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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-20 · Heft 3013 (20.7.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3013 (20.7.1927)
Date
1927-07-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 20 g | Redaktion, Administration: Wien, II., Taborstr. 1 Telephon 44-0-38, 43-3-19 Telephon ab 6 Uhr abends 18-5-80 Serie, ab ‘/a9 Uhr abends 38-5-83. Druckerei: VII., Lerchenfelderstraße 1 („lnva“) Preise: Wien und Oesterreich durch Poet oder Verschleißstellen monatl. 6 Schilling. Bezugsbedingungen für das Ausland im Innern des Blattes. BESUCHST mn Ittair Rathaoshelle? RflMsttr Aifwtlialtsort Die Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgast I Volkstümliche Preise! Mittags - Menüs ä S i'60 Direktion: OTTO KASER ER Rr. 3013 Me«. Mittwoch. 20. 8«tt 1927 0. gohrgong Der Rationalrat einberufen. Montag nachmittag Sitzung. — Sie Mederanfnatzme des Verkehrs. — Sie Ruhe volMndig gesichert. — Las Militsir ans de« Stt'aben rnrsickgezoge». — Ser gnstlzpalast wird wieder aufgebaut werden. Der Präsident des Nationalrates hat die Volksvertretung emverufen. Die Sitzung findet am Montag, den 25. Juli, um 3 Uhr nachmittags, statt. Die Tagesord nung steht noch nicht fest. Wahrscheinlich wird in dieser. Sitzung lediglich eine LrauerkundgeVung erfolgen, während die meritorifchen Beratungen erst in der dann folgenden Sitzung beginnen werden. Der Wiener Gemeinderat tritt morgen um 5 Uhr nachmittags zusammen. Nie Aufnahme des Verkehrs. Um 12 Uhr nachts wurde der Verkehrsstreik abgebrochen. Die sozialdemokratische Parteileitung hatte bereits am Nachmittag die notwendigen Weisungen hinausgegeben, . nachdem die Regierung strikte das Ende des Streiks als die unbedingte Voraussetzung der Einberufung des Parlamentes bezeichnet hatte. Der Antrag der Parteileitung wurde um 7 Uhr abends von der Gewerkschaftskommission bestätigt und um 12 Uhr nachts erschienen sämtliche Beamte ung Angestellten, auf ihren Posten. Zuerst wurden; die Telegraphenämter in Betrieb gesetzt. Der Ansturm des Publikums war g ew a l t i g. Viele Tausende von Depeschen wurden ins Ausland gesendet, die fast alle den gleichen Inhalt, hatten: - '' „Wir sind wohlauf!" Auch das Telephon wurde aktiviert und wohl selten noch in Wien des Nachts so viel telephoniert wie diesmal. Die Postautomobile wurden in erster Linie dazu benützt, die auf den Bahnhöfen lagernde Post, die stellenweise mit den Arbeiterzügen hereingekommen war,.. abzuholen. Um drei Uhr früh gingen die ersten Briefpakete, sieben Waggons, vom Westbahnhofe ab. Auf den Bahnhöfen konnte der Dienst nicht so rasch in Fluß kommen. Es wurden zuerst die Güterzüge abgefertigt und am Morgen der Personenverkehr normal eingeleitet. Auf dem Südbahn Hofe war der Streik schon abends abgebrochen worden, und der erste Fcrnzug ging um halb 1 Uhr nachts nach Marburg ab. In den Bundesländern wurde der gewöhnliche Zustand ebenfalls rasch hergestellt. Nur in Tirol. gab es Reibungen. Die Landesregierung hatte die Bahnhöfe teils von Militär, teils von Heimwehren besetzen lassen und eine technische Nothilfe eingerichtet, die jedoch versagte. Die Eisenbahner forderten nun, daß alle Bahnhöfe geräumt sein müssen, ehe sie den Dienst aufnehmen. Die Verhandlungen nahmen geraume Zeit in Anspruch und es dauerte bis in den frühen Vormittag, ehe eine Einigung zustande kommen konnte. Doch wurden noch im Laufe der Nacht von Innsbruck drei Personenzüge, davon einer nach Wien, abgefertigt. Auch die Stadt Wien hat zur vollen Ruhe . zurückgesunden. Die Ansammlungen sind vollständig verschwunden. ■ Die Negierung hat gestern die militärische Besetzung des Parlamentes aufgehoben. Die Trottoirs wurden freigegeben, die Wache ko rdons reduziert. Nur mehr Doppelposten der Polizei sind zu sehen. lDagegen sind die Bartensteingasse, die Rathausstraße mtb die neben dev Polizeidirektion laufende Hohenstaufen - gasse gesperrt. Die Lastenstraße ist hinter dem Justizpalais für jeglichen Straßenbahn- und Passantenverkehr gesperrt, da Einsturzgefahr droht. An: Vormittage hat wieder eine kommissionelle Begehung der Ruine stattgefunden, die ergab, daß zunächst die Balkone und der Trakt zur Lastenstraße gepölzt werden müssen. Die Negierung hat beschlossen, den Justizpalast wieder aufzubauen, und wird dem Nationalrat heu diesbezüglichen Antrag vorlegen. Die Bergung der geretteten Akten und Bücher wird fortgesetzt, ist aber durch die noch immer glimmenden inneren Teile des Hauses gefährdet. Im Laufe des gestrigen Tages, wurde die relativ große Zahl unverbranntenAktenmaterials aus den Trümmern des Justizpalastes in das Justizministerium, ins Gebäude. der ehemaligen Oesterreichisch-Ungarischen Bank, in die Herrengasse gebracht, wo seit halb 6 Uhr früh die Nichterschaft damit beschäftigt ist, in den Aktenwirvwarr Ordnung zu bringen. Bei der Sichtung der geretteten Schriftstücke hat sich ergeben, daß Ta u f e n d e von E h e s ch e i - Die Aufruhr- Die Verhaftungen und verhöre. Dem Wiener Landesgerichte sind gestern 65 Verhaftete eingeliefert worden. Darunter befindet sich auch der vielgenannte F i a l a,' gegen den eine. Anzeige wegen Mordversuches erstattet wurdet Ew 's’tei i verhängnisvollen ersten Schuß abgefeuert haben. Gegen die eilsgelieferten Häftlinge wird die Untersuchung zum Teil wegen der allerschwersten Delikte geführt, auf deren schwerstes, nämlich den Aufruhr, im Sinne des § 73 St. G. l e b e ü sl a n g e r Kerker steht. Die Untersuchungen werden auch geführt in der Richtung des § 65 wegen Störung der öffentlichen Ruh e,'wegen Aufstandes nach § 68, Delikte, die mit schiveren Kerkerstrafen von fünf bis zehn Jahren, für die Rädels-, führer von zwanzig Jahren bedroht sind. Gestern haben die Untersuchungsrichter der einzelnen Abteilungen, die Montag bis ach Uhr abends im Amte tätig waren, bereits mit den Haftbeschwerden zu tun bekommen, die von seiten jener Verurteilten eingebracht worden sind, deren Akten zwecks Durchführung des Kassationsverfahrens beim Obersten Gerichtshof erlegen sind und möglicherweise dem Brande zum Opfer fielen. ' Man erwartet im Landesgericht das rascheste Herauskommen eines Gesetzes, sofern es sich erweisen wird, daß tatsächlich die Strafakten, welche die Grundlage des Kassationsverfahrens bilden müssen, vernichtet 'worden sind. Im ganzen stehen 300 Zivilpersonen in Untersuchung. Die Erhebungen in den Strafsachen gegen die Unruhestifter werden so viel Zeit in Anspruch nehmen, daß mit ihrer Durchführung. kaum vor der zweiten Hälfte September, beziehungsweise Oktober gerechnet werden kann. Schwnrgerichtsverhandluqgen werden bis dahin überhaupt nicht stattfinden. Es waren für die nächste Zeit noch zwei Ehrenbeleidigungsprozesse anberaumt worden, die aber abgesetzt wurden. Wann der Mordprozeß K u d i s ch stattfinden soll, steht vorläufig noch nicht fest. Erwähnenswert ist.noch, daß sich unter den Verhafteten Personen befinden, die wegen B r a n d st i ft u n g eingeliefert worden sind, darunter jene Exzedenten, die auf die Wachstube in der Bartensteingasse ihre Angriffe gerichtet haben, ebenso andere, die bei der Inbrandsetzung des Justizpalastes beteiligt waren. Die Untersuchungsrichter sind auf das intensivste mit der Dürchführullg der Verhöre mit den Beschuldigten beschäftigt, von denen einzelne Haftbeschwerden eingebracht haben, die sogleich vor die Ratskammer gelangen. Interessant ist es, daß bei einzelnen Untersuchungen gegen. Verhaftete die Paragraphen 76 und.78 in Anwendung kommen. Diese iu der Rechtspflege fast niemals in Anspruch genommenen gesetzlichen Bestimmungen besagen, daß jemand auch eine öffentliche Gewalttätigkeit begeht, wenn Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilunge« sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. dungsakten in den Flammen zugrunde gingen. Der Schaden ist Lgsonders deshalb so groß, weil in all diesen Ehescheidungsakten, die zum großen Teil aus bereits fertigen Urteilen bestanden, die Personaldoknniente der Parteien enthalten sind. Dadurch sind viele Leute ihrer Heimatscheine, Geburtsscheine, Trauungsscheine und anderer wichtigen Dokumente verlustig gegangen. Gestern vormittags wurde eine provisorische Ein lau f stelle errichtet, da bereits in den Morgenstunden viele Parteien vorsprachen. Es dürften jedoch noch zwei Wochen vergehen, ehe an eine reguläre Arbeit zu denken ist. Unter den wenigen geretteten Akten des Obersten Gerichtshofes befinden sich die Protokolle des Marek' Prozesses. An der Herstellung des Grundbuches wird mit allen Kräften gearbeitet und man hofft, da die Registratur der letzten.30 Jahre erhalten geblieben ist, binnen kürzester Frist den Schaden beseitigen zu können. er eine von der Negierung zur Berl-anblung ö f f c n't sicher Angelegenheiten berufene Versammlung, ein Gericht oder eine andere Behörde in ihrem Zusammentritt, ihrem Bestand oder in ihrer Wirksamkeit gewalttätig stört oder hindert. Die für dieses Verbrechen vorgesehene Strafe ist mit einem v is fünf Jahren, beziehungsweise fünf bis zehn Jahren bemessen. Diese Paragraphen sollen gegen einzelne der Demonstranten. die gegen den Justizpalast vorgegangen sind und dort Verhandlungen und den Gerichtsbetrieb gestör< haben, angezogen werden.; Die Beschönigungen gegen die Wache. Der Polizeipräsident Dr. Schober hat gestern an» geordnet, daß alle gegen die Wache wegen des Waffengebrauches erhobenen Beschuldigungen einzeln untersucht werden und daß jede Abteilung ihr Verhalten in einem ausführlichen Bericht zu rechtfertigen hat. ' Wie verlautet, soll die Polizei mit Panzerautomobilen und Maschinengewehren ausgerüstet werden, um bei eventuellen künftigen Vorkomm' nissen dieser Art vor Angriffen, besser geschützt zu sein. Die Toten und Verwandele«. Die Zahl der Opfer der Exzesse hat die gestern geMel» dcten Ziffern bereits überstiegen, ist jedoch noch immer nr.cht endgültig fe st zu'stellen. Eine gestern abends ausgegevene amtliche Liste gibt die Namen von 80 agnoszierten Toten an; drei sind unbekannt. In der Liste befindet sich ein gewesener Beamter der Sowjetmission in Wien namens Rttdolf Jngus.' Ferner finden wir unter den Todesopfern die folgenden Personen mit jüdisch klingenden Namen: Gustav Glück, Wienerfeldgasse; Robert Jelltne k; Emil Ko p p stein; Karl Bellak, 5. Bez., Blechturmgässe 26; Artur Kreisky, Rotenturmstraße 10; Alexander Schwarzer. In den Spitälern dauern die SchMerzensszenen fort Bor dem Leichenhof des Allgemeinen KranTenHaufts kam es gestern mittags zu aufregenden Vorfällen. Vor den Augen der ans der Straße angesiaMmeKlen Frauen wurden 30 Särge abgeladen und geordnet. Die Frauen begannen zu weinen und versuchten einen Sturm aus das Gitter. Die Sicherteitswaiche mußte intervenieren. Heute um 2 Uhr nachmittags nürd auf dem Zentralfriedhof die Beerdigung von 50 Toten, die am Freitag und Samstag das Leben eingebützt haben, vorgenommen werden. Der Ordnungsdienst wird durch die neue Giemeindewache und den Schutzbund versehen werden. Sprechen werden Bürgermeister Seitz und Abgeordneter Doktor Ellenbogen. Die Helden der Rettimgrgesellschast. ■ Bei .490 Pa treute«, deren Namen .feststellbar waren» bei - unzähligen Patienten, deren Namen vi» der gegebenen Situation nicht erhoben werden konnten, hat die Wiener Freiwillige RettungSgesellschaft anläßlich der am 15. Just beginnenden Demonstrationen interveniert-

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