Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3011 (18.7.1927)
- Date
- 1927-07-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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33SSRB3B!S25Sa£3! Si»wawpas8Bjg:aaS3«sagMMltB«»«Si^<ä«iggBäo»eqMaLfl «ni,ii»im Seite 8 Wien. Montag Wiener Morgenzeitung 18. Juli 1927 " Nr. am stranten stürmten ein Baugerüst und trugen Leitern und Latten zu einer Barrikade zusammen, mit der sie den Schmerlingplatz, auf dem sich der Justizpalast erhebt, sperrten. Eine Truppe von Polizisten hatte auf der Freitreppe Aufstellung genommen. Es wird wohl niemals :nit voller Sicherheit gesagt werden können, was sich nun an dieser Stelle abgespielt.hat. Nach der Darstellung der Polizei wurden die Beamten mit Steinen, Asphaltbrocken und Holzstücken beworfen, worauf sie «ms den Dwnstrevokver eine lcharsie Salve abgaben. Die Menge stob auseinander, Verwundete liefen zurück, andere drängten vor. Nach einer sekundenlangen Pause folgte ein Sturm auf das Gebäude, die Polizei feuerte wieder scharf. Die Szene dauerte kamn Mer Minuten, dann war die Treppe erstürmt, die Polizisten flüchteten in das Innere des Gebäudes, einige Demonstranten ihnen nach; drinnen ein kurzes hin und her, der Portier, ein älterer Mann in Hemd und Hose, Mrhtet mit seiner Frau und einem kleinen Kind hinaus. Dre Tore sind offen, innrer mchr Leute dringen ein. Türen krachen, die ebenerdigen Fenster zersplittern, Akten, Bücher, Zeitungen, Tische, Sessel fliegen hinaus. Irgendjemand zündet einen Papierhausen an und aus diesem Autodafe wirft ein anderer einen brennenden Stotz Akten in ein Fenster hinein. Vorhänge, Türen fangen FFeuer. Der Platz ist dicht gefüllt mit Menschen, die hinten laufende Lastenstratze wimmelt. Man weitz nicht, woher diese Massen gekommen sind. Aus den Fenstern der gegenüberliegenden Jnvalidendruckerei (in der die „Wiener Morgenzeitung" hergestellt nrirb) kann man diese Szene genau verfolgen. Cs ist er« höllisches Bild. ^om Parlament bis zur Bellaria, soweitman nur sieht, Kopf an Kopf. Die Flamme greift um sich. Ein Trakt nach dem anderen erhellt sich, die glühende Flamme schlägt auS den Fenstern hinaus. Drinnen sind Leute; reißen die Fenster auf, werfen aus den Stockwerken Schreibtische, Kasten, Kleidungsstücke, Fauteuils hinab. Ein Waffendepot im dritten Stock ist erbrochen; Säbel und Bajonette fliegen in die Tiefe, werden begierig aufgefangen und davongetragen. Dicht steht die Menge, wie in einem ekstatischen Taumel, um das Haus; Agitatoren halten Reden, Beifallsklatschen» wütende Fäuste,, Stöcke drohen dem brennenden Gebäude. Die Feuerwehr kommt mit drer Zügen. Sre muß zurück. Schutzbundkolonnen erscheinen, versuchen Ketten zu ziehen und zu räumen. Vergebens. Brennend« Holzlatten fliegen herunter, Papiere wirbeln wie ein weißer Regen. Steinschlägc verwunden viele, in der Hitze brechen Frauen zusammen, Sanitätsleute, Wasserwagen, Bahrenträger und dazu die-, von Fenster zu Fenster springende Flamme. In den Justizpalast waren unterdessen stärkere Abteilungen des Schutzbundes eingcdrungen und suchten das Hans nach Menschen ab, um sie vor dem Brand zu retten. Sie fanden in einem versteckten Lokal die dort hineangeflüchteten Polizisten, SO Mann. Nach einer kurzen Aussprache legten diese, unter ihnen auch mehrere Verwundete, die Waffen nieder. Im Pa Vor dem Eingang stehen rechts die aufgeklappten Sanitätswagen. Verwundete werden herausgetragen und gebettet. An der Mauer lehnt müde die vom Schutzbund abgelöste Polizeimannschaft. Die berittene Wache ist abgeseffen, die Pferde sind an die Gelände gebunden. Die Stufen sind blutüberrieselt, im Vorraum Blutlachen. Die ebenerdigen Zimmer des sozialdemokratischen und des christlichsozialen Klubs stehen offen, darin beugen sich Acrzte über regungslose Körper. Es riecht nach Essig und Karbol. Die Kellergänge sind voll von Polizisten, Schutzbündlern mit dem roten Kreuz. Aerzten und Verwundeten. Oben in der Säulenhalle geht Minster T h a l e r mit einem burgenländischen Geistlichen auf und ab. Minister Vau g oin kommt, dann General Körner, der militärische Kommandant des Schutzbundes. Im Journalistenzimmer rasen die Telephone. Nachrichten laufen «in, und hier ist in diesem Augenblick der einzige Ort, wo man eine Ueberssicht gewinnen kann. Man erfährt von den Vorgängen des Vormittags, vonderNiederbrennung des Wachlokales in der Barten st eingasse, wo Polizisten ums Leben gekommen sind. Wir gchen quer durch das Hars und verlassen es durch das rückwärtige Tor. Welches Bild und welches Treiben! Hier ist man an der Front. Bon Polizei ist nichts zu sehen. Schutzbundkolonnen, Arbeiter in der Arbeitskleidung. „Vergatterung! Habt Acht! Erstes Rotten* paar, zweites, drittes... Doppelreihen rechtsum! Marsch! "Signale tönen, die Züge marschieren zum InftizPalast. In der Türe zum Parlament erscheintt Dr. Deutsch und ruft einen Mann an: „Berfprengtesammeln, ordnen unhmirmeld en!" Zu Besetzl!". Zwischen den Nasenbeeten stehen Bahren ausgerichtet. Verbandskasten aufgepissen, die Krankenwagen der Stadt Wien fahren auf, Automobile werden angehalten und mit Verwundeten belegt, rasm in die Spitäler. Der Schutzbund hat das Parlament übernommen. Aber i st nicht v o r b e - U4 und kann nicht Ordnung schaffen. Säbel und Revolver wurden auf einen Haufen zusammengoworfen und verbrannten. Die Wache wurde durch das Haupttor a b g e f ü h r t, was wieder furchtbar Tumulte hervorrief. Die Polizisten wurden attackiert und mißhandelt, einzelnen die Kleider herabgerissen. Es sei hier gleich bemerkt, dass der Jnstizpalast bis auf die Mauern abgebrannt ist und daß liiit dem HanS und feinen Schätzen unersetzliches Material an Akten, insbesondere Grimdvüchern, die Landtafel, das Archiv und die Bibliothek vernichtet worden ist. Wieder fährt die Feuerwehr an. Auf dem ersten Löschtvagen, dem das Ungetüm der Magirus-Leiter folgt, steht der Bürgermeister S e i tz und fordert mit lauter Stimme die Menge auf, den Platz zu räumen. Tausende Stimmen antwotten: Pfui! Pfui Seitz! Wo war er, wie geschossen würde! Der Bürgermeister bittet und beschwött. Vergebens, der Löschzug mutz zur Reichsrats st ratze zurück. Der Stadttat Tandler setzt feine Autorität ein, mit demselben negativen Resultat. Dann erscheint der Führer des Schutzbundes. Abg. Dr. Deutsch, umgeben von Ordnerzügen, die Ketten bilden und sich anschicken, der Feuerwehr gewaltsam Raum zu schaffen. Die Menge beginnt zu Weichen. In diesem Augenblick setzt die Aktion der Polizei ein. Salven knattern... Von der Richtung der Bellaria her kommt eine Schwarmlinie... Es ist 1 Uhr mittags. Aus der Ferne hört man sekundenlang lebhaftes . Feuer, von allen Seiten kommt der Schall. Ein unbeschreibliches Chaos bricht aus... Was sich hier ereignet, ist im ersten Augenblick vollkommen unerklärlich. Erst'im Zusammenhang mit allen anderen Vorfällen gewinnt man ein klares Verständnis. Die Wendung war beim Parlament eingetteten. Dieses Gebäude liegt der Front des Justizpalastes gegenüber. Einzelne Schüsse hatten auch Fenster des Parlamentes getroff e n. Einzelne Gruppen machten Miene, gegen das Parlament wegen angeblicher Schüsse vorzugehen. Die Rampen waren zu beiden Seiten durch Wachekordons abgesperrt, die sich aber einem Ansturm dieser Menge gegenüber nicht hätten halten können. Im Parlament war auch em Verbandsplatz eingerichtet worden, und in die Kellerräume hatte man die ersten Toten, sieben an.der Zahl, gebracht. Da sich die Polizei zu schwach fühlte, das Haus zu halten, wurde der Schutzbund herangezogen. Sttatzenbahner und Eisenbahner in Lederröcken mit umgeschnalltem Bandelier zogen eine von der Josefstädter Stratze bis zum Schmerlingplatz reichende Kette. Als sie auf der Freitteppe sichtbar wurden, brach in der ans Hunderttausende «mgewpchsenen Volksmenge ein frenetischer Jubel los. Innerhalb des Kordons unter der Balustrade fuhren die Ambulanzwagen der Rettungsgesellschaft auf. Von links hört man durch all den Lärm hindurch das Prasseln der Flammen, die Feuerwehr steht wütend, zornig, mtt verschränkten Armen. Einzelne zeigen uns die Schläuche, Sie sind angeschnitten oder durch Stiche unbrauchbar gemacht ... Wir gehen zum Rathaus. An den Kandelabern hängen Uniformfetzen, zerbrochen« Säbel, Mützen. Die Trophäen von der Bartensteingasse. Das Wachlokal war attackiert worden, drei Polizisten, die eS verteidigten, schossen und wurden angegriffen. Blutlachen sind noch übrig. Das Lokal wurde gestürmt, die Sttohsäcke herausgeworfen und angezündet. Die Mannschaft hat sich in ein Haus geflüchtet, die Treppen hinauf, auf den Dachboden und über die Dächer davon. Das Haus wird von der Menge erbrochen, die Vorhalle verwüstet. Die Wachleute sind entkommen. Im Rathaus ist eine Berbansstation. Tote, Vevwundete, Aerzte. Weinende Frauen vor dem Haupttor. Schutzbund bittet, die Passage freizugeben. Durch die Scheiben sieht Aerzte in weißen Mänteln. Wir gehen vom Rathaus längs der Markthalle gegen die Josefstädter Sttatze. Die Gassen links sind durch Barrikaden abgesperrt. Die Kehrwagen der Straßenbahn liegen umgestürzt, Letterjyagen, Kisten, Latten. Aus dem Vorgarten des Safe E i l es sind die Tische und Stühle quer über die LandeSgerichtsstraße gestellt. Das Geleise des I-Magens ist aufgerissen. Es ist 1 Uhr mittags. An der Ecke zur Landesgerichtssttaße stehen etwa 20 halbwüchsige Burschen und drohen unter lauten Rufen in die Straße hinunter. Man sieht dort Polizei in entwickelter Linie über die Straße stehen. Diese Abteilung hat Karabiner. Und plötzlich fegt eine Salve über den leeren Raum. Alles rennt., Die längs der Markthalle stehenden Schntzbündler lassen eben die vom Parlament kommenden d gelösten Schutzbündler durch. Wieder Salven. * Und plötzlich wird es klar: ES wird scharf geschossen. Ohne Veranlassung. Alles sucht Deckung. Längs der Wände, in den Toren, in den Hauseingängen werfen sich die Leute hin! Alles ist kopflos, flüchtet, läuft. Menschen fallen über die aufgerissenen Schi«- neu, stürzen in das Geleisbett. Es ist eine schreckliche Verwirrung. Und hinten kommt die Schwarmlinie herunter, ober geht > eine zweite in Richtung Bellariastraße vor. Wie auf dem Exerzierplaj Eine Woge des Schreckens geht durch die Massen. Die Flucht reißt alles mit sich, der Volksgarten ist im Augenblick überfüllt. Die Polizei kommt im Lauffchritt, von Trottoir bis Trottoir sperrend, heran, schwenkt beim Parlament ab. Der Kordon wird gezogen, Gewehrpyramiden angefetzt. Eine Abteilung räumt den Ring. DaS Parlament ist wieder im Besitze der Polizei. Und nun hat man die Erklärung. Der Schutzbund Hatte versagt. Er hatte das Jnstizpalais nicht der Feuerwehr anvertrauen können. Da aber auf dem Schmerlingplatz die sozialdemokratischen Führer, die populärsten, hatten weichen müssen, nahm die Negierung die Aktion wieder an sich. Sie rief das Gewehr. Zwei Abteilungen von je 200 Mann wurden mit Männlicher^karabinern, Modell 1606, die auf Lastwagen herangebracht wurden, bewaffnet. Die eine ging von der Mariahilferstraße, die andere vom Landesgerich/ vor. Die erstere erreichte den Justizpalast gerade in dem Augenblick, wo Abg. Deutsch vergeblich verhandelte. Die Salve, die jetzt losbrach, verursachte eine entsetzliche Panik. Die zweite Abteilung hatte den Auftmg, das Parlament zu besetzen, und führte den Befehs unter ununterbrochenem Feuer aus. Die Offensive sich durch. 40 Tote, an 300 Verwundete. Nebenher lief der politische Zweck, der Sozialdemokratie eine Niederlage zu bereiten. Sie hatte so lange sich gerühmt, daß nur sie Autorität bei den Massen besitze, daß nur sie die Stratze beherrsche und daß der Schutzbund für alle Zwecke genüge. Und nun hatte sie sich nicht einmal gegen die kleine kommunistische Gruppe, die auf dem Schmerlingplatz agierte und die das Lokal in der Bartensteingasse niedergebrannt hatte, behaupten können. Niedergeschlagen und fast weinend marschierten die Schutzbundzüge, die stundenlang mit Einsetzung aller Kräfte gearbeitet und vielleicht noch v i e l. A erg eres verhütet hatten, aus den Spalieren ab und übernahmen den Rettungsdienst. Um halb 2 Uhr war der Platz um den Jnstizpalast geräuntt. Die Hitze war so unerträglich geworden, daß die Front zur Lastenstratze von selbst frei geworden, war. Der Aufenthalt war gefährlich, weil schon Mauertrümmer der Gesimse und der Ballone abstürzten. Bergehoch lagen verbrannte Akten und Möbelstücke umher. Die Feuerwehr hatte alle verfügbaren Kräfte herangezogen und ging auf allen Seiten mit Schlauchlmien, Dampffpritzen und ihren Riesenleitern vor. Aber erst in der Nacht konnte der Bran-d als lokalisiert gelten. In dem Viertel rings um daS Parlament entwickelten sich mm veritable Barikadenkämpfe. Der Ring konnte von der Polizei zur Not noch gehalten werden, gegen den achten und sechsten Bezirk aber wurde ihre Lage immer kritischer. Cs wurde deshalb zunächst aus allen Wiener Bezirken die Mannschaft in Lastwagen geholt. Bei der Polizeidivektion wurden starke Gruppen gebildet und mtt Mannlicherstutzen ausgerüstet. Der Schottenring wurde von einem Kordon gesperrt, der dann langsam hrnaufzog, beim Schoüentor abbog um über den Ring bis zum Schwarzenbergplatz marschierte. Dort wurde wieder halt gemacht und geräumt. Dies vollzog sich vielfach unter Anwendung der Dchutzwaffo. Die Wache beim Parlament wurde äbgelöst und in die Lastenstratze beordert. Alle Zugänge vom achten Bezirk her waren durch Verhaue gesperrt. In den zuführenden Sttaßen hatten sich viele tausende Menschen gesammelt, die in höchster Erregung mtt Stöcken und Fäusten drohten. Gegen 6 Uhr kam e8 Sei der Barrikade an der AuSmündung der Lerchenfelderstraße zu einem folgenschweren Zusammenstoß. De«. Wachekordon gab eine scharfe Salve ab. In den Hof' . der Druckerei, die sich dort befindet, ftmtäwat vier Tote gebracht und es meldeten sich etwa 20 Verletzte. Auch in der Babenberger st raße, beim Deutschen Volkstheater, in der Gumpendorferstraße und später in der Mariahilferstraße wurde von der Schußwaffe Gebrauch gemacht. Solche Szenen des Schrekkens ereigneten sich unaufhörlich. In der Burggasse wurde von der Menge ein Waffen» laden, ans dem nach einem Gerücht geschossen worden war, gestürmt nnd vollständigausgeleert.