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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-18 · Heft 3011 (18.7.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3011 (18.7.1927)
Date
1927-07-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3011 Wien, Montag Wiener Mergenzeitung 18. Juli 1927 Sette 8 Gegen 7 Uhr abends marschierte zur Entlastung der Polizei eine Kompagnie Infanterie in feldmäßiger Ausrüstung -hinter dem Parlament auf und übernahm daS Gebäude. Der Bürgermeister als Landeshauptmann hatte die Zustimmung erteilt, zumal die im Parlament stehenden Schn tzb undabteil ungen nach und nach abgezogen worden waren. Dazwischen gingen den ganzen Nachmittag hindurch Verhandlungen zwischen der Negierung und der sozialdemokratischen Partei. Der Minifterrat war fast in Permanens» und am Nachmittag wurden der San* deShauptmann Seit; und der Polizeipräfident Gchov er dm Beratungm zu gezogen. Die Regierung rechnete zu bicfenrü Zeitpunkt bereits mit der Proklamierung des Generalstreiks und beschloß, alle in dieser Situation möglichen Mittel. Cs wurde die Beschlagnahme aller Flugzeuge ausgesprochen su,nd die Ravag sowie die Radiv-ÄUstria unter Kontrolle genommen. Dies mißlang jedoch, da der Generaldirektor der Ravag die bei ihm «ttschlenenen Organe, die putschartig vorgingen, ab wies. Später wurde die Ravag beschlagnahmt. Um 7 Uhr wurde uns im Parlament auf die Frage nach den Opfern lakonisch erwidert: Cbm ist der vierzehnte Tote gebracht worden. 300 Personen wurden dort ambulatorisch behandelt, von denen die Hälfte an Spitäler abgegeben 'wurde. Im Allgemeinen Krankenhaus, im Rudolfspital, im Wieduer KrankenhauS, im Esphienfpital, bei den Barmherzigen Brüdern, im Franz-Josefs-Spilal ging es zu wie im Krieg. Ununterbrochen kamen die Mutvs mit Verwundeten. Ms verfügbaren Wagen wurden durch Schutzbündler ausgehalten uird zum Verwundetentransport herangezogen. Die Freiwitlige Rettungsgesellschaft, die Stadt Wien und das Rote Kr^uz mußten alle Gefährte in den Dienst stellen. Der Generalstreik. Um 7 Uhr ließ die technische Union den telep-hvni- 'scheu Verkehr einstellen. DreS bedeutete eine furchtbare Mschwerung der Situation. Die unsinnigsten Gerüchte wuir- Iben kolportiert und steigerten noch die Erregung. Die Ringstraße wurde langsam leer, aber die Mrtelstraßen und die Dassen der äußeren Bezirke waren überfüllt. Immer wieder versuchten Temonstrantengruppen unterhemSchütz der Dunkelheit, in die Stadt zu gelangen und wurden mit Salven zurückgetrieben. /ßiur leichter Regen ging nieder und drückte d^n BrätldduNst, der von dem Justiz Palast ausging, auf die ganze Stadt .Die feurige Silhouette stand am Horizont und war weithin sichtbar.. ' , Bis Mitternacht dauerten die Ansammlungen, und die knatternden Salven waren überall deutlich hörbar. 1 Der sozialdemokratische Parteivorstand und die Gewerk- Hchgstskomnüssimr proklamierten nach 7 Uhr'den General-!-streick für 24 Stunden. Ter Streik sollte offiziell um Mit- Uternach/. beginnen und bis Mitternacht währen. Sodann hatte der Vorkehrsstreik einzusetzen und bis auf Widerruf anzudauern. Also: Keine Post, kein Tele- . phon, keine Eisenbahn! " Die Straßenbahn und Stadtbahn hatten schon vorrmttagS den Betrieb eingestellt und die Nachmittagsblätjter erschienen nicht. Den Redaktionen wurde mitgeteilt, doch auch die Frühblätter nicht gesetzt und gedruckt rverden. Da dtt Streik bis Samstag nachts angesetzt war, wurde auch für Sonntag keine Zeitung fertiggestellt und lediglich ein Mitteilungsblatt der „Arbeiter-Zeitung" gab eine mehr als dürftige und durchaus einseitige Darstellung der Vorfälle. DaS Blatt erklärte, daß verantwortungslose Elemente daS Unglück verursacht hätten. ES wurde jedoch die Schwäche der Partei offen aufgedeckt. Sie fei der bewaffneten Macht der Regierung nicht gewachsen und mahnte deshalb zur Ruhe. In den Kreisen der Mbeiterschaft hat dieses Eingeständnis großes iAUfsehen hervorgerufen und in zahllosen improvisierten Versammlungen wurde gegen die sozialdemokratische Parteileitung aufs schärfste Stellung genommen. Die kommunistische iiWtatwn, die sich insbesondere auf < > , die im Mai erfolgte Waffenabgabe berief, erhielt ein weites Feld der aussichtsreichsten Tältgkeit. Der zweite Tag -es Aufstandes. Der Samstag kam und brachte neues Unheil. Schon 'vom frühen Morgen an sammelten sich in den Peripherie-; bezirken große Massen junger Leute, Arbeitsloser und auch j dunkler Memente, denen die furchtbare Tragödie „a- Hetz'" War. Gruppen von Buben und Mädeln nahmen in den Straßen. Aufstellung.und hielten alle Automobile au. l'Man machte sich, den Scherz, die Insassen zur L egiti-!mLerung und sodann zum Aussteigen zu zwingen. Am turbulentesten ging diese Unterhaltung an den joiid Wien führenden Straßen vor sich Die Chauffeurs i verweigerten vielfach den Gehorsam, mußten sich aber der -Gewalt fügen. i In der Inneren Stadt hätten sich beim Parlament! wieder Gruppen an gesammelt. Gegen 11 Uhr vormittag fAng die Belegschaft des Wachlokals in der Elisabeth^- fftzraße wieder vor. Alle Eckhäuser warm von Posten mit Gewehr besetzt; jflieb-cr die Absperrungsketten, wieder Gewehrsale n. Bis zur Oper wurde die Menge getrieben und die Sockelmauern deS Kunstinstituts zeigen die Spürern der Ginschläge. Der weitere Bormittag verlief in verhältnismäßiger Ruhe, doch war die Stimmung angesichts der vielen RettungSautomobile, die mit der wehenden Roten-Kreuz-Flagge dahinschossen, sehr niedergeschlagen. Um 2 Uhr nachmittag marschierten Wacheavteilungen mit ausgepflanztem Bajonett durch alle zum Gürtel führenden Straßen und sperrteil sie ab. Um diese Zeit trafen auch die Garnisonen von Hainvurg und Bruck a. d. Leitha die von dort unter großen Gegendemonstrationen der Bevölkerung abgcgangen warm, m Wien ein. Sie kamen in feldmarschmäßiger Äldjustierung und wie im Feindesland: Borhllt, Seiteüdeckimg und Nachhut, Bajonett auf. Rückwärts Maschinengetvchre und Feldküchen. Dis Truppen sahen sehr müde und vom Marsch und der Hitze arg mitgenommen aus. Auch die Bereitschaft der Praterkaserne wurde in di« Innere Stadt geKvgen und ins Parlament gelegt.;; ' Tumulte in Hernals. Schwere Unruhen brächen In Hernals auö. Dort war am Freitag nachmittag die Wachstube in der Hauptstraße angegriffen und i [ verbrannt . i worden. Auch hier würde die Feuerwehr am Löschen verhindert. Samstag mittags wurden in der Rötzergasse fünf Wachleute angefallen. Sie schossen aus Revolvern, wodurch einige Paffanten verwundet würden, . Nachmittags wurde die Wachstube in der Rosensteingasse angegriffen. Die Wache schoß mehrere Male. Unrt 3 -Uhr trafen auf Lastautos einige hundert Polizisten ein, die noch während der Fahrt feuerten. Ws war, wie betont werden muß, lichtscheues Gesindel an der Arbeit. GS wurden wieder Barrikaden gebaut- und gegen 4 Uhr ging ditz Polizei auf der ganzen Linie zum Sturm vor. - Das Fmer dauerte gut eine halb« Stunde, und die Opfer waren, wie gewöhnlich, ruhige, friedfertige Menschen. Die Kommunisten brachten sich in Siche rhe-it. Ein Arbetterordner, ferner ein Schaffner und seine Frau, die aus dem Fenster hinaussahen, wurden erschossenM ein Polizist und ein Machinspektm von Messerhelden niedergemacht. Sechs Tote und fünfzig Verwundete! ' Auch in Ottakring wurde geschaffen, ton-, iwu* | 'von abends, di« WachmPmWMu MüchWMda M l die sozialdemvkratifchm Führer für die Ruhe Verbürgten. Ein wolkmbruchartiger Regen, der um 6 Uhr ausbvach und bis abends dauerte, brachte eine Atempause. Auch das Alkoholverbo^, das mittags in Kraft ttat, hatte eine wohltätige Wirkung. .Der Sonntag änderte das Bild. Die Straßenbahn hatte in der Frühe den Betrieb ausgenommen und die Züge der Stadtbahn wurden fast gestürmt. Viele Tausends Menschen zogen zum Parlament und zu der traurigen Ruine des Justizpalastes. Die Wache stand mit Gewehr an allen wichtigen Punkten, doch war die Beweglmgsfreiheit nicht mehr gehindert. In der Früh hatte ein Aufruf des Bürgermeisters hte Bildung einer Gemeindeschutzwache angekündigt. ES wurden ans dem Republikanischen Gchutzvund alle gedienten Männer von 85 SkS 45 Jahren heranögezogen. Sie sind bewaffnet und tragen eine rot-weiße Vbide als Erkennungszeichen. ■ Vermißte Polizisten anfgesnndea. Am Freitag vormittags hatten sich im. Justizpalast zwei dorthin gejMchtete Polizisten verirrt. Sie waren in dem brennenden Haus umhergelaufen und rannten in der Todesangst zu einem Kanalschlauch» durch den fr gelangten. Dort haben sie die langen Stunden, bis Samstag mittag verbracht, konnten sich jedoch dann selbst befreien. Vier Familien von Bediensteten des Justiz - palastes flüchteten vor dem Feuer in einen Luftschacht. Als die Feuerwehr Samstag nachmittags das Haus absuchte, fand sic die Armen und erlöste sic aus ihrer furchtbaren Lage. Wie das Bundeskanzleramt mitteilt, lvar am Freitag der erste Schuß vor . dem Justtzpalast von einem Kommunisten namens Fiala abgegeben worden. Dieser Mann ist verhaftet. Eine politische Erklärung der Regierung. lAintlich wird mitgeteilt: Am Sm.nag vormittags gewann das Straßenbild wieder das normale Aklssehrn hauptsächlich dadurch, daß der Straßenbahn- und Alutomobilverkehr in normalem Maße tviedev einsetzte. Dies war der sichtbare Ausdruck dafür, daß der 24stündige Demonstrations< streik beendet war. Im Laufe des Sonntags wurde versucht, auch den Verkehrsstreik, d. h. den Freitag als unbefristet proklanncr^u Streik der Bundesbahn-, und der Post-, Telegraphenu Fernspvechangestellten zu beenden. Die politischen Auseinandersetzungen» die den Ereignissen der letzten Tage ohne Zweifel uod; jo > gen tverden, sollen dorthin verlegt werde«, wohin sie gehören, nämlich auf dem parlamentarischen Boden. Für welchen Zeitpunkt der Natwnalrat einberufen werden soll, i>" augenblicklich Gegenstand der Verhandlungen zwischen der Regierung und dm Politischen Parteien« Die Negierung besteht darauf, daß die volle Freiheit der Tagung des Nationalrates sichergestellt sein muß. Dazu gehört, daß der Verkehrsstreik in allm seinen Teilm vor Einberufung des Nationalrates beendet sei. Die Kommunisten. Am Freitag verteilten Pavteigän-ger der Kommun-ist'.scher Parte', aufreizende Flugblätter amb am 16. Juli 1927 ehre Sondemusgabe der ,Flöten Fahne". Beide Druckschriften wurden von der Staatsanwaltschaft I zu Wien beschlagnahmt. Zur Feststellung der für die Herausgabe dieser Presseerzeugnisse verantwortlichen Personen wurde am 16. Juli vormittags im Parieisekretariate der Kommunistischen Partei Oesterreichs, 6. Bez., Mserstraße 69, ehre Hausdurchsuchung vorgenommen. Hiebeiwurden 4606 Exemplare der „Roten Fahne" saisiert. 46 im Pavteisekretariate anwesende Personen wurden perlustr-.ert und hievon 23 -behufs Einleitung der weiteren AmtshaMung der Polizeibire-ktion überstellt. Unter »den Angehaltenen befanden -sich neun Ausländer, gegen welche -das Abschaffungsverfahren eingeleitet wurde. In den Abendstunden des 16. IM erschien eine Extraausgabe der „Arbeiterstämme", des Organes der Kommunistischen Partei Oesterreichs (Opp osition); auch diese Druckschrift wurde vom üwndesgerichte für Strafsachen I zu Wien beschlagnahmt. Flucht der Fremde« aus Me«. Seit Freitag nachmittags sind die Fremden aus Wien verschwunden. Wer nur konnte, reiste mit Automobil über Preßburg ab. Die Wiener Banken, die großen Geschäftshäuser und die Zeitungen haben einen Automobildienst nach Preßburg organisiert, um nicht vom Weltverkehr abgeschnitten zu werden. Der Luftverkehr ift eingestellt, doch kommen die internationalen Flugzeuge aus Polen und Deutschland regelmäßig. Mittwoch: Begräbnis der Spfer. Aus Kosten der Gemeinde. Der Bürgermeister hat verfügt, daß die von der Polizei Getöteten auf Kosten der Gemeind eWienbeerdigt werden. Die Grabstätte wird im Zentralfriedhof sein. Die Gemeinde wird dort einen Obelisk errichten, auf dem die Namen der Opfer verzeichnet sind. DaS Leichenbegängnis findet am Mittwoch um zwei Uhr nachmittags statt. Mit der Durchführung wurde amtsführender Stadtrat Pro-» feffor Dr. Landler bettaut. Die Gemeindeverwaltung wird für die Opfer einen Bettag von hunderttausend Schilling zur Verfügung stellen. Nichtigkeitsbeschwerde gegen de» Freispruch im Schattendorfer Prozeß. Wie mitgeteilt wird, hat die Staatsanwaltschaft gegen das freisprechende Urteil der Geschworenen im Schattendorfer Prozesse die Nichtigkeitsbeschwerde angemeldet. ' Segen dm Sbmann der Schattendorfer Geschworene«. Am SamStag um die Mittagszeit sammelte sich vor dem ttn 31. Wtmer Gemeindebezirk gelegenen Wohnhanse deS Obmannes der Geschworenen Lin Schattendorfer Prozeß eine große Mmscheiunenge an, die den Versuch unternahm, in dieses Haus «nzudringm. Die Sicherheitswache schritt ein und ermöglicht« es dem Bedachten, das Sans unter chvem Schutzs Ol

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