Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3013 (20.7.1927)
- Date
- 1927-07-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ke. 301S Wien, Mittwoch Wiener ^»orgenzeitung 20. 3ult 1927 Seite 8 Montag Rationaltat. Ueber Verlangen des sozialdenwlratischen Verbanden ist der Nationalrat für M o n t a g, den 2). b. Mst, 3 .Uhr nachm, einberufen worden. Für den blutigen Freitag timten zrvei Mrsschüsse und eine Parteiführerbesprechung über die Z o l l t a r i f n o ü e b le einberufen. Die Ausschüsse, waren durch die Sozialdemokraten obstruiert und die Parteicn^erhandlungen stanlden nicht zum besten. Mn den Zolltarif denkt jetzt wohl nur mehr der Landbmrd. Seine Forderung, daß das Haus vor Erledigung der 'Zolltarifnovellc nicht in die Ferien gehen darf, klingt nun wie ein eingefrorener Trompe.enton. Selbst in den Kreisen der Majorität überwiegt die Anschauung, das Parlament könne vor den Ferien nichts anderes tun; als rjsiz Liquidierung der Bluttage durchzuführen. Alles andere sei auf den Herbst zu verschieben. Bis dahin kann sich sehr viel geändert haben. Mm Montag wird nprr eine Art parlamentarische; Trauerfcier veranstaltet werden. Nach der Totenklage! aber wird die Frage nach den B e r a n t w o r t l i ch k e i - j ten gestellt werden. Es ist darum zu erwarten, daß viel-! leicht noch zwei oder drei Sitzungen des Nationatrates mit Debatten über die Wie,rer Muttage ausgefüllt sein werden. Die aus den Reihen der Opposition manch,nal informierte Korrespondenz Her wer weiß u. a. zu berichten, daß die Sozialdemokraten bisher das Parlament nicht betraten, weil es von Militär besetzt war. Die zitierte Korrespondenz schreibt dann weiter, so viel ,nan aus den Reihen j der Sozialdemokraten höre, sei diese der Anschauung, daß trotz der hundert Todesopfer, die gefallen sind, an der Tatsache nichts geändert wurde, daß noch immer 71 svziakl,emokr atische Abgeordnete einer Mehrheit von 94 gegenüberstehen. An den Kräfteverhältnissen in, Parlament habe sich nichts geändert und an den Voraussetzungen für. die Behandlung der Zolltarisnovelle und des Gesetzes über die Wiedererrichtung des Justizrninisteriums ebensowenig." Die Stimnlung der bürgerlichen Abgeordneten aus den Ländern ist recht kriegerisch und manche von ihnen meinen, es wäre möglich, den Sieg der Repetiergewehre über die Wiener Straße auch parlamenlarisch ausnützen. Aber schließlich ist das Parlament noch ein anderer -Kampfplatz als der Abschnitt Bellaria—Rathaus und auch die Kampfmittel sind andere. Ta jedoch Dr. Seipel ein wenig friedlicher gestimmt ist und seinen Wafsenerfolg nicht durch eine etwaige taktische Ungeschicklichkeit seiner Heule im Nationalrat gefährden will, wird wohl feine Mannen schon zur Raison bringen . / . Abschluß de» Handelsvertrages mit der Tschechoslowakei. ... P rag, 19. Jul,. (Tsch. P. B.) Der Chef d:r tschechoslowaustheu Handelsveriragsdelegatiön, Ministerialrat Dr. Friedmann, hat sich heute zur Beendigung der österreichischtschechoslowakischen Handelsvertragsverhandlnngen in Begleitung des Vorstandsmitgliedes der österreichisch-tschechoslowakischen Handelsljammer inn Prag, Kommerzialrates Richard Jerio, von Prag nach Wien begeben. . 3u seinem 80. Geburtstag. Das Lebensiverc eines länger als ein Halbjahrhundert Geburtstag dieses Künstlers, wieder einmal zur Betrach- Schaffenden fordert an einem besonderen Tag, dem 80. tung und Besinnung auf. Ein solches Jnnehalten pflegt zu einer Revision der Anschauung zu führet!, zu einer Eingliederung und Einschachtelung, indem der Wunsch sich geltend macht, die Persönlichkeit des Künstlers wenigstens nach der fachlichen Seite hin abzugrenzen. Bei Max Liebermann versagt eine solche Methode. Will man ihn in eine Formel pressen, die sein Werk und sein Wesen restlos einschließt, wird man weder mit der Genrebezeichnung noch mit der philosophischer, Charakterisierung, schon gar nicht mit der Nennung einer Stitepoche aus'kommen. Die bequenrste Klassifizierung wäre Realismus auf Grund des Studienrezepts seines Lehrers Steffcck: „Malt, was ihr seht!" Aber wir wissen heute mehr denn je, welche Wandlwngen die exakte Wiedergabe der Natur in den letzten fünfzig Jahren durchgemacht hat. Wäre es da nicht möglich gewesen, daß ein Einzelner inmitten einer Stilepoche stecken bleibt und mit fanatischer Beharrlichkeit deren Malweise, deren Kunstideal als das einzig Seligmachende preist, proklamiert und verteidigt? Max Liebermann entging dieser Gefahr durch die Einsicht, daß jeder ochite Künstler ein Fortsetzer und Weiterbildner in der Linie der ihm vorausgegangenen Entwicklung ist, begünstigt durch seine menschliche Persönlichkeit, die seine künstlerische stets ergänzt hat. Diese erfühlte Einsicht wirkt sich in jedem Werk aus und bedingt dessen unmittelbare Gegenwärtigkeit, das Jmmer-gegenwärtig-sein seines Schaffens in Wort, Bild, Schrift und Tat, das ihn bei aller Vielfältigkeit, der die Kunstentwicklung der letzten Jahrzehnte Opfer brachte, zum Repräsentanten moderner Kunst prädestigiert. Klarheit, Sachlichkeit, Unumlvnndenheit und Bewußtheit sind charakteristisch für Liebermann als Menschen und Künstler. In diesen Eigenschaften liegt das Wesentliche von Liebermanns Schaffen beschlossell. Und diese Eigenschaften sind es, die zu falschen Auffassungen — bei aller raschen Durchsetzung — seiner schöpferischen Tätigkeit ge¬ Rund um den Achtzigjährigen. PerfSUllches von Mar Lledermaaa. Keine noch so ausführliche Würdigung eines Menschen zeigt seine Persönlichkeit so klar auf, wie die Randbemerkungen, die dieser Mensch ganz absichtslos niederlegt. Diese zufälligen Äußerungen sind Dokumente von viel größerem Werte, denn die überlegten und zuvechtgelegten Memoiren. Hier ersteht vor unseren Angen der Mensch. Aber auch der Künstler tritt uns nahe und wir erkennen viel, was uns sonst verborgen bleibt. Darum soll nun Max Liebermann, der Achtzigjährige, selber sprechen: „Man sollte allen Juden sagen, sie sollten sich nicht so absondern. Eine Portion Selbstbewußtsein, wenn einer lvas ist führt haben. Einsichtslose und vom rassentheoretischen Wahn umnebelte Köpfe faselten von d^ Nüchternheit seiner Bilder, die sie auf den angeblich rein spekulativen Sinn des Juden zurückführen wollten, die Lieblichkeit des Sujets, die Anmut der Bewegung, das Trauliche der Anekdote vermissend. Sie ahnten nicht, welche Größe gerade im Verzicht auf jeden dekorativen Schnörkel, auf das Verführerische der Pose, auf das dem Bürgergemüt Gefällige, kurzum auf Plüsch und Sammet steckte. Sie ahnten nicht, daß das Morgenlicht einer neuen Schönheit heraufzog, eines neuen sachlicheren und desto tieferen Verhältnisses zur Natur. Zum erstenmal erscheint bei einem in Deutschland lebenden Maler absolute Malerei unabhängig vom Dargestellten. Es war das Resultat von Erkenntnissen,' die dem jungen Liebermann zuerst in Paris, dann in Holland intuitiv zuteil geworden waren. Liebermann hat diesen' Weg der Sachlichkeit, dieses neue und immer wieder neu zu festigende Verhältnis zur Natur, zum Objekt nie mehr verlassen. Welcher Art immer die künsllerischen Aspirationen seiner Epoche waren, er ließ sich nicht von Schlagwörtern verwirren, er folgte nur seinem Instinkt, seiner Intuition. Diese Intuition ist es, die in allen seinen Werken lebendig ist, und darum gibt es bei ihm keine Erstarrung, kein S'teckenbleibeN. „Der Künstler ist Zeit seines Lebens", so spricht der Achtzigjährige, „ein Werdender. Was er als Künstler schafft, schafft er als solcher, nicht etrva in technischer Hinsicht, sondern in rein künstlerischer, geistiger Beziehung, kurz in seinem Verhältnis zur Natur." In weiterer Ausführung: „Das Neue in der Kunst ist er, der Künstler, das Subjekt, nicht es, der Gegenstand, das Objekt, und der sogenannte glückliche Griff des Künstlers ist in sein Inneres, wo er das Neue, das Einmalige, das sein Werk erst zum Kunstwerk stempelt, findet." Und schließlich: „Nicht auf die Form kourmt es an, sondern auf das Leben, das der Künstler der Form einzuhauchen imstande ist." Faßt man die Lieberrnannschen Erk^mtnisse zusammen, so begreift man zunächst die Urmmrve seiner Entwicklung und das Weiterbilden der Tradition auch in ästhetischer Hinsicht; man versteht, daß der wahre Be- I trachtet der Natur, der als „Realist" begann, zu philo-! fophisch-pantheistischen Anschauungen kommen konnte. Und ' man begreift schließlich, daß einem solchen Temperament \ solle. Ich habe den Leuten wiedergeschrieben: Wenn ich dadurch besser malen würde, dann wür-de -ich m'.ch vielleicht taufen lasten.'" » „Als Paul Meyerheim hörte, ich wollte Maler werden, da sagte er zu mir: , Wat, Maler wolln Se weiten? Bilder koofen solln Se." # Eine junge, hübsche Frau, die ihn in seinem Atelier besucht hat, verabschiedet sich von Liebermann mit den Worten: „Herr Professor, das war die schönst« Stunde meines Lebens." Liebermann: „Del wolln wir nich hoffen." * „Wenn Anton von Werner ohne Hände geboren wäre, die große Schnauze hätte er doch gehabt." * die Entdeckung einer neuen malerischen — sagen wir es gerade heraus — Poesie beschießen sein konnte. Diese neu«, unsentimentale, nnerotische, antifeminine Poesie ist der Ausdruck eines vornehmen, männlichen, weisen Genies, das Resultat von Energie und Intelligenz, die europäischer ist, als sie aus den ersten Blick sich gibt, und sie rückt Liebermann in die Reihe jener Künstler, deren Mltagszugeneigtheit sich in Monumentalität (bei kleinstem Format) wandelt. Der in Berlin geborene und auferzogene Kaufmannsohn hat die charaktevologischen Merkmale des Genies: Zucht, Strenge, Antikonservativismus, von Berlin mitbekommen, und darum konnte die Meinung, Liebermann hätte seiner allgemein „tüchtigen" Natur nach auch etwa ein großer Diplomat, ein großer Financier, ein großer Wissenschafter werden können, dem oberflächlichen Betrachter angeflogen kommen. Denn er scheint das Element der jüdischen Rasse nicht bewertet zu haben, das den „kühlen logischen Kopf, den klar denkenden Verstand" verfeinert und seine Kunst in rafsinierter Weise sublimiert hat. Dießr Feststellung Folge gebend, begreift man Liebermanns Hinneigung znm französischen Impressionismus, der psychologisch dem nervösen Temperament so genehm ist, und zur holländischen Landschaft mit ihren Farbennuaneen und der Möglichkeit der Farbenauflösung. Diese sich aus exaktem Wirklichkeitssinn n,nd verfeinerter Malkultur ergebende Resultanitu findet ihre Kristallisation in Liebermanns in einer höheren Sphäre wirkenden Rassenb^wußtsein, dem beispielsweise der Vollblutarier Richard Dehmel gerecht wird, wenn er in „Zwei Menschen" einen Velmann schildert, „wie nur der Vollblutjude Liebermaun ihn malen könnte, so voll von Rasse". Als Leistung einer überragenden, singulären Persönlichkeit repräsentiert Liebermanns Werk m Hauptstück, ja ein Halbjahrhundert europäischer Malerei. Die Ehrungen, mit denen er in seinem 80. Lebensjahr überhäuft wird, gelten dem großen Europäer, dem großen Maler, dem großen Juden. Sein Werk ist in b(e allgemeine Kunstgeschichte eingegangen. Und es bedarf keines kalendarischen Anlasses, damit es gegenwärtig werde. Oskar Rvsenfeld. Max Liebermann, Selbstbildnis. (Aus dem Kalender „Kunst und Leben" des Verlages Fritz Heyder, Berlin-Zehlendorf.) MX- * 't'.JLW V/ und was kann, und der richtige Takt dazu, das kann niemals schaden. Zu mir kommen mancherlei Leute. Ich frage immer, was bist du und was kannst du? Aber niemals, was hast du für eine Religion? Ich bin doch kein Beichtvater! Wenn ich weiß, daß jemand Antisemit ist, dann „schmeiße ich ihn raus". So einer steckt seine Beine nicht unter meinen Tisch. Bei mir hat mal der bekannte Herr von X. seine Karte abgegeben. Ich habe gar nicht darauf reagiert, keine Karte wieder abgegeben, ihn nicht eingeladen. „Liebermann," hat mein Freund gesagt, „Sie sind doch sonst ein Mann von Form und Schliff, warum beleidigen Sie den Herrn von 3E. so?" „Der Kerl ist Antisemit; itfi weiß das genau; so einer kommt mir nicht in mein Haus." „Wissen Sie, vor vielen Jahren hat man mir mal die Leitung einer Akademie angeüoten, und in dem Briefe stand in so schönen Worten, daß ich mich nur eben schnell taufen lassen Ein Berliner Kunstkritiker hatte, auf vage Behauptungen Lesser Urys fußend, die Hypothese 'in die Welt geschleudert, llry habe an gewissen Bildern Liebermanns mitgemalt. Man rät Lieber mann, Ury zu verklagen. „I, wo werd ick denn", sagt Liebermann, „solange der Kerl behauptet, er hat meine Bilder gemalt, is mir det schnuppe, wann er aber sagen sollte, i d habe seine Bilder gemalt, denn jeh ick usfs Gericht.* 60 wird wettet gehetzt! Aufruf zur Zudenverfolgung. Wir haben gestern die schmachvolle Haltung der Hakenkreuszlerpresse niedriger gehängt, die die Tragödie vom Freitag dazu benützt, um eine wüste Pogromhetze zu entfalten. Auch die gestrige Ausgabe des nationalsozialistischen Blättchens tobt und schreit: „Die Juden sind schuld! Nehmt Rache!" Und auch gestern hat der Staatsanwalt keinen Grund zum Einschreiten gefunden. Fast möchte man meinen, daß es gewisse obrigkeitliche Stellen gar nicht so ungern sehen, und nichts dagegen haben, wenn für die Masse ein Sündenbock gefunden wird. Wenn sich die Erregung am Ende gegen die Juden richtet, dann ist der Ausweg da... Man scheint sich nicht im klaren über die Gefahren zu sein. So nebensächlich sonst das Gelläffe dieses Blättcheirs auch sein mag —jetzt ist es gefährlich. Will man wieder Tote und Verwundete hab^n, soll wieder die lodernde Flamme aus Wiener Häusern schlagen? Vielleicht überlegt man es sich, ehe es noch zu spät ist. '! Sin Kampf in Nicaragua. Dreihundert Tote. New York, 19. Juli. In Managua kam es zu evnem Kampf zwischen amerikanischen Marinesoldaten und nikaraguanischer Polrzei gegen die Anhänger, des liberalen Generals Sandino, der Me Stadt Ocot a l angegriffen hatte. Der Kampf dauerte 17 Stunden.. Hundert Anhänger Sandinos wurden dabei getötet, weitere 209 Anhänger Sandinos kamen durch Geschosse von fünf Flugzeugen ums Leben, die der schwachen amerikanischen Abteilung vom Genera) Feland zu Hilfe gesandt worden waren.