschließen. Der Abbruch des Streiks hat die Situation völlig geklärt. Der Gememdergt und der Nationalrat sind bereits einberufen: die freigewählten Volksvertretungen haben nun das Wort. Man hatte vielleicht erwarten können, daß die Regierung schon früher ein Zeichen der Versöhnung gegeben Hütte, daß sie irgendwie hätte erkennen lassen, daß es ihr nicht gleichgültig ist, wenn in der Bundeshauptstadt Wien hundert Menschen getötet worden. Die Negierung hat das nicht getmt; sie hat geglaubt, einem außergewöhnlichen Ereignis mit den gewöhnlichen Mitteln der landläufigen Politik begegnen zu sollen. Aus dieser Kraft und Besonnenheit dev arbeitenden Bevölkerung dieser Stadt schöpfen wir die berechtigte Hoffnung, daß sich derlei tragisch« Zwischenfälle nicht mehr wiederholen werden." Dann beantwortete Stadtrat Breitner eine - Anzahl von Fragen aus der Mitte der Pressevertreter, die alle das Problem der Gemeindeschuhwache berührten. Stadtrat Breitner bemerkte, daß die Angelegenheit der neuaufgestellten Schutzwache auch dem Gemeinderat voxgelegt werden wird. Schon vom Standpunkte der Kosten aus. Die Funktionsdauer der Wache werde sich vielleicht nur auf die Zeit der noch nachwirkonden Stimmung beschränken. Die Schutzwache fei bewaffnet und habe einen Teil ihrer Waffen von der Polizei erhalten. Ueber nähere Einzelheiten ihrer Bewaffnung erklärte sich Breitner als nicht informiert. Das Recht der Gemeinde auf Aufstellung einer Wache zum Schutze des Gemeindeeigentums b e st e h e klar und sei auch von n i em a n d e m bestritten worden, llebrigens seien die Zahl und die Konstruktion dieser Wache keineswegs geeignet, um Beunruhigung hervorzurusen. Die Mitglieder der Stadtschutzwache, die pro Kopf täglich inklusive Verpflegung ungefähr 8 Schilling kosten, seien mit dem gestrigen Tage aus dem Rathaus evakuiert worden; drei Schulen, zwei in der Inneren Stadt und eine in einem äußeren Bezirke, bilden ihre Unterkunststätten. Zu Reibungen mit der Polizei ist es bisher nirgends gekommen. Der Mrgermeifter berichtet nach Parle. Laurence Hills, der Chefredakteur der Tageszeitung „Nowyork Herald", hat an Bürgermeister Seih das Ersuchen um Mitteilung über die Lage in Wien gerichtet. Ter Bürgermeister hat heute das folgende Aintwortteftgramm abgeschickt: „In Wien ist nach den traurigen Ereignissen der Vorwoche vollkommene Ruhe eingekehrt und in allen Betrieben Oesterreichs wird normal gearbeitet. Dev gchrmk J Dies ist für Rumänien und für Mitteleuropa eins sehr schwere Belastung. Rumänien hat unter deck eben verstorbenen König eine sehr bedeutende Vermehrung des territorialen Besitzes erfahren, und die Staatsklugheit hätte erfordert, daß die restlose Eingliederung der neuen, Gebiete unter der weitgehendsten Liberalität und Bedachtnahme auf erworbene Rechte erfolgt. Ein« Mittionenbevölkerung kann sich weder politisch noch wirtschaftlich, noch sozial aus einer in Jahrhunderten entstandenen Verbundenheit so rasch lösen, als dies der Siegerwitt«! heischt. Ein Krieg und «ine Niederlage schlagen tief« seelische Wunden/ die sehr vorsichtig behandelt werden wollen, wenn die Aussöhnung mit den neuen Verhältnissen gelingen sott. Der Ausgang des Krieges hat in allen Staaten, die auf die Seite der Sieger geraten sind, «in Anschwtzllender bösesten, nationalistischen Strömungen gezeitigt. Sie haben sich auch in Rumänien verstärkt, und zu Entartungen des Rechtslebens utrd der inneren" Ordnung geführt, die an alte Gewohnheiten der rumänischen Chauvinisten anknüpsten Besonders arg lvurde die Judenfrage behandelt, ein in der Geschichte des Landes stets aktuelles Problem, und es war eine quälende Erinnerung, daß sich bei dem kürzlich gefeierten Jubiläum der staatlichen Unabhängigkeit diese Frage automatisch an-- meldete. Jeowede Staatsräson verlangt es, daß der antisemitisch? Exzeß dem Rechtsteben fern bleibt. Die Entrechtung Mer Schichte der Bevölkerung wirkt auch auf die Stellung der anderen, und sie wirkt auch auf di« Wertung des Staates im Auslarw. Und dies um so mehr, wenn diese Lücke des lltechtstebens noch durch Ausschreitungen solchen Kalibers erweitert wird. Di« Juden des alten wie des neuen Gebietes sirch in einer Weise mißhandelt worden, die an die ärgsten Zeiten erinnert. Sie sind an Leib uno Leben bedroht, um ihr primitivstes Bürgerrecht gebracht worden. Es ist zuzubilligen, daß die knapp vor den Wahlen eingesetzte liberale Regierung sich bemüht hat, wenigstens die schlimmsten Ausartungen einzustellen. Aber für sie wie für jede andere liegt die Versuchung sehr nahe, bei schwierigen Situationen den Ort des geringsten Widerstandes aufzusuchrn, und das ift wi" überall der Juden Punkt. Rumänien ist ein Land mit Minoritäten, und es Hai im Friedensvertrag, der ihm so Großes gebracht hat, Verpflichtungen übernommen. Rumänien nimmt auf dem Balkan eine besondere Stellung ein. W hat sich durch den Beitritt zur kleinen Enteiste eins Sicherung feiner Integrität geschaffen, die ihm sehr wohl die Möglichkeit gibt, sich im Innern frei und ungestört zu entwickeln. Sein wichtigstes Problem ist das agrarische, und man sollte glauben, daß ein solcher Staat alle Ursache hätte, die Energie und Kraft aller Einwohner für den Aufbau und die Ordnung der neuen Verhältnisse h«ranzuziehen. In bezug auf die jüdische Bevölkerung ist das bisher nicht geschehen. Sehr zum Schaden der Wirtschaft des Landes, zu deren Evolution im Modernen Sinne des Wortes die Juden ungeheures leisten können. Die rumänische Landbevölkerung lebt mit ihnen im guten Einvernehrnen, aüor di« Intelligenz ist derart verhetzt und vergiftet, daß mich ein« vom besten Willen beseelte Regierung vor einet schier unlösbaren Aufgabe steht, solange sie nicht den Mut findet, der Seuche mit der Berufung auf den Imperativ des Staatswohles entgegenzutreten. Di« Fragen, die die Regierung jetzt vor sich findet, erfordern es, daß wenlgsttzns nach diesw. Seite hin AMtze gesihchen wird.

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