Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3010 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982098--30674-3018919- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
DIE JÜDISCHE WELT (MITTEILUNGEN DES ZIONISTISCHEN LANDESKOMITEES FÜR ÖSTERREICH) ERSCHEINT JEDEN FREITAG IN DER „WIENER MORGENZEITUNG" 15. JULI 1927 NUMMER 4 15. THAMUS 5687 Juden Oesterreichs! Das Land, das uns allen teuer und heilig Ist, wurde plötzlich von einer Elementar-Katastrophe hehngesucht. Ein Erdbeben, weit stärker als jene, welche sonst iti diesem Gebiete zu verzeichnen sind, hat in Erez Israel Hab und Gut vieler Bewohner vernichtet und beschädigt. Die Opfer an Menschenleben, welche den entfesselten Naturgewalten anheim fielen, reihen sich in die Zahl derer, die für das neue Palästina ihr Leben hingegeben haben; sie bleiben it'is teuer, sie bleiben uns unersetzlich. Doch was sie begonnen haben, muß schon um ihres Angedenkens willen mit verdoppelter Kraft fortgesetzt werden. Neben dem Werke des Aufbaues müssen wir heute Wiederaufbau betreiben! Es gilt, die beschädigten Gebäude wieder herzustellen, die vernichteten Werte nachzuschaffen, Not zu lindern, Verletzte zu heilen, Waisen zu versorgen! Dazu rufen wir Eure Hilfsbereitschaft auf, Juden Oesterreichs! Helfet dem Lande, das in Gebet und Empfinden mit Euch verbunden ist, helfet Euren Brüdern! Das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich. Spenden für die durch das Erdbeben rin Palästina Geschädigten nimmt das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich in Wien, I., KärntnerstraSe 28, entgegen; sie werden in der „Wiener Morgenzeitung“ ausgewieseh. . I,;14n,sV^ls^r; fl(rVv;<f.i , Das Zion. Landeskomitee für Oesterreich . 8 1000.— Sam I. Cohen und Alnitta Cohen . . . . », 100.— Bianca Elieser und Esterli Cohen . . . . .. 50.— Zusammen . S 1150.— G gibt leine Somtnetfaifoit! Es gehört'bei uns sozusagen zur Tradition, daß mir Begum der heißen Tage dig zionistische Arbeit Plötzlich stockt.. Fragt man nach der Ursache, so erhält umn die stereotype Antwort: „Im Sommer ist'nichts zu machen?^ Die Antwort ist bequem, doch sie widerspricht dem gcnrzen Wesen der Bewegung,.die schon.ihrer Hde,encmlage nach von ihren Trägen: unaufhörliche Aktivität und eine dynamische Einstellung zu allen Erscheinungen des jüdischen Lehms verlangen muß, da kann, es keine Pansen geben. Das Leben geht, ohne Hitzefcrien wqiter und Menschen, die Träger einer Idee sind, welche ein ganzes Volksleben in neue Former zu gießen sich gnschickt, dürfen nicht ruhen. Man laust sonst Mftrhr, dm Anschluß an das Leben zu versäuinen. Diese unaufhörliche Wachsamkeit/ dieses Niedieaugenschließendürsm ist eines der mmmgänglichen Opfer, loelches die zionistische Bewegung, von denen, die ihr' zugehöwnverlangt, verlangen Muß. Vor allem , erlaubt schon das propagatorische Moment, toelches im Zionismus liegt, keine Unterbrechung. Wenn der Sommer wirklich in Wien wenig Propagandamöglichkeitbietet, so . eröffnen sich diese Möglichkeiten in den Sornnrerfrischen und in den Kurorten. Dort ist Gelegenheit, sozusagen im kleinen Kreis Agitation zu betreiben, Sammlungen für die Fonds zu veranstalten, Verbindungen mit sJuden ans verschiedenen Ländern anzuknüpfen. Aber bftfe Saisoirpoopagaichtz, die ebenfalls methodisch betrieben werden Mutz, um wirksam zu sein, schöpft die -zionistische Arbeit während der Sommermonate nicht aus. In Wien selbst kann im Sommer reiche zionistische Mbeit geleistet tverden; eg ist nicht richtig/ daß das ganze, jüdische Wien im Sonuncr in die Kurorte .auswaudert. Dieser Gedankengang cnkspricht einer unrichtigen Beschränkung der zionistischen Pr./aganda aUf Sannneltätigkeit, für die in erster Linie die sogenannten mittelbürgerlichen Kreise in Betracht kommen. Es ist wohl nicht nottpendig därzulegendaß diese Einschränkung auf die reine Sammeltätigkeit der zionistischen Partei viel mehr von ihrer mitreißenden Werbekraft genommen als sie ihr materielle Mittel gebracht , hat. Man versuche es doch ge-, rade km Sommer, den zionistischen Gedanken in die Masse zu tragen; es fehlt..nicht an ihr, es fehlt mehr an dem Elan, der sich durch keine Sommerhitze eindämiMn läßt, «nenn das Fundament einer umfassenden Ideologie bei den Zio nisten vorhanden ist < Z Dieser Sommer führt uns in die Kongveßtage- Und nun entsteht die Frage: Haben wir österreichische Zionisten uns schon auf den Kongreß vorbereitet? Das zionistische Weltparlament tritt zusammen, um folgenschwere Beschlüsse für den Fortgang des Land- und Volksaufbauwerkes zu fassen, es tritt zusammen in einer Zeit, da dieses Werk vor der Entscheidung über Sein oder Nichtsein steht. Es gibt eine Krise in Palästina, die Maßnahmen zu ihrer Ueberw'inoung erfordert, welche nicht bloß im Augenblick improvisiert feien, sondern "Grundlagen und Methoden der Palästina- Arbeit berühren müssen, soll nicht das Aufbauwerk von der nächsten zufälligen Konstellation unglücklicher Umstände ins Wanken gebracht werden. Soeben wurde Palästina von einer Elementarkatastrophe heimgesucht, deren Umfang noch nicht zu übersehen ist; mag auch das Leben der Siedler in Erez Israel verschont geblieben sein, mag' auch ihr Acker unvermindert Segen tragen, ihre Werkstatt weiter Produkte liefern, aber die vielen Werte, welche die zuckende Erde verschlungen hat, verarmen das Land, mindern für eine Zeit seine Wirtschaftskraft und erfordern Krebst dem Werk des Aufbaues, das wir betreiben, wenn mich nur in beschränktem Mäße eil: Werk des Wiederaufbaues. All dem muß der Kongreß gewachsen sein, der die Richtlinien der zionistischen Arbeit für die nächsten, zwei Jahre festsetzt «md fest gründet; dies kann er nur, wenn er der wirkliche Ausdruck des Denkens und. Wollens aller Zionisten ist. Es genügt also nicht, wenn der Kongreß von ein paar Bureaubeainten vorbereitet wird, sonder,: er nv>tz von jeden: einzelnen Zionisten vorbereitet werden. Diese Vorbereitung für den Kongreß ist gegenwärtig wichtige Aufgabe und sie muß «erfüllt «verden, auch wenn das Thermometer 40 Grad im «Schatten zeigt. Was ist bei uns in Oesterreich in 'dieser Hinsicht schon geschehen? Haben die österreichischen Zionisten den Kongreß gedanklich vorbereitet? Es trennen uns knappe h'-echs Wochen von: beginn seiner Tagung. Höchste Zeit ^also, das zu formuliere'.:, was die österreichischen Zionisten vom 'Kongreß wollen, der ihr Kongreß ist, ebenso wie der der Zionisten der ganze.: Welt. Der Kongreßgedanke muß in die jüdische Masse Wiens und Oesterreichs getragen werden. Die lauliche Atmosphäre des Wiener . Sonnners darf nicht auf die Beziehung der österreichischen Zionisten zun: wichtigsten Ereignis der Bewegung übertragen «verden. Man rr-ende Glicht ein, daß Diskussionen unnötig seien. Diskussion ist Willensbildung. Und um die geht es. Der Grundgedanke jeder Organisation ist der unentwegte Wille zu der -Bewegung, welche organisiert wird. Lernen wir doch endlich «perstehen, daß es auf den Willen zum Zionismus, nicht auf den bloßen Beitritt Und ans gelegentliche Spenden ankonrmt. Dann wird bei uns die Arbeit an der Volkserncuerung «keine Jahreszeiten und kein Tenrperaturmaximnm kennen- Tenn es hibt keine zionistische Saisonarbeit! 1 Präsident Weizmanu Wer Kongreßftagen. Ein Interview- -Während seiner Anwesenheit in Berl-'.n gewährte-der Präsident der Zionistischen Webtorganisalion, Prof, Cha-m. W e i z m a n n, dem Berichterstatter des Rigaqr. jüdischen Tagblattes ,Avi- . ,.... .morgen", Herrn Hermann Sw.eh. ein Interview. . .. Jin.'Verlaufe des Gespräches fragte Swet den Prä-, «identen, mi-t welchem Programm er zum Kongreß k o m m e. Prof. Weizmann erwiderte '.daraus: ' Alle Leute 'fragen, nnt welchem Programm ich züm Kongreß komme. Man evwartet anscheinend Sensationen und Ueberraschungen.Doch ich will niemanden überraschen und ' sensatiönelle Methoden für-die Heilung der gegenwärtigen Krisis in Palästina darf man. von mir nicht erwarten. Mein Programm ist bekannt: Wir müssen vor allem unser. Budget in Ordnung bringen, ' uns von den unerträglichen Defiziten befreien und unsere Bilanz in - einen normalen Stand setzen. Ohne diese Sanierung ist eine weitere starke Emigration Nach Palästina unmöglich. Jabotinskys Forderung,-sofort die Tore des Landes weit zu öffnen, kann uns nur zu Katastrophen führen und alle unsere schtver eroberten politischen und - wirtschaftlichen Positionen gänzlich zugrunde richten. Ob wir wollen oder nicht, wir müsse:: in den nächsten Jahren unseren Weg nach Palästina langsamer und vorsichtiger gehen. Die Anleihe von viereinhalb Millionen Pfund für den Bm: des Hafens von Haifa ist, wie bekannt, bereits vom britischen Parlament ratifiziert. Der Hafenbau wird i n ' a I l e r k ü r z e st e r Zeit beginnen. Bald wird auch die Elektrifizierung Palästinas nach dem Nuthenbergprojekt in Angriff genon:me>: werden und in den nächsten Monaten wird auch die Ausbeutung der N o v o m e j ski - K o n z es s i o n für die Exploitierung des Toten Meeres beginnen. All das wird vor allem die gegenwärtige Arbeitslosigkeit stark verringern, zweitens aber wird es im allgemeinen einen wirtschaftlichen Fortschritt für Palästina bedeuten und auch so die gegenwärtige Krise abschwächen. Gegenwärtig arbeitet in Palästin. die amerikanische Expertenkommission. Ich nehme an, daß sie ihre Expertise nicht später als am Ende des Jahres 1927 beschließen wird. I:: ihrem Bericht wird die Kommission vor allem auf die Möglichkeiten Hinweisen, welche es in Palästina gibt, insbesondere in kolonisatorischer Hinsicht für die nächsten zehn Jahre. Damit wird endlich allen unseren kolonisatorischen Debatten und allen Ratschläge«: dilettantischer Natur, allen vielfach kleinstädtischen Kritiken an unserer bisherigen kolonisatorischen Tätigkeit em ,Ende bereitet werden. Es wird eine Art Rechenschaftsbericht über all das gegeben werden, das in Palästina bisher geleistet wurde, und darauf hingewieson werde«:, ivas im Lande geleistet werden kann und welche Mittel dazu nötig sind. « Diesen ernsten und fachmännischen Bericht werden wir gewissermaßen als Referendum dem jüdischer: .Volke . vorlegen. Wir werden eine allweltliche jüdische Palä stina-Konferenz einbernfen, der wir dieses praktische Programm übermitteln, und werden den Versuch mache«:, jenes allweltliche jüdische Zentrum zu schassen, welches die materiellen Verpflichtungen für die Verwirklichung dieses Programmes auf sich nimmt. Man kann nicht ewig leben und kann nicht ein Land mit permanenten Defiziten aufbauen, ohne daß man heute weiß, woher man die Mittel zur Deckung der Kosten im kommenden Monat nehmen wird. Wir können auch nicht unaufhörlich und planlos Geld von Amerika verlangen. Es mutz -eine Zeit kommen, da unsere Brüder in. Amerika trotz ihrer großen Sympathie für Palästina uns fragen «verden: Wie lange noch? Wir wollen aber-vor -sie hintreten und sagen: Dies und das kann man in Palästina leisten, so und soviel braucht mm: dazu und so und soviel verlange«: «vir von euch. Das ist mein Plan und das ist mein Programm. Es ist sicher nicht ein königlicher Weg nach Erez Israel, aber einen anderen Weg kenne ich nichti Man klagt jetzt über allerlei politische Schwierigkeiten, die uns im Wege stehen und die normale Entwicklung unserer wirtschaftlichen Positionen in Palästina stören. Dagegen kann ich mit vollster Verantwortung sagen : Niemals noch war unsere politische Lage in Palästtnc so gut. wie jetzt. Das -ist sehr viel, doch es ist noch nicht alles. Man klagt zum Beispiel über die angeblichen Ungerechtigkeiten in den Schutzzolltarisen und man will nicht begreifen, daß die englische Regierung, wenn irgend ein Jude aus Schnipischka nach Palästina kommt und dort schlechte Knöpfe zu erzeugen beginnt, nicht verpflichtet ist, diese Schnipischkaer Knöpfe durch einen Schutzzoll zu sichern. Die palästinensische Industrie entwickelt sich immer mehr. Mit der Zeit wird sich eine gesmrde Industrie heromskristallisieren, welche einerseits ihre Rohstoffe im Lande selbst oder in den Nachbarländer«: findet und andererseits den Bedürfnissen der Bevölkerur:g Palästinas entsprechen wird. Diese Industrie, wie zum Beispiel die Oel- Industrie, die Seidenfabrikation, die Zementerzeugung, die Wein- und -Tabakproduktion usw., tvivd von der Regierung am stärkste«: geschützt werden. Die Palästina-Regierung errichtet jetzt eine spezielle Tarifkommission, ivelche aus Vertreter«: der Palästina-Verwaltung und der Zionistische«: Organisation bestehen wird. Diese Kommission lvird ernstlich alle diese Fragen studieren und es kann kein Zweifel sein, daß alles, was auf gesunder Grundlage steht, von seiten der Negierung mit den nötigen Schutzzöllen gesichert «verden luttf».