Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3013 (20.7.1927)
- Date
- 1927-07-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sekte 6 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzettung 20. Juki 1027 Nr. 0010 J|]»1SCHES UEBEN —Ml HL »Mi Set Schutz der Mischen MiuoritSteu La, Mische Wirlschaltsirbsu In Rutzlaud. Die nächste Konferenz der Union der Völkerbundligen, welche vom 7. bis zum 11. Oktober in Sofia stattftnden ivird, hat auf ihre Tagesordnung u. a. folgende Fragen gestellt: Emigration, Staatenlosigkeit, Schutz der Mmoritäten, Lage der Minderheiten, die jüdische Minderheit in R u m än ien, die nichtmohammedanischen Minderheiten in Konstantinopcl usw. Die jüdischeVölk e r b u n d l i g a in Bulgarien, an deren Spitze Herr Dr. Saul M e z a n in Sofia steht, bereitet zu diesen die Juden der, ganzen Welt interessierenden Punkten der Tagesordnwrg eingehendes Material vor und hat sich zu diesem Zwecke an alle großen jüdischen Organisationen und an bedeutende Persönlichkeiten der Judenheit mit dem Ersuchen gewendet, ihr Vorschläge zu diesen Fragen und auch Materialien dokumentarischer Natur zur Verfügung zu stellen. Zum Zwecke der Zusammenarbeit der jüdischen Delegationen auf dieser Konferenz schlägt die jüdische Völkerbundliga in Bulgarien eine vorbereitende Sitzung der j.ü d i s ch e n D e l e g i e r t e n für den 6. Oktober, 10 Nhr vormittags, einen Tag vor der offiziellen Korrgreßeröffnüng in Sofia, vor. (Sine Palastrevolution in der Agudah. In dem kleinen Agudah-Lager in Jerusalem spielt sich zurzeit ein innerer <Htreit ab, der des Humors nicht entbehrt. Die Hauptstütze der Agudah-Organisation, der Rabbi von Gora (genannt: „Der Gerer Rebbe"), war vor etwa drei Wochen aus Anlaß der Vermählung seines Neffen nach Palästina gereist. Schon in Ludd begrüßten ihn die Vertreter des Rabanuth haraschith und des Oberrabbiners Kuck. Sogleich nach seinem Besuche bei der Klagemauer stattete der Chassidim-Rabbi dem Oberrabbiner Kuck einen zweistündigen Besuch ab. Dieser Besuch des Agudah-Führers bei dem als Zionisten verschrienen Oberrabbiner wirkte wie eine Bombe im Agudah-Lager. Es erschienen P l ak a t e der extremen Agudisten des Inhaltes, daß der Agudah-Räbbi mit seinem Besuche wahrscheinlich bloß den Zweck verfolgte/Oberrabbiner Kuck (der in diesen Plakaten wieder mit den unflätigsten Schimpfworten bezeichnet wurde) eines Besseren zu belehren. Als dann der Gerer Rebbe den Oberrabbiner Kuck zu einer der Vermählungsmahlzeiten einlud und dieser der Einladung Folge leistete, gerieten die Jerusalemer Agudisten noch mehr ans dem Häuschen und veröffentlichten folgendes Plakat: „Dort, wo eine Entweihung des Gottesnamens stattfindet, soll dem Rabbiner (gemeint: der Chassidimrabbi) die Ehrung versagt werden. Der einem Bösewicht Ehre erteilt, erzürnt Gott. Nur deshalb gesellt sich der Starvogel dem Raben, weil er zu seiner Gattung, gehört. (Variierung eines Talmudspruches, der die Befreundung mit Frevlern geißelt!) 'Das Geld beherrscht alles. Abraham (hebräischer Name des Gerer Rebben) und Abraham (gleicher Name des Oberrabbiners Kuck) passen zusammen." Der Gerer Rabbi besuchte auch Tel Awiw und die Misrachikolonie ,L)ene Berak", das gleichfalls als Zeichen seiner Abkehr von der Agudah gedeutet wird. Bemerkt sei übrigens, daß der Chassidim-Rabbi von Gora nachher den Empfang der Agudah-Rabbiner Sonnenfeld und K l a tz k i n glattwegs abgelehnt hat. Das Mauua-Wuuder. Me bereits angekündigt, geht im Aufträge der hevräcschen Universität von Jerusalem eine Expedition unter Leitung Dr. Fritz Bodenheimers von der Landwirtschaftlichen Versuchsstation der Zionistischen Exekutive nach der Sinaih alvinsel ab, um den Ursprung und die Beschaffenheit des Manna festzustellen, das, nach dem Bericht der Bibel, die Kinder Israels bei ihrem Auszug aus Aegypten während der Wüstemoanderung aßen. Das ^Manna" war, wie die Bibel erzählt, ein kleines rundes Gebilde wie Corriandersamen, das wie Honiggebäck schmeckte. Die Expedition will die Tamarrskensträu cher untersuchen, die um diese Jahreszeit nrit nelkenfatbtgen Blüten bedeckt sind, die als „Tamarisken-Manna" bekannt sind. Bodenheimer hofft im Verlauf feiner vierzehntägigen Expedition festzustellen, ob das Manna mit irgendeiner konkreten Absonderung des Tamariskenstrauches oder einem anderen, noch heute von den Sinainomaden als Nahrungsmittel benutzten Pslanzenerzeugnis identisch ist, oder ob das Mannawunder wissenschaftlich unerklärlich bleibt. Die bisher gangbarste Erklärung für die Herkunft des biblischen Manna besagt, daß eine Flechte (leeanora esculenta), die in den betreffenden Gegenden überraschend aüstritt, der Ursprung des Mannas war. Die Juden hätten, erstaunt über das plötzliche Auftreten der Flechten gefragt: „Man hu" (was ist das?). AIHemeln versteht man unter Manna eine zuckerartige Substanz, die von manchen Pflanzen ftetwiMg oder nach Einschnitten oder Insektenstichen ausgeschkeden wird. So gibt es ein Eschenmanna das, besonders im nördlichen Sizilien kultiviert wird, es gibt ein Eichenmanna, das sich in Mesopotamien, Kurdistan und Persien durch den Stich von Insekten bildet. Einem Bericht des Hauptbevollmächtigten der Zentralverivaltung „Ort" in Berlin ist zu entnehmen: Der Kommission zur Erforschung der Wirtschaftslage der Juden in der Sowjetunion gehören 40 der angesehensten jüdischen Wirtschaftsstatistiker und Wirtschaftspolitiker an. Ihre Themen sind folgende: 1. DieDynamik der jüdischen Bevölkerung in der Sowjetunion;' 2. die soziale und professionelle Schichtung; 3. die Landwirtschaft und die Binnenwanderung; 4. Handiverk, Kleinindustrie und gewerbliche Kreditkooperation; 6. der Anteil der Juden am Handel; 6. der Zustand der Berufsausbildung unter den Juden; 7. die Wirtschaftslage der Juden in bcii Kleinstädten und den Randgebieten. Die Kommission begann ihre Arbeit im November 1926. Es wurde umfangreiches Material über jüdische Demographie, landwirtschaftliche Betätigung, Handwerkerkooperation usw. gesammelt. Bereits beendet ist die Bearbeitung des Materials über die jüdische Bevölkerungsbewegung in Rußland Von 1897 bis 1923. Die Arbeit erscheint demnächst im Druck. Die Daten der Volkszählung von 1926 werden demnächst veröffentlicht werden. Ein sehr reiches Material sammelte die Kommission über Berufsst a t i st i k der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine und Weißrußland. Auch dieses Material gelangt demnächst zur Veröffentlichung. Sie Ausgrabung der Stadt Mirpeh. Die I. T. A. meldet auS Jerusalem: Die unter Leitung von Dr. B a d i e unternommenen Ausgrabungen in Tel el Nasbeh, an der Straße von Jerusalem nach Nablus, haben zur Entdeckung einer alten israelitischen Stadt geführt, die befestigt gewesen sein muß. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß es sich um das biblische Mizpeh handelt. Die Stadtmauer ist acht Meter breit und ihre ältesten. Grundlagen reichen weit in die vorisraelitische Zeit zurück. Die Behauung der Steine und ihre Verbindung sind mit besonderer Sorgfalt ausgesührt. Eine, der wichtigsten Entdeckungen, bildet ein alter Tempel aus der Zeit ungefähr 800 vor Christi Geburt. Die Grundmauern dieses Tempels stehen noch immer bis zur Höhe von ein bis drei Meter. . In einem der Räume wurden Feuerstei umesser gefunden. Weitere interessante Entdeckungen wurden in den tief in den Felsen gehauenen Getreidespeichern und Zisternen gemacht. Es iourde auch ein sehr wohlerhaltenes j ü d i s ch e s H a u s aus dem siebenten vorchristlichen Jahrhundert aufgedeckt. Es enthält mehrere Räume, ein großes, steinumfaßtes Bassin, eine Zisterne, einen Brottrog und Ofen. Auffallend ist, daß bis auf eine kurze Siegelinschrist in althebräischen Buchstaben, die aber nur noch schwer entzifferbar ist, auch bei diesen Entdeckungen keinerlei Inschriften gefunden' wurden. Ein jüdisch-nationaler Klub ln London. In London- Nord wurde am 11. Juli ein nationaler jüdischer Klub eröffnet. Der Feier wohnten zahlreiche prominente Juden ber. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Doktor CH. Wetz mann und der Präsident der Weltexekutive Dr. Nahum S o k o l o w hielten Ansprachen und beglückwünschten die Begründer zu der Idee, ein Zentrum für jüdische Arbeit zugunsten Palästinas in London zu schaffen. Der Rabbi von Lubawitsch nach Koftroma deportiert. Nach einer aus Leningrads Riga eingetraffenen Nachricht hat die SowietbeHörde beschlossen, den vor einigen Wochen unter -der Beschuld:gung, Geld zur Erhaltung von Jeschiwos gesammelt zu haben, verhafteten Rabbi von Lubawitsch, Sch n e u r - s o rt, nach Kostroma zu verbannen, damit er von ferner jüdischen Umgebung isoliert bleibt. 5>ie besten Jleuerscfkeinungei «fev b a a a B «fc* § modernen a - b stets vorrätig JOHN GALSWORTHY: Der silberne Löffel, geb. S 9*50 EDMOND FLEG: Der kleine Prophet, geb. S 8 10 MARTHA OSTENSO: Erwachen Im Dunkei geb... S 11*60 T1TAYNA: Rund um meinen Geliebten, geb. 3 6 60 COLETTE: Mitsöu, geb. ........ S 6*50 SCHNITZLER:' Spiel im Morgengrauen, geb.. . .... . . ..S 9*90 GUSTAV MEYRINK: Der Engel vom westlichen Fenster, geb,.S 15*30 bei föucfifiavulfunng Ä. JCörvit, Wien, I. (ftotewiitmmstrafie 22. B WTct&m CHBNA-WEIH NIT E BSWXHftYCfYEf KftXPTICUJMCSM ITTEL IVAIESZEHTE Bühne und Kun Bor Ibsens hundertstem Geburtstag. Im nächsten Frühjahre wird die literarisch: uns insbesondere Theaterwelt den hundertsten Geburtstag Henrik Ibsens feiern können, des norniegischen Dramaturgen, der dem Theater des letzten Vierteljahrhunderts die stärksten Jmpulse gegeben hat. Vor allem will sich Ibsens Geburtsstadt S k k e n mit einer großen Jubiläumsfeier entstellen, unr das Zentenarium ihres tveltberühmten Sohtles würdig zu begehen. Wie verlautet, hat ein von der Stadtverwaltung ernaiiwler Ibsen- Ausschuß u. a. beschlossen, eine IbsenkTu> sstellung im städtischen Museum zu veranstalten. Ein bedenkendes Material von reichem kulturhistorischen Interesse lultb zu diesen! Zwecke gesammelt und herbeigeschafft. Auch eilte Sammlung von Originalausgaben s ä m t l ich e r IIbsenscher Werke wird eine Attraktion der Ausstellting bilden. Die Herausgabe einer umfangreichen Jbsen-Gedenkschrist ist ins Auge gefaßt worden. Diese Gedenkschrift wird u. a. Beiträge enthalten, welche neue Mitteilungen über verschiedene Einzelheiten aus der geistigen Werkstatt des Dichters bringen sollen. Aus de« Theatern. Deutsches Volkstheater. Karten für vic am Freitag entfallene Vorstellung („Der Musikant Gottes") mit dem Aufdruck 15. Juli haben für morgen Donnerstag zur Vorstellung „Der Hexer" Gültigkeit. ,; Theater an der Wien. Hente zum 175. Male „Die K ö n i g i n". — Morgen spielt Fritz N e u m a n n zum ersten Male die Rolle des Präsidenten Tontscheff. , , Der Roman mit den Feigenblättern. Vor kurzem hatte die amerikanische Sittenpolizei die Verbreitung von Upton Sinclalirs neuem Roman „Petroleum" verboten. Als Begründung wurde angeführt, der Roman sei „stellenweise derart unmoralisch, daß die Gefahr bestehe, die Leser könnten in ihrein Schamgefühl verletzt werden". Ganz besonders waren es zwölf Seiten des Romans, deren Inhalt — von der Sittenpolizei wenigstens — als durchaus unsittlich bewertet wurde. Sinclair blieb also, weiter nichts übrig, als den Roman einer Neubearbeitung zu unterziehen, oder auf eine Publikation zu verzichten. Doch zu beidem hatte er keine Lust. Da kam seinen! Verleger em gemahn: Gedanke. Er ließ die zwölf als unsittlich inkriminierdoni Seiten durch Üebe rdruck von Feigenblätter n mehr oder minder unleserlich machen. In dieser seiner neuen Ausstattung liegt jetzt das Buch in allen amerikanischen Buchhandlungen aus und findet dank der guten Reklame, die das polizeiliche Verbot darstellte, reißenden Absatz. Sacha Guitrys „Mozart". Die .deutsche Erstaufführung der französischen Komödie „Mozart" von Sacha Guitry, Musik von Reynaldo Hahn, wird üjm Frankfurter Schauspielhaus tt> folgen.; ' I | i Eerichtssaal. Re erste Verhandlung wegen des blutigen Freitags. Bleibt ln Haft... Gestern wurde dem O^GR. Dr. Benes ch des Strafbezirksgerichtes 1 ein H andelsängeistellter, dem Namen nach ein Jude, Jakob M., der bei den blutigen Freitagbemonstjrationen vor der Polizeidirektion fest genommen wurde, vorgeführt. Nach Inhalt ber Anzeige soll er sich bei der vorgenommenen Räumung des Schottenrings vor der Polizei-- direktion in eine Amtshandlung ein gemengt haben. Es wurden mehrere Demonstranten verhaftet, deren Festnahme die Menge zu vereiteln suchte. Auch der Beschuldigte soll sich durch Rufe daran beteiligt haben. Nach Inhalt der Anzeige schrie er: „Auslassen, auslassen, pfui!" Er befindet sich seit Freitag in Hast. Richter: „Was sagen Sie zu der Anzeige?" Angekl.: „Ich weiß nicht, warum ich in Hast bin, ich bin nach Hause gegangen, in der allg em einen Verwirrung kam ich in den Wirbel, ohne jede böse Absicht. Ich habe ja Frau und zwei Kinder zu Hause. Ich bin seit Freitag in Haft, ich weiß nicht, wie ich dazu komme." Da das als Zeuge vorgeladene Wachorgan nicht erschienen war, vertagte der Richter die Verhandlung. Der Beschuldigte bleibt weiter in Hast. UIMMPUWI 3ns itidistfhe Maus das iüdisdke fßtatt