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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-20 · Heft 3013 (20.7.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3013 (20.7.1927)
Date
1927-07-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Mittwoch Wiener Morgen,eitnn- 20. Juli 1027 Nr. 3013 Darüber hinaus fwt sie noch den Abtransport non sehr vielen anderwärts versorgten Verletzten durchgesührt. Liur,; nach Beginn -der Demonstration wurden grotze Hilfsplatze errichtet. In kurzer Zeit stand das ganze Personal ausnahmslos im Dunste und leistete dann , ununterbrochen durch 72 Stunden Lrit einer Ausuferung und Hingebung, für die nur schwer die rechten Worte der Anerkennung gefunden werden können, mit Einem Mute, der bewunderungswürdig ist, da die HUfeleistungen jo rn vielen Füllen inmitten von Kümpfen, unter Angriffen rmd deren Wwehr stattfrnden mußten. DaS war auch für die -S-am-a ri-Le-r, von denen mehrere schwer verletzt worden find, -wit Lebensgefahr verbunden. Bis zur letzten Minute arbeiteten diese Helden an dem großen Samariterwerk und schrieben damit Äer Wiener Frerwillige« Ret'tungsgeselrscha-f-1 «L«n maere s Ruhmesblatt in ihr Ehrenbuch. Keine Auslösung der Wehren. Bon verschie-wnen Zeitungen wurde gestern geneidet, daß die Auflösung des ReMblikanischen SchtuMöHvS und Her Frvntkäm^er-Organisation bevorstehe. Bou Nnterrkchteter Stelle wird uns mitgeteiLt, daß kern d evar^öyer Plan besteht. . Ae Semeindeschntzwache. Für die vom Bürgermeister Seitz ausgestellte W- //«in^chuchwache wurden die Werbungen gesternein- AestellL Es ist interessant, daß sich zahlreiche aktive Offsiziere der alten Armee zum Eintritt gemeldet haben. Die Wache zählt jetzt 2000 Mann, das sind etwa 20 Friedenskornpagnien oder fünf Bataillone. Die Mamrschaft erhält täglich acht Schillinge und hat sich für einen Monat verpflichtet. Die eingeveihten Arbeitslosen: haben <ruf die staatliche UMerstützung verzichtenmüssen. Was Moslau hoffte. Moskau, 19. Juli. (Wolfs.) Die Telegraph enagen- -ur der Sowjetunion veröffentlicht einen Aufruf der Komintern, worin sie das österreichische Proletariat auffordert, den Generalstreik bis zum Sturz der Regierung Seipel fortzusetzen. Der Aufruf fordert Entwaffnung der sasristischen Organisationen und der Polizei, Bewaffnung der Arbeiter, Schaffung von Arbeiterrafeen irrt ganzen Lande und die Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung. Keine ungarische« Truppenkonzentraiianen. Bon ointlicher Stelle wird uns mitgeteilt: Tic Nochrichten über Truppenkonzontrationen an der bürgen ländisch-ungarischen Grenze, die in den letzten Tagen gerücktweise verbreitet wurden, haben sich als unrichtig e rwrefen. Es wurde lediglich die ungarische Grenzwache verstärkt, um die Einreise kommunistischer Agitatoren zu verhindern. Das Militär in Oedenburg war in den Kasernen konsigniert. Oeste r re rchi scher sei rs mar ei« Begeh»«- der Grenze durch Militärpatrouillen der Reuftedler Garntzo« an* geordnet morden. Diese Maßnahme hat sich als zweck* mäßig erwiesen. Ein sogenannter Grenzschutz seitens des Republikanischen Schutzbundes hat nicht stattgefnttde«. Dre Nachricht Mer die Zerstörung des Hanfes der Familie Tscharmann in Schattendorf entspricht nicht den Tatsachen. Keine tschechische tznterventlo«. Prag, 19. Juli. Das tschechoslowakische Pretzbureau meldet: Die Meldungen über eine Konzentration tschechoslowakischer Truppen an der österr-eichischen Grenze sonne die Meldungen Wer eine tschechoslowakische Intervention in Oesterreich sind sämtlich nnvegründet. Kein Schrttt drs italienischen Sesaadteu- Rom, 19. Juli. Me die Agenzia Stefan! mlrtteM, entbehren die Meldungen von einem angeblichen Schritt des italienischen Gesandten in Wien im Zusammenhang mit der Bildung cker Gemeindeschutzwache jeder Begründung. Knndgebnageu in Minsk- , W«r schau, 19. -Juni. (Tsch. i. B.) Wie die Blätter aus Minsk melden, finden dort seit einigen Tagen Straßenknndgebungen und Bvlksversamml!uingen statt, indeum die Gründung eines Hilfs fonVs für das österreichische Proletariat.beschlossen wurde. -Zahlreiche Arbeitervrgcnisiatrvnen.haben Geldsammlungen zugunsten der Wiener Arbeiter veranstaltet. Arbeitsruhe auch in Prag. Prag, 19. Juli. Die tschechoslowakische und die deutsche sozialdemokratische Partei veranstalteten heute anläßlich der Ereignisse in Wien eine gemeinsame Kundgebung. Der Vertreter des tschechoslowakischen Gewerkschafts- Verbandes erklärte, daß die Arbeiterschaft morgen zur Zelt des Begräbnisses der Opfer der Wiener Demonstrationen für 10 Minuten die Arbeit einstellen werde. In einer Resolution wurde der österreichischen.Arbleiterschast die Sympathie ausgesprochen. Ser Aufbau des Iustizpalaftes. Wie an ariderer Stelle mitgeteilt wird, hat. die Regierung beschlossen, den Jnstizpakaft wieder aufzubauen. Wir erfahren hiezu folgendes: Gestern nachmittag fand nach der kommissionelleN Begehung des abgebrannten Justizpalastes eine Sitzung in der Bundesgebäudeverwaltung statt, an der die Hofräte Züllich und Koppen st einer sowie die Oberbaurüte Stvckinger und Blumenthal teilnahmen. In der Sitzung wurde der einstimmige Beschluß des Wiederaufbaues des Justizpalastes gefaßt und Ob erb au rat Ing. Leo Blumenthal mit der Durchführung der BauarV eiten betraut. Oberbaurat Blumenthal ist fett Jahren als Gebäudeinspektor des Straflandesgerichtes 1, der Polizeidirektion, des Polizeigefangenenhauses und zahlreicher anderer öffentlicher Gebäude tätig. Einem unserer Mitarbeiter gegenüber äußerte sich Oberbaurat Blumenthal, daß die Wiederherstellung des Jusftizpatästes einen Zeitraum von ungefähr fünf Jahren in Anspruch nehmen werde. Ein Kostenvoranschlag könne vorläufig nicht einmal approximativ gegeben werden. Die Baupolizei hat verfügt, daß innerhalb 24 Stunden die Sicherungsarbeiten in Angriff zu nehmen find und eine entsprechende Abfriedung des Gebäudes herzustellen ist, um die umliegenden Grande vor arger Beschädigung durch eiinen eventuellen Einsturz der Gebäuderuine zu bewahren. An vielen Stellen des Gebäudes hängen Meterlange Blechstücke herab, die bei stärkerem Wind losgerissen werden können und so eine schwere Gefahr für die Passanten Hilden. Der Justizpalast mußte deshalb vollständig abgeiverrt werden. Der mit der Organisation der Uebersiedlung der Justizbehörden Ln das Haus der ehemaligen österreichisch-ungarischen Bank in der Herrengasse betraute MinMrialrat Dr. lOtto Leonhard machte unserem Mitarbeiter über die Ber- Kmgsarbeiten folgende Mitteilungen: Um eine genaue Uebersicht über jene Men zu erhalten, die im Jnstanzenzug in das Gebäude des Justiz- Palastes gelangt waren, wurde an alle Gerichtsbehörden Oesterreichs die Aufforderung gerichtet, Verzeichnisse über alle Schriftstücke einzusenden, die an Gerichtsbehörden, welche irmJustizpalast untergebracht waren, abgesandt wurden. Um eine möglichst reibungslos«. Wiedereinrichttmg des Dienstes zu ermöglichen, erscheint & dvmMnd notwendig, daß die Gericht« in den ersten TagM des Notbetriebes durch Parte^nverkehr möglichst wenig m Anspruch genommen werden. . Soweit sich oberflächlich übersehen läßt, dürsten di« der VmMchtsc, die ein Punktum bis MlXX) -1 einverständliche Ehescheidungen und Ehetvennungen gerettet sein. Ein Teil der Akten konnte bei d^n BvrufungssenateN zustande gebracht werden. Hingegen sind sämtliche Akten über Klagen gegen den österreichischen Bundesfchatz vernichtet, darunter auch Prozeßakten, die noch auf die Kriege zeit zurückgehen. Die Abteilung „Autosachen" wurde vollständig vernichtet. Auch die unersetzlichen historischen. Urkunden über Fideikommih- und Lehenssachen wurden ein Raub der Flammen. Ebenso wurde die Konkurs- und Ausgleichsabteilung vernichtet, doch befanden sich im Justizpalast lediglich die Akten von nichtprotvkollierten Kaufleuten und Einzelpersonen, während die Konkurse und Ausgleichsverfahren von protokollierten Kaufleuten im Handelsgericht abgehandelt werden. Am wenigsten gelitten haben die Räume der Staatsanwaltschaften. Die im Justizpalast hinterlegten Testamente sind ebenfalls gänzlich vernichtet. Im Gebäude in der Hervengasie, -über das übrigens ein Eigentumsstrett zwischen der österreichischen und Ungarischen Regierung schwebt, dürfte der Betrieb erst in acht, bis vierzehn Tagen ausgenommen werden können. Bis dahin hofft man mit den Uebersiedlungsarbeiten fertig zu sein. Die Architekten find für die Demolierung. Eine Abordnung der Zentralvereinigung der Architekten. Oesterreichs, bestehend aus dem Präsidenten Baurat Prof. Siegfried Theiß, Prof. Robert O e r I e y, Architekt W. L. B a u m g a r t c n und Architekt Eesar P o p p o - Vits, sprach beim Bundesminister Dr. Schür ff und beim Bundeskanzler Dr. Seipel vor, um die Regierung von der beabsichtigten Stellungnahme ihrer Vereinigung zur Frage des Wiederaufbaues des Justizpalastes in Kenntnis zu setzen. - Die Zentralvereimgung der Architekten Oesterreichs will einen Wettbewerb ausschreiben, um Vorschläge für eine vom Standpunkte des Städtebaues wünschenswerte Neugestaltung des Schmerlingplatzes zu erhalten. Die Mitglieder der Abordnung sprachen dabei schon jetzt die Meinung aus, daß die bisher im Justizpalaste untergebrachten Gerichtshöfe und Aemter am besten dauernd in andere Gebäude der Stadt verlegt werden sollen. Aufgabe des Wettbewerbes sei es, Vorschläge zu erhalten, die sowohl die Verschönerung des Stadtbildes als auch die Einbeziehung des Schmerlingplatzes in das pulsierende Leben unserer Stadt sicherzustellen geeignet sind. Sowohl der Bundeskanzler als der Handelsmsnister nahmen die Darlegungen der Abordnung mit großem Jnter-esse entgegen und ermutigten die Zentralvereinigung der Archttekten Oesterreichs, dm Plan eines Wettbewerbes in der geäußerten Absicht durchzuführen. ooooott>oeoocKX3&&oc®ott3Qera^^ OOQQOQ!&OCQOQO®CXX3QOGOOOQOOOGQOQQaOOOO KLUB RADIKALER ZIONISTEN. Mittwoch, den 20. Juli 1927, um halb 9 Uhr abends, iw Caf4 Atlashof, I., Aspern platz (Klublokal) Jitubvewsammtunit Gegenstand: Kon«rcflfra»en. Referenten: Dr. L. Ctaldhammer, Oberbaurat Robert Strloker. Freie Aussprache fOCXXXXXXXXXXXXXX)OOOOOOOOOOOOOOOCXX?OOa oooooooooocxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx» Abrüstung in Sesterreich! —y, Wien, 20. Juli. Der Nakionalrat ist für Montag einberufen. Diese Körperschaft, die dem politischen Gedächtnis bereits entschwunden war, steht diesmal im Mittelpunkt der erregten Aufmerksamkeit. Der Nationalrat hat eine Menge von Gesetzen zu beschließen, um die durch die Vernichtung der Mten im Justizpalast in wichtigen Punkten gefährdete Rechtsprechung nicht durch ein Vakuum in Unordnung geratm zu lassen. Er hat ferner die Vorfälle der letzten Tage zul überprüfen, die Schuldftage unparteiisch zu untersuchen undNot- -standsverfügungen gesetzlich zu bekräftigen. Er muß das Seine tun, die von Gift erfüllte Atmosphäre zu reinigen und der Bevölkerung zu helfen, 'den Weg" zur Ruhe so rasch als möglich zu gewinnen. Das ist weitaus wichtiger als die Zolltcrrifnvvelle. , Ueberwinden kann eine so tiefgehende Katastrophe nur der einmütige Wille und das Zusammenwirken aller führenden Faktoren. Dies setzt voraus, daß sie im Besitze des Vertrauens ihrer Schichten sind. Mer da haben gerade die ärgsten Ereignisse gezeigt, daß die sozialdemokratische Partei, die von den Dingen überrascht wurde, in den Stunden der Not über keine Autorität verfügte. Gegen sie zunächst war das Attentat gerichtet und sie hatte nicht die Kraft der Abwehr. Die sozialdemokratische Partei ist tief getroffen worden. 'Sie ist der "Herr 'der Straßo nicht oder nur dann, wenn sie selbst die Straße ruft. Ihr Apparat hat versagt. Nicht versagt hat der 'staatliche Apparat der Macht. Seine Wirkungen sind mit ihren hundert Toten und tausend Verwundeten in die Geschichte der Stadt eingeschrieben. Aber dieser Mechanismus des Männlicher ist doch nur ein Mittel des Zerstörens. Es muß nunmehr sehr rasch gehandelt werden, um das Vertrauen zu heben. Die inneres Lage erfordert dies auf das dringlichste und wohl auch die äußere. Denn die Blätterstinvttten aus dem 'Ausland klingen sehr ernst und skeptisch. Die Initiative liegt jetzt bei der Sozialdemokratie, die aus ihrer selbstgewählten Isoliertheit heraustreten muß. Ihr Prestige ist gesunken.'Sie hat den Streik abbrechen müssen. Uber sie ist doch noch stark genug, um jetzt die allgemeine Abrüstung zu fordern und durchzusetzen. < Das System, der Parteigarden, der Bünde und Wehren — mit denen ja nicht die Sozialdemokratie begonnen, die sie aber anerkannt und ausgebaut hat — nmß verschwinden. "Es ist unmöglich, daß' ein Zustand fortdauert, lit dem die Politik vorr dem Vorrat an Munition bestimmt wird. Es ist unmöglich, daß noch länger ein Teil der Bevölkerung gegen den anderen in der Mentalität ld«r Kaserne gedrillt wird. Es ist unmöglich, daß die Waffe das entscheidende Wort spricht und daß das Faustrecht in Kraft bleibt. Es ist unmöglich, daß irgendjemand Herr der Straße ist, es sei denn die zur Wahrung des 'Gesetzes berufene Stelle. Alles muH zur Gesetzlichkeit zurückkehren nnd es sind auch sogenannte ordnungsliebende und staatserhaltende Elemente, die mit der Faustgewalt begonnen haben und deren Nachfolger am.Freitag die Benzinagitaboren vvr dem Justizpalast rvaren. Es ist eine Forderung aller, vornehmlich aber der Mischen Bevölkerung, an der sich dieses System so gerne austobt, daß der Revolver aus der Politik verschiviudet. Wenn sich diese Lehre nicht sehr bald durchsetzt, dann ist Oesterreich in kurzer Frist wieder dem Bürgerkrieg verfallen, Ihn herbeizuführen, batau arbeiten heute die Ele,ney.te, die den Mord auf ihr Parteipwgramm geschrieben haben, die radikaldeutschen Gruppen. Sie wittern wichier ein gutes Geschäft und so hat eine ivahnwltzige anttsemitische Hetze begonnen. Es wird die freche Fabel verbreitet, daß die Exzesse jüdisches Werk sind; aber Juden haben mit diesen Dingen doch nur so weit Verbindung gehabt, als sie erschossen oder verwundet wurden und man weiß doch, daß die Kugel immer nur die Unschuldiger: trifft. Die Häkerrkreuz-iAgitation. hat im Sommer 1985 das gleiche versucht wie die Juli- Revolutionären und sie will es jetzt wieder. Merkt man nicht die Gefahr? Weshalb schreitet der Staatsanwalt nicht ein? Und weshalb ist dem: eigentlich für die erste Verhandlung gegen die Demonstranten ausgerechr^t ein jüdischer Harrdelsangestellter reserviert worden, der das große Verbrechen begangen haben soll, bei eiuer Verhaftung Pfui gerufen zu Haber:? Wenn wir die Mrüstung verlangen, dann wissen wir und sagen es vor dem lAusland, daß düe Hakmkreuzler Waffen haben. Wir fordern, daß dies äbgestellt wird und wir fordern, daß das Gezücht rechtzeitig! unschädlich gemacht wird. Das fordert das gesamte JudeÄNM vorn Bundeskartzler Seipel und vom ^.lizeipräsidenten .Schober. . -----'..-ja ‘

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