Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3010 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3010?rn, Freitag WlettSlk Msr-M-etttMtz Freispruch im Schattendorfer Prozeß. Sie Anoeklaoten auf freie« Fuß gefetzt. — Demonstrationen vor dem SerlchtroebSude. Die Schützen von Schattendorf sind freigefprochcn worden, und so ist auch dieser Prozeß so ausgegangen, wie LaS seit seiner Eröffnung nicht anders erwartet worden war. Er ist ein politischer Prozeß gewesen und er ist als ein solcher geführt worden. Den Hintergrund bildete nicht der kleine Ort des Burgenlandes, in dem am 30. Jänner ein Invalide und ein Knabe erschösset: wurden, sondern das österreichische Parteiwesen und die Elltartung des politischen Lebens. Es gibt Parteigarderr, die zum Krieg gegeneinander bestimmt sind und ih:: führen. Hinter ihnen stehen große Gruppierungen, die von der legalen Jdeenpropaganda abrücken und nur mehr auf die Faust vertrauen. Es ist ein furchtbares Spiel, das hier getrieben wird und viele Opfer gefordert hat. Zunächst und zuerst aber ist ihm der politische Sinn, das Gefühl für Rechtlichkeit erleget:. Politische Morde und politische Mordprozessc kommen überall in der Welt vor, nirgends aber tragen sie den Parteistempel wie in 1 Oesterreich, und nirgends Werder: sie so behandelt wie hier. Als wären sie keine Morde, sondern eine sich von selbst ergebende Diskussion über harmlose Tagesfrager:... Mm: hatte gleich bei Beginn den Eindruck, daß diese Geschworenenbank zu einer politischen Aktion geführt wurde, Recht und Gerechtigkeit schienen in diesen: Fall ganz in den Hintergrund gedrällgt. Es kam eben darauf an, welche Partei innerhalb der Beschwor c n e n b a n k die Zweiürittelmajorität besitzt. Es Ivar eine politische Kampfabstim m u ng, denn sonst hätten die Geschworenen wenigstens die letzte Frage auf fahrlässige Lötung b ej.<rh c n müssen, denn cs ist doch wenigstens fahrlässig, wenn die Drei mit Gewehren in eine Menge schossend Daß aber auch diese Frage, die den Angeklagten lediglich eine A r r e st st r a f e eingetragen hätte, die durch die Untersuchungshaft längst verbüßt wäre, verneint Wurde, be- 1 Weist, daß dieses Verdikt emo Demonstratior: war, deren Folgen nicht abzusehen sind. Mit dem Freispruch der Angeklagten ist aber die Schattendorfer Affäre noch nicht erledigt. Es läuft noch ein Verfahren gegen einige Arbeiter, die an den Ausschreitungen beteiligt waren und vor Schöffensan ate gestellt werden. , Cs ist sehr leicht n: ö g l i ch, daß die Gegner der gestern srhigefprochenelr Angeklagten zu " l ä n g e r o n ' F r e i h e i tS str a f e n v e rü r t.e i l t werden. Dieses Paradoxon kann zur Wahrheit werden, und es auch dem Blindesten deutlich machen, wie ein Staat verfällt, dessen Politik unter den Druck der Vendetta geraten ist. strammer deutscher Jugend und bat um seines Volles willen um Freispruch des Angeklagten. In der NachmittagSvevhandlung sprach für Pinter Dr. Foglar-Deinhardtstein. Der Vorsitzende hielt sodann ein nahezu zweistündiges Resümee. Nach Schluß seiner Ausführungen bat die Geschworene Frau Grobauer um ihre Entlassung, da sie wegen Unwohlseins außerstande sei, der Verhandlung weiter zu folgen und an der Beratung teilzunehmen. Der Vorsitzende gab dieser Bitte statt und an Stelle der Ausgeschiedenen wurde die S r s a tz geschworene, Frau Zelinski, in die Geschworenenbank ausgenommen. Um i/£6 Uhr abends zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Um 9 Uhr abends wurde ihre Fragebeantwortung verkündet und der Freispruch gefällt. Wir haben Verdikt und Urteil an der Spitze des Blattes veröffentlicht. Die Beschwerde de« SeMomchef« Rechwalskd abgewiefeu. Die in Beamtenkreisen mit großer Spannung erwartete Entscheidung des VersassungSgerichtShofoS über die Beschwerde des gewesenen PräsidialchrfS im Finanzministerium, Dr. Anton Noch w a l s k y, wurde gestern verkündet. Der Sektionschef hatte geltend gemacht, er habe pflichtgemäß innerhalb seines Wirkungskreises Einwendungen gegen die Verwendung voU Amtsgeldern für ressortfremde Zwecks erhoben. Dadurch sei er bei Finanzminister Dr. Ahrer, dessen Wunsch dahin ging, Autoauslagen und Hotelkosten des steirischen Landeshauptmannes Dr. Rintelen im Wege des Finanzministeriums bestreiten zu lassen, mißliebig geworden. Der Verfassungsgerichtshof hat die Beschwerde als unbegründet abgewiesen. Die Versetzung des Beschwerdeführers erfolgte an Hand des Verwaltungsersparungsgesetzes durchaus gesetzmäßig . (fine entmenschte Mutter. Das Urteil lm Leobner Prozeß. Leobe n, 14, Juli. Vor dem hiesigen Schwurgericht wurde heute die Verhandlung gegen die 25jährige Pullgrubenarbeitersgatt'.n"Rosa.- .Sa tz ine raus -.Solgtal - durchgeführt, die ihre beiden im Alter von acht und zwei Jahren stehenden Mädchen e r st i ck -t hatte. Auf Grund deS Geschworenenvevdikts wurde di« Angeklagte unter Zubilligung mildernder Umstände zu zehn Jahren schweren Kerkers verurteilt. Gestern wurden die Plädoyers fortgesetzt und abgeschlossen. Als erster kam D r. R : e h l für Josef Tscharmann, zu Wort. Er bezeichnet« die Frontkämpfer als gänzlich unpolitisch und ungefährlich. Sie seien ursprünglich nur als Verein von Leuten gedacht gewesen, die an der Front gekämpft haben. Dann zog er gegen die Behörden los und schob die Schuld an den Vorfällen ihnen zu. Für Hieronymus T s ch a r m a n n sprach ' D r. Vleyer mit gehobener Stimme zwei Stunden lang über Deutschtum, Kriegsschuldlüge, braungebrannte Leiber Auf einmal war er da. War inmitten des Jnflattonsgetriebes in Berlin, Ivan Kutisker, aus irgendeinem Ort des östlicher: Europa. Er spekulierte, machte Geschäfte, auf der Straße, im Kaffeehaus, überall. War zäh, geschickt^ fleißig, hatte Glück — mit einem Male war Ivan Kutisker reich. Am andern Tage erwarb er die Aktienmajorität eines großen Jndustxiekonzerns, tauseiwe Arbeiter schufen für ihn, bald zog er in die Bankwelt ein, war auch hier bald Herr, gebot, diktierte der Börse, dem Wirtschaftsleben, und ganz Deutschlaiw zitterte vor ihm. Sern Vermögen war so groß, daß er selber nicht wußten wieviele Millionen, Milliarden sein Eigentum waren. Strahlend, rasant, blendend war der Aufstieg dieses schmächtigen Mannes, der einst mittellos nach Berlin gekommen war. MS an einetn Wintermorgen Polizeibeamte in seiner Villa erschienen und ihn, den Bankdirektor Ivan Kutisker, verhafteten. Was war geschehen? Nicht viel. Kutisker staitd in enger Verbindung mit den Brüdern Barmat, den großen, großen Barmats. Und weil die reichen, reichen Barmats die Liebhaberei hatten, mit sozialdemokratischen und republikanischen Kreisen zu liebäugeln, darum sperrte man, als Vorspiel, ihren Freund Kutisker ein. Die Geschichte von den faulen Wechseln, mit denen er angebliche die Staatsbank respektive die Preußische Svehandlung hineingelegt hätte, dieses Märchen lvurbv von niemandem geglaubt. Obgleich die deutsche Justiz gründlich war: Sie sperrte nicht nur Kutisker ein, sondern auch seine Söhne und ein Dutzend seiner Direktoren Dann platzte die Bombe: Der phantastisch- Barmat- Ser Tod 3wa« Miskers. Beschwerden der Familie. Berlin, 14. Juli. (Wolfs.) Im Kutisker-Prozetz beantragte der Verteidiger des verstorbenen Angeklagten Iwan Kutisker im Hinblick auf Lessen Tod die Einstellung des Gerichtsverfahrens. Der Staatsanivalt schloß sich diesem Anträge an. Der Vorsitzende teilte nach Beratung des Gerichtshofes mit, daß j e g l i ch e Gerichtsmaßnahme gegen einen Verstorben e n unzulässig sei. ES sei infolgedessen auch keine Einstellung des Verfahrens erforderlich. Das erste Urteil Skandal nahm seinen Anfang, die Brüder Barmat lour-- den eines Nachts in ihrem Schloß auf. Schwanenwerder wie ganz gewöhnliche Gaprwr ausgehvben und verhaftet. Reichsp-stminister Höfle brachte sich um> der sozialdemokratische Reichsministier Gustav Bauer wurde von seiner Partei chassiert und aller Stellungen enthoben. Bankiers, Beamte, Gwßkaufleute begingen Selbstmordeine moralische und wirtschaftliche Katastrophe brach über Deutschland herein. Ungeheure Vergehen wurden den Barmats zur Last gelegt, Betrug, Bestechung, Fälschung, bis zu den höchsten Regierungsstellen zogen sich angeblich die Fäden, eine fieberhafte Untersuchung setzte ein. Da stellte ein naiver Berliner Zeitungsmann die ebenso naive Frage auf: „Wer untersucht' denn eigentlich die Kutisker-Affäre und den Barmat-Skandal?" Und siehe da: Nicht der ReichSstaatsanlvalt und nicht die Oberstaatsanwaltschaft hatten die Anzeigen erstattet, nicht die Untersuchungsabteilung des Reichsgerichtes führte die Erhebungen und Einvernahmen! Nein, «in kleiner Assessor namens Haussermann, dieser kleine Subalternbeamte batte in eigener Machtvollkommenheit Kutisker verhaften lassen, hatte die Barmats dingfest gemacht, er führte die Untersuchung, er, der Herr Assessor-! Nun: Dieser kleine Beamte war ein Mächtiger der Deutschnationalen, war ein Führer der Anttferntten, und so gingen bei ihm Staatsanwälte, Richter und Polizeioffiziere, sich tief vor ihm verneigend, aus und ein. Haussermann gab der Presse von ganz rechts das Untersuchungsmatertal, Haussermann befahl den Untersuchungsrichtern, Haussermann kettet« die einsetzende antisemitische Hetze — er, er, er, der Herr Assessor, lenkte zu dieser sBeit die Geschicke von Hunderttausenden, die.irgendwie mit den Unternehmungen der Barmats und Kutisker in Verbindung standen. 1027 Sette 8 sei nie rechtskräftig geworden, es seien also auch keine Folgerungen notwendig. Die Strafe für Alexander Kif'Hwurde von sechs Monaten Gefängnis auf vier Monate herabgesetzt. Auch den übrigen Angeklagten wurde eine teilweise Strafverminderung gewährt. Bei einigen erfolgte Freispruch. Berlin, 14. Juli. (Wolfs.) Wie verlautet, werden sowohl Alexander Kutisker wie die Kaufleute Blei und Grobe trotz der Milderung ihrer Strafen gegen das Urteil Revision tze'.m Reichsgericht anmelden. Im übrigen ist der Streit um die Haftfähigkeit Ivan Kut'.Skers nicht beendet. Die Familie KuttskerS vertritt den Standpunkt, daß Gehe'.mrat His zu Unrecht die Haftfähigkeit des Verstorbenen bejaht, beziehungsweise die Möglichkeit irgendeines Mißgriffes in der Begutachturrg seine- Zustandeverneint habe. Ferner steht fest, daß KuttÄer acht Tage vor seinem Tode Über das plötzliche Erscheinen der Kriminalbeamten, auch an, Tage, in anserovdenlliche Erregung geraten je'.. Die Familie beabsichtigt, eine Eingabe an das Wohlfahr t sm: niste r iu m wegen der Behänd luirg Kntiskers '.n der Charite zu richten. Seitens der Verteidigung ist beantragt worden, zu der Obduktion der Leiche auch einen psychiatrischen Sachverständ'.-gen h-.nzuzuziehen, um im Gehirn Feststellungen über die Zurechnungsfähigkeit KuttSkers zu treffen. Drohungen ver Hakenttenzler gegen einen anrwöttigen Gast. Srr PrMvcnt d» 9'nti BrltS-Lrdem wird deschlmvlt Die österreichische Negierung hat dem aus Berlin flüchtigen Mordschreier Goebbels mitgeteilt, Latz er nicht nach Wien einreisen darf. Er sollte vorgestern abends in einer Versammlung der Wiener Nationalsozialisten sprechen. Als er nicht, erschien, entstand, wie die „Korrespondenz .^ertvei" meldet, ein Sturm der EulriistUng, der sich «och steigerte, als Negierungsrat Pogatschuigg mitteitte, daß „dem Führer der amerikanische Freimaurer, dem Juden Co' h e n, die Einreise nach Oesterreich bewilligt wurde, und daß dieser sogar in einer Festsitzung der Wiener Freimaurerlogen erscheinen werde." Die Nationalsozialisten sprachen die Absicht aus, diesen Cohen in s e i n eur Wiener Schlupfwinkel aufzusuchen und ihm beizubringen, daß er für die bodenständige Bevölkerung e i n u n e r w ü n s ch t e r G a st ist, der schleunigst das. Weite zu suchen habe. Der Regierungsrat und Postler Pogatschuigg hat eine kleine,Eskamotage vorgenommen. Herr Cohen ist der Präsident des Bnei-B'rith-Ordens, aber kein Führer der amerikanischen Freimaurer. Er hat auch nirgends zu Mord und Brand gehetzt. Wir haben nichts davon gehört, daß der Staatsanwalt den Regierungsrat wegen seiner infamen Aufforderung unter Anklage gestellt hat. Für alle Fälle wollen wir die Hoffnung aussprechen, daß es nicht notwendig sein wird, daß der amerikanische Gesandte dem Herrn Bundeskanzler einen Besuch macht. Rnngeffer und doli gerettet? Chicoutini, 14. Juli. (Wolfs.), Zwei Indianer haben berichtet, sie «hätten in den Wäldern 200 Meilen nördlich von Chicoutini ein weißes Flugzeug gesehen. Hiedurch ist die Hoffnung, die Flieger Runge s s e r und Coli aufzufmden, ivieder auf gelebt. Eine neue Expedition von New Türken Kinematographen und Zeitungskorrespondenten ist im Begriffe vor: hier abzugehen. Man hört heute nichts mehr vom großen Prozeß gegen die Brüder Barmat. Die Untersuchung stockt, kommt nicht Wetter: man findet nichts, fast nichts. Dafür steht Ss fest, daß die Beschuldigungen gegen Höfle haltlos sind Und sein Selbstmord — Mord! Gustav Bauer, auch das ist llar, war völlig unschuldig. Die faulen Wechsel Kutiskers waren gut. Die Staatsbank ist nicht betrogen worden, die Preußische Seehandlung hat keinen Schladen erlttten. Me BestechungAaffären sind keine — was also ist eigentlich nun geschehen? Ach, nichts Besonderes. -Um eine Judenhetze entfalten zu können, darum rvurder: di« gigantischen Werke und Industrien, die Banken und Goschäftsnuternchmungen ruiniert, darum wurden tausende und abertausende Angestellte und Arbeiter auf die Straße gesetzt. Haussermann aber ist — natürlich — nach! wie vor der pfttchtgetteua Beamte. i Kutisker, der Jude, wurde von Gefängnis zu Gefängnis geschleppt, von BerhaMung zu Verhandlung. Sein kranker Leib ging im Moderduft der Zellen zugrunde, er fiechte dahin — tüt nichts! Der Juda wird verurteilt! Kutisker hat den deutschen AntisemtteN «inen schweren Schlag versetzt: Er ist ihnen zu früh, um einen Tag zü früh, gestorben. Me deutsche Justiz, die deutschiradikkale Feme, hat um ein Opfer weniger, dev Delinquent ist «ntstchen. DaS so schön gesponnene LÜgEtz ist uWÜtz geworden. Kutisker ivar ein Jude. Er soll darum nicht mit einem Glorienschein versehen werden. Er war ein Mensch. Ein Mensch mit Fehlern, mtt großen. Fehlern viellettht. Aber dieser Mensch ist gernordet worden, nicht mtt he» Üblichen Mitteln von KolbeNschlag u!nd Schuß in den Hinte-rköpf. Er ist gemordet worden von der deutschen Justiz .deren BolWeckec «in Herr.. LÄuüarimsmt. i£L .