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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-18 · Heft 3011 (18.7.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3011 (18.7.1927)
Date
1927-07-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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1 | PF43i9.aso g I Redaktion, Administration: Wien, II., Taborstr. 1 Telephon 44-0-38, 43-8-19 Telephon ab 6 Ohr abend* 38-5-80 Serie, ab '/r9 Uhr abends 38-5-83. Druckerei: Oll., Lerchenfelderstraße 1 Wien und Oesterreich durch Post oder Verschleißsteilen monatl. 6 Schilling. Bezugsbedingungen für das ' Ausland im Innern des Blattes. Rr. 3011 Wiener orgmzettimg Wie«, Montag, IS. Füll 1S27 <18. Lhamns 8687). BESUCHET Dm BiMir Rathaaskellsr Kfitilster Aufenthaltsort. Die Gemütlichkeit der gute» alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgast! Volkstümliche Preise I Mittags-Menüs ä S 1*60 Direktion: OTTO KASERER 9. Jahrgang Freitag in Wien. Ueber hundert Tote. — An taufend Verletzte. - Ser Sustlzpalaft völlig vernichtet. - Menbahn, Post, Telephon, Telegraph, Schiffahrt streiken weiter. Alle sonstigen Betriebe arbeiten. - Die Forderungen der Sozialdemokraten. - MilitSrverstörkungen in Wien. Bon Freitag vormittag bis Samstag nachts war Men" der Schauplatz blutiger Ereignisse, die zeitweise den .Charakter eines Aufstandes angenommen haben. In wilden Kämpfen zwischen der Polizei und der Volksmenge sind, soweit sichere Schätzungen möglich sind, an hundert Personen ums Leben gekommen; in den diversen Krankenhäusern liegen insgesamt an 1000 Verwundete, von denen die Hälfte schwere Verletzungen erlitten hat. Von der demonstrierenden Menge, die sichtlich unter dem Einfluß kommunistischer Agitatoren stand, wurde der Justizpalast am Schmerling-Platz , angezündet und ist niedergebrannt. Eine Polizeiwachstube in der Bartensteingasso und eine Wachstube in Hernals wurden demoliert und verbrannt. Ebenso das Gebändeder Mei-chhpost" in der Strozzigassa. Auch die „Wiener Neuesten.Nachrichten" wurden angegriffen. Unter dem Eindruck dieser Szenen legte am Freitag um 7 Uhr abends die Arbeiterschaft die Arbeit nieder, woraus der sozialdemokratische Parteivorstand im Einvernehmen mit der Gewerkschaftskommission den Generalstreik für 24 Stunden proklamierte. Der Streik setzte am Freitag Mitternacht ein. Die Stillegung des Post-, Telegraphen-, Telephon- und Eisenbahnverkehrs bleibt jedoch bis auf weiteres aufrecht. Ile Lage. Augenblicklich steht die Situation so: Die Negierung ist Herr der Lage. Allerdings nur darum, weil die s o z i a l d e mo kr a t is ch e P a r t e i ein w e i t e res Blutbad unter allen Umständen verhindern will und lieber momentan nathgibt, als mit Gewalt ihre Forderungen drrrchzusetzen. Denn noch eine zweite Gefahr droht: D e r E i n w.a r f ch einer fr e m den Armee. Darin sind sich aber beide Parteien einig, daß diese Katastrophe v e r h in d e r t wer d en m n ß. . Der gestrige Tag verlief im allgemeinen ruhig. Die elektrische Straßenbahn verkehrte anstandslos im normalen Ausmaß, der Automobilverkehr wickelte sich in üblicher Weise ab. An den gefährdeten Punkten stehen noch immer starke Polizeiäüteilungen mit Karabinern, die gesamte Wachemannschaft ist alarmbereit, die Reichswehr, ist konsigniert, die. Regimenter ans B r u ck a. d. Leitha, Krems und St. Pölten sind in Wien einmarschiert. Der Bürgermeister Seitz hat aus der Kemtruppe des N'.'^üblikaiiischen Schutzbundes eine Gemeindefchutzwache gebildet, die gestern vereidigt und mit Waffen versehen ivurde. Sie ist dazu bestimmt, im Einvernehmen mit der Polizei die Ordnung und Ruhe aufrecht zu erhalten. Gestern nachmittags fand im Favoritner Arbeiterheim eine B e r t r a u e n s m ä n n e r v e r s a m m l un g der Sozialdemokratischen Partei statt, bei der einstimmig beschlossen wurde: Bahn, Post, Schiffahrt, Telephon und Telegraph ' streiken weiter, alle anderen B-triebe nehmen heute die Arbeit wieder ans. Wann die genannten Betriebe wieder arbeiten werden/ ist noch unbestimmt. Dies hängt davon ab, ob die Forderungen der Partei erfüllt werden. Diese Forderungen sind nach verläßlichen Informationen:. 1. Abdankung der Regierung. —2. Rücktritt des Polizeipräsidenten Schober. — L. Umwandlung der Bundes- Polizei in eine städtische Sicherhettswache. Der in Permanenz tagende Ministerrat hat diese Foedernngen avgewiefen. Darum dauert der Streik der Bundesbetriebe weiter. Dies ist die Lage in drsem Augenblick. Jede Stunde kann eine Aenderung herbeiführen. Obgleich jetzt Ruhe herrscht, ist die Situation sehr ernst. In den Ländern wurde der Streik fast lückenlos d u r ch geführt. Doch rüsten in Tirol und in anderen Bmrdesländern bereits die Heimwehren. Die Tiroler Landesregiernng wendet sich in einer Ber« t lautöarung gegen Wien, ähnlich ist die Stimmung, in'Len anderen Bundesländern. An der italienischen Grenze stehen zehntausend Mann, auch aus Ungarn werden Truppenansammlungen an der österreichischen Grenze gemeldet. Wien selbst ist an der weiteren Peripherie, an allen Zugangsstraßen von Abteilungen des Republikanischen Schutzbundes besetzt, die jedes Fahrzeug kontrollieren. Bericht vom : Von den Vorfällen, hie sich am Freitag abgespieL fWEfeirt (unb die noch bis Samstag tief in die Nacht dauerten, ein halbwegs genaues Bild zu geben, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Es gab zeitweise förmliche Kriegshandlungen! an verschieden Punkten der Stadt. Das Zentrum bildete die Gegend ringsum das Parlament! Der brennende Justizpalast war der schauerliche Mitt-lMiikt dieses Dramas, das niemals Es der Geschichte Mens wird verschwinden können. ' Der Mlaß war der Freispruch der Schatiendorfer Mörder. Die Erregung in der Arbeiterschaft war außerordentlich. In der Stacht auf Freitag hatten die Straßenbahner beschlossen, zunr Zeichen des Protestes die Tramway am Freitag vormittags von 8—9 Uhr einzü stellen. Dies wurde auch durchgesührt lind zur beschlossenen Zeit blieben Wagen auf der Strecke stehen. Auch der Verkehr der Stadtbahn sowie der Autobusse wurden eingestellt. In allen große,« Betrieben der Stadt wurden Versammlungen abgehalten und es bildeten sich dann Deiuonstratronszüge, die sich dem Inneren dec Stadt zu bewegten. Ein solcher Zug, zumeist Arbeiter von W a r ch a l o w s k i und S ieurens-Schultert, kam in der Stärke voll etwa 600 Mann mit einer roten Fahne durch die Wserstraße. Bor dem Landesaerichtsgebände, in ivelchem am Donnerstag die Freisprechung der Brüder T s cha r m a u h ans Schattendorf erfolgt war, wurde Hält gemacht und stürmische Pfui-Rufe gegen die Justiz misgebracht.- Tann gingen die Leute über das Schottentor zunr Ring. Bei ber Universität gab es die ersten ernsteren Zwisch:niälle. Unter den'Rufen „Weg mrt der Haken'krenz'budel" Nieder mit dem Ar beit ermord!" stürmten einzelne Gnrppen auf die Rampe und wollten in das Gebäude einbrnnM. Das ' große Tor wurde jedoch geschlossen und innen durch Qü-erbalken gesichert. Hiebei gingen unter Stockschlägen die Fenster in Trümmer. Drei Polizisten, die sich der Menge LebenSmrttelzüge verkehren anstandslos, die. M ar-ktr siimd gut beschickt. Während dir deutschen Blätter, ebenso wie die tschechischen und deutschen Zeitungen der Tschechoslowakei die Vorgänge im allgemeinen richtig schildern, übertreiben speziell die ungarischen Zeitungen die Vorfälle in Wien ungeheuerlich. „Az Wag" berichtet von einem kommunistischen Putsch, mit Besetzung des Parlaments und aller Negierungsgebäude, mtt Plün-, derungen sämtlicher Stadtgeschäste und der Ermordung aller Bürgerlichen. So nebenbei werden auch alle Frauen auf der Straße vergewaltigt. " Da bis heute außer den „Mitteilungen" der Sozialdemokraten kein« Zeitungen erschienen sind, ist gestern das „Prager Tagblatt", das mtt eigenen Flugzeugen transportiert wurde, das einzige Matt von großer Verbreitung in Wien gewesen. Sowohl der Bürgermeister als auch der Bundeskanzler haben Kundmachungen plcttatieren lassen, in denen die Bevölkerung aufgefordert wird, Ruhe zu behalten. Der Schaden, . der auch in Zukunft Wien durch den blutigen Freitag trifft, ist unabsehbar. Kampfplatz. MüMenftellten, wurden mißhandelt. Schließlich gelang ti den Ordnern, hier Rühe zu schaffen, und der Zug marschierte Wer den Ring weiter. Zu dieser Zeit hatte im Arbadenhof des Rathauses eine Versammlung der Magistratsbeamten, die gegen das Schattendorfer Urteil protestierte, ihr Ende erreicht und bfe Teilnehmer, etwa 400 an der Zahl, formierten einen Zug, der auf die Ringstraße wollte. Dieser durchaus ruhiger Demonstratton trat M , eine Avteklnng berittener Wache entgegen. Nach einem kürzen Wortwechsel attackierte diese Abteilung und trieb die Angesammelten gewaltsam auseinander. Flüchtende rannten über den Ring und erreichten bald den vorne marschierenden Zug. Ws die Szene bekannt wurde, entstand fiikchidare Erregung. Die'Leute, die aus der Höhe des Parlamentes angelangt waren, wollten nun unter großem Lärm in dreses Gebäude eindringen. Aus Vorstellungen sozialdemokratischer Funktionäre standen sie von dtekem Pkmr ab und wollten MM Jufttzpa last »vetterzichen. Hier kam es nun zu den Borfälkeu, die sich schließlich zu eineur veritablen A«srrchr attwrckelten und dann mit einem entsetzlichen Blutbad abscLüsten. Die Menge war auf einige tausend Personen (mgvwmMn. (An Teil wollte den hier aufgestellten Pokizeikordon nach der Stadiongasse zu durchbrechen, wurde jedoch von der dertttenen Wache, die vom Rathaus im Galopp heoanSam, znrückgetrteben. Die Zersprengten flüchteten in den Ratyauspark oder in den achten Bezirk, diele deckten sich hinter den längs der Ringstraße .stehenden Wagen der Straßenbahn. Das Gros des TemonsirattonszUgeS leistete Widerstand. Die Wache zog blank und eS gab sofort eine Men-s« von Verwundeten. Der Anblick d« blutenden, flidch» tenden und schreienden Menschen steigerte di« Erregung und auch die brütende Hitze des Julijommers nahm de» Leuten und auch der Wache die Besinnung. Die Demo» Httfii

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