Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3012 (19.7.1927)
- Date
- 1927-07-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt. 3012 Men, DienSiay Wiemr MsV-MMmW 1*. Fall 1 m Sette 3 HySne« des Schlachtfeldes. Wüste P«r»«hetze der -aleaNesiprche. — wer ist schulst L>r Au» l IPIIIMHtUI POS STRICKMOOBN M. HOLZER Wo Tote sind, sind' auch Hyänen. Oft sind es Raubtiere, die sich an den Leichen gütlich tun, oder es sind menschliche Bestien, die die T-ten schanzen durch Raub und Diebstahl. Aasgeier sind es, Wesens verfemt und feige im Dunkel aüf leichte Beute lauernd. ES gibt kein Geschöpf, das atmend auf dtr Evde lebt, das so tief gesunken ist wie die Hyäne oder der Leichenfledderer. ES muß nicht immer so sein, daß die Bestie ihre Krallen in den' noch blutenden Körper versenkt, es muß nicht so sein, daß der Verbrecher Ringe und Brieftaschen' tatsächlich stiehlt.' CS gibt, wenn es überhaupt möglich ist, noch gemeinere, noch abscheulichere, noch feigere Verbrechens Leichenschättderei — durch heimtückische Verleumdung, durch hinterlistige Manifeste an die tiefsten Instinkte. Blut ist in Wien geflossen, Entsetzliches hat sich ereignet, ganz Europa steht im Banne des schwarzen Freitags/ Die Erregung' ist in Unserer Stadt noch immer auf dem Siedepunkt. Noch ist das Blut auf dem Pflaster nicht eingetrocknet, noch fließen die Tränen der Mütter und Frauen, noch stehen Posten mit ' scharfgeladenen Gewehren in den Straßen. Ein Funke — und eine Explosion muß Wien in die Lust sprengen, ein Funke nur, und ein Morden kann anhehen. wie es Nicht-vorstellbar ist der kühnsten Phantasie. Ist es'möglich./daß in dieser Stadt, in Wien, ist es möglich, daß es da Menschen gibt,' die diesen Funken werfen wollen',. um an dem Höllenfeuer ' des Bürgerkrieges ihre Parteisuppe, di« schon erkaltet ist, aufs nue zu wärmen? Ja, ist es denkbar, daß solchen Menschen auch nur die Möglichkeit ge b oten wird, den Versuch zu unternehmen? Wehrt man nicht diesen Hyänen des Schlachtfeldes mit allen Mitteln ihr Vorhaben Und macht sie unschädlich, ehe noch das Unglück geschieht? Nein! Man läßt sie gewähren, sie körmen-frei die Brandfackel schwingen. Keine Polizei u/n d kein Staatsanwalt findet es der Mühe wert, den glimmenden Funken mit einem Fußtritt zu ersticken. Am ersten Tage, da die Zeitungen erschienen sind, an diesem Tage verkündet das Organ der Nation also z ia l i st e n , auf der ersten Seite, mit Katastrophenlettern: Judas Schandwerk. " Die blutigen Ereignisse ein „Erfolg" der jüdischen Hetze. —^ Das betrogene Volk ihr Opfer. — Schluß machen mit der Judenherrschast. Wir sind getviß die letzten, die nach dem. Staatsanwalt. rufen. Aber in diesem Augenblick, da hunderte, tausende Opfer m den Totenkammern und Spitälern liegen, in diesem Augenblicke gißt es keine Feinfühligkeit in. Prestige-, angelegenheiten. Freiheit der Presse —• gewiß, aber nicht Freiheit des Mordens. Und mit Verlaub: „Der Abend"/ wurde gestern konfisziert. Wahrscheinlich mit Recht. Denn jedes neue Aufpeitschen der Leidenschaften muß unter allen Umständen vermieden werden, sei es selbst um den Preis staatsbürgerlicher Rechte. „Der Abend" hetzte gegen die Polizeihund wurde, konfisziert.' Gut — der Staatsanwalt Hai mit diesem Gewaltakt vielleicht ein gutes Werk getan. Abep: Keim diplomatische Intervention. Wtiwe edtttinticimitdlcR. Bon «nierechtster Gerte werden wir zu der Erklärung er» mächsigt, daß alle Meldungen über eine am Gamstag in Wien Mtgehabw Konferenz'der Wiener Gesandten und Botschafter, in der üb« eine eventuelle militärische Intervent: o n beraten' worden sein soll, E r fn d u n g e n sind. Ez hat keine Konferenz «nd kein« Demarche beim Bundes« kanzler stattgefunden. Seilridskundgebuus de, Meu« tschechischen Sesandten. D« sschechosiowokssche Gesandt« Bav r« e ka machte gestern vormittags dem Bundeskanzler Dr. Seipel und dem Bürgermeister Seih Besuche, in denen er das Beileid seiner Regierung für di« Qpser der Unruhen in den letzten Tagen aussprach. Der Bundeskanzler ersuchte den Gesandten, der tschechoslowakischen Regierung den Dank Oesterreichs für diese Kundgebung zu übermitteln, wobei er zugle'.ch dem Gesandten eineDar sie l l u n g d « r E r «i g n iss e und ihrer Auswirkungen gab. Bürgermeister Seitz dankte ebenfalls für die Teilnahme und gab hiebe/ der Hoffnung Ausdruck, daß sich ähnliche traurige Vorkommnisse in Wien niemals wieder ere'.gnm mögen. Re VeMerftattung im Aurlmlde. Wie vonauswärts berichtet wird, werden über Wien und Oesterreich die unsinnigsten Ber'.chte verbreitet, die auch durch verschiedene Kanäle nach Oesterreich gelangen. Gestern abends murde in Wien dl« Nachricht verbreitet,, haß auf ^der Strecke Brenner—Kufstein der Eisenbahnverkehr vollstärwig funktioniert ynd daß Mussolickdles dmch sein« Drohung, er «erbe mit 10.000 Mann in Oesterreich einrückrn, durchgesetzt habe. In Wirttichke/t steht die Sache so, daß über den Brenner nach Deutschland nur der LebenSmittelverkehr vor sich geht, Per ja überhäuf von den Eisenbahnern nicht unterbunden wurde. Derselbe Staatsanwalt nimmt keine Kenntnis von der ungleich größeren Gefahr einer offen propagierten Jud enHetze, er läßt ruhig offen zum Pogrom Hetzen, er liest, ohne auch nur eine einzige Abwehrbewegung zu machen, ruhig folgende Sätze: „. . . Fürs erste hatte nun der Jude, was er wollte! Arisches Blut wurde vergossen — der Jude triumphiert! Hier nmß Schluß gemacht werden! Hier ist der Hebel anzusehen l Gebrochen muß der Judenterror werden — auf was (!) warten denn noch die verantwortlichen Lenker dieses verjudeten Staates, wollen sie ferner tatenlos zusehen, wie ein dreistes Asiatengesindel Volk gegen Volk empört? — Schluß - mit der Judenherrfchaft! Die Geduld des geknechteten! Volkes ist zu Ende. Denn auch das deutschbewutzte Volk ist langer nicht mehr gewillt, das I u den joch zu tragen. .Wenn nichts geschieht, wird eS dies Joch aus eigenem z u brechen wisse n!" Das ist — wenigstens klar und offen — eine Auf- . forderung nach oben und unten zum Pogrom. DaS ist nackte Movddrohung, das ist Aufriss zu Totschlag, Raub und Plünderung! Ist das nicht zumindest der Tatbestand des § 302? Das weiß die Staatsanwaltschaft nicht. Gleiches Recht für alle — wenn, man den „Abend" konfisziert, weil er der Polizei schuld an allem Unglück gibt, dann muß man wohl auch das Sudelblatt einstellen, das hundertmal ärger und gefährlicher zu Brand und Plünderung, zu Mord und Totschlag hetzt! Die oben angeführten Sätze sind nur eine kleine Blütenlese aus dem Inhalt des Mordorgans. Doch seien noch einige andere Stilblüten angeführt. Denn am Ende kommt die Psyche dieser Herrschaften zutage. Sie können einfach nicht schreiben, ohne daß ihr — sagen wir höflich — Geschlechtsneid zutage kommt: „Jagd auf arische Mädchen. Einer unserer Mitarbeiter hat Sonnabend nachmittags einen geilen Juden gestellt, der wie beseffm l einem blühend ausseheniden Arbeiterkinde her'war. Sonntag sah man überall wieder die.Juden im Kraftwagen und auf Motorrädern, ihre christlichen Schicksen an der Seite, ins Freie rasen. ..." Geht es also, nicht mtt der nackten Aufforderung zpm Judenschlachten, so geht es vielleicht mit der Aufstachelung der niedrigsten Triebe. Weil bekanntlich die Wiener Juden nach den furchtbaren Tagen nur eine Sorge haben: Jagd mss arische Mädchen zu machen, um mtt „christlichen Schicksen" auf Motorrädern ins Freie zu rasen . . . Und das alles konnte straflos geschrieben werden, am 18. Juli, zwei Tage nach den Straßenkämpfen. Das wagen jene Leute zu tun, deren einziges politisches Bekenntnis der Mord ist. Es ist höchste Z e it, d ätz solchem Treiben e in End e g em a ch t w ird. Sie sonstige Berichterstattung ins Ausland erfolgt — so weit sie nicht -die Streikleitung auf . den nur ihr zur Verfügung stehenden telephonischen und teilegraphischen Leitungen an Parteiblätter besorgt — per Fing zeug oder ab Preßburg und Lundenburg, wohin die Wiener Vertreter der Auslands- Presse ihre Depeschen stündlich' Per Auto senden. Sngttsche Bwtterstimme». London, 16. Juli. Die englische Presse befaßt sich in Leitartikeln ausführlich mit den Vorgängen in Wien. „Dimer" und „Morning Post" erklären, daß die blutigen Ereignisse von Kommunisten provoziert worden feien. Zum Glücke sei, schreibt die „T-meS", die Beruhigung so schnell eingetreten, daß es nicht nötig sei, sich mit den ernsten Folgen für Re Ordnung in Europa zu befassen, die eine tatsächliche Revolution in Oesterreich beinahe unvermeidlich Hervorrufen würde. Auch „Daily Telegraph" hält die Kommunisten -für die Urheber der Ausschreitungen und meint, daß die Alli'^rten Ursache hätten, die unzureichende Stärke der österreichischen Heere- und di« ungenügenden Mittel zu bedauern, die der Vertrag von St. Germa'.n Oesterreich für diesen Zweck genrähvt habe. „Wsstminster Gazette" schreibt, man dürfe den Gerüchten,' daß es sich in Wien um ein v on den r ussis che n Bolschewiken organisiertes Komplott handeit, keinen Glauben beilegen. Berlin, 16. Juli. Die „Bossische Zeitung" vom 10. Juki schreibt unter dem Titel „Wie das Ausland bedient wird": Die direkten Meldungen der „Bvssisch^n Zeitung" zeigen, daß in Wie» ein« merkliche Beruhigung oingi»treten ist und daß es den sozialdemokratischen Führern gelungen ist, die Massen langsam wieder in die Hand zu bekommen. Dagegen werden aus Prag und Budapest Meldungen Verbreitet, die alarmierenden Charakter tra- VI, Mariahilferstraße Nr. 89 (neben Flottenkino) — II., Tabow sfraß« Nr. 18 (Hotel National) — Karlsbad, Alte Wiese W OI»L «TRI KOT- JUMPER-KLEID IN ALLEN FARBEN S 35- WASCHSSIDBNSTRUMPFE $ 5-90 gen und vielleicht teilweise die Tendenz zeigen, eine Intervention vorzubereiten. So meldet unser Ändoner Korrespondent u. a., daß, wie man in politischen Kreisen annimmt, bei Fortdauer der Straßewkämpfe und Unruhen in Oesterreich entweder gemeinsam von der Tschechoslowakei und Südslawien oder von Ungarn, möglicherweise von Italien unterstützt, interveniert werden dürfte. Während Frankreich eine Intervention der Kleinen Entente vorziehen würde, würden gewisse antibolschewistische Kreise Londons den Eintritt Ungarns zweifellos vorziehen. ( In Turin wird eine Wiener Meldung verbreitet daß, die rote Diktatur in Oesterreich ausgerufen wurde. Ein Telegramm Paris-Turin sagt, daß die M lener Oper in Flammen stehe. „The Star" vom 16. Juli (Reuter-Meldüng): Eines der vielen in Prag kursierenden unbestätigten Gerüchte besagt, daß Dr. Seipel in seinem. AmtSgebäude belagert sei. Die Lage soll ernster geworden sein, da die Demonstranten Verstärkungen aus der Umgebung Wiens, besonders aus Wr.-Neustadt erhalten sollen. Eine andere Meldung lautet dahin, dah der Pollj/^eilpräslident gefangen sei. B-is jetzt haben die Behörden gezögert, die Armee intervenieren zu tofsen,, da die Haltung der Truppen eine sehr problematische ist * Ueber diese Meldungen darf matt sich nicht allzustHr aufregen. In Wien wurden selbst ähnliche Dinge fabriziert. So „melden" die „Wiener Neuesten Nachrichten", ein Organ der an der Regierung beteiligten Gvoßdeutsch^u: Zusammenziehung tschechischer Truppen an der Grenze? Der Wiener tschechische sandte beim Bürgermeister Seitz. Der tschechische Gesandte in Wien, Dr. Bavrecka, hatte mit Bürgermeister Seitz eine Besprechung. Der tschechische Gesandte hat, wie verlautet, den Bürgermeister auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die Wien drohten, wenn Wien weiter ein Gefahrenzentrum bleiben sollte. Es soll, wie verlautet, bei dieser Gelegenheit auch dem Bürgermeister - Seitz Mitteilimjg von der Zusammenziejhung starker tschechischer Truppenteile an der Grenze Mitteilung g> macht worden sein. SerftSklu«» der Semelndeschutzwache. Gestern wurden neuerlich Mitglieder des Republika» nischen Schutzbundes im Rathause vereidigt, mtt Waffen versehen und der neuen Gemeindeschutzwäche zugeteilt. Siustmzgesahr des guftl,Palastes^ Absperrung der Lastenstwße. Infolge Einsturzgefahr der Ruinen des Juftizpalastes werden alle Linien der Elektrischen hier Von der Lastenstratze avgelenkt. Auch der JuhrwerksverSeyr zwischen Lerchenstlderstraße und Deutschem Bolkscheader ist untersagt Las Parlament hat dar Watt. Ueber den Zettpuntt der Einberufung des Nationalrates ist noch keine Entscheidung getroffen. Der Bundeskanzler hat mtt dem Präsidenten des Nationalrates vereinbart, daß nach der tatsächlichen Wiederaufnahme des BerkehrSdiensteS mtt den Parteien des Nationalrates Fühlung gerwmmen werden soll, um den Tag für den Zusammentritt des Nattonalrates festzusetzen. Augenblicklich überwiegt bei den Regierungsparteien noch das Gefühl des Triumphes darüber, daß jetzt den Sozialdemokraten die Courage abgekaust wurde, und daß der Berk ehr 8 streik bedingungslos abgeblas e n werden mußte. Da man aber schließlich doch wieder einmal zu normaler parlamentarischer Arbeit zurückfinden muß, macht Dr. Seipel, fo stolz er auch auf den Erfolg , der „Mannlicher" ist, einigermaßen in versöhnlicher Stimmung. Ja er hofft sogar, die Sozialdemokraten würden jetzt auch auf dem Boden des Parlamentes gefügiger werden. Ob der Vertreter des Landbundes in der Regierung, der Vizekanzler H a r 1 l e b, in dessen Ressort das öffentliche' Sicherheitswesen fällt, die Erfüllung der Hauptforderung seines Klubs, die Gesetzwerdung der Zolltarif« Novelle, noch vor den Sommerferien wird durchsetzen können, muß aber doch sehr beztveifelt werden. Kundige Thehaner wollen wissen, daß er an jenem Unglücksftettag. da der Justtzpalast in Brand aufgintz, als Leiter des Innenministeriums versagt habe. In gewissen Kreisen der Majorität möchte man ihn gerne zum SÄndenbock machen, d« in die Wüste geschickt wird. Für kommenden.F r e'i t a g haben die ChrMchsozialen wichtige Parteiberatungen angesetzt. Der Nqtionalrat wird sich porauSHchtlich Mitte nächster Woche versammeln.