Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3012 (19.7.1927)
- Date
- 1927-07-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitung 19. Juli 1927 M. 3012 Ser Klldisch-Prozeß verlast. Vor dem Schivurgericht 1 sollte gestern der ans drei Tage anbctcmmte Raubmordprozeß gegen die 28jährige Bedienerin Karolinc Kubisch, die der Ermordung und Beraubung dxk 72jährigen Milclchandlerin Marie Lustig angeklagt wurde, beginnen. Mit Rücksicht auf die Ereignisse unmittelbar nach dem Schattendorfrr Prozeß hat der Vorsitzende Oberlandesgerickstsrnt Dr. Kilhof die Verhandlung abberaumt und auf unbestimmte Zeit vertagt. Sie nnrd erst im H c rb st stattfinden. Lar Erdbeben in Palästina. 270 Sott, 468 Schwerverletzte, 375 Leichtverwundete. Berlin, 18. Juli. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Jerusalem: Der stellvertretende Oberkommissär teilte in einer Pressekonferenz mit, das; die Zahl der Erdbebenopfer 0 T ote, 468 Schmervevlehte und 375 Leichtverletzte beträgt. Oer Materiastchaden dürfte mehrere Millionen Pfund erreichen. Der Jordan hat an mehreren Stellen seinen Laus geändert. Die Bevölkerung von TmnSjovdouien ist in die Berge geflüchtet. Ser Abröstungskchlvindel. Bor eluer Einigung über ven Schiffsbau. Maris, 18. Juli. Alls der SeeabrüstungSkonferen; w Genf sollen nach einem Bericht des französischen halbamtlichen Nachrichtenbureaus in den letzten Tagen Fortschritte auf dem Wege zu einer Einigung in der 'Abrüstung's frage erzielt worden sein. Darnach sei Ja- ,mn fotmit eiiwerstanden, daß die Anzahl der 10.000 Tvn- Len-Kreüzer für die Bereinigten Staaten und für Engend mit je 12 und für Japan mit 8 festgesetzt wird. Jas neue rumänische Parlament. ^Bukarest, 18. Juli. Das neugewühlte rumänische Krrlament ist gestern mit -der Verlesung der Thronrede durch den Ministerpräsidenten Bratiauu eröffnet worden. Waffenstillstand in China. Schanghai, 17. Ju n. (Reuter.) Nach Meldungen Ms Peking bestätigt es sich, daß Tfchangkaischek der Nordarmee einen Waffenstillstand angeboten hat. Es wird an- 'geuommen, daß die Führer der Nordarmee den Vorichlag, ^ischangkaischeks für annehmbar erklären, unter der Bedingung, daß dw Süd u ppen mis Schantung zurückgezogen und hegen die Extremisten gewaltsam vvrgegangen werde. Eine Salonlki'Konfereuz. Paris, 16. Juli. Außenminister Michalokopuk<os erklärte dem Athener Korrespondenten des „T^mps", die Regierung würde es gern sehen, wenn die an . dem Hafen von Saloniki interessierten Staaten in dieser Stadt eine internationale Konferenz ab- Halten würden. Griechenland würde keine Einwendung dagegen. erheben, daß an dieser Konferenz auch die Vertreter Ungarns und Bulgariens teilnehmen sollen. Promotion. Unser Redaktionskollege Herr Robert Schreier wurde am Freitag, den 15. d. M., im großen Festsaal der Wiener Universität zvm Doktor dir Rechte pvomMett. Gewitter kommen. In der dtacht von Sonntag auf Montag sttz.be starker Regen ein, der eine merkliche Abkühlung der schier unerträglichen Hitze zur Folge hatte. Im Laufe des gestrigen Tages heiterte es sich wieder ans und die drückende Hitze machte sich wieder bemerkbar. Die Voraussage läßi lokale Gewitter erwarten. Verminderte Arbeitslosigkeit in Wien. Der Stand der unterstützten Arbeitslosen in Wien ist in der ersten Hälfte des Monates Jult 1937 um 3536 auf 75.218 zurückgegangcn. Damit ist der Stand um 9524 niedriger als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Die Zahl der unterstützten Angestellten ist um 05 auf 13.371, die der beim ArbeitSnachjveis der Stadt Wien Unterstützten (Hilfsarbeiter) ist um 1068 auf 20.465 gesunken. Die geheimnisvolle Kiste. J,l Anwesenheit eine» Bischofs wurde in London dio geheimnisvolle Kiste der Johanna Southeott, einer Mustikerin der englischen Kirche, die vor hundert Jahren verstorben ist, entsprechend dem Testament der Southeott feierlich geöffnet. In der Kiste befand sich etwas vergilbtes Leinen in Form einer Nachthaube, ciiw alte R e i t e r p 1 ft o 1 e, ein Billett einer bereits vor 80 Jahren aufgelösten englischen Institution und ein Buch mit merkwürdigen Prophezeiungen ans dem Jochre 1715. Der Bischof kommentierte den Fund mit den klassischen Worten: „Leider nicht sehr erleuchtend." Beim Baben ertrunken. Seit einigen Tagen ist der Wiener Ingenieur Frkh Lutz vermißt. Vorgestern wurde sein« Leiche bei Kritzenüorf aus der Dvnan geborgen. Ing. Lutz ist zweifellos beim Baden ertrunken. Zionistische Bezirkssektion 20. Heute abends halb 9 Uhr im Heim, 20. Bezirk, JLgerstraße 30, Herzl-Gedenkfeier. Referent: Dr. N. N. Ge l b c r. c Las neue Problem: Gin teures Telegramm »tut ein »Wer aaiMrllcher LaWoftbrlel? Ein Telegramm nach Polen kostet für zehn Worte 3.70 Schilling, ein Expreßbrief 1.10 Schilling; der Luftpostbrief, der in einigen Stunden nach Aufgabe in Wien dem polnischen Adressaten zugestellt wird, nur —.60 Schilling. Aufgabe bei allen Postämtern; am Abflugstage bis 7 Uhr 20 Min. morgens. beim Hauptpostamt. WIR bitten unsere Leser und Freunde, in Kurorten u. Sommerfrischen in allen Restaurants und Kaffeehäusern sowie in Lesehallen stets unser Blatt zu verlangen! Henker in Haft, Spser befreit. Von Egon Erwin Kisch. Im Verlag Erich Reiß, Berlin, ist eben „Der rasende Reporter in Rußland" von Egon Erwin Kisch erschienen, in welchem tey unseren Lesern wohlbekannte Autor seine fesselnden, mit starkem Temperament geschriebenen Skizzen sorisetzt. Mit Genehmigung i^s Verlags tasten wir hier ein Kapitel voll der schauerlichsten Anklage gegen das zaristische System folgen. W.w je etwas von Henkergeschlechtern gehört hat, von denen der Sansou, der Pipperger oder der Mydlar, der rveiß — und wäre es bloß aus ihren apokryphen Familienchroniken — daß nicht nur Vater und Sohn, sondern oft auch ein und derselbe Scharfrichter dm verschiedensten aufeinanderfolgenden Regierungen „diente", passiv und aktiv, dem König, dem Direttorium oder dem Kaiser. Jeden brachte er um, d^r sich gegen die herrschenden Herren verging, und dann die herrschenden Herrvm selbst, er aber, er blieb am Leben und im Ämr. In Sorvjetrußtand war das unmöglich Hiev hat man allen Machthabern der zaöischen politischen Justiz den Prozeß gemacht, dm Polizeiministem, dxn Gefängniswarrern, den Vxrbannmlgsgendarmen und dxn Spitzeln. Das geschah teils aus agitatorischen Gründen, teils aus solchen der historischen Feststellung, was gewiß einen überzerlgeriden Anfä-aunngsuntorricht darstellt, wenn auch bedauerlicl-errveise der einzelne für Verbrechen eines ganzen Systems zu büßen hat. Und angesichts der großen Ueberschviften in den Zeitungen: „Prozeß gegen die zaristischen Henker" fällt einem vor allem ein, die kleinen Henker härtgt man, währekG man die großen laufen ließ, nach Paris und Prag, wo sie ein sideles Leben führen. Wirklich ftud es auch diesmal ztlmeist dumpfe Menschen, die au der Barre stehen, und de-.- Strom von Abscheu, den das Verfahren bewußt einschallet, ivendet sich Nicht gegen die Angeklagte,'., die MeclMnis'chc Vollstrecker fremder Befehle waren, sondern gegen die Weit, der sie diente« M ist ein blutrünstiges Milieu, von dem tar Gerichtssaal der Vorhang gerissen wird, und erschüttert fragt Mün sich, in welcher Zeit so etwas möglich war. In welcher Zeit? Das Substrat des Prozesses bilden Vorgänge bis zum Jahre 1917... Mitten in Moskau, dort wo gegen die FlußbiegUNg zu die Häuser dünner gesät sind, befand sich das Polizeirevier des Bezirkes Chamowniki, das eine besonder« Aufgabe hatte. Wer der Ochranka nicht gefiel und aus dem Wege geräumt werden sollte, ohne daß man einen Prozeß entfesseln wollte, wurde mit kleinem Zettel, auf dem bloß eine Zeitangabe stand, dieser abgelegenen Wachstube überstellt. Die wußte, was zu tun sei. Dxr Eskortant wurde in eine Zelle gesperrt und zur festgesetzten Zeit, immer in der Nacht, über den Hof in einen Schuppen geführt. Dieser Schuppen ist sozusagen der Hauptangekkagte. Sein Inventar: ein Tisch, ein Petroleumläfnpchen, «in Schemel und ein in den Plafond eingeschlagener Haken. : War der Gefangene hier eingetwsfen, ivurde ein Sack hinterrücks über seinen Kops gestülpt, um seinen Hals die herabhängende Schlinge gelegt, man hob ihn auf den Schemel und mit diesem auf den Tisch, dann wurde das Möbel weggeschobm, und an der Decke baumelte ein Leichnam. Der Arzt, der bei jeder Stranguliemng aMveseNd war, um den cingetretenen Tod zu konstatieren, war nicht der einzige Zeuge: es wohnte ihr noch ein gespenstischer Gast bei, der allerdings bis zum heutigen Tage nicht ermittelt werden konnte; dieser fremde Herr, er fuhr im Gummirodler oder einem Schlitten erster Güte drei Minuten Vor der festgesetzten Stunde in den Hof des Polizeihauses ein, trug eine blaue Brille, sein Gesicht tvar verschminkt, und memand nmßte seinen Namen und sein Amt. Er schaute die FestgenommeNetl an, bevor ihnen die Herkersknechte den Sack über den Kopf warfest, und beobachtete, wie. die Schlinge um den Hals gelegt, wie der Wehrlose gchoben und wie durch das Umstürzen des Schemels die Prozedur beendet wurde, er sah der Tvdesprobe des' Arztes zu unb fuhr davon. Die anderen blieben, nahmen erst jetzt dom Leichnam Arm?- und AnßfeMn K, Bühne und Kunst. Ae Aeater und Klm» spiele« wieder. Die blutigen Ereignisse des Freitags veranlaßten die Theater und Kino«, obwohl der Generalstreik noch nicht proklamiert war, zu schließen, und auch Samstag blieben sämtliche Theater und Kinobetriebe geschlossen. Sonntag begann bereits in dm ersten Nachmittagsstunden eine ökbzahl von. Kinos wieder die Vorstellungen, die jedoch» vorwiegend infolge des schönen Wetters am Nachmittags, schwach besucht waren. Am Abend schafften Ragen nad Abkühlung den KMotheatern etwamehr Besucher. Die Wiene r Privatthealer, welche eine Sommerspielzeit halten — die VurideStheat«r hätten am 15. die letzten Vorstellungen geben sollen, die jedoch nicht abgehalien worden waren — wurden Sonntag wieder erö ffnet. Da «S weder durch die Presse noch durch Pkakatanschläge ein» VerständigungSmSglichkeit für daS Publikum gab, waren die Theater nur schwach besetzt; auch die Premiere im Deutschen VolkSthaater, die Samstag hätte stattflnden sollen, fand Sonntag vor mehr als halbleerem Hause statt (über die Vorstellung berichten wir an anderer Stelle.) Gestern abends hatten die Theater wieder ihr normales SommevauSsehen. Auch sämtliche Kinos gaben Vorstellungen. »Ar Hexer.- Gommerpremiere im Deutschen VoMheater. Die gruseligen Spannungen, welche das ' Deutsche Volkstheater seinen Sommergästen Samötag zu bitten gedachte» waren inzwischen durch die Wiener Wirklichkeit so stark übertroffen worden» daß die Samstag-Premiere nicht stattfinden, konnte. So wurde denn „Der Hexer", Detektivkomödie in sechs Bilderrc von Edgar W a l l a e e, am Sonntag einem mehr als spärlichen Publikum vorgeführt. Wallace, einer der gerissensten Journalisten Englands, dessen Romane und Detektivgeschichten drüben verschlungen werden, hat cnts seinem Detektivroman „The Ringer" sechs Bühnenbilder geschnitten» die nach bekanntem Muster rin Rätselraten aufgeben» wer eigentlich der gesuchte „moralische" Mörder, und Meisterverbrecher ist, vor dem ganz England zittert. Das Rätsel wird natürlich erst im letzten Mt gelöst, und da der „Hexer" durch fünf Akte die Sympathien des Publikums äüf seiner Seite hat, da er überdies noch auf offener oder bester gesagt verdunkelter Szene einen „moralischen" Mord an einem mit allerlei schwarzen Eigenschaften ausgestatteten Advokaten begeht, mutz tt natürlich der sogenannten Gerechttgkett enüommen, und das Rätselspiel ist aus. Die sechs Bilder lang geht es sanft unterhaltsam zu, wie es sich für den Sommer geziemt; das komödienhafte Element der Sache ist etwas mager, nicht einmal, die Polizei liefert gehörigen Kömödienstoff. Ein lustiger Stammsträfling sorgt für ein wenig Heiterkeit, Karl F o r e st stattet ihn mtt Requisiten aUS Satzmanns verflossenem .„Weißen Lämmchen" aus. Die Regie des Direktors B e e t sorgt für spannende Lichtbegw. Dunkeleffekte und für manchmal recht amüsante falsche Andeutungen, die im . Publikum die Lust am Rätselraten erhöhen. Hans Ziegler, Kurt Lessen, Hans Lückner, Ferdinand O.nno, Walter Brand i, Sonja Ämbach, Hansi Stadler fügen stä mit Eifer und Geschick in das Spiel für große Kinder ein das dem Sommerwdtter Konkurrenz machen soll. S. S. tett ihn auf vew WagaNkowsktz-Frtedhöß wp man ihn verscharrte, alA „Unbekannter, von den Austrägern gebracht". Niemals wurde im Schuppen ein Pvotokoll über die Hinrichtung ausgeferttgt, vielleicht vertraute man dem Mann mit der blauen Brille, vielleicht verließ man sich auf die Henker -* es gab nichts Schriftliches, der Delinquent war non in actis, non in mundo.; So dunkel es auch in dem Schuppen war (man mußte vor jeder Exekution, das Oellämpchsn anzünden), so rasch sich auch alles vollzog, so abgeschlossen der Hvf auch dalag, die Tatsa^, daß dort , eine geheime Richtstätte .sei, blieb der Untgebung nicht verborgen. Man wußte, iver von den Polizisten mit der schrecklichen Manipulation betraut war, man nannte diese L^ute auf der Wachstube und bald auch in. der Umgebung „die Musketiere" und fürchtete sie mehr, als man sie verachtete. Eines Morgens fanden die Polizisten an der Wand des Schuppens mtt großen weißen Lettern aufgemalt: „Hier wird erdrosselt". Die Buchstäben wurden in Eil« abgswischt, am nächsten Tage jedoch standen sie wieder dort. Nun wurde, ein Wachtposten im Hofe aufgestellt, und di« Mauer blieb ünbeschmiert. An dem Tage, an dem der Posten eingezogen wurde, war die Aufschrift von nmiem da, und das Spiel wiederholte sich noch einige Male. Vs war ein« ebenso gefährliche wie sinnlose Demonstration, denn jene, die di« Worte lasen/ tvußten ja, daß hier echrosselt würde, und ein hremdev kam nicht in den Hof. Er was imren denn alle Auflehnungsversnche gegen die Blntherrschaft des Zarismus anderes als ebenst» gvsiihrltche ime sinnlose DemonstrattöneN, was vermochten denn die Revolu^ tivnäro in Rußland und in der Emigration anderes zu tun, als durch Bvmbena'ttentate oder Flugschristeu mr die Wand zu schreiben: „Hier wird erorasselt!" Die Welt las zwar den Satz, doch war sie geneigt, alles für reichlich übertrieben halten, und der Zarismus lonpte rnit Statistiken menen, bellen zufolge Todesurteile und Vollstreckungen mir sehr seltrrr vorlamen. (Justifikationen von der Art der in^der 6hainonili-Wachstube standen aller-