Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3014 (21.7.1927)
- Date
- 1927-07-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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| Preis itög I Redaktion, Administration: Wien, n.,Tal>örstr.l Telephon 44-0-38, 43-3-19 Telephon ab 6 Uhr abends 33-5-80 Serie, ab »/rS Uhr abends 38-5-83. Druckerei: Vll., Lerchenfelderstraße 1 („lnra“) Preise: Wien und Oesterreich durch Post oder Verschleiß« stellen monatL 5 Schilling. Bezugsbedingungen für das Ausland im Innern des Blattes. Wiener lieflfp Rathaoskeller Klltisttr Aifmthiltsort. Vis Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wie* der Stammgast 1 Bitirlul. Qni.-f ikiT. js g isf*. Volkstümliche Preise 1 Mittags - Menüs & S 1*60 Direktion: OTTO KASERER Nk. 3014 Men, Donnerstag, 21. gnli 1927 9. Jahrgang AromechselinRumiinien. König Ferdinand gestorben. — Sein Enkel Michael znm König Proklamiert. — Einsetzung eines Regentschaftsrates. Sinaia, 20. Juli. Heute nachts ist König Ferdinand in Sinaia gestorben. Eine halbe Stunde vor Eintritt des Todes ließ der behandelnde Arzt, Dr. M a n e l e n a» die Mitglieder der Familie benachrichtigen, daß der Tod in kurzer Zeit eintretm werde. Jul Krankenzimmer versammelten sich hierauf Königin Maria von Rumänien, Königin Maria von Jugoslawien und die griechische Exkönigin Elisabeth mit ihrem Gatten und Prinz Nikolaus. Um y43 Uhr ist der König sanft hinübergeschlummert. Sofort nachdem der Arzt den Tod des schon längere Zeit bewußtlos gewesenen Königs feststellte, wurde die Negierung in Bukarest vom Ableben des Herrschers verständigt. Um 4 Uhr früh trafen mit einem Sonderzug Ministerpräsident B r a t i a n u und Justizminister Popescu in Sjyaia ein. ^We mußten verfassungsmäßige Feststellungen über das Ableben des Königs vornehmen. Vor allem mußten sie sich nach der Verfassung persönlich vom Tode des Monarchen überzeugen. Im KrgtzOWHmer des Königs wurde in'' Anwesenheit -Ns.. MinisterprKsWtten und des Jüstizministers, der Königin^ Maria und des Aerztekollegiums der Tod amtlich festgestellt und hierüber e i n e Urkunde verfaßt. Wie „Orimtradio" meldet, ist der R e g e n t s ch a f t srat in Funktion getreten. Er besteht aus dem Prinzen Nikolaus, dein Ministerpräsidenten B r a t i a n u und >»em Patriarchen M i r o n. Die letzte» Stunde« »es Königs. Bukarest, 20. Juli. (Wolff.) Deo Zustand des Königs, der sich in den letzten Leiden Tagen zusehends verschlechtert hatte, war gestern abends rasch in das kritische Stadium getreten. Gegen Mitternacht erhielt der König die Sterbesakramente. Er verschied morgens um halb 3 Uhr. Am Sterbelager befanden sich die Königin, die jugoslawische Königin, der frühere König und die frühere Königin von Griechenland/ der rumänische Kronprinz M i ch a e l, Prinz Nikolaus und Prinzessin Jleana. Der König war bis zum letzten Augenblick bei vollem B ewu.ßts ein und hatte einen sanften Tod. - In Bukarest und im ganzen Lande herrscht vollkommene Ruhe. Sämtliche öffentlichen Gebäude haben Halbmast geflaggt. Bezüglich des Begräbnisses wurden folgende Dispositionen getroffen: Morgen früh wird in Sinaia ein Trauergottesdienst abgehalten und dann der Leichnam des Königs nach Bukarest transportiert und im Palais Cotroceni den ganzen Tag über aufgebahrt werden. Samstag wird nach einem neuerlichen Trauergottesdienst die Leiche nach Curtea de Arges überführt werden, wo am Nachmittage die endgültige Beisetzung -rfolgt. König Michael. B u d a p e st, 20. Juli. Die Blätter melden aus B ukarest: In heutigen Ministerrat wurde das Ableben des Königs Ferdinand offiziell bekanntgegeben und beschlossen. daß an seiner Stelle Kronprinz Michael König von Rumänien wird. Das über die Sitzung verfaßte Protokoll wird in der Nachmittagssitzung der beiden Häuser der Gesetzgebung verlesen werden. Der neue König traf am Nachmittag von Sinaia in Bukarest ein. Im Bahnhof wurde er von sämtlichen Mitgliedern des Kabinetts und den Spitzen der Behörden empfange n. Nach dem bisherigen Programm begibt sich König Michael um 4 Uhr ins Parlament, wo er in einer gemeinsamen Sitzung der Kammer und des.Senats zum König von Rumänien proklamiert werden wird. Bukarest, 20. Juli. (Wolff.) Der Regentschaftsrat. hat programmäßig heute nachmittags seinen Eid vor der Nationalversammlung abgelegt. Die Versammlung brachte König Michael, der mit seiner Mutter, Prinzessin Helene, erschienen war, lebhafte Kundgebungen dar. König Ferdinand, der Neffe des Königs Carol, wurde als zweiter Sohn des Fürsten Leopold von Hohenzollern am 24. August 1865 in Sigmaringen geboren und diente als Offizier im Potsdamer Garderegiment. Er hat am 10. Oktober 1914, also nach dem Ausbruch des Weltkrieges, die Regierung angetreten. Am 27. August 1916 erklärte er den Zentralmächten den Krieg. Seine. Zeit auf dem Thron war hauptsächlich vom Krieg beherrscht, der für Rumänien unglücklich verlief und am 7. Mai 1917 durch den Bukarester Frieden beendigt wurde. Der Versailler Vertrag brachte aber Rumänien großen Landerwerb. Der Anfall der Bukowina, Bessarabiens: und Siebenbürgens , stärkte die Macht der hocheMyllaMM^PhngM.und der 'König konnte sich-gm Iß. DkMer'M2 in Karlsburg zum König von Groß-Rumänien krönen lassen. Unter ungeheurer Beteiligung, die sich jedoch nur auf die Verwandten der Hinterbliebenen und den sozialdemokratischen Parteivorstand beschränkte, fand gestern auf dem Zeniralfriedhofe das Begräbnis von 57 Opfern der blutigen Zusammenstöße des letzten Freitag und Samstag statt. Die Feier verlief in vollständiger Ruhe und Ord - n u n g, für die die neugegründete Gemeinde wache in mustergültiger Weise sorgte. In Vertretung des erkrankten Bürgermeisters sprach Stadtrat Speiser, für den sozialdemokratischen Parteivorstand Dr. Ellenbogen, und für die sozialistische Internationale Dr. Friedrich Adler. Die Rettttngsgesellfchaft mußte in zahllosen Fällen intervenieren, um die verzweifelten Angehörigen, die O h nmachtsanfttlle erlitten, zu laben. Die ersten Opfer des blutigen Freitatzs wurden gestern zu Grabe getragen. Siebenundfünfzig gleichförmige Särge standen auf einem schwarz drapierten Katafalk vor dem Tore des ZentralftiedHofes. Fast ebensoviel« harren noch ihrer letzten Fahrt. Man spricht diese Zahlen leicht aus, aber cs ist unsäglich schwer mitansehen zu müssen, wie mit eincinmalc 57 Menschen, Männer, Frauen und Kinder, der Erjdc für ewig überantwortet werden. Unendlich schwer ist es, Ruhe zu bewahren, wenn die Liebsten von 57 Vätern, Müttern, Kindern, Brüdern, Schwestern an den offenen Gräbern Schreikrämpfe und Wahnsinusanfälle bekommen. wenn man mitansehen muß, wie ein alter Mann in seiner Verziveiflrmg sich buchstäblich ganze Büschel Haare vom Kopse reißt! Bei Nummer 26 — jeder Sarg trug eine solche — verließen auch mich die Kräfte- Es war gerade der einzige Jude, der gestern begraben wurde, an der Reihe. Tie Frau des 26jährigen Karl Koppstein, der mit seinem Betriebskollegen zur Unglücksstätte gezogen war und den man abends als Leiche Wiedersand, Mutter eines zwei Monate alten und eiucs zweijährigen Kindes, iveinte so herzzerreißend, bekam einen Tvbsuchtsanfall und Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilongc» sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. Die letzten Regierungsjahre waren von schweren innerpolitischen Kämpfen erfüllt, und insbesondere die Stellung der jüdischen Bevölkerung ist durch die fast hemmungslose Hakenkreuzagitation unhaltbar geworden. Der König, der schon seit der mysteriösen AbdankungS assäre seines ältesten Sohnes Carol ein schwerkranker Mann war, hielt sich streng an die durch die Konstitution gezogenen Grenzen. Sem Tod ist schon seit langem zu erwarten gewesen. Der König litt an Unterleibskrebs und. schon im Winter hatte eine Verschlimmerung seines Befindens die Königin Maria veranlaßt, ihre amerikanische Tournee schleunigst abzubrechen. Zweifellos bedeutet das Ableben König Ferdinands eine unheimliche Komplikation der, innerpolitischen Verhältnisse Rumäniens. Es verlautet, daß die Parteiführer, so besonders Averescu und Bratianu einen Burgfrieden geschlossen haben, doch ist es unsicher, ob sie die verworrene Lage zu beherrschen imstande sind. Der nunmehr verstorbene König war seit 10. Juni 1893 mit der Prinzessin Maria von Edinburg vermählt. Der neue König ist der am 25. Oktober 1921 geborene Prinz Michael, der Sohn des gewesenen Kronprinzen Carol. Es wird ein Regentschaftsrat gebildet, an dessen Spitze Königin Maria treten soll. Außer dem am 3. Oktober 1893 geborenen Prinzen Carol, dem Vater des nunmehrigen Königs Michael, sind aus der Ehe des Königs Ferdinand noP folgende Kinder.hervorgegangen: Prinzessin Elisabeth, die Gattin des Exkönigs Georg von Griechenland,..Prinzessin Mar!a, die Gattin des Königs Alexander von Jugoslawien', ferner Prinz NilvLgizA jtttf Prinzessin Ikeana. - ■ schließlich einen Starrkrampf — ich konnte nicht miehr, UM mußte auch mich von den offenen Gräbern führen. Äitner, die im Krieg viel Schrecklicheres erlebten, sie weinten wie Kinder und auf allen Lippen stand die sürmme FrÄge „M d rum?" Irgendwie las man aber auch in ihren >Mienen „Nie wieder!!" das darf nicht sein, daß man je so Schreckliches wieder erlebe. 99 Tote sind bisnun das traurig^ Ergebnis. Genug, genug... Siebenundfünszig Särge... Vor dem 2. Tor des Zentralfriedhofes, das ganz mit schwarzem Tuch überspannt war, und an dessen Seiten zwei mächtige Kerzen brannten, waren hinter einer improvisierten Rednertribüne die 67 Särge aufgestellt, die ein Blumenhain umgab. Der Trauerfeierlichkeit wohnten nur die nächsten-Angehörigen der Getöteten sowie der Vorstand der sozialdemokratischen Partei bei. Regierungsvertreter hatte sich keinereingefunden. Ein wehmütiger Choral, vorgetragen durch die Musikkapelle der Straßenbahn und gesungen von den Mitgliedern der Freien Typographia, leitete die würdevolle Feier ein. Immer wieder übertönte lautes Schluchzen die zu Herzen gehenden Klänge. Sodann nahm in Vertretung des plötzlich erkrankten Bürgermeisters, Stadtrat Speiser namens der Stadt Wien von den Toten Abschied und gelobte ihnen ewige Treue und Sorge fürdieHinterblieb e n e n. Im Namen des Vorstandes der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaftskommission sprach hierauf Nationalrat Dr. Ellenbogen. »Ihr alle" — so führte er aus — „die ihr hier in eisiger Starre liegt, ihr Männer, Frauen, Greife mid Kinbete, seid an jenem Freitag von einem edlen Gedanken beseelt gewesen, von dem heiligen Gedanken, das Recht zu verteidigen, das so arg gekränkt wurde. Nur das beleidigte Rechtsgefühl kann in der Seesi ganzer Volksmassen derartige katastrophale Leidenlckaften ' 7 II ' ' Dos BegtAmi» der Opfer. Ruhiger Verlauf der Trauerfeier. — Erschütternde Szeueu. Die Reden vor deu Sürgeu. ■ v i A